Jazz als Ware – Musiker als Ladenhüter

euro_gaisaKein Zweifel, in Ein-Euro-Shops kostet jeder Artikel 1 € – Ausnahmen bestätigen die Regel. In allen anderen Ladenlokalen herrscht ebenfalls Auszeichnungspflicht. Zugegeben, nur wer im Kopfrechnen stark ist, wird die Preise auf 100 Gramm- oder anderer Basis tatsächlich vergleichen können. Ladenlokale sind nicht unbedingt Orte von Jazzclubs – soll’s aber geben. Dort wird Live-Jazz als Ware angeboten, deren Preis (Eintritt) angekündigt wird. Hier bestätigen wiederum Ausnahmen die Regel, wenn beispielsweise ganze (Touristen-) Gruppen oder VIPs oder die Presse in Verhandlungen über den Eintrittspreis treten und Rabatte aushandeln. Soweit so gut. – Wenn allerdings die Musiker am Eintritt beteiligt sind, wenn deren Gage also durch den Eintritt erst zustande kommt, entsteht die Frage: Wie können Musikerinnen und Musiker, die gerade auf der Bühne tätig sind, sich an Eintritts-Rabatt-Verhandlungen beteiligen? Natürlich ist denkbar, dass die Musik kurzfristig unterbrochen wird, damit die Bandchefin oder der Bandchef an den Gesprächen an der Kasse teilnehmen kann. Das wird ein spannender Abend. Allerdings nicht so sehr für das Publikum. Erst recht, wenn mitten im Chorus abgebrochen wird. Wo wird dann fortgesetzt? Am Chorusanfang oder – beispielsweise im Blues – beim Übergang der Tonika zur Subdominante oder was? (Schlage vor, der Schlagzeuger beginnt unmittelbar mit einem längeren Solo.)

Aber Spaß beiseite: Alles ist bei uns geregelt. Die Abgaben auf Seite des Veranstalters genauso wie die Abgaben auf Seite der Musiker – Steuern, Künstlersozialversicherung, GEMA, Miete, Gewerbe, Energie, Nebenkosten usw. usf. Nur an der Kasse eines Clubs scheint es einen gesetzesfreien Raum zu geben. Da herrschen Sitten wie im „Wilden Westen“: Wenn Du mir keinen Rabatt gewährst, dann … gehen wir wieder. Von solchen Bräuchen wie „Um Spende wird gebeten“ oder „Hutkasse“ wollen wir hier erst gar nicht reden. Wie nennt man das im Juristischen: Sittenwidrig?


Eigentlich ein Fall fürs Gewerbeaufsichtsamt, wenn sich denn die Jazz-Szene nicht so herrlich unbürokratisch benehmen würde. Wir sind ja so cool und überhaupt eine große Familie! So soll es bleiben. Soll’s so bleiben?

Mit Verlaub: Es ist ein nicht leicht fassbarer Zustand, dass im Rahmen einer vergleichsweise kostenintensiven Ausbildung – zum größeren Teil aus Steuermitteln finanziert – hochqualifizierte Musikerinnen und Musiker auf solcherart Arbeitsbedingungen treffen.

Aber: Who cares? Angesichts von Mindestlohndebatte, Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen in Katar, Ausbeutung von billigem Schlachterpersonal im Landkreis Cloppenburg, Flüchtlingsdrama vor Lampedusa und so weiter und so fort.

Die Globalisierung zeigt uns den Weg zurück zum Ein-Euro-Job.

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5 Kommentare

  1. Da komme ich nicht ganz mit. Schon gar nicht mit dem scharfen Begriff der „Sittenwidrigkeit“ bei Hutkassen etc. Eher scheint es sogar, dass sich das Argument gegen den Vortragenden richtet. Wenn da steht:

    „Mit Verlaub: Es ist ein nicht leicht fassbarer Zustand, dass im Rahmen einer vergleichsweise kostenintensiven Ausbildung – zum größeren Teil aus Steuermitteln finanziert – hochqualifizierte Musikerinnen und Musiker auf solcherart Arbeitsbedingungen treffen.“

