Improvisation über Improvisation #5

„A lot of people never use their initiative because no-one told them to.“ (Banksy)


Wenn ich dieser Tage meine Facebook-Startseite durchforste, lese ich von stetig wachsendem Unmut gegenüber den menschenverachtenden Auswüchsen des (Spät-)Kapitalismus und der seltsamen Vorstellung von einer „marktkonformen Demokratie“, die unsere Kanzlerin postuliert. Gerne wird dann eine „Revolution“ herbeigewünscht, die eine Änderung der Verhältnisse zum „Besseren“ herbeiführen möge.

Die Revolution ist aber doch bereits in vollem Gange. Oder möchte noch irgendjemand behaupten, sein Leben habe sich in den letzten 10-15 Jahren nicht grundlegend verändert?
Es geht nur noch um die Frage, wie wir uns zu ihr verhalten – passiv hinnehmend oder aktiv beeinflussend.

Dass eine große Revolution aus Hunderten, Tausenden, Millionen individueller Revolutionen bestehen und im Kopf beginnen muss, wissen wir nicht erst seit Gil Scott-Heron. Wenn jeder von uns sein eigenes Denken revolutioniert – und sei es nur ein kleines bisschen – sieht die Welt womöglich schon bald ganz anders aus.

Wir wollen uns nicht länger von Großkonzernen die Spielregeln diktieren lassen? Also gut: Warum haben wir dann noch Social Media-Accounts – sind persönliche Gespräche nicht viel wertvoller als virtuelle Chats? Warum bestellen wir immer noch bei Amazon? Warum haben wir immer noch Konten bei Banken, die Rüstungsgeschäfte finanzieren? Warum lassen wir Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel zu? Warum beziehen wir unseren Strom immer noch aus Atomkraft oder fossilen Energieträgern? Warum essen wir immer noch Tiere aus Massenhaltung, warum kaufen wir immer noch im Discounter, warum trinken wir überteuertes Nestlé-Wasser aus Plastikflaschen? Warum kaufen wir lieber Medikamente, sobald wir krank genug für eine Diagnose sind, anstatt rechtzeitig dafür Sorge zu tragen, dass wir sie gar nicht brauchen? Warum haben wir uns daran gewöhnt, dass Musik und Filme kostenlos verfügbar zu sein haben? Brauchen wir ernsthaft jedes Jahr ein neues Smartphone, obwohl wir genau wissen, unter welchen Arbeitsbedingungen diese hergestellt werden? Wenn wir nicht überwacht werden wollen, warum geben wir dann bereitwillig und ungefragt unser halbes Leben online preis? Warum akzeptieren wir die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, ohne sie je gelesen zu haben? Warum fallen wir immer noch auf Produktwerbung herein?

Der Media Markt weiß, dass wir nicht blöd sind. Nur weiß er leider auch, dass wir zu bequem sind, kritischen Fragen (so wir sie überhaupt stellen) auch entsprechende Verhaltensänderungen folgen zu lassen. Und so lange das so bleibt, wird keine „Revolution“ möglich sein, es wird sich nichts zum „Besseren“ verändern; die kommenden Generationen – für deren Wohl wir angeblich alles tun wollen – werden weiterhin mit verschärften Varianten dieser Konflikte zu kämpfen haben.

Was das alles mit Improvisation zu tun hat? Wer gelernt hat zu improvisieren, ist „comfortable with being uncomfortable“ und hat weniger Angst vor Veränderung. Wer gelernt hat zu improvisieren, stellt Gewissheiten in Frage und ist eher bereit, Gewohnheiten zu ändern. Wer gelernt hat zu improvisieren, kann flexibler auf neue Situationen reagieren und kreative Lösungen finden. Wer gelernt hat zu improvisieren, handelt weniger vorausschaubar und lässt sich schlechter kontrollieren und überwachen. Und wer gelernt hat zu improvisieren, nimmt auch in Kauf, dass die Improvisation ihn möglicherweise zu einem anderen Punkt steuert als ursprünglich vorgesehen – so geschehen in diesem Blogeintrag… ;-)

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2 Kommentare

  1. Hallo Benjamin,

    alles so weit richtig.

    Es wird aber keine Revolution kommen, auch keine „Evolution“ in dem von Dir beschriebenen Sinne.

    Denn eine Veränderung des Systems würde unweigerlich eine DEUTLICHE Verringerung unseres Komforts bedeuten!

    Und viele Leute der Mittelschicht sind zwar gegen die „bösen“ Sachen, aber von ihrem Komfort und Besitz wollen sie nichts abgeben. Guck sie dir doch an, diese Typen, die in Berlin oder Hamburg in den hippen Vierteln wohnen, Ökostrom beziehen, im Bioladen kaufen etc. – die leben doch wie die Made im Speck und kaufen ihr Gewissen durch diese Alibi-Verhaltensweisen nur frei!

    (Am schlimmsten sind die Grundeinkommens-Befürworter, die nicht nur nicht sehen, dass unser Wohlstand auf der Ausbeutung von schuftenden Ärmsten auf der ganzen Welt beruht, sondern auch noch NOCH fauler sein wollen und NOCH weniger selber Wertschöpfung für ihren Wohlstand betreiben wollen.)

    Eine Partei, die sich für wirkliche Änderungen einsetzen würde, also auch klar machen würde, dass wir mit deutlich weniger auskommen müssen, um gerechtere Verhältnisse zu schaffen, würde NIEMALS gewählt werden, geschweige denn an die Regierung kommen! Im Gegenteil, es wäre Selbstmord für diese Partei.
    Auch die Linkspartei z.B. verspricht nichts anderes als mehr Geld für die „kleinen Leute“ und suggeriert, dass man nur von oben nach unten umverteilen müsse, und schon gebe es wieder eine komfortable breite Mittelschicht. Die haben eine Heidenangst, dass man denken könnte, sie propagierten eine Gesellschaft und Wirtschaft wie damals im Ostblock…

    Aufgrund dieses Catch-22 herrscht eine schweigende Übereinkunft, dass man einfach auf ein Ereignis „von außen“ wartet, das über das Land hereinbricht und die Veränderungen erzwingt – den „großen Crash“.

    1. Hallo Wurst (Matt oder Conchita?),

      pessimistisch betrachtet, hast Du absolut Recht, aber ich bin geneigt, trotzdem optimistisch zu bleiben. Evolution kommt immer, die Frage ist nur wann und wie stark erzwungen.

      Ja, natürlich würde es eine Verringerung unseres Komforts bedeuten, aber sich das Leben schön machen geht ja trotzdem. Und ja, natürlich gibt es viel „Doppelmoral“. Aber es ist und bleibt das richtige Zeichen, wenn Leute Ökostrom beziehen und im Bioladen kaufen. Gewissen freikaufen ist schon mal besser als ganz drauf zu scheißen.
      Es tut sich gerade schon sehr viel Gutes im gesellschaftlichen Bewusstsein – braucht halt viel Zeit, so ein Prozess…

      Ich glaube, dass es ziemlich egal ist, welche Partei an der Macht ist. Der Wandel muss eh in den Köpfen der Bürger stattfinden. Dass Politiker wirklich autark perspektivische Entscheidungen treffen, ohne bereits vorhandene gesellschaftliche Trends aufzugreifen oder von Interessengruppen geleitet zu werden, wird nicht passieren.

      Wär doch schön, wenn es mal ohne den „großen Crash“ funktionieren würde.

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