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Jazzzeitung

2011/04  ::: seite 16

rezensionen

 

Inhalt 2011/04

Inhaltsverzeichnis

STANDARDS

Editorial / break / Nachrichten aus der Jazzszene / kurz, aber wichtig Jazzlexikon: Edward „Kid“ Ory Farewell: Kurt Maas / Ray Bryant Geschichte: Vor zwanzig Jahren verstarb der Trompeter Miles Davis no chaser: Jazz schlägt Shakespeare


TITEL -
Ein bisschen leise...
Scofield & Metheny und ihre neuen Alben


Berichte

German Jazz Trophy 2011 für Dave Holland // 40. Moers Festival für Improvisierte Musik // Die dritte Auflage von „Sounds No Walls“ // 29. Südtirol Jazz Festival Alto Adige // 30. Bayerischen Jazzweekend 2011 // Sonny Simmons – in Dankbarkeit // George Gruntz Concert Jazz Band in Neuburg


Portraits

Mo’ Blow // Sabine Müller // Der Schlagzeuger Jochen Rückert // Caroline Thon


Jazz heute und Education
Bert Noglik übernimmt künstlerische Leitung des Jazzfestes Berlin // Das neue Jazz-Label Egolaut in Leipzig // Abgehört: Weite dynamische Sprünge
Ein Live-Solo des Posaunisten Eddie Bert

Rezensionen und mehr im Inhaltsverzeichnis

 

CD-Rezensionen

Nils Landgren
The Moon, The Stars And You

ACT 9505-2

Was war „Paint It Blue“ doch für ein famoses Statement! Da behauptete in der zweiten Hälfte der 90er Jahre ein hierzulande noch wenig bekannter schwedischer Posaunist, Funk wäre auch eine skandinavische Erfindung, und machte seine Sache so gut, dass man ihm einfach recht geben musste. Hört man nun „The Moon, The Stars And You“, könnte man daher richtig nostalgisch werden. Denn dieser Nils Landgren hat kaum noch etwas mit dem Jungspund von damals zu tun. Sicher, es handelt sich bei seinem aktuellen Album um eine Balladensammlung, das, strukturell an ein inhaltliches Motto gebunden, Lieder zum Thema Mond und Sterne in wechselnden Besetzungen präsentiert. So gesehen hat es konzeptuell wenig mit dem satten Sound und kernigen Esprit der Funk Units zu tun, deren Konzerte inzwischen zu einem Markenzeichen niveauvoll partytauglicher Unterhaltung geworden sind. Und doch ist es Landgren, der seine Posaune oft zur Seite legt, um im Kreise internationaler Stars von João Bosco bis Joe Sample und alternierender Ensembles vom Quartett bis zum Symphonieorchester mit sanfter Stimme die Melodien entlang zu kuscheln. Er hat sich sanfte Lieder von Kollegen wie Cat Stevens oder Henry Mancini geborgt, sie um eigene Melodien ergänzt und daraus ein Programm der Nachtgedanken entwickelt, das sich in zwölf Etappen akustisch an die Seele schmiegt. Das klingt so freundlich, so versöhnlich, so wunderbar professionell vom Arrangement über den Sound bis zur Verpackung, dass man sich fragt, wo Mr. Redhorn geblieben ist, der einst der Jazzwelt den Funk blasen wollte…
Ralf Dombrowski

