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Jazzzeitung

2005/12  ::: seite 22-23

New Orleans

 

Inhalt 2005/12-2006/01

Inhaltsverzeichnis

STANDARDS

Editorial / News / break
no chaser:
Mozart marschiert
Jazzle g'macht:
Mein Marsch zum Jazz, Teil I
Farewell: Shirley Horn


TITEL


Ein Souverän der ersten Liga
German Jazz Trophy 2005 geht an Kenny Wheeler


DOSSIER:
KANSAS CITY
Die Coon-Sanders Nighthawks – Begründer des Kansas-City-Jazz


BERICHTE
/ PREVIEW

Jazzfest Berlin // 29. Leipziger Jazztage // Rabih Abou Khalil und Pianist Joachim Kühn in Hamm // Stimmenfang Nürnberg //Wolfgang Haffner in Regensburg // 22. Taktlos-Festival Zürich // Jazz im Audiforum Ingolstadt im Frühjahr 2006


 JAZZ HEUTE

Vernetzung ist Trumpf
Die Macher der Messe „jazzahead!“ im Interview


 PORTRAIT / INTERVIEW

Sängerin und Songwriterin Jhelisa Anderson // Jazz-O-Rama mit Matthias Schriefl // Dave Brubeck // Peter Herbolzheimer


 PLAY BACK / MEDIEN


CD. CD-Rezensionen 2005/12
PlayBack. Wieder da – Kraan: Live 88, Nachtfahrt, Wiederhören
Bücher. Neue Bücher zu Wayne Shorter, dem Saxophon und Del Courtney
Noten. Neues Notenmaterial für Blechbläser und Schlagzeuger
Instrumente. Instrumenten-News
DVD. „Um Mitternacht“, „Bird“ & „Thelonious Monk“


 EDUCATION

Fortbildung // Ausbildungsstätten in Deutschland (pdf)
Abgehört 37. Sounds aus der elektrischen Phase
Soli von Herbie Hancock, Teil II: Reise in die Seventies
Die saugen einen aus
Die Jazz Juniors trafen sich in Marktoberdorf

SERVICE


Critics Choice

Service-Pack 2005/12 als pdf-Datei (Kalender, Clubadressen, Jazz in Radio & TV (264 kb))

Verkannte Nachtschwärmer

Die Coon-Sanders Nighthawks – Begründer des Kansas-City-Jazz

„It was the time for flappers and gin and music that jumped. And during that time nobody’s music jumped better than that of Kansas City’s Original Nighthawk Orchestra“ (The Kansas City Star – Star Magazin 9. Juli 1989)

Es ist ein Rätsel der Jazz-Geschichtsschreibung: Ein wegbereitendes Ensemble mit eindeutigen Jazz-Qualitäten, ungemein erfolgreich wie derzeit kaum ein anderes, eine Band, die zu den Top-Orchestern gehörte, vermutlich lange Zeit sogar das beste dieser Art überhaupt war, wird bis in die heutige Zeit konsequent ignoriert: das Coon-Sanders Nighthawks Orchestra.

Diese Band, absolut beispielhaft für die Hot-Jazz-Dance-Music der 20er-Jahre, entstand 1919 und erlebte ihre größten Erfolge in der Zeit von 1923 bis 1932. Gründer und gemeinsame Leiter dieser Band aus Kansas City (Missouri) waren Schlagzeuger Carleton (auch Carlton genannt) Coon und Pianist Joe Sanders. Coon wurde 1893 in Rochester, Minnesota geboren, seine Familie zog kurz nach seiner Geburt nach Missouri und kam nach Kansas City während er noch Kind war; später wurde er Dockarbeiter. Joe L. Sanders, Sohn eingewanderter Iren, wurde 1896 in Thayer, Kansas geboren, verbrachte einen Teil seiner Kindheit in Belton, Missouri, und arbeitete bei der K.C. Oratorio Society als Konzertpianist und als Sänger in der Kansas City Opera – seine Stimme soll zweieinhalb Oktaven umfasst haben, was die Schallplattenaufnahmen mit seinen Gesangsparts durchaus nicht ausschließen. Seinen Spitznamen, „The Ol’ Left Hander“, erhielt er wegen seiner Geschicklichkeit beim Baseball-Spiel. Sanders gab den Sport allerdings Anfang der 20er-Jahre auf, um nur noch Tanzmusik zu machen.

