Franz Hackl

Blasen platzen lassen: Das Outreach Festival 2022

(Von Oliver Hochkeppel) Ein beachtliches Jubiläum konnte man im Tiroler Städtchen Schwaz feiern. Vom 4. bis 6 August fand die 30. Ausgabe des Outreach Festivals der 13.000-Einwohner-Kommune statt, mit dem Silbersaal des SZentrums als zentrale Bühne.

Was umso bemerkenswerter ist, als das Outreach schon immer zu den experimentellen, innovativen und damit nicht nebenbei zu konsumierenden Festivals gehört. Dies wiederum liegt wie so oft ganz wesentlich am Gründer, der bis heute am Ruder steht.

 

Der Trompeter Franz Hackl (Titelfoto) gründete das Outreach Festival 1993 in seiner Geburtsstadt, auch als Möglichkeit, die Verbindung zur Heimat zu halten – neben der Blasinstrumentenschmiede, die er mit seinem Vater betreibt. Denn eigentlich hatte ihn seine Karriere nach New York verschlagen, wo nicht nur die von ihm gegründete Familie, sondern auch ein Gros seiner Musikerfamilie sitzt. Aus den Erfahrungen zwischen Europa und USA, zwischen Kleinstadt und Metropole, zwischen Tradition und Postpostmoderne, aber auch zwischen Volksmusik und Jazz speist sich das Outreach Festival. Versteht es sich doch interdisziplinär, genreübergreifend und ganzheitlich. „Die Vision von Outreach ist“, sagt Hackl, „Musik und alle anderen bildenden und darstellenden Künste zu verwenden, um Grenzen aufzubrechen und Synergien zu schaffen“.

 

Mehr als Musik

Dazu gehört die Outreach Academy, die schon zwei Wochen vor dem Beginn des Festivals mit Workshops und Unterricht startet, und die inzwischen bereits Profimusiker hervorgebracht hat, die auch im stets zum Programm gehörenden, stets glänzend und transatlantisch besetzten „Outreach Orchestra“ spielen. Ein weiteres Element ist die einem anderen Kunstfach gewidmete Ausstellung – heuer ist sie dem afroamerikanischen Fotojournalisten und Pulitzer- und Polk-Preisträger Ozier Muhammed gewidmet, der unter anderem von 1992 bis 2014 für die New York Times arbeitete und seine Fotografie immer als Mittel verstand, um auf die Ungerechtigkeiten in der Welt aufmerksam zu machen. Eine Botschaft zu transportieren, mindestens ein Thema aufzugreifen – „fern jeder Ideologie und stets als Inspiration gedacht“, wie Hackl sagt –, hat sich das Outreach als eines der ersten Festivals ebenfalls von Anfang an auf seine Fahnen geschrieben.

Deshalb gibt es auch jedes Jahr ein Motto: „Burst Bubbles & Unite“ lautete es in 2022. Gedacht war dabei an die Fähigkeit der Musik, Blasen platzen zu lassen, Fakes zu entlarven und Menschen zusammenzuführen, wobei dieses Zusammenführen schon auf der Bühne begann. Hackl hat an einem Konzept festgehalten, das in der ersten Corona-Ausgabe aus der Not heraus entstanden war: Weil damals nur „ein Konzert am Stück“ erlaubt war, stellte Hackl alle drei Bands des Abends gemeinsam auf die Bühne und ließ abwechselnd und ohne Pausen 20-Minuten-Sets spielen. Daraus ergaben sich für den Zuschauer völlig neue Bögen und musikalische Bezüge. Für die Musiker war dies zwar anstrengend, aber durch das sonst nie erlebte gemeinsame Hören auch befruchtend und das eigene Spiel verändernd.

 

Die komplette Farbpalette des Jazz

So teilten sich am Eröffnungsabend das international besetzte Quintett der Gitarristin, Sängerin und Perkussionistin Leni Stern, das (geschwind wegen des Ausfalls von Ray Anderson geschmiedete) amerikanische Bläserduo Dave Taylor/John Clark und das österreichische Sextett AHL6 rund um den Schlagzeuger Lukas Aichinger die Bühne. Und das Klangkarrussel drehte sich von Taylors durch Spoken-Word-Beigaben (darunter eine Hommage an Ozier Mohammad) angereicherten Erkundungen, was an der Posaune alles spielbar ist, über das muskulöse, jazzrockige Spiel von AHL6 zu einer Jazz-grundierten „Neuen Afrikanischen Musik“, seit Jahren das Lebensthema von Leni Stern.