Steffen Schorn s
Universe of Possibilities

Jazzsick Records JS 5044

„Quack quack – quack quack quack quack!“ Will hier jemand seine Hörerinnen vergackeiern? Ein Ei legen? Ein dickes, womöglich? Mit einem mageren, verhungerten würde sich Steffen Schorn auch gar nicht erst abgeben. Aber nein! Kaum ist das angsterfüllte Gequake (welches Instrument muss unbeantwortet bleiben) beendet, setzt die fröhliche Jagd zwischen Kontrabassklarinette, Flöte, Altsax und schließlich Drums ein. Bläst sich in gieriger Hatz durch Dickicht, Unterholz und mächtig groovendem Gestrüpp – bis die Ente ihren letzten, heiseren Seufzer tut. „Der Wildbotz“ hat gesiegt – und mit ihm der musikalische Humor des Professors an der Nürnberger Hochschule für Musik. Neben dieser köstlichen kreativen Humoreske, die in ihrer pulsierenden, 40-sekündigen Komplexität bereits das musikalische Konzept von Schorns leuchtfeuerndem „Universe of Possibilities“ offenbart, beinhaltet das neue Album mit „more cowbell“ oder „wo kommt denn des her“ weitere launige Statements, die Raum für allerlei Gedankenverknüpfungen bieten – zusätzlich zu den ganzen musikalischen Verflechtungen und Obsessionen. Das Konzept der hochkarätig mit herausragenden Solisten besetzten Band ist offen in viele Richtungen, Samba hat Platz, Groove sowieso, kammermusikalische Ideen münden in kühnen Improvisationen. Anklänge an Neue Musik erweisen sich als geistige Scharniere, womit bisher unentdeckte Türen aufgestoßen werden. In Steffen Schorns raumerforschendes Universum einzutauchen ist eine abenteuerliche, gelegentlich atemberaubende Reise.
Michael Scheiner

Achim Kaufmann
Verivyr

Pirouet PIT3057

Nichts ist Zufall, die geheimnisvolle Struktur gefallener Holzstäbchen auf dem Cover so wenig wie die Musik von Achim Kaufmanns Pianotrio mit dem Isländer Valdi Kolli am Bass und dem Amerikaner Jim Black am Schlagzeug. Ganz leise zunächst, fast unhörbar entspinnen sich aus ersten Tönen eine Melodie, harmonische Elemente, ein rhythmisches Gefüge, vielgestaltig, fein ineinander geschachtelt, mit Impressionen spielend, aus deren pastellfarbener Grundstimmung immer wieder kräftige Signale herausstechen. Kaufmann will Konsistenz und Klarheit, weiß dabei, dass Ordnung nur sein kann, was der Freiheit Raum gibt. So ist das Trachten des Komponisten darauf angelegt, gestalterische Kreativität freizusetzen: „Können wir unabhängig voneinander phrasieren und dennoch an einer bestimmten Stelle zusammenkommen? Ein Tempo andeuten, aber auch dehnen, strecken, stauchen? Das Ende eines Taktes ist zugleich Anfang des nächsten? Kann man ein Ding gleichzeitig auf zwei verschiedene Arten hören?“
Die Antwort ist unzweifelhaft, wenn drei herausragende Musiker so hörbar konzentriert sich einlassen auf das gemeinsame Erleben von freien Räumen, auf das filigran erhörte und erspürte Eigentliche des Songs, mal kristallin und transparent, dann von fast irritierender Konsequenz und kaum nahbarer, knisternder Spannung, rätselhaft wie der Name des Trios, das ganz gewollt unterschiedliche Assoziationen freisetzt, ohne solche einfach dem Zufall zu überlassen.
Tobias Böcker