Joe Sanders (li.) und Carlton Coon

Bild vergrößernJoe Sanders (li.) und Carlton Coon

Carleton Coon und Joe Sanders trafen sich erstmals 1919 im Jenkins Music Store in Downtown Kansas City – nicht wie auch behauptet wird, schon während ihrer Militärzeit. Joe spielte in dem Geschäft auf dem Klavier, als Carleton eintrat, um Ersatzteile für sein Schlagzeug einzukaufen. Er war sofort angetan von Joes Ragtime-betontem Spiel. Schon bald traten sie gemeinsam nachmittags im „Pompeiian Room“ des Baltimore Hotels und abends als Teil einer Vaudeville-Show1 am Newman Theater auf – sie waren 71 Wochen ohne Unterbrechung engagiert, nicht nur dort ein Rekord. Schnell wurden sie Kansas Citys berühmteste Band, vor allem durch ihre tanzbare Musik –„happy music“, wie sie von Joe Sanders treffend bezeichnet wurde – und auch durch Showqualitäten.

Bereits am 24. März 1921 nahm das Coon-Sanders Novelty Orchestra in Kansas City vier Songs für Columbia-Records auf. Doch nur ein Titel dieser Session, „Some Little Bird“, wurde damals überhaupt veröffentlicht, es war eine rein triviale Schlager-Einspielung der Zeit, ohne geringste Einflüsse durch den damals aktuellen Jazz. Wohl daher verbannten die Herausgeber der chronologisch konzipierten CD-Gesamtausgabe (auf „The Old Masters“)2 diesen Titel an den Schluss der ersten Scheibe, sie wollten zu Beginn keinen falschen oder schlechten Eindruck erwecken. Entsprechend triftige Gründe dürften auch für die einstige Nichtveröffentlichung der weiteren Aufnahmen vorgelegen haben.

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Im gleichen Jahr begann die Coon-Sanders Band ein Engagement im „Plantation Grill“ des Hotels Muehlebach. Die beiden Bandleader wurden recht schnell mit ihrem „Coon-Sanders Novelty Orchestra“ (1921), dann „Coon-Sanders (Original) Nighthawks Orchestra“ (Aufnahmen unter diesem Namen ab 1924) zu einer Institution – und zwar in den gesamten Vereinigten Staaten!

Denn ab 5. Dezember 1922 begannen ihre regelmäßigen Rundfunkübertragungen über WDAF von Kansas City Star, der ersten Station, die in Kansas City auf Sendung ging. Das Radio steckte zu der Zeit noch in den Kinderschuhen, und WDAF war eine der nur wenigen Sendestationen des Landes – doch sie war, wie man damals sagte, ein so genannter „clear channel“, dessen nächtliche Ausstrahlungen von Maine bis Hawaii zu empfangen waren – damals durchaus nicht üblich. Viele konnten den Sender allerdings nur mit Kopfhörern über Kristall-Detektor-Geräte empfangen. Die Coon-Sanders Formation war aber keineswegs, wie vielfach behauptet wird, die erste Band, die live im Radio spielte, doch sie war die erste mit regelmäßigen Musiksendungen und die erste mit einem „Late Night Music Program“. Diese Live-Shows wurden von 23.30 bis 1.00 Uhr ausgestrahlt.

Erfolg! – Joe Sanders als stolzer Autobesitzer in der Nighthawks-Glanzzeit

Bild vergrößernErfolg! – Joe Sanders als stolzer Autobesitzer in der Nighthawks-Glanzzeit

Gesendet wurde aus dem Muehlebach Hotel (Wyandotte Street 1213) in Kansas City. Ihre Erkennungsmelodie war der „Nighthawk Blues“ – so genannt nach ihrer Bandbezeichnung. Der Name selbst soll so entstanden sein: Während einer Pause war das Sende-Mikrophon nicht ausgeschaltet und einer der Musiker sagte laut und vernehmlich: „Ich denke, die Leute, die jetzt noch auf sind und uns zuhören, müssen schon wahre Nachtfalken (Nachtschwärmer) sein.“ – was dann Anrufe und Telegramme schnurstracks bestätigten: „Ja, das sind wir, Nighthawks“.

