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Jazzzeitung

2009/04  ::: seite 13-14

rezensionen

 

Inhalt 2009/04

Inhaltsverzeichnis

STANDARDS

Editorial / break / Nachrichten aus der Jazzszene / kurz, aber wichtig / ABC: Lester Young ist schuld / Farewell: Charlie Mariano starb mit 85Abschied von Bud Shank


TITEL -
Jazz im ganz nahen Osten
Eine Rückschau ins Land der Improvisateure mit Ausblick


DOSSIER
- Auf den Spuren des Balkan Jazz
Gespräche mit Nicolas Simion und Theodosii Spassov

Berichte
Jazz an der Donau im Juli 2009 // jazzopen Stuttgart 2009 // Jugend jazzt-Landessieger treffen Hannover // Jazz Sommer 2009 im Hotel Bayerischer Hof // 27. Südtirol Jazz Festival // Vorschau: 50 Jahre Blechtrommel: die beiden Günters arbeiten wieder zusammen


Portraits

Jon Balke // Esther Kaiser // Rainer Tempel // Julian und Roman Wasserfuhr // Marcel Worms // Labelporträt: Euphorium Records


Jazz heute und Education
Münchner Kritikerband „La Banda“ wagt den Schritt an die Öffentlichkeit // Große Parteien beantworten Wahlprüfsteine der BKJazz // Abgehört: Charlie Hadens Solo „Focus On Sanity“

Rezensionen und mehr im Inhaltsverzeichnis

 

CDs - abgehört

Till Martin Quartet
Ding Dong

petit paquet records 05

Till Martins Horizont ist weit gespannt. Kein Tellerrand beschränkt seinen Blick, keine Berührungsängste stilistischer Natur engen ihn ein. Er zeigt Klasse in Satz und Solo als prägendes Mitglied von Al Porcinos Big Band, spielt weltmusikalisch im Ensemble Sarband “Die Arabische Passion nach J.S. Bach”, abenteuert mit Amorphous durch jazzig-elektronische Landschaften, erforscht mit dem Rosebud Trio gemeinsam mit Geoff Goddman und Johannes Herrlich Jazz, Filmmusik und Cowboysongs, bleibt dem Grundrauschen auf der Spur und dabei zugleich ganz alltagsbezogen mit seiner Musik für Wohnzimmer. Die neue – sechste – CD des Müncheners, live aufgenommen bei zwei Gelegenheiten im Januar und Mai 2008, repräsentiert die große Bandbreite des Tenorsaxophonisten mit dem so sachlich schlanken wie ästhetisch kultivierten Ton. Moderne Mainstream Orientierung, der elektrische Jazz der 70er und Impulse aus der mittelöstlichen Musik werden in der musikalischen Sprache hörbar. Die CD enthält ausschließlich Eigenkompositionen: Sensible Transparenz und stete Beweglichkeit in klar bemessenen Räumen, die weder beengen noch beängstigen, Luft zum Atmen lassen und zugleich zum Rundgang auffordern. Mit Henning Sieverts an Bass und Cello sowie Bastian Jütte, dr, hat Martin ein sensibel aufeinander eingespieltes Rhythmusgespann an seiner Seite, mit Christian Elsässer einen erstaunlich flexiblen und variantenreich aufspielenden Pianisten, der auch dem Fender Rhodes markante Eigenständigkeit entlockt.
Tobias Böcker