 

 

Experimentierfreude und geniale Virtuosität

Die erwies sich mit ihrem immer druckvollen und rhythmisch getragenen Part und nicht zuletzt durch das wieder einmal überirdische Spiel ihres Pianisten – und Outreach-Stammgast – Leo Genovese eindeutig als Publikumsliebling des Abends. Sie beziehungsweise ihr Pannenwagen war freilich auch daran schuld, dass es vor dem Konzert keinen Durchlauf gab – was in diesem Setting speziell für die Übergänge wichtig ist, wie der zweite Abend bewies, der dichter und aufeinander abgestimmter wirkte: mit dem feinsinnigen, mitunter etwas zu gleichförmig aufgebauten Projekt des russischen Trompeters Alex Sipiagin, der seine Kompositionen für sich und das Sonarkraft-Streichquartett samt Perkussion arrangiert hatte; mit Franz Hackls immer wieder sich selbst schwer fordernden Outreach Orchestra, das in seinem berührendsten Set an den im März verstorbenen, überaus einflussreichen New Yorker Musikjournalisten John Swenson mit vielen Anklängen an das von ihm geliebte New Orleans erinnerte; und mit J.D. Hive, dem neuen Zauberquartett des österreichischen Geigers Johannes Dickbauer.

Einst mit dem radio.string.quartet.vienna bekannt geworden, hat Dickbauer hier mit konventioneller Begleittrio-Besetzung die Kombination aus klassischer Präzision und Tongebung mit der Dynamik und Überraschung des Jazz auf einen neuen Gipfel geführt. Eindeutig waren die vier die „Tagessieger“, nachzuhören auf dem in Kürze erscheinenden Debütalbum bei Traumton. Ein gutes Label und (wie auch schon bei der Jazzahead) ein unwiderstehlicher Auftritt – völlig unerfindlich, warum Booker und Veranstalter Dickbauer noch nicht die Tür einrennen.

Einen nicht minder überzeugenden Abschlusstag bescherten Österreichs Gitarristen-Urgestein Karl Ritter mit seinen aus Alt und Jung zusammengestellten Kombojanern, das italienische Lorenzo de Finti Quartet und das reaktivierte, vom Drummer Niki Dolp ersonnene österreichische Jungstar-Quintett Memplex. Im Ergebnis, nämlich einem energetischen, gerne mit minimal-music-artigen Wiederholungen arbeitenden Steigerungsspiel zwischen Ent- und Hochspannung, waren sich die drei Ensembles sehr ähnlich, in der Methode und im Stil völlig unterschiedlich. De Fintis Band geht es mit mediterran gefärbter klassischer Jazz-Klangkultur an, Memplex mit der Wucht der Wiener Indie-Jazzszene (zum Beispiel im Titelstück des neuen Albums „Villains“, einem raren Beispiel für europäischen Jazz mit eindeutig politischer Aussage), und Ritter mit atonal angereichertem Jazzrock – was ihm den Publikumspreis beschert hatte.

 

 

Ein Konzept mit Potenzial

Am Ende waren sich die meisten einig, dass die Programmauswahl von Hackl und seinem Co-Direktor, dem Bassisten Clemens Rofner, wieder einmal exzellent war. Und dass man dieses außergewöhnliche Auftrittsformat beibehalten, aber verfeinern sollte. Vielleicht nur noch zwei Dreier-Sets mit einer kleinen Pause (mindestens eine etwas enger mit der Musik verzahnte „Pausenlyrik“ als in dieser Festivalausgabe von Werner Heinrichmöller), vielleicht auch eine Übertragung der Musik ins Foyer, damit sich keiner wegen der Angst, etwas zu verpassen, vor dem Getränkeholen zieren muss. Ach ja, ursprünglich waren es ja sogar mal vier Bands pro Abend: Die Newcomer hat Hackl seit Corona in Schaufenster-Konzerte im Showroom seiner Werkstatt auf der anderen Inn-Seite ausgelagert – und diese Plattform vorwiegend für den starken Tiroler Nachwuchs (auffällig zum Beispiel der Pianist Florian Reider und die Bassistin Anna Reisgl) heuer sogar auf sieben Tage gestreckt.

Alles in allem also eine Win-Win-Win-Win-Situation, bei der, wenn das Outreach so bleibt, beziehungsweise sich so immer wieder neu erfindet, der Jazz-Chef des ORF Andreas Felber auch in Zukunft nicht umhin kommen wird, alles mitzuschneiden.

 

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