Begeisterte Fans

Ein Nighthawk-Fan-Club (Coon-Sanders Nightriders Club), er hatte schnell über 37.000 Mitglieder, bündelte die Hörerwünsche, die per Brief, Telefon oder mit Telegrammen den Sender bald massenhaft erreichten. Der Zuspruch zu ihrer begeisternden Musik nahm einen solchen Umfang an, dass die Telegrafen-Station Western Union einen Ticker zwischen dem Piano von Joe Sanders und dem Schlagzeug von Coon installierte, sodass Wünsche die Band noch während der Sendungen erreichen konnten. Sie waren Teil des Programms „Knights and Ladies of the Bath“ – so genannt, weil in diesen Tagen die meisten Leute nur einmal in der Woche badeten – üblicherweise am Samstagabend…

Der Komponist und Arrangeur bei der Arbeit: Joe Sanders

Bild vergrößernDer Komponist und Arrangeur bei der Arbeit: Joe Sanders

Die Nighthawks verließen Kansas City erstmals 1924 für ein dreimonatiges Engagement in einem so genannten „Roadhouse“ von Chicago. 1926 wurden sie vom Chicagoer Blackhawk Hotel (139 North Wabash, Ecke Randolph) in Chicago engagiert. Das „Blackhawk“ wurde durch die Band schnell „the hottest night spot“ in Chicago. Und Gangsterkönig Al Capone wurde Fan der Nighthawks und sparte bei seinen Besuchen nicht mit Trinkgeldern – wie man sagte, schickte er halbe 100-Dollar-Scheine zur Band und gab die andere Hälfte hinzu, wenn sein Wunsch erfüllt wurde. Es ist anzunehmen, dass der Obergangster auch dieses Lokal, das Musikgeschäft ohnehin, unter seiner Gewalt hatte.

Die Band bestand zu der Zeit aus Joe Richolson und Bob Pope (Trompeten), Rex Downing (Posaune), Harold Thiell, Joe Thiell und Floyd Estep (diverse Saxophone), Joe Sanders (Piano, voc.), Russ Stout (Banjo, Gitarre), „Pop“ Estep (Tuba), Carlton Coon (Schlagzeug, voc.).

Joe Sanders mit dem Rest der Band um 1932

Bild vergrößernJoe Sanders mit dem Rest der Band um 1932

Ihr exzellenter Ruf eilte schnell von Küste zu Küste der USA, und ihre Schallplatten für Victor mit wahrlich rasant-jazzigen oder auch ganz sanften, doch immer auch ironisch gestimmten, Sweet-Klängen waren fast ausnahmslos Hits. Ihre Spezialität war bereits ab 1924 – neben raffinierten Arrangements, Arrangeur Sanders fasste als Erster eine Saxophongruppe zu einer Stimme zusammen und war damit wegbereitend, – auch der neuartige, meist witzige Gesang der beiden Bandleader im Duett. Mit ihnen nahm das synkopierte „Sweetsinging“ in dieser Form seinen Anfang. Es wurde (lt. Rudolf J. Hopf) „später von Jimmie Noone und Jo Poston übernommen, die die gleiche Art in ihrem Apex-Club Programm (Chicago) einführten.“

 

Werbeplakat

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1924 hatte Jules Stein (1896–1981) in Chicago die Music Corporation of America (MCA) gegründet, ein Unternehmen, welche das Bandgeschäft organisierte und sich für Musiker und Sänger einsetzte. Die erste Band, die einen Vertrag mit MCA unterzeichnete, waren die Nighthawks. Das erste Orchester, das MCA auf Tournee schickte: King Oliver’s Dixie Syncopators – von Pennsylvania nach Ohio – für Abendgagen von 125 Dollar.
Mit erfolgreichen Tourneen steigerte die Band der Partner Coon und Sanders ihre Beliebtheit. Einen Sommer spielten sie in Wisconsin – im nächsten tourten sie durch den mittleren Westen. 1927 spielte die Band innerhalb von vier Monaten in 86 Städten. Ihr Stammsitz blieb lange Zeit das Blackhawk Restaurant in Chicago, von wo aus an sechs Tagen der Woche ihre Show mit ihrer – wie man es nannte – „Kansas City shout-and-stomp music“ über die Radiostation WGN ausgestrahlt wurde. Als die National Broadcasting Company ihre erste „Coast-To-Coast“-Sendereihe einrichtete, eröffneten die „radio aces“ Coon und Sanders zudem jeden Dienstag dort die „Shoe Frolic Radio Hour“.

