In der britischen Jazzszene hat es neben einer breiten Trad-Linie und einem innovativen Fusionzweig seit den 1970er Jahren auch eine starke Free-Szene gegeben. Auf dem Festland ist diese nur wenig wahrgenommen worden. Umso höher ist es dem Jazzclub anzurechnen, dass er mit dem Quartett des britischen Pianisten Elliot Galvin ein Schwergewicht der gegenwärtigen Jazzszene eingeladen hat, der an diese frühen Avantgarde- und Freejazz-Strömungen anknüpft.
Geisterhafte Klavierklänge
Bevor die ersten geisterhaften Klavierklänge die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zogen, fielen bereits die ungewöhnliche Instrumentierung und geschlechterparitätische Besetzung ins Auge. Eigentlich schade, dass dieser Umstand noch immer einen Aufmerksamkeitswert besetzt, obwohl doch die Gleichberechtigung in weiten Teilen der Gesellschaft längst zur Normalität gehört.
Neben dem Bass als einzigem elektrisch verstärktem Instrument, gespielt von Ruth Goller, waren Piano, Schlagzeug und eine Geige im Einsatz. Die allerdings war, wie bei vielen E-Gitarristen mit einer ganzen Latte von Effektgeräten verbunden. In einem langen frei improvisiertem Solo steuerte Mandhira de Saram diese derart virtuos mit den Füssen, dass sich über der Zuhörerschaft ein geradezu höllisches Klanggewitter entlud. Mit der brachialen Geräusch- und Lärmorgie gab die Violinistin der anfänglichen morbid-verlorenen Stimmung, die Galvin auf dem Flügel entworfen hatte, eine exzessiv bedrohliche Wendung.
Pluggernd-krachend
Dem stand Goller auf ihrem Fender-Bass in einer weiteren Soloimprovisation kaum etwas nach. Mit dem Plektron riss sie die Stahlsaiten ihres Instruments an, schabte und sägte auf und ab und schuf einen dynamisch harschen, pluggernd-krachenden Klangpegel des Abseitigen, als stünde man in einer nächtlichen Welt zwischen Geistern und Widergängern. Galvin, der mit einem Groove auf einem Daumenklavier eine andere Richtung einschlug, und Drummer Sebastian Rochford führten das Stück aus dem Album „The Ruin“ wieder in ruhigere Gefilde.
Über seinen musikalischen Werdegang erzählte der Pianist anfänglich vom einem Klavier, auf dem schon seine Großmutter und Mutter spielten, und das er verkaufen musste, als er nach London kam. Im düster-versponnenen Video zum Album, setzt er das in einer wenig anheimelnden Landschaft stehende Instrument mit seinem Spiel in Brand. Das Konzert würde aus zwei Teilen bestehen, die sich aus dem Album speisten, stimmte er die Zuhörenden auf den Abend ein.
Vielfältige Landschaft
Nach dem ersten Teil, der durch eine vielfältige Landschaft aus Stimmungen, bildhaften Klanggespinsten, feinen Grooves, Disharmonien und melodischen Fragmenten führte, verließen einige offensichtlich irritierte Zuhörende den Saal im Leeren Beutel. Der große andere Teil wurde mit einem perlenden Piano-Intro wieder auf eine Fährte gelockt, die mit vokalen Lautmalereien der Bassistin schon bald eine düsterere Richtung einschlug. Elektronische Sounds, mit denen Galvin sein phänomenales Spiel am und im Flügel ergänzte, mischten sich mit dem rhythmisch freien Pattern des zurückhaltend agierenden Drummers.
Fanden sich im einprägsamen Spiel von Mandhira de Saram Anknüpfungspunkte an den britischen Geiger Phil Wachsmann, der vor Jahrzehnten mit einem Trio im gleichen Saal auftrat, weckte Galvins musikalischer Gestaltungsreichtum Erinnerungen an den vor wenigen Jahren verstorbenen Keith Tippett, einem der bedeutendsten Pianisten der britischen Jazz-Szene. Großartig, vom ersten bis zum letzten Ton.
Text und Fotos: Michael Scheiner