Howard Alden – Helmut Nieberle
jazz guitar stories

Bobtale Records BT 042011

Zwei Cracks, ein deutsch-amerikanisches Gitarrenduo, das entspannt und spielfreudig 14 „jazz guitar stories“ auf zwei siebensaitigen Instrumenten erzählt. Howard Alden ist ein bekannter Instrumentalist, der sich durch seine Zusammenarbeit mit Bud Freeman, Ken Peplowski und dem Posaunisten Dan Barrett einen Namen vor allem im Bereich des Mainstreams gemacht hat. Nach seiner Übersiedlung 1982 nach New York hat der Kalifornier mit Red Norvo, Dizzy Gillespie, Joe Williams und Ruby Braff gespielt. Vor 20 Jahren veröffentlichte das Concord Label ein Duoalbum, das der Gitarrist George van Eps, Aldens Lehrer, mit seinem 33-jährigen Schüler auch auf zwei Siebensaitern eingespielt hatte – Thirteen Strings.
Jetzt erscheint die in Abensberg im Bobtale Studio entstandene Aufnahme mit dem Regensburger Helmut Nieberle, der sich ebenfalls schon seit vielen Jahren mit dem siebensaitigen Instrument beschäftigt und es zur Meisterschaft gebracht hat. Wenn Alexander Schmitz in seinen aufschlussreichen und wissenswerten Linernotes meinungsstark feststellt, dass die aktuelle Aufnahme, die berechtigterweise auch „fourteen strings“ betitelt sein könnte, „…das Zeug für eine kleine, große Sensation vor allem für Jazzgitarre-Aficionades beiderseits des Atlantik“ hat, dann steckt da tatsächlich ein Stück herber Wahrheit mit drin. Das musikalisch komplexe, exzellente Album eignet sich vorwiegend, wenn nicht fast ausschließlich für Aficionades, denn die beiden ausgezeichneten Musiker schwelgen vorwiegend im eigenen Saft ihrer Meisterschaft.
Michael Scheiner

Nils Wogram / Nostalgia
Sturm und Drang

NWOG Records 003

Dass Nils Wogram der Posaune in besonderer Weise auf die Sprünge hilft, dürfte kaum verborgen geblieben sein, so präsent ist der 38-Jährige. Mehr als zwei Dutzend CDs in den letzten 15 Jahren zeugen von seinem musikalischen Schaffensdrang. Mit dem Trio Nostalgia – Florian Ross an der Hammond Orgel und Dejan Terzic am Schlagzeug – bricht er in unnachahmlich elastischer Virtuosität auf in die „Funky Neigbourhood“, rasant und spritzig, schenkt seiner Mutter melancholische „Fundamentals“, gibt dem „Sturm und Drang“ die Sporen, lässt der Schwere eines Regentages Raum in „Country Rain“, bringt mit „Now“ den wendigen Fluss der Elemente auf den Punkt, entlockt dem „Envelope“ rhythmische Dynamik und der „Thick Air“ eine Ahnung geistlicher Musik, erinnert sich an die faszinierende, pulsierende, vielseitige Atmosphäre des Copenhagen Jazz Festivals, erweist der unberechenbaren Tücke des Objekts die Ehre in „Friday The 13th“ und legt mit dem Reggae-basierten „Swing Em Home“ einen humorvollen, raffinierten Rausschmeißer hin. Das alles klingt einerseits ganz vertraut und in einer Weise Groove-orientiert, die sowohl dem Jazzfan als auch dem Jazz fernen Hörer Halt und Richtung geben kann, andererseits sehr neu, frisch, auf komplexe Weise unkompliziert, verspielt, versonnen, sinnlich und durchdacht zugleich. Musik, die wie eine Brücke zwischen Gestern und Morgen der Nostalgie die Richtung weist!
Tobias Böcker

Bugge Wesseltoft & Henrik Schwarz – Duo
Jazzland Records/ Universal Music

Eine grenzüberschreitende, gelungene Synthese aus House- und Jazz legen zwei Protagonisten aus den unterschiedlichsten Musiklagern, die man sich nur denken kann, hier vor. Und es funktioniert – das haben der norwegische Pianist Bugge Wesseltoft und der DJ/Produzent Henrik Schwarz live bereits erfolgreich unter Beweis gestellt. Auf der CD befinden sich gleich drei Live- und fünf Studioproduktionen, wobei mit den Titeln „Dreaming“ und „Leave my head alone brain“ zwei absolute „Hits“ der beiden Ausnahmemusiker vertreten sind. Das Duo beginnt mit dem Stück „First Track“, der ersten Begegnung 2009 live in Berlin aufgenommen, gefolgt von Wesseltofts „Dreaming“, das komplett überarbeitet wurde und einen unterschwelligen House-Groove mit jazzigen Elementen verbindet. „One One“ zeigt zum Abschluß der CD, live aufgenommen, noch einmal die improvisatorischen Talente dieser Zusammenarbeit. Das Duo ist vollkommen organisch, und ob nun live oder im Studio passiert so ziemlich alles spontan. Sounds werden mit dem Handy aufgenommen und sofort wiedergegeben, Loops gesampelt und zu neuen Sounds verwoben. Alles kann, nichts muss! Nur eines klappt immer wieder: das spontane, komplexe Zusammenspiel, das Zusammenführen zweier Welten zu einem Sound mit elektronischen Sphären, Beats & jazzigen Einflüssen. Eine absolute Bereicherung.
Thomas J. Krebs