Mayra Andrade
stória, stória…

RCA Victor/ Sony Music

Sesshaftigkeit liegt Mayra Andrade nicht gerade im Blut. Die 24-Jährige stammt aus Kuba, wuchs heran auf den Kapverden, in Senegal, Angola und Deutschland; derzeit lebt sie in Paris. Kein Wunder, dass sich auch in ihrer Musik ganz verschiedene Einflüsse treffen. Grundlage ist die kapverdische Folklore, die ihrerseits afrikanische und portugiesische Traditionen vereint. Auf ihrem zweiten Album „Stória, Stória“ verknüpft die Sängerin den musikalischen Facettenreichtum der Atlantikinseln mit Stilen aus Westafrika und Lateinamerika. Die temperamentvolle kapverdische Funaná hat hier etwas von einer Samba an sich; die melancholische Morna klingt nach „Buena Vista Social Club“. Eine Bandera, den kapverdischen Walzer, unterlegt Mayra Andrade mit eleganten Jazz-Bläserchören. Federleicht wie ein französisches Chanson kommt die kapverdische Mazurka mit ihrer Akkordeon-Begleitung daher. Und ein Jazzpiano ergänzt den leichtfüßigen rituellen Tanz namens Batuku. Die Begleitung für Mayra Andrades interessant überhauchte Stimme besteht aus Gitarre, Bass und Perkussion. Hinzu gesellen sich diverse Gäste: ein Kora-Spieler aus Guinea, die Perkussionisten einer Sambaschule, der kubanische Pianist Roberto Fonseca und ein brasilianischer Kinderchor. Mayra Andrade hat Talent fürs Songwriting. Luftig und beschwingt sind ihre Lieder. „Seu“ etwa, eine Ode an die Kraft der Musik, hat eine bittersüße, melancholische Melodie, die von Trompete und Cello umtänzelt wird. Das Album erfrischt wie ein Himbeer-Sorbet.
Antje Rößler

Rainer Tempel
Tempelektrisch

Jazz’n’Arts 4409

Der Strom kommt aus der Steckdose. Gute Musik braucht mehr als das. Für solches Mehr gibt’s Komponisten, Arrangeure, Musiker wie Rainer Tempel. Der 37-jährige Wahl-Tübinger, nach seinem Studium in Nürnberg auch ohne Wanderjahre binnen einer Dekade zu einem der wichtigen Jazzschreiber und Projektausdenker des Landes avanciert, legt immerhin schon sein 14. Album unter eigenem Namen vor. Immer wieder was Neues, diesmal im optimal besetzten Septett! Axel Schlosser, tp, Christian Weidner, as, Nils Wogram, tb, Frank Möbus, g, Jim Black, dr, und Wolfgang Zwiauer, b, Tempels Professorenkollege an der Musikhochschule Luzern, sind mit von der Partie, garantieren für eine Elektrizität, die mehr in der Musik als an den Instrumenten liegt. Tempel sinniert im Klappentext über die Möglichkeiten moderner Synthesizer, bekennt sich dann aber klar zu einem elektrischen Instrument, dessen Stärke es eben nicht ist, Natursounds zu imitieren, sondern am eigenen Sound erkennbar zu sein: Das Fender Rhodes harmoniere ohnehin zuweilen besser mit Blasinstrumenten. Zugleich differenziert und kraftvoll ist die Musik auf der neuen Scheibe, erinnert durchaus an die gute alte Zeit, in der das Rhodes neben den ersten polyphonen Synthies noch unangefochten die Bühnen zierte, gibt bei aller durchgearbeiteten Struktur der Phantasie der Solisten genügend Raum und überrascht mit herrlichen Farben und kurvenreich wendigem Drive. Da schlägt das Spannungsmessgerät schon mal oben an.
Tobias Böcker