Die Honorare stiegen selbstredend, bald hatte jedes Bandmitglied ein eigenes Auto der heute legendären Marke Auburn, gesponsert vom Automagnaten E. L. Cord – in jeweils anderer Farbe mit dem Schriftzug des Bandnamens sowie dem des Musiker-Namens am Heck. Sie zogen zu ihren Auftritten als Auto-Karawane durchs Land, spielten auf College-Bällen, zum Tanz in Kleinstädten, zu Geschäftseröffnungen und weihten neue Ballsäle ein.

Triumphale Rückkehr

Pianist Joe Sanders mit Band ungefähr im Jahr 1950…

Bild vergrößernPianist Joe Sanders mit Band ungefähr im Jahr 1950…

1927 – als etwa Benny Moten sich anschickte, in ihrem Stil zu spielen – kehrten die Coon-Sanders Nighthawks im Triumph nach Kansas City zurück und eröffneten dort den „El Torreon Ballroom“ am Gillham Plaza, der bald zu einer der erfolgreichsten Vergnügungsstätten des Landes wurde. Phil Baxter and His El Torreon Orchestra waren die Hausband von 1927 bis 1933. Baxters Komposition „El Torreon“ eröffnete und beendete die Abendveranstaltungen. Die Rundfunkstation KMBC übertrug von dort jeden Abend ab 23.00 Uhr. Später traten Benny Moten’s Kansas City Orchestra, Andy Kirk und Clarence Love’s Band regelmäßig im „El Torreon“ auf. Ein Engagement von Cab Calloway mit den Alabamians war derart erfolgreich beim Publikum von Kansas City, dass der Manager des konkurrierenden „Pla-Mor Ballroom“ schnell Andy Kirk and His Twelve Clouds engagierte, um dagegenzuhalten. Im „Pla-Mor Ballroom“ gastierten u.a. Glen Gray mit dem Casa Loma Orchestra, Jan Garber, Jimmie Lunceford, George E. Lee, Count Basie und Andy Kirk, und die Legende erzählt, dass Hoagy Carmichael als Mitglied der dortigen Hausband im „Pla-Mor“ seine alsbald berühmte Komposition Stardust zum ersten Mal gespielt hat.
1936 wurde das „El Torreon“ umbenannt in „Avalon Supper Club“, in den 60er-Jahren war es Rollschuhbahn unter dem alten Namen, in den frühen 70er-Jahren wurde es zum „Cowtown Ballroom“, einem Rock’n’Roll-Lokal, in dem internationale Bands wie die von Van Morrison oder John Mayall spielten. Das Gebäude, jetzt wieder „El Torreon“ und aufwendig restauriert, zeugt auch heute noch von der einstigen Zeit der großen amerikanischen Ballsäle – weniger allerdings hinsichtlich der Musik, denn dort herrscht heute Rock, Heavy Metal und Pop. Der Komplex des „Pla-Mor Ballrooms“ wurde 1972 abgerissen.

MCA engagierte 1932 die Coon-Sanders-Band für ein elf Monate dauerndes Gastspiel im New Yorker „Terrace Room“. Ihre landesweiten Radiosendungen von dort über CBS Network wurden gesponsert von der Zigarettenfirma Lucky Strike.

Coon tat sich um im Nachtleben von New York und besuchte nach den Auftritten den „Cotton Club“ und andere Jazz-Spots vor allem im Stadtteil Harlem. Carlton Coon und Cab Calloway, die sich schon zuvor kannten, bewunderten sich gegenseitig, und Cab Calloway gestand, dass Coons Gesang ihn beeinflusste – was anhand der Schallplatten aus der Zeit vor Calloways ersten Aufnahmen (1930) durchaus zu belegen ist – und er gab kund, dass die Nighthawks eine seiner bevorzugten Bands waren.

… und um die zwei Jahre später. Alle Fotos: Archiv Gerhard Klussmeier

Bild vergrößern… und um die zwei Jahre später. Alle Fotos: Archiv Gerhard Klussmeier

Joe Sanders und die anderen Bandmitglieder waren trotz ihres enormen Erfolgs nicht so begeistert von New York. Heimweh nach dem „Midwest“ zeigte sich auch in ihrem neuesten Hit „I Want To Go Home“, aufgenommen bei ihrer letzten Session für Victor am 24. März 1932 in New York. Die Zeit der Depression wirkte sich auch auf die Stimmung der Band aus. Hinzu kam, dass sich der musikalische Geschmack immer mehr zur moderneren Musik von Fletcher Henderson, Duke Ellington und anderer afro-amerikanischer Bands wandelte, die zunehmend erfolgreicher wurden. Zudem hatten die Nighthawks, was immer mehr an Bedeutung zunahm, unter ihren Musiker, allzuwenige, die mit Jazz-Solistik glänzen konnten.