Sinatra Tribute Band &
Max Neissendorfer: All The Way

Jawo Records JAW 007

„I love the looks of you…“ Zurückgelehnt steigt Crooner Max Neissendorfer in Gershwins geschmeidigen Song „All of you“ ein. Frank Sinatra hat ihn 1979 aufgenommen. Mit feinem Schmunzeln im Mundwinkel sitzt er auf einer güldenen Musikwolke neben seinem Verehrer und nickt anerkennend. Es ist einer der wenigen Songs auf dem aktuellen Tribute-Album „All The Way“, dessen Arrangements von der prachtvollen schweizerischen Sinatra Tribute Band des Trompeters Sandro Häsler praktisch unverändert übernommen worden ist. Andere sind geringfügig auf die mit vier Bläsern besetzte Formation hin angepasst oder erscheinen völlig neu und strahlen den Verve, die Frische und selbstbewusste Lebenslust von „The Voice“ aus. Mühelos gelingt es dem Münchner, der als Scat-Max eine ebenso überraschende wie einzigartige Entwicklung hingelegt hat, Stimmung und Atmosphäre der Musik des großen Entertainers fast authentisch zu vermitteln und die persönliche Eigenheit zu bewahren. Er verfügt stimmlich, rhythmisch und im Ausdruck über Qualitäten, die ihn für Sinatras Musik geradezu prädestinieren. Mit virtuosen Scateinlagen verführt er zudem (live) nicht nur eine große Riege weiblicher Fans, die ihm zu Füßen liegen. Bei der Auswahl für das Album haben sich Häsler & Co. nicht allein auf die Überhits Sinatras verlassen, die in einem wunderbaren Medley natürlich auch Fans und deren Bedürfnisse zufrieden stellen dürfen.
Michael Scheiner

The Complete 1932-1940 Brunswick, Columbia and Master Recordings of Duke Ellington and his famous orchestra (11 CDs) – MOSAIC MD 11-248

Wer sich eingehender mit Duke Ellington beschäftigt, der kennt seine frühen Aufnahmen bis Anfang der 30er Jahre und die der Blanton/Webster Band ab 1940. Dass die Zeit dazwischen nicht nur eine Periode des Übergangs war, zeigt diese Zusammenstellung von MOSAIC in jeder Hinsicht mustergültig. Es ist spannend zu verfolgen, wie sich die rhythmischen und klanglichen Strukturen des Orches-ters veränderten. Die Besetzung wuchs von 12 Musikern auf 15, Lawrence Brown (tb, ab 1932), Rex Stewart (c, ab 1934), Billy Strayhorn (arr/p, ab 1939), Jimmy Blanton (b, ab 1939) und Ben Webster (ts, ab 1940) erweiterten Kreativität und Ausdrucksspektrum, der Übergang von Banjo auf Gitarre und vom weniger druckvollen “2”/”4” zum walkin’ bass gab der Band mehr drive – und Ellington schrieb mit zunehmender harmonischer Raffinesse ein hervorragendes Thema und Arrangement um das andere. Es gibt sehr viel zu entdecken – aus Platzgründen hier nur wenige Tipps. Schon in „Swing low” (1932), und auch später immer wieder, zeigt Johnny Hodges, dass er auf dem Sopransaxophon Sidney Bechet ebenbürtig war. „Diga Diga Doo” (1932) bringt die Band mit den Mills Brothers zusammen – eine ideale Kombination. „Let’s have a jubilee“ (1935) demonstriert, wie aus einem belanglosen Thema (nicht vom Bandleader) durch ein gutes Arrangement und erstklassige Solos ein sehr hörenswertes Stück werden kann.
Joe Viera