Jaime Cuadra
Cholo Soy

Happy Hours Records 2022, in-akustik

Globalista funktioniert! Man muss nur die richtigen Kontakte haben, am besten nach Hollywood. Wie Jaime Cuadra aus Peru, dessen Musik den James-Bond-Film „Ein Quantum Trost“ polstert. Mit diesem Popularitätsschub kann der Komponist, Multiinstrumentalist und Produzent gelassen durchstarten. Dabei bekennt er sich zu „Cholo Soy“, nämlich ein Mestize und unabhängig zu sein. Und so ist seine Musik auch eine ziemlich eigenwillige Fusion aus Latino-Tristeza und Rap-Gesang in „Cariño mala“, wo ein Bassklarinetten-Motiv sich quer zum Elektrobeat stellt. Die Lounge-Atmosphäre seiner Songs wird oft von solchen fremden Timbres gesprenkelt, etwa wenn Klangfetzen eines Akkordeons seine schmachtende Stimme im peruanischen Hit der 1970er „Regresa“ begleiten. Oder Step-Perkussion das Samba-Ambiente in „La Valse créole“ unterstützt. Typischer Chanson-Stil für „La noche de tu ausencia“ bekommt einen Dreh zum Jazz durch improvisierende Flöte und zu „Cardo o ceniza“ schmücken elegante Gitarrenornamente den Latinswing. Prominente Gefährten auf seinem Album sind die Sängerinnen Eva Ayllón und Susana Baca sowie der 80-jährige Vokalist Luis Abanto Morales, der im modern aufgepeppten „Cholo Soy“ nostalgische Tupfer hinzufügt. Nichts ist eindeutig, denn Jaime Cuadra versucht offenbar, der konservierten Gefühls- und Klangwelt der Andenkultur einen Kick zur postmodernen Gegenwart zu geben. Das gelingt ihm zwar technisch perfekt, aber sein Konzept ist doch manchmal zu oberflächlich.
Hans-Dieter Grünefeld

Eldar: Virtue
Sony Classical 88697558662

Der mittlerweile 22-jährige, in Kirgisistan geborene Pianist Eldar Djangirov ist schon lange kein unbeschriebenes musikalisches Blatt mehr. Als dreijähriger begann er Klavier zu spielen, debütierte bereits mit neun Jahren und zog mit seinen Eltern kurz danach in die USA. Anfänglich noch verhaftet in einer klassisch geprägten Ausbildung, folgte Eldar der Vorliebe seines Vaters für Jazz und orientierte sich stilistisch zuerst an Oscar Peterson und Bill Evans. „Virtue“, sein mittlerweile viertes Album bei Sony Music, wird Mitte September auch in Deutschland erscheinen. Nach seinem Grammy-nominierten Album „re-imagination“ von 2008 ein gelungener Nachfolger! Eldar präsentiert auf „Virtue“ überwiegend eigene Kompositionen im Trio mit Jose Armando Gola und Ludwig Alfonso, zu denen sich Nicholas Payton, Joshua Redman und Felipe Lamoglia als Gastmusiker gesellen. Im Vergleich zu seinen vorigen Alben hat er sich beachtlich weiter entwickelt, obwohl nicht zuletzt Virtuosität auch auf „Virtue“ immer wieder hervorsticht. Bei allem Respekt vor Können oder „Tugenden“ wären ab und zu ein paar Töne oder Läufe weniger manchmal etwas mehr, aber Eldars ungestümes Spiel sei ihm angesichts seiner Jugend noch verziehen. Die Stücke sind trotz allem ausgewogen, beseelt, vor allem aber im harmonischen Kontext mit den Musikern. Das Zusammenspiel funktioniert intuitiv, man folgt einander gemeinsam, so wie es sich entwickelt.
Thomas J. Krebs

