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Jazzzeitung

2011/04  ::: seite 5

berichte

 

Inhalt 2011/04

Inhaltsverzeichnis

STANDARDS

Editorial / break / Nachrichten aus der Jazzszene / kurz, aber wichtig Jazzlexikon: Edward „Kid“ Ory Farewell: Kurt Maas / Ray Bryant Geschichte: Vor zwanzig Jahren verstarb der Trompeter Miles Davis no chaser: Jazz schlägt Shakespeare


TITEL -
Ein bisschen leise...
Scofield & Metheny und ihre neuen Alben


Berichte

German Jazz Trophy 2011 für Dave Holland // 40. Moers Festival für Improvisierte Musik // Die dritte Auflage von „Sounds No Walls“ // 29. Südtirol Jazz Festival Alto Adige // 30. Bayerischen Jazzweekend 2011 // Sonny Simmons – in Dankbarkeit // George Gruntz Concert Jazz Band in Neuburg


Portraits

Mo’ Blow // Sabine Müller // Der Schlagzeuger Jochen Rückert // Caroline Thon


Jazz heute und Education
Bert Noglik übernimmt künstlerische Leitung des Jazzfestes Berlin // Das neue Jazz-Label Egolaut in Leipzig // Abgehört: Weite dynamische Sprünge
Ein Live-Solo des Posaunisten Eddie Bert

Rezensionen und mehr im Inhaltsverzeichnis

 

Letzter Jahrgang?

Die dritte Auflage von „Sounds No Walls“

Ein musikalischer Brückenschlag war angesagt: Die über den Globus gelegte Achse Berlin – Tel Aviv – New York musste rollen, sich drehen und zumindest anklingen, wenn es im dritten Jahrgang des Festivals „Sounds No Walls“ um „Jazz & Jewish Culture“ gehen sollte.

Dieses 2009 im Deutschen Historischen Museum Berlin gestartete und voriges Jahr in Philharmonie und Quasimodo angelangte Festival, Themenschwerpunkte waren erst Jazz aus Polen und dann aus Südafrika, wurde nun im Jüdischen Museum der Hauptstadt ausgetragen und schuf sich damit seinen ganz zentralen Ort. In enger Korrespondenz zur passenderweise zeitgleich dort ausgerichteten Sonderausstellung „Radical Jewish Culture“ sind die Wegmarken der Verbindung von Jazz und Jüdischer Kultur abgesteckt worden.

Der aus Leipzig stammende Jazz-Experte und -Publizist Bert Noglik hatte „Sounds No Walls“ seinerzeit ins Leben gerufen und dieses Festival Jahr um Jahr klug disponiert. Nun ist er (siehe hierzu nebenstehendes Interview) zum Künstlerischen Leiter ans Jazzfest Berlin berufen worden, Start 2012.

Die Chancen seiner „Sounds No Walls“ scheinen damit ziemlich ausgereizt, aber womöglich geht das eine ja im anderen auf? Ideen dazu gibt es viele, spruchreif scheint derzeit noch nichts.

Doch ein Blick auf den zum Sommeranfang gelaufenen Jahrgang beweist, dass es Noglik an Ideen nicht mangelt. Mit Sängern wie Efrat Alony und Avishai Cohen graste er das israelische Jazzland ab, im Gitarristen Elliott Sharp, beim Trompeter Dave Douglas und mehr noch in den skurrilen Duo-Partnern Perry Robinson (Klarinette) und Burton Greene (Piano) fand er jene Protagonisten der amerikanischen Ostküste, die den vielbeschriebenen Schmelztiegel mit authentischen Klangfarben der Diaspora anzureichern verstehen, ohne je ins Folkloristische abzudriften. Der in Berlin lebende Klangmagier David Moss brachte räumliche wie inhaltliche Pole zusammen und sorgte einmal mehr für Betroffenheit, bei der die peinliche Seite dieses Begriffs erst gar nicht in den Sinn kam.

Mit seiner dem eigenen Vater gewidmeten Performance „A Canticle for Roy“ gelang ihm ebenso ein Extraprojekt zum diesjährigen Festival wie Elliott Sharp im virtuosen Zusammenspiel mit dem Sprecher Christian Brückner bei „Survivor‘s Lament“, einem ergreifenden Klagelied mit Texten der „Todesfuge“ von Paul Celan und Gedichten von Erich Fried. Kontrast von jenseits des Atlantiks bot die Stimmakrobatin Shelley Hirsch, deren eigenwillige Darbietung zwar nicht jedermanns Sache war, die aber mit mutiger Konsequenz zu stilistischer Unverwechselbarkeit fand. Zu einem Brückenbauer wie Avishai Cohen steht das nicht im Widerspruch, sondern zeigt die schillernde Vielfalt der Möglichkeiten, jiddisches Erbe mit internationalem Experiment zu bereichern. Der Sänger und Kontrabassist hat den biografisch erfahrenen Spagat vom Kibbutz hin zum Big Apple und wieder zurück nach Israel hörbar gemacht, das Motto „Jazz & Jewish Culture“ somit in eins gesetzt.

Dass Schönklang mitunter recht schmerzvoll sein kann, unterstrich Triophilia um Alan Bern, jenen Berliner aus Bloomington, mit traurig-lustvoller Nähe zum Klezmer. Den rührenden Witz dieser Musik brachten auch der New Yorker Klarinettist und Saxofonist Don Byron mit seinem spielwütigen Ensemble in einer Hommage an den 1985 verstorbenen Mickey Katz sowie die Band Sadawi um Paul Brody zur Geltung. Die Pianistin Anat Fort hingegen betonte amerikanische Jazztraditionen, überzeugend assistierte ihr dabei der kurzfristig für Zohar Fresco eingesprungene Schlagzeuger Gilad Dobrecky.
Das Festival „Sounds No Walls“ 2011 im Jüdischen Museum Berlin mit der so wunderbaren wie sehenswerten Sonderausstellung „Radical Jewish Culture“ (8. April bis 24. Juli 2011) korrespondieren zu lassen, erwies sich als besonderer Glücksfall.

Dem Publikum wurden darin klingende und visuelle Informationen geboten; ein Musiker wie David Krakauer, der in der Szene um John Zorn – dessen „Kristallnacht“-Projekt sich wie ein Leitfaden durch die unangepasste Melange jazzig-jüdischer Widerständigkeit zog – die unerschöpflichen Potentiale des Klezmer auszuloten versucht, war sowohl als „museale Gestalt“ als auch im Konzert zu erleben und wurde, versteht sich, im Saal des Glashofs heftig gefeiert.
Gut möglich, dass der dritte schon der letzte Jahrgang von „Sounds No Walls“ gewesen ist.

Der Geist dieses in gesellschaftlichen Kontexten von Historie und Gegenwart fest verankerten Festivals wird im Jazzfest Berlin aber fortleben, so viel ist sicher.

Michael Ernst

Lesen Sie dazu auch unser Interview mit Bert Noglik auf S. 18 dieser Ausgabe!

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