Kunkel/Degen/Kappich
Zitrone und Zimt

Konnex KCD 5270

Da verzieht‘s einem das Gesicht – Zitrone. Doch beim Zimt kommt alles wieder ins Lot. Die Nasenflügel weiten sich, ein wärmendes Gefühl macht sich breit. „Zitrone und Zimt“ nennen Bob Degen (p), Burkard Kunkel (bassetthorn) und Willi Kappich (dr, perc) ihren Erstling, eine vielversprechend orientalische (Duft-)Note, die sich musikalisch allerdings nicht sofort und unmittelbar erschließt. Am deutlichsten vielleicht noch, wie im namensgebenden Titelstück, im Spiel Kappichs auf den Tablas.
Damit öffnet er den Assoziationsraum ins exotisch bunte, duftende und klingende Indien. Musikalisch schwingt dieser Horizont beim stilistisch weit- und weltläufigen Schlagzeuger, der viele Jahre bei indischen Meistern studiert hat, fast beständig in homöopathischen Dosen mit. In Hinblick auf Weltmusikalische Ansätze ist das Frankfurter Trio dennoch gänzlich unverdächtig.
Mit einer im modernen Jazz heimischen, poetischen Expressivität setzt es auf formvollendete, präzise durchdachte Kompositionen und improvisatorische Freiheit. Die plötzlichen Stimmungsänderungen in unverhoffter Vehemenz bleiben in dem eher zurückgehaltenen Grundklang der Musik eine Ausnahme. Kammermusikalisch ruhige Stimmungen überwiegen. Melodische Ideen entfalten sich behutsam im aparten Spiel Burkard Kunkels und werden bis zum zart verfliegenden Klang ausgekostet.
Michael Scheiner

KK-Strings
Bullerjan Nächte

Preiser Rec./Naxos
EAN 9120013759960

Es geht um ein Streichquartett, klassisch, praktisch, klare Sache! Vier Leute, zwei Violinen, Bratsche, Cello, Literatur zum Spielen zuhauf aus Klassik, Rommantik, Moderne. So einfach ist´s aber nicht, machen sie sich´s nicht, die vier Streicher, die seit 1990 als KK-Strings das Genre in österreichisch gebrochener Musikalität aufmischen, ein bisschen morbid, distanziert, kreativ, originell, mit hoher Sorgfalt am Werk!
Axel Finder, Rolo Bentz, Dr. Flo und Jakob Krisper, spielen, singen, texten, komponieren, subversieren, insubordinieren, ironisieren, erweitern die klanglichen und stilistischen Mittel des Streichquartetts. Dies nicht allein, sondern mit Gästen, denen sie einen Tauschhandel in musikalischer Kreativität anboten.
Eine illustre Schar von Gleichgesinnten aus unterschiedlichsten musikalischen Regionen Österreichs schloss sich an: Hubert von Goisern, Angelika Kirchschlager, Georg Breinschmid, Milan Turkovic, Harri Stojka, Andie Gebauer, Casper Sacker, Peter Schuster, per Skype aus LA, Thomas Lang.
Heraus gekommen ist in einer entschleunigten Arbeitsatmosphäre am Bullerjan-Ofen ein Album voller Abwechslung zwischen Polka, Blues und Jazz, Liedermacher-Geschichten und Electronic, verfremdeter Kaiserhymne und indisch unterlegtem Jodeln, Rock und Oper, minimal music und klassischer Harmonisierung, Fin-de-Siècle und einem Globalisierungswienerlied – letzteres vielleicht der Schlüsselbegriff.
Tobias Böcker

