Mit Shuffle und Schmelz: Die James Hunter Six im Münchner Ampere

(Von Claus Lochbihler) Im Ampere wird 2026 plötzlich zu 1961 – nur mit besserer PA und weniger Zigarettenrauch. James Hunter beschwört einen frühen Soul, den niemand im Raum zu seiner Entstehungszeit live erlebt hat. Soul-Vergangenheit im Präsens eines Live-Auftritts.

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Retro ist, wenn man sich in eine musikalische Vergangenheit zurück hört und zurück tanzt, die man liebt. Als zu Spätgeborener aber leider nur von Aufnahmen her kennt. Die Sehnsucht nach dem Live-Erlebnis treibt einen da um, ja nagt an einem  – zumal im Soul, der sich eigentlich erst im Live-Erlebnis, in der ekstatischen Verschmelzung von Musikern und Publikum, realisiert.

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Gurrender Wiedergänger

Will man also die Vergangenheit des frühen Soul der späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre auch 2026 live erleben, braucht es dazu Illusions- und Imitationskünstler wie James Hunter. Der 63-jährige Brite ist kein James Brown, kein Sam Cooke und auch kein Ray Charles. Aber er hat die stimmlichen Eigenarten, die Gimmicks, Versatzstücke, Tricks der frühen Soul- und R&B-Sänger so gut studiert, dass er sich für die Dauer eines schnellen Songs in einen gurrenden Wiedergänger des großen Sam Cooke, in den Schrei des frühen James Brown, in den jazzigen Blues eines Ray Charles verwandeln kann. Noch geschickter kombiniert er die Puzzlestücke all dessen, was sich dann Ende der 60-er plötzlich Soul nannte: den Schmalz und den Schmelz der Doo Wop-Gruppen, den Drive des Jump-Blues, den Wahnsinn des schwarzen Rock ‚n‘ Roll, ja sogar etwas Rockabilly mischt James Hunter zu einem Konzert zusammen, das etwas von einer sehr guten, schnell getakteten Live-Jukebox hat.

Grenzenloser Optimismus

Bei den Ansagen im ausverkauften Ampere verwandelt sich James Hunter in den witzigen, ansteckend gut gelaunten Working-Class-Engländer, den man gerne in einem Pub treffen würde. Man versteht nicht alles, weil sein Akzent tatsächlich so dicht wie der Nebel in London ist. Aber man versteht, dass es wohl den grenzenlosen Optimismus und die Energie eines James Hunter braucht, um als englischer Eisenbahnarbeiter – James Hunter vor vierzig Jahren – an eine Karriere als Soulsänger zu glauben.

Auf seiner Gretsch-Gitarre wetteifert James Hunter mit dem Organisten Joe Mac um das ekstatischste, durchgeknallteste Solo in der kürzesten Zeit – bevor er sich wieder in die Grooves der Band, zwei Saxophonisten (Frank Basile: Bariton, Geoff Burke: Tenor) , Schlagzeug (Peter Sdam Hill), Kontrabass (Louis van der Westhuizen), einklinkt, die sehr raffiniert R&B- mit Latin-Rhythmen kreuzt und kombiniert. Bei den James Hunter Six tanzt der Shuffle mit dem Cha Cha Cha und der Blues mit dem Mambo – das sorgt für Abwechslung, rhythmische Raffinesse und große Tanzeslust beim Publikum.

Alt und neu

Zwischen „Gun Shy“ als Opener und „Talkin‘ Bout My Love“ – einem Mix aus alten Songs und Nummern des aktuellen Albums „Off The Fence“ (Easy Eye Sound) – markiert „Baby Don’t Do It” – ein wunderbares Cover der „5 Royals” – den Konzerthöhepunkt. Sehr schön auch „Stranger But True“ mit der Sängerin Lucca Mae aus dem Vorprogramm, bei der beide Stimmen zu einem sehr schönen Duett verschmelzen. Diese junge Sängerin, die manchmal etwas an Amy Winehouse  erinnert, als Gegenpart zu James Hunter, als Leadstimme bei dem einen oder anderen Song oder auch als Backgroundsängerin hätte das Konzert sehr bereichert. Die James Hunter Six als Septett? Das wäre doch was für das nächste Zeitreise-Konzert mit dem Soul-Briten aus Brighton…

Fotos: Erol Gurian

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