Sara Tavares
Xinti

World connection/ edelkultur

Ihre kapverdischen Eltern kamen einst als Gastarbeiter nach Portugal – Sara Tavares gehört also zu jenen Einwanderern zweiter Generation, die sich oft weder im Geburtsland noch in der Heimat der Vorfahren wirklich zuhause fühlen. Inzwischen ist Sara Tavares 30 Jahre alt und beutet als Musikerin ihre vermeintlich gebrochene Identität kreativ aus. Auf „Xinti“, ihrem nunmehr sechsten Album, demonstriert die Sängerin und Gitarristin einen individuellen, multikulturell globalisierten, urbanen Sound. Jazz und Soul spielen darin eine Rolle, die melancholische kapverdische Morna, portugiesischer Fado und westafrikanische Rhythmen. Sara Tavares’ Herkunft spiegelt sich auch im gesungenen Sprachenmischmasch wider: Portugiesisch ist auf der Platte zu hören, das kapverdische Kreol und der Lissaboner Straßenslang der Exil-Afrikaner. Sara Tavares hat die Stücke allesamt selbst geschrieben. Mal geht es ausgelassen zu, dann wieder melancholisch. Die Lieder tragen poetische Titel wie „Voz di Vento“ (Stimme des Windes), wo sich eine schwermütige Melodie über einem langsamen Samba-Rhythmus entfaltet; dazu tropfen kühle Vibraphontöne. Zum Tanzen lädt das perkussionslastige und funkig angehauchten „Keda Livre“ (Im freien Fall) ein. Der letzte Track enthält eine Tonspur mit dem Straßentreiben Lissabons: Wortfetzen, Hundegebell und Autohupen gesellen sich zur Lagerfeuer-Gitarre; darüber kreiselt elegisch die Stimme...
Antje Rößler

Anne Czichowsky Jazzpartout
Rise

Neuklang

„Mein Instrument ist die Stimme“, sagt Anne Czichowsky entschieden. Vergangenes Jahr hat die Stuttgarter Sängerin sich beim „Jazz Singer Contest“ in Finnland gegen 16 Sängerinnen aus 15 Ländern behauptet. Gleichzeitig legte Anne Czichowsky mit ihrem Quintett Jazzpartout ihr Debüt vor. Dem instrumental orientierten Gesang, der mit eigenen Texten unterlegt wird, kommt Czichowsky sehr nah. Sie intoniert perfekt, phrasiert mit viel Gespür, besticht durch geschmeidige instrumentale Führung, solistisch stets stilsicher. Es wäre verfehlt, einzig den Stimmumfang als Maßstab zu nehmen. Versteht sich, dass sich die Sängerin intensiv mit den Texten auseinandergesetzt hat. Kompositionen wie Pat Metheny´s „As It Is“, Chick Corea´s “Spain” oder Miles Davis´ “Some New Flamenco Sketches” bekommen eine neue Note. Eindrücklich setzt Czichowsky ihre Stimme als Instrument ein, rückt dem Bebop mit Scats, ideenreichen Vokaleinlagen, zu Leibe. Ihr unbedingter Gestaltungswillen ist bewundernswert. Die Fähigkeit, derartige Originalkompositionen der Großen des Jazz sich zu eigen zu machen, mit gutem Gespür für das Wesentliche und großer Feinfühligkeit, bescheinigte Lauren Kinhan von den New York Voices im Covertext der CD. Mit Vokalisen jeglicher Art, dem Hinzufügen von Texten zu einem vorher nur als Instrumental bekannten Titel, kennt sich Anne Czichowky eben aus. Mit Jazzpartout ist sie auf dem richtigen Weg.
Reiner Kobe

Marc Brenken Trio
It could happen to you

Marc Brenken Music 2009

Unerbittlich treibend und federleicht zugleich rotieren rasche Sechsachtel, ein plakatives melodisches Thema baut sich auf – fast so, als wenn gerade der Vorspann eines Films zu inszenieren wäre. Geschmeidig lässt Marc Brenken seine die rasanten Klavierläufe wie die Tropfen eines warmen Sommerregens dahin perlen. Dann wird im satten Crescendo noch mehr Gas gegeben – bzw. im Falle des Essener Pianisten – wohl eher fest in die Pedale getreten! Leidenschaftlich mag er nämlich nach eigenem Bekunden das Radfahren durch die Landschaft. „Durch den Regen fahren“ heißt dann auch der überaus stimmige Opener seiner aktuellen zweiten CD, diesmal im „klassischen“ Trioformat. In Musik gegossene persönliche Stimmungen, rhythmisch trickreich servierte Modern-Jazz- Arrangements oder auch ein bodenständig beginnender, aber dann sich spannend verästelnder Blues sowie Balladen und frischer Uptempo-Swing – Marc Brenkens Trio übertrifft sich darin, solches Vokabular mit individueller Note auszuformen und trickreich gegen den Strich zu bürsten. Bassist Alex Morsey hält mit abgrundtiefen, ausdrucksstarken Linien bei der Stange, Schlagzeuger Marcus Rieck befeuert all dies mit spontanen Impulsen, wird Marc Brenkens Vorliebe für aufbrausende Crescendi mehr als gerecht. Herausgekommen ist – wieder in Eigenproduktion! – ein entspanntes, ja sehr aufgeräumtes Jazzalbum.
Stefan Pieper