Marilyn Crispell-Gerry Hemingway
Affinities

Intakt Records 2011

Die zierliche Dame am Flügel, deren spieltechnisches Vermögen immer wieder fassungslos macht, findet in Gerry Hemingway am Schlagzeug ein Pendant in Sachen extrem impulsschnellen Ausforschungen von Mikrostrukturen. Verbindendes Element – sozusagen der Nährboden für sämtliche Affinitäten – ist nicht zuletzt jener dezidiert perkussive Ansatz im Klavierspiel von Marilyn Crispell, die hier nun mal stark auf den Einflüssen Cecil Taylors aufbaut. Beide befeuern diesen Dialog mit Impulsen und drängenden Motiven. Crispell modelliert dabei Phrasen, die eine kühne innere Logik atmen – denn natürlich liebt sie auch Bach. Und die spirituelle Wärme ihrer melodischen Muster und Klangfarben verweist auf ihr Idol John Coltrane, dessen „A Love Supreme“ sie zum Aufbruch in freie Gefilde ermutigte und sie letztlich zu der experimentellen Tastenkünstlerin werden ließ, die sie heute ist. Nach brachialen, offensiven Konfrontationen nehmen diese Künstler sich zurück, um auf Samtpfoten so manches gläserne Labyrinth zarter Klangmeditation zu erkunden, um zuweilen auch das endlose Reservoire an Klängen und Tönen, zum Teil auf Glockenspiel oder „nackten“ Klaviersaiten, wie Spielzeug zu gebrauchen. Solche Begegnungen freier Improvisation entfalten oft erst ihre Magie, wenn sie live stattfinden. „Affinities“ präsentiert Stücke, die an verschiedenen Lokalitäten live aufgenommen wurden – und die getroffene Auswahl liefert dem Hörer genug Material, um auch das vielfache Hören auf Tonträger zum bereichernden Erlebnis zu machen.
Stefan Pieper

The Modern Jazz Quartet – John Lewis, Milt Jackson, Percy Heath, Connie Kay; 1957 Cologne, Gürzenich Concert Hall (Jazzline N 77 006)

Am 6. November 1957 war das Modern Jazz Quartet wieder zu Gast am Rhein. Eines der 12(!) Konzerte dieser Tour in Deutschland fand im wiedereröffneten Gürzenich in Köln statt, d.h. in einer gehobenen Konzertathmosphäre. Schon damals stellte die Kritik fest, dass der Jazz in Deutschland die wohlhabende Mittelklasse erreicht hatte. Damals wie heute war der WDR (wie so oft) dabei und schnitt das Konzert mit. Und nun wird es in der Jazzline-Reihe „WDR The Cologne Broadcasts“ wiederveröffentlicht. Natürlich fehlt in dem Programm nicht der Blick auf die MJQ Standards, dieses Mal „Fontessa“. Aber die vier Herren erlaubten sich, auch dem Saal angemessene Konzertstücke zu präsentieren, z.B. „The Queen’s Fancy“, dessen großorchestrale Aufnahme auf CD damals das Publikum schon begeisterte, oder in Erwartung des Weihnachtsfests den englischen Weihnachtschoral „God Rest `Ye Merry, Gentlemen“. An die Ursprünge ihrer Musik erinnerten sie nachdrücklich mit einem unglaublich swingenden „Bluesology“. Und natürlich durfte der aktuelle Jazz der Zeit mit „A Night In Tunesia“ und Woody’n You“ nicht fehlen. Insgesamt ein sehr überzeugender Auftritt der vier Herren im Abendanzug, die aber alle Qualitäten des aktuellen Jazz deutlich machten, große Improvisationskunst, die sich um die Quellen des Jazz bewegt und nicht zuletzt ein mitreißender Swing.
Im Begleittext nimmt Carsten Mützelfeldt ein spannendes Stück deutscher Jazzgeschichte unter die Lupe.
Hans-Jürgen von Osterhausen