    Da könnte man das Argument schnell umdrehen und sagen, dann setzen wird die Mittel ab, die aus Steuern gebildet werden. Oder umgekehrt, die Finanzierung, die die Gesellschaft auf diese Weise bringt führt eben zu einer Gegenleistung. Der Musiker gibt zurück, was ihm die Gesellschaft vorfinanzierte.
    So weit muss man ja nicht gehen. Zustimmen muss man natürlich, dass solcherlei Rabbatt-Verhandlungen nicht über die Köpfe der Musiker hinweg entschieden werden können. Für mich zeigt sich durch diesen Beitrag hindurch eher, die Unumgänglichkeit, die Ökonomie der Jazzsphäre einmal wirklich zu durchleuchten. Was wahrscheinlich sehr schwer wird, weil eben viele Leistungen geldwert aber nicht bezifferbar sind oder durch Konstrukte wie den Spielstättenpreis zufällig werden.
    War am Ende die Förderung von Spielstätten dann doch falsch, hätte man also besser die Musiker und Musikerinnen fördern sollen? Wo immer man an den Schrauben dreht, es kommt zu eigenartigen Verwerfungen.

  2. Die ultimative Durchleuchtung der Jazzökonomie hat schon begonnen: Die Union Deutscher Jazzmusiker (UDJ), die IG Jazz Berlin und das Jazzinstitut in Darmstadt planen eine großangelegte Studie zur Lebens- und Arbeitssituation von Jazzmusikerinnen und -musikern in Deutschland. Julian Krenz sprach mit Jonas Pirzer, Geschäftsführer der UDJ, über die Studie. Mehr dazu in der neuen musikzeitung April/2015.

  3. Eigentlich ist es herrlich simpel: In einem Markt bestimmt die Nachfrage den Preis.
    Man muß sich nur darüber im Klaren sein oder werden, ob Jazz Teil des Marktes und wenn ja welchen Marktes ist.

  4. Jazz ist deshalb nicht Teil des Marktes, weil der Markt den Jazz gar nicht haben will. Jazz darf aber auch nicht zu nah an die Fördertöpfe der Hochkultur, weil er von dort aus betrachtet dann doch zu eng mit dem Markt verstrickt ist. Diese Dualität ist doch in den vergangenen, vielleicht drei Jahren oft und gerne von Seiten der „Jazz-Lobby“ bemüht worden, um auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, die Jazz in Deutschland hat. Ob die angesprochene Studie tatsächlich zu einer ultimativen Durchleuchtung der Jazzökonomie führen wird, mag ich bezweifeln: So, wie ich es „gehört“ habe (die Studie wurde vor kurzem in kleinem Rahmen hinter verschlossenen Türen vorgestellt), bleibt es bei dem Verweisen auf diese Dualität und dem Schnuppern nach den Fördertöpfen der öffentlichen Hand. Vielleicht sollte man zuallererst ketzerisch fragen, ob nicht die vielen universitären Ausbildungsmöglichkeiten in Sachen Jazz in Deutschland der Grund dafür sind, dass so oft für den Hut und auf die Tür gespielt wird? Oder anders: Nähren die vielen Jazzabteilungen an den deutschen Musikhochschulen nicht bei den Studierenden überhaupt erst den Wunsch, lieber Teil der Jazz-Mittelschicht zu sein und im Speckgürtel von Jazz-Suburbia zu leben, anstatt als „kreativer“ Jazzmusiker an seinen Projekten zu arbeiten und selbst zur Lösung des „Prekariatsproblems“ beizutragen?

    1. Was die Studierenden angeht: Kaum. Die, soweit ich sehen kann, haben echte Flausen im Kopf. Und wollen was. Die Nachstudiumzeit bringt es dann heraus, wohin es geht.
      Dummerweise sind aber die Studierendenkombos oft nicht wenig „gut“ als die im berufstehenden Jazzer. Aber nicht so bekannt. Da ist es meines Erachtens nur logisch, wenn die auch über den „Preis“ an die Öffentlichkeit wollen etc.
      Jedenfalls habe ich das als Student so gehalten. Das ist nicht bösartig, das ist Üben in der Öffentlichkeit. beim Fussball würde man von Spielpraxis sprechen.

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