Otis Taylor
Pentatonic Wars and Love Songs

Telarc Blues CD 83690

Otis Taylor ist ein außergewöhnlicher Bluesman. Bereits in den siebziger Jahren war er musikalisch aktiv, orientierte sich beruflich dann allerdings anderweitig, um 1995 wieder zum Blues zurückzukehren und zu beweisen: musikalischer Stillstand ist überhaupt nicht sein Ding. Was könnte seine Fans nach grandiosen Alben wie “Truth Is Not Fiction” oder dem gelungenen 2008er Coup „Recapturing The Banjo” nun interessieren? Die Antwort: Love Songs! So legt Taylor mit seinen 61 Lenzen auf der aktuellen CD „Pentatonic Wars & Love Songs“ ein Album mit Liebesliedern vor. Gute Idee - vor allem aber noch bessere Umsetzung: Man begegnet in seinen Songs einem Lover der seine Geliebte umbringt, lauscht dem Verliebtsein eines achtjährigen farbigen Jungen in ein gleichaltriges weißes Mädchen, erfährt von verzweifelten Liebesbeweisen oder hört die Geschichte über einen Silberdollar, der Schmerzen nimmt, wenn man ihn auf die Stirn legt. Otis Taylors Blues zeichnet sich aber nicht nur durch intensive Texte aus, gerade seine musikalische Umsetzung ist einzigartig und erfrischend abwechslungsreich für ein Blues Album. Mit von der Partie ist hier das Jason Moran Trio (!) mit Tarus Mateen & Nasheet Waits. Gary Moore oder Ron Miles sorgen für weitere geniale Überraschungsmomente und auch Tochter Cassie Taylor übernimmt wieder einfühlsam einige Gesangsparts. Genau diese Vielfältigkeit macht seinen Blues so reizvoll.
Thomas J. Krebs

Sebastian Sternal Trio
EINS

Double Moon/Sunny Moon

EINS, ein einfacher wie nahe liegender Titel für die erste CD einer Band, gleichzeitig ein versteckter Hinweis auf das bereits siebenjährige Einssein des Trios. Was es präsentiert, ist einzig in seiner harmonischen Verquickung von eingängigen Melodien mit rhythmischen Brüchen. Vordergründige Leichtigkeit und ein facettenreiches Melodienspiel sowie komplexe Wechsel der Rhythmen verbinden sich hier zu einer spannenden atmosphärischen Dichte, die den Hörer einstimmt auf eine abenteuerliche Reise in seiner eigenen Gedankenwelt. Beeinflusst ist die musikalische Welt des Sternal Trios von der Klassik (Debussy, Brahms Mendelssohn) wie von Miles Davis, Brad Mehldau, dem Filmkomponisten John Williams sowie folkloristischen Einflüssen. „Die Kraft und Vitalität folkloristischer Musik finde ich faszinierend – sie ist oft einfach, ohne simpel zu sein“, sagt der Mainzer Pianist Sebastian Sternal (*1983), der fast alle Stücke des Trios komponiert. Bereits im Alter von sechs hat Sternal mit einer klassischen Klavierausbildung angefangen und ist bereits mit elf über seinen Lehrer zum Jazz gekommen. Als frühes Mitglied des Landesjazzorchesters Rheinland-Pfalz, des Bujazzo unter der Leitung von Peter Herbolzheimer folgten zahlreiche Konzertreisen ins In- und Ausland. Außerdem hat er bereits mit Jazz-Größen wie John Ruocco, David Binney und Dee Dee Bridgewater gespielt. Seit 2003 an der Hochschule für Musik Köln, studierte er bei John Taylor und Hubert Nuss Jazz-Piano, machte 2007 sein Diplom und setzt nun sein in Paris begonnenes Kompositionsstudium bei Joachim Ullrich fort; gleichzeitig hat er einen Lehrauftrag für Harmonielehre und unterrichtet an den Hochschulen von Mainz und Osnabrück Jazz-Piano. Auch Sebastian Klose (b) und Axel Pape (dr) haben sich Namen als hervorragende Musiker gemacht, sie gelten als eine der meist gefragten Rhythmusgruppen im Rhein-Main-Gebiet. Eindeutig profitiert das musikalische Zusammenspiel der Drei von der langen gemeinsamen Entwicklung, „die Dinge werden selbstverständlich und man kann sich ganz auf die Musik konzentrieren“, so Sternal. Das hört man: Der Funke springt über!
Anne Kotzan

