Von Stefan Pieper. Als das Winterjazz 2012 zum ersten Mal stattfand, hatte niemand eine Ahnung, wie viele Menschen kommen würden. Schon zwanzig Minuten nach Beginn des ersten Konzerts gab es einen kompletten Shutdown – die Menschenmenge war nicht mehr zu bewältigen, weder der Stadtgarten noch die Veranstalter hatten mit einem solchen Ansturm gerechnet. Seither hat sich vieles professionalisiert, aber eines ist geblieben: die Energie eines Festivals, das Jazz als lebendige, gegenwärtige Kunstform begreift.
Kölner Stadtgarten
Am 10. Januar feierte das Winterjazz seine 15. Ausgabe im Kölner Stadtgarten und im benachbarten Club Zimmermanns. Vier Bühnen, freier Eintritt, rund zwanzig Konzerte an einem Abend – und was für welche. Die Konzerteindrücke waren allesamt exquisit, überall wirkte die Musik frisch und ausgeschlafen. Das Festival stehe dort, wo eben diese Musik steht, beschrieb Angelika Niescier im Gespräch danach die Programmatik. Sie kuratiert zusammen mit Ulla Oster den Winterjazz. Festivals wie dieses seien Orte des Widerstands, und überall, wo so etwas entstehe, wirke dies einer gleichgeschalteten Kultur entgegen.
Der Stadtgarten, seit 1986 als Spielstätte für Jazz und improvisierte Musik etabliert und heute als Europäisches Zentrum für Jazz und aktuelle Musik vom Land Nordrhein-Westfalen gefördert, ist einer der wichtigsten Orte für diese Musik in Deutschland. Das Winterjazz nutzt das gesamte Haus: den großen Konzertsaal, das intimere Studio, das Foyer mit seiner loungigen Bar-Atmosphäre und den Club Zimmermanns im Untergeschoss. Die Besucher können sich frei zwischen den Räumen bewegen, ohne auf einen Platz festgenagelt zu sein. Der freie Eintritt senkt die Schwelle, vor allem für jüngeres Publikum.
Kriegerisch
Das Konzert von Tamara Lukasheva mit Kalle Kalima und Janning Trumann hatte „kriegerisch“ begonnen – um dem Wahnsinn da draußen zu begegnen, wie es Niescier in ihrer Begrüßung formuliert hatte. Rilke, philosophische Traktate über den Krieg und den Tod, Jan Wagners Text Stein und Erde – das hätte prätentiös werden können, wurde es aber nicht. Der Gestus wurde immer freudvoll-treibender, und Janning Trumanns Posaunensoli antworteten unerschöpflich auf Tamara Lukashevas Gesang und Klavierspiel. Eine improvisierte Poesie entfaltete sich, weil auch hier drei Musiker eine Konstellation bildeten, die so vorher noch nicht existiert hatte. Genau darum geht es beim Winterjazz: Niemand spielt zweimal mit derselben Besetzung.
Augenhöhe zwischen internationaler und hiesiger Szene
Das „Wildcard“-Konzept der Jubiläumsausgabe stellte Augenhöhe zwischen internationaler und hiesiger Szene her. Fünf internationale Gäste stellten sich Bands aus Kölner Musikern zusammen, und so entstanden Brückenschläge, die man hören konnte. Der Pariser Pianist Benoît Delbecq, seit Jahren eine feste Größe im europäischen Jazz, holte sich Robert Landfermann, Jonas Burgwinkel und Theresia Philipp, und einige Besucher waren extra seinetwegen angereist. Die französische Saxophonistin Alexandra Grimal traf auf Marlies Debacker und Elisabeth Coudoux – mit aufregenden Resultaten im großen Saal des Stadtgartens. Für jedes Konzert, das man besuchte, musste man zwei andere schwänzen – die Qual der Wahl gehört zum Winterjazz dazu und gibt diesem Abend seine besondere Dichte.
Im Club Zimmermanns ging es in den Underground hinab, vor allem mit Toxodon alias Salome Amend (Vibraphon), Raissa Mehner (Gitarre) und Schlagzeuger Simon Camatta. Wenn es zurzeit eine Band gibt, die besonders tief in ihrer Musik drin ist, dann dieses Trio, das 2023 auf der Annex-Bühne des Moers Festivals seine Geburtsstunde hatte. Amends Vibraphonspiel ist ein Befreiungsschlag, losgelöst von Jazz-Idiomatiken, dazu kommen Mehners Gitarrengewitter und Camattas elementarer Puls, der immer an den Ursprüngen ganz nah dran ist. Auch das erzeugte fesselnde Hörsituationen voll hypnotischer Energie.
Divers und bunt
Jazz von heute ist divers und bunt: Im Foyer beeindruckte die Band der Gitarristin Monika Roscher mit einer breitwandigen Klangwelt aus Noise und Kollektivimprovisation. Zwei Gitarren, zwei Schlagzeuge, wabernde Bass-Sounds und beseelte E-Gitarrenläufe mit viel Empfindung in der DNA. Shiva & The Destroyer luden den Raum mit Krautrock-Jazz und bunten Fantasiekostümen auf. Ganz feine Klänge anderswo: Etienne Nillesen ließ an zwei präparierten Snare-Drums die Stäbchen rotieren und produzierte extrem sensible Flageolett-Töne, so präzise kontrolliert, dass daraus minimalistische Sequenzen von fragiler Schönheit entstanden. Vokalistin Cansu Tanrıkulu klinkte sich ein und ergänzte das Ganze um eine lyrische, hochfragile Dimension. Pianist Philip Zoubek machte solo das große Fass auf – spätromantische Rezitative, brausender Klangrausch, ein Pianist, der zeigt, was dieses Instrument alles kann.
Sternstunde
Menschen, die ihre Erfahrung teilen und sich immer wieder bei etwas Neuem begegnen – das macht die Jazzszene aus. Dafür stand idealtypisch eine Wunschbesetzung des Bassisten Alexander Morsey mit Filippa Gojo (voc), Roger Hanschel (sax), Andreas Wahl (g) und Schlagzeuger Jens Düppe. Die Interaktionen dieses Quintetts wirkten so, als würde hier nochmal verdichtet, was diesen Abend im Ganzen getragen hatte. Es entstand eine emotionale und stilistisch wandelbare Sternstunde voller lyrisch-modaler Musik und einem Feuerwerk an spontaner Interaktion, als würde hier nochmal auf den Punkt gebracht, was Jazz in Nordrhein-Westfalen ausmacht. Jazz ist Livemusik, betonte Angelika Niescier danach im Gespräch. Die Frage, wie man Menschen zu diesem Erlebnis bringe, müsse immer wieder neu gestellt werden, vor allem, indem Spielstätten eine Atmosphäre schaffen, in der alle willkommen sind. Bildung sei eine öffentliche Angelegenheit, und ein Gemeinwesen, das an seiner Gesellschaft interessiert ist, müsse dafür Geld in die Hand nehmen. In Zeiten, in denen Kulturetats allerorten zusammengestrichen werden, ist das keine Selbstverständlichkeit.
Beim Winterjazz geht diese Rechnung seit fünfzehn Jahren im Januar auf. Die Energie der Gründerzeit konnte erhalten werden. Emotional, ernsthaft, vielfältig, befreiend, verbindend – ein Abend, der zeigt, was Orte der Kultur leisten können, wenn man sie lässt.
Fotos: Kristina Zalesskaya