Ein gelungener Start nährt den Wunsch nach Fortsetzung: BurgJazz 2022 im westfälischen Lüdinghausen

(Text und Fotos von Stefan Pieper) Alte Kulturdenkmäler wollen nicht einfach nur Museen sein. Sie leben, wenn in ihnen Kultur von heute stattfindet. Aktuell feierten in Lüdinghausen gleich zwei Burgen ihren 750. Geburtstag – was allein schon Anlass genug für ein Festival ist. Der erste BurgJazz bespielte ein ganzes Wochenende sämtliche schöne Plätze in der charmanten westfälischen Kleinstadt. Noch offen ist, ob aus diesem einmaligen Jubiläumsevent eine regelmäßige Einrichtung wird. Man kann nicht lautstark genug dafür plädieren!

Das Publikum war hin und weg – aber auch die Musikerinnen und Musiker ließen sich von der Atmosphäre an diesem Ort anstecken. Zahlreiche auch von weitem angereiste Musikfans genossen musikalische Erlebnisse im Burghof und auf den Parkwiesen drumherum, ließen sich treiben und lauschten konzentriert der Gegenwart im internationalen europäischen Jazz.

Überwältigender Einstieg

Lief das Ganze so rund, weil der Einstieg am Freitagabend so grandios, ja überwältigend gelang? Die belgisch-ghanesische Sängerin Esinam und ihre Band bringt die Sache gewaltig in Fahrt mit rhythmischem Druck, aber auch einer immensen Farbenvielfalt. Diese heiße Mélange aus Jazz und Afrobeat machte schon fast den einstigen Spirit der African Dance Nights in Moers lebendig. Flötistin und Sängerin Esinam entfaltet dabei eben so viel Charisma wie der ausdrucksstarke Gitarrist sowie sein extrem cooler Schlagzeuger, der zwischen Afrobeat, rockigem Drive und modernen Dancefloor vermittelte. Konnte es danach noch eine Steigerung geben? Ja, das konnte es! Mit der brandneuen Triobesetzung des Akkordeonisten Vincent Peirani servierte das Festival direkt sogleich den zweiten Überraschungs-Kracher. Peirani, dieser „Weltmeister“ auf dem Akkordeon präsentierte hier eine mächtige Trio-Band, die man wohl eher im Bereich „Progressive Rock“ schubladisieren würde und eine hypnotische Intensität entfaltet, bei der auch Gitarrist Federico Casagrande und vor allem der israelische Schlagzeuger Ziv Ravitz zur Höchstform aufliefen.

Man konnte auch weiterhin nicht aufhören, in Superlativen zu schwelgen. Die ungarische Sängerin Veronika Harcsa darf man zu den eindringlichsten, empfindungstiefsten Stimmen im derzeitigen europäischen Jazz zählen. Das wurde offenbar, wie sie auf der Wiese vor der Burg im feinen Duo mit ihrem Gitarren-Partner Balint Gyemant ihr Publikum in den fantasievoll verästelten Kosmos ihrer Songs mitnahm. Alle tauchten tief ein und fühlten sich befreit, währen der Springbrunnen in der Burg-Gräfte friedlich rauschte.

Gut gepflegtes Netzwerk

Die künstlerische Leiterin des Festivals Christine Sörries kann bei ihrer Programmplanung aus dem Vollen schöpfen, wo Erfahrungen und ein gut gepflegtes Netzwerk alles ist. Weitere extrem versierte Bands markierten für manche ein Wiederhören, für andere eine Neuentdeckung. Der Finne Aki Rissanen zog allein am Flügel seine Hörerschaft in einen Fluss voll reflektierter musikalischer Fantasie hinein, zeigte sich im späteren Verlauf als Meister der repetitiven Struktur. Großer, melodiöser Jazz, der sich aber auch instrumental etwas traut, sorgte bei der Formation „Trioscence“ für verlässlichen Wohlfühlfaktor, was ebenso das Emil Brandqvist-Trio und vor allem das spanische Marco Mezquida Trio auf Traumniveau garantierte.

Festivals heute werden „ganzheitlich“ gedacht und dieses Anliegen nahm der erste Burgjazz besonders ernst: Hauptakteur neben der Musik ist die charmante münsterländische Kleinstadt mit ihrer mittelalterlichen Baukunst in grüner Parklandschaft. Zum Rahmenprogramm, welches Förderer, Sponsoren und Kooperationspartner stemmten, gehörte ebenso eine musikalisch-literarische Wanderung, bei der tatsächlich viele Interessierte morgens früh von Münster aus in Richtung Lüdinghausen aufbrachen. Sonntagmittags bevölkerte eine fröhliche Schar den Park vor der Burg Lüdinghausen bei einem großen Picknick. Vom feinsten war der musikalische Stimmungs-Soundtrack durch die international besetzte Guy Salamon Group mit Ingredienzen aus Blues, Filmmusik, Ska, Jazz und genug leichtfüßiger Verrücktheit.

Kühne Klang-Experimente

In jeder Stadt und meist auch in jedem Dorf, steht das Vehikel für kühne Klang-Experimente schon bereit: Eine Kirchenorgel ist ein grenzenloses Forschungsfeld für kreative Musiker. Als einer der aufregendsten Tastenexperimentierer stürzte sich der Brite Kit Downes in einen aufregenden Dialog mit dem Instrument, traf spontane Entscheidungen in der Improvisation und erkundete klangliche Grenzbereiche, die nur dieses Instrument so bietet.

Als die wohl „konzentrierteste“ Spielstätte dieses Festivals erwies sich der kreisrunde Innenhof mitten in der Wasserburg, vereint er doch eine räumliche Konzentriertheit mit der Luftigkeit einer Open-Air-Bühne und ist damit prädestiniert für sensible unplugged-Darbietungen in einem Flair, das wie aus der Zeit gefallen, anmutet. Dementsprechend schöpfte das Perkussions-Ensemble „Krama“ von der Münsteraner Musikhochschule klanglich und atmosphärisch aus dem Vollen. Menschen unterschiedlicher Altersgruppe, kleine Kinder und auch Hunde – alle zeigen sich versunken in die lyrischen Marimba-Klänge, in ein meditatives Spiel auf Kuhglocken in raffinierter Minimal-Music-Struktur, mit welchem der Sound dieser Spielerinnen und Spieler den Burghof flutet.

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