Tubby Hayes
The little giant

PROPER BOX 117 (4 CDs)

England ist Europas ,,Tenor Country“. Nirgendwo sonst gab es soviele exzellente Tenorsaxophonisten: Don Rendell, Ronnie Scott, Danny Moss, Jimmy und Allan Skidmore, Kathleen Stobart, Tony Coe, Andy Sheppard, Barbara Thompson, Courtney Pine…Doch der bedeutendste von allen war wohl Tubby Hayes, in Ton wie Phrasierung, Technik wie Spielleidenschaft. 71 Aufnahmen zwischen 1954 und 1956 (wieder ein Pluspunkt für PROPER) demonstrieren eindrucksvoll, welche erstaunlichen Fortschritte er in dieser kurzen Zeit machte. Sein Oktett von 1955 dürfte damals in Europa fast konkurrenzlos gewesen sein. Man höre sich dazu etwa ,,Final Selection“ an mit den Solos von Tubby Hayes, Derek Humble und vor allem auch Jimmy Deuchar. Tubbys allzufrüher Tod 1973 im Alter von nur 38 Jahren war ein großer Verlust für den europäischen Jazz.
Joe Viera

Sputnik 27
Back on Earth

dml-Records 011 / Fenn Music

Der Name des Percussionisten und Schlagzeugers Bernd Settelmeyer taucht immer wieder auf, wenn sich ein neues Projekt aus dem Stuttgarter Raum zu Wort meldet. Phon B, As You Like It oder Limes X sind einige weitere Bands, mit denen der vielseitige und rege Musiker arbeitet. Liebhaber des schottischen Künstlers Andy Goldsworthy kennen seine Musik als Soundtrack des beeindruckenden Dokumentarfilms „River and tides“. Bei „Sputnik 27“ mit Jo Ambros an der Gitarre – akustisch/elektrisch – Michael Deak am Bass und Carsten Netz an Saxofon und Klarinette ist der Name Programm. Das versteht aber wiederum nur, wer eine Live-Performance mit Spracherzieher Urs Klebe aus Stuttgart miterleben konnte, der Texte des Warmbronner Bauern und Poeten Christian Wagner über ferne Planeten, das Weltall, die Entstehung von Gestirnen und das dortige Leben zur Musik des Quartetts vorträgt. Entstanden vor rund hundert Jahren, stehen die teils seltsam skurrilen und anrührenden Texte der komplexen, rhythmisch und klanglich differenzierten Musik Settelmeyers kaum nach. Von den zehn Titeln stammen acht aus der Feder des kreativen Schlagzeugers , darunter die Bearbeitung eines makedonischen Reigenliedes, zwei sind Kollektivkompositionen. Stilistisch deckt die Band ein breites Spektrum von östlichen Folksounds über Klezmer bis hin zu freien Klangexkursionen ab. Zwischen hingetupften, fast verloren wirkenden Klang- und Tonmalereien und heftig erregten Ausbrüchen tut sich eine faszinierende Fülle von Sinneseindrücken auf.
Michael Scheiner