Oscar Peterson Trio – With Ray Brown & Ed Thigpen; 1961 Cologne, Gürzenich Concert Hall
Jazzline N 77 004

Und noch eine WDR Aufnahme aus dem Kölner Gürzenich, dieses Mal des Jahres 1961. Ein paar Jahre existierte das Trio mit Ray Brown und Ed Thigpen bereits, Zeit genug, um ein ziemlich faszinierendes Bild dieses virtuosen Pianisten zu vermitteln, dem man zu Recht bescheinigt, dass er nur von Art Tatum in dieser Virtuosität übertroffen wurde. Dass die Kritik ihm auch oft bescheinigte, er verfalle immer wieder in die sogenannte Stereotype, kümmerte das begeisterte Publikum wenig. Natürlich gehörte dieses Trio nicht zu den Wegbereitern einer sich immer weiterentwickelnden Musik. Aber sie demonstrierten einen sehr hohen Level an begeisterungsfähiger Musik, die über den Atlantik herüber das europäische und auch das zumindest junge deutsche Publikum in seinen Bann zog. Peterson spannte den Bogen weit, von populären Titeln aus der Feder von Richard Rogers (My Heart Stood Still, My Funny Valentine) oder George Gershwin (Liza) hin zu Kompositionen der Kollegen, die alle damals an der Spitze dieser sich weltweit ausbreitenden Musik standen: Duke Ellington („Band Call“), Dizzy Gillespie („Con Alma“), Ray Bryant („Cuban Chant“), Benny Golson („I Remember Clifford“). Nicht überraschend ist es, dass die meisten Stücke nach dem gleichen Muster verlaufen. Nach einer blumenreichen Eröffnung durch den Meister folgt eine treibendes und ungeheuer swingendes Hin und Her zwischen den drei Meistern, um dann wieder in einem betörenden Finale zu Ende zu gehen.
Hans-Jürgen von Osterhausen

Sylvie Courvoisier-Mark Feldman Quartett: Hotel du Nord
Intakt Records 2011

Die Pianistin Sylvie Courvoisier und der Geiger Marc Feldman sind künstlerisch wie privat ein Paar und haben vor zwei Jahren ihre Duo-Besetzung zum Quartett ausgeweitet.
Die Ausstrahlung dieser Konstellation ist immens, das zeigten etliche euphorisch aufgenommene Live-Auftritte. Jetzt hat dieses Quartett seine zweite CD auf dem Intakt Label vorgelegt. „Hotel du Nord“ zeigt, wie die Pianistin und der Geiger miteinander verzahnt sind. Großes Hörkino gleich zu Anfang: Etwa, wenn Courvoisier eine Ostinato-Skala aufwärts steigen lässt, die wiederum Feldman das Rückgrat für sein flammendes Violinspiel gibt.
Dieses besticht beim New Yorker Geiger einmal mehr durch die spezifische Tongebung auf Hochspannung, seine Fähigkeit zur leidenschaftlichen Verdichtung sowie etlichen wagemutigen und treffsicher eingesetzten spieltechnischen Anleihen an außerwestliche Spieltechniken – nicht nur wenn Feldman in einigen Momenten die schwirrenden Impulse einer indischen Sarangi nachempfindet. Und es wird noch viel mehr aus alldem: Thomas Morgan liefert dunkle Hintergrundfarben für eine oft regelrecht expressionistische Klangmalerei. Schlagzeuger Gerry Hemingway agiert mit seinen blitzschnellen Impulsen und einer endlosen Variabiliät als Motor und Bindeglied zugleich.
Sie schöpfen aus dem Erbe der musikalischen Moderne im 20. Jahrhundert und vereinen kühne Avantgarde mit beredter Empfindsamkeit.
Stefan Pieper

 


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