Ihre bedrückte Stimmung änderte sich bei der Rückkehr nach Chicago während ihres erfolgreichen Engagements beim College Inn, zumal auch ihr Vertrag mit Victor im Frühjahr 1932 verlängert wurde. Doch der Überschwang währte nur kurze Zeit. Carlton Coon musste zu einer Zahnbehandlung ins Krankenhaus – und starb völlig überraschend kurz nach der Kiefer-Operation an Blutvergiftung.
Coons Leichnam wurde nach Kansas City überführt. Seine Beisetzung wurde zu einer der größten Beerdigungen, die Kansas City je gesehen hatte. Der Trauerzug war viele Meilen lang.
Joe Sanders versuchte das Orchester zusammenzuhalten, doch das Publikum akzeptierte die Band ohne ihren Co-Leiter nicht mehr, der Zauber war verflogen, und so löste Sanders das Orchester am Ostersonntag des Jahres 1933 auf.

Die Zeit danach

Der Pianist spielte noch einige recht erfolgreiche Solo-Platten ein, ging für kurze Zeit nach Hollywood, schrieb nur wenig erfolgreich Filmmusiken. So für die Film-Musicals „King Kelly of the U.S.A.“ mit Guy Robertson, Edgar Kennedy und Irene Ware sowie „Harold Teen“, mit Hal LeRoy und Rochelle Hudson (beide 1934 erstaufgeführt). 1934 stellte Sanders eine neue Band unter seinem Spitznamen Ole Left-Hander and His Orchestra auf, machte 1935 und 1936 Schallplattenaufnahmen für Decca als „Joe Sanders and his Orchestra“, trat bald durchaus erfolgreich im mittleren Westen der USA auf, erreichte aber nicht im Entferntesten mehr die einst landesweite Popularität der Nighthawks. Sanders leitete Bands, bis er sich 1952 nach Kansas City zurückzog, wo er am 14. Mai 1964 starb; beigesetzt wurde er auf dem Mt. Moriah Cemetery.
In der Kansas City Public Library ist Sanders’ umfangreicher Nachlass mit den Arrangements, seinen Kompositionen („What A Night, What A Girl“, „Nighthawk Blues“ etc.) sowie weiteren Erinnerungsstücken der Band verwahrt.

Einige der großen Erfolge der Coon-Sanders-Band – vielfach mit virtuosen solistischen Beiträgen, vor allem denen des Banjo-Spielers – waren „Wabash Blues“, „After You’ve Gone“, „Alone in the Rain“, „Alone at Last“, „Here Comes My Ball And Chain“, „When You’re Smiling“ und „I Ain’t Got Nobody“. Die Band war durch ihren Erfolg nicht nur USA-weit bekannt, sondern nachweislich ihrer Schallplatten Wegbereiter einer Musik, die heute als eigenständige Stilrichtung „Kansas City Jazz“ der 20er-Jahre angesehen wird. Denn während Musiker wie zum Beispiel Andy Kirk (noch 1929) oder Benny Moten (bis 1927) – durchaus Protagonisten des „KC“ – noch im simplen erdigen New-Orleans-Stil spielten und dementsprechende Aufnahmen machten, spielten die „Nighthawks“ bereits ab 1925 die raffiniert-fetzigen und jazzbetonten Arrangements mit kollektiv gesetzten Riffs, wie sie erst viel später bei Moten oder auch bei den McKinney’s Cotton Pickers zu hören waren. Die offizielle (vor allem deutsche!) Jazz-Literatur hat die Bedeutung der Coon-Sanders Nighthawks bis heute nicht erkannt, und reiht sie ohne Differenzierung bestenfalls als Danceband ein (was übrigens ohne Einschränkung jede andere Band auch war).

Wie mit der Geschichte der Musik von Kansas City auch umgegangen wird, zeigt auf exemplarisch-negative Weise zum Beispiel Nathan W. Pearson, jr. in seinem Buch „Goin’ to Kansas City“, Urbana/Chicago 1994 – ein Werk „dedicated to the countless musicians of the Midwest, who’s artistry and inspiration conspired to create glorious music.“: Die Existenz des Coon-Sanders Orchestra wird darin vollständig verschwiegen, nicht einer der Musiker ist genannt, und das obwohl in einem eigenständigen Kapitel vorgeblich sämtliche „Roots of Kansas City Jazz“ von Minstrel, Ragtime über Vaudeville bis New Orleans Jazz und Brass Bands ausführlich bedacht sind. Dazu muss man allerdings auch feststellen: Das Buch beschränkt sich ohne es explizit herauszustellen – somit eindeutig in „Schräglage“ – im Text, bei den Musikern wie auch in den Abbildungen ausschließlich auf so genannte „schwarze“ Bands.

Aufarbeitung

Die Kansas City Public Library stellt fest: „The Coon-Sanders collection represents an important chapter in the musical history of Kansas City and of one of its leading musicians (Sanders) who was a bandleader, pianist, singer, composer and musical arranger, living from 1896 to 1965. Material in the collection covers his early days as a boy soprano, through the period when he organized his first jazz band in 1919, the great days of the Coon-Sanders Nighthawks band in the 1920s and early 1930s, and the three decades he directed his own bands.“.

Tim Brooks, unter anderem Präsident der „Association for Recorded Sound Collections“, reiht in seinem Buch „Lost Sounds – Blacks and the birth of the Recording Industry 1890-1919“ (Urbana / Chicago 2005) die Partner-Band vorbehaltlos und als wichtig hinsichtlich der damaligen Besetzungen ein: „Duke Ellington, Fletcher Henderson, Coon-Sanders, The Virginians“ (Seite 290) und stellt (Seite 385) ganz objektiv fest, dass der Gesamtklang zum Beispiel einer der besten Aufnahmen von Noble Sissle – „Kansas City Kitty“ (1930) – „is a little like that of the Coon-Sanders Nighthawks, one of the hottest white bands in America“ – ein Stück, das die Nighthawks gut ein halbes Jahr zuvor aufgenommen hatten! Wobei hinzuzufügen ist, dass die Aufnahmen, die Sissle um 1930 und auch zuvor machte, insgesamt im – um es einmal so zu benennen – „Coon-Sanders-Stil“ aufgenommen sind – einschließlich der Gesangparts von Noble Sissle, dessen Vorbild hierbei wahrlich nicht zu überhören ist.

Es bleibt festzustellen, dass eine allseits objektive Geschichte der Musik in und aus Kansas City wohl noch geschrieben werden muss.

Gerhard Klussmeier

Seit Jahrzehnten wird alljährlich in Kansas City am Wochenende nach dem „Muttertag“ ein Festival, der „Coon Sanders Nighthawks Fans’ Bash“, durchgeführt. Eine Gesellschaft bemüht sich um die Wahrung der Musik. Adresse: Dale Jones, President. Coon Sanders Nighthawks Fans’ Bash, 32 West 7th Avenue, Huntington, WV 25701, Telefon (304) 633-5241 oder E-Mail: Coonsander@ msn.com.

Dank an dieser Stelle der Kansas City Public Library, namentlich Mrs. Sara J. Nyman, für ihre Recherchen und die Übersendung von Artikeln zur Coon-Sanders-Band.

Weitere Informationen, Fotos und Biographien zum Thema sind im Internet zu finden unter www.umkc.edu/orgs/kcjazz/mainpage.htm

Anmerkungen
1 Vaudeville, im 15. bis 19. Jahrhundert Bezeichnung für leichte französische, teils satirische Strophenlieder ungeklärten Ursprungs. Daneben heißen seit dem späten 17. Jahrhundert Vaudevilles die in Possen eingeschobenen Couplets, auch die halbmusikalischen Possen selbst, die zu den Vorläufern der französischen komischen Oper gehören. Vaudevilles dichteten u.a. Augustin Eugène Scribe (1791–1861) – u.a. „Das Glas Wasser“, 1840; und Eugène Labiche (1815–1888) – u.a. „Der Florentinerhut“, 1851.
2 Das Coon-Sanders Orchestra auf CD: Sämtliche Aufnahmen 1921 bis 1932 chronologisch auf The Old Masters TOM MB 111–114, mit ausführlichen Linernotes und Diskografie. Eine gute – mehr jazzgemäße – Auswahl wurde auf Living Era CD AJA 5199 veröffentlicht.

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