Stefan Grasse
Echos einer Stadt

Xolo 1015, Galileo

Von innen und von außen nimmt Stefan Grasse die „Echos einer Stadt“ wahr. In seinem Auftrag entstand die „Nürnberg-Suite“ für Gitarre solo. Fünf ortsansässige Komponisten haben historische Momente ausgewählt, die zusammen ein signifikantes Porträt ergeben. Ein “Welscher Tanz mit absonderlichen Variationen” von Heinrich Hartl moduliert untypisch zu Jazzrhythmen, ein suchender Impetus in weiten Intervallen symbolisiert für Volker Blumenthaler wie “Dürer zählt”, Johann Pachelbel wird von Vivienne Olive in “Another One For J. P.” zitiert , synkopierte Motive reiben sich in der “Toccata meccanica” als Etüde für Gitarre und Metronom, die Nationalhymne wird von Stefan Hippe” mit dissonant nervösen Akkorden durch den “Marsch 1933-1945” geschickt und über die Stadt der Menschenrechte hat nochmals Heinrich Hartl polystilistisch nachgedacht. Diese Miniaturen präsentiert Stefan Grasse als Gitarrenmeister vieler Genres, die er trotz aller Unterschiede subtil gestalten kann.
Blickwinkel aus Partnerstädten von Nürnberg ergänzen das Programm und, so mit dem kaledonischen “Slip Jig Blues” von Edward McGuire aus Glasgow, dessen “Drei traditionale Chinesische Tänze” auch auf Shenzhen hinweisen. Mediterranes Ambiente zeigt sich bei “Coplas del Ruiseñor” von Thomas Brendon Wilson und Kontemplation in den “Callanish”-Stelen von John Maxwell Geddes, indem er gälische Psalmen und Improvisation kombiniert. Ein poetisches und zugleich sehr individuelles Album eines engagierten Gitarristen aus Deutschland.
Hans-Dieter Grünefeld

Peter Schärli Trio feat. Ithamara Koorax
Obrigado Dom Um Romão

TCB 27702

Der musikalische „Dank“ an den großartigen brasilianischen Schlagzeuger-Percussionisten Dom Um Romão weist einerseits auf dessen Bedeutung für die Arbeit des Schweizer Trompeters Peter Schärli und auf seinen Einfluss auf die populäre Musik Brasiliens überhaupt hin. Der frühere Weather Report und Musiker von Sergio Mendes war es auch, der Schärli mit der in Brasilien und den USA sehr populären Sängerin Ithamara Koorax bekannt gemacht hat. Kurz vor einer gemeinsamen Tour verstarb Dom Um Romão 2005 und die Band blieb auch für die Aufnahmen zum aktuellen Album schlagzeuglos. Lediglich auf einem Titel, das neben Klassikern von Cole Porters „Love for sale“ und Sergei Rachmaninoffs „Vocalise“ Traditionals und nur ein Original von Schärli enthält, ist Dom Um auf der Berimbao – dem typischen brasilianischen Musikbogen – zu hören. Wenn der Schweizer mit der Brasilianerin – dann kommen keineswegs unversöhnliche Gegensätze heraus, sondern ein herrlich beflügeltes, sinnliches Album voller Charme und tänzerischer Anmut. Auf exquisitem Niveau fabriziert Peter Schärli in Besetzung mit Thomas Dürst (bass), Markus Stadler (guitar) und Sängerin Koorax fließenden „Brazilian Jazz“ zwischen melancholischer Coolness und mitreißender Lust. Die beiden ergänzen sich hervorragend. Schärli umgarnt Koorax, diese hebt zum Höhenflug mit dem Poeten auf der Trompete an. Ihre Stimmen ranken sich in- und umeinander voller Poesie, Raffinesse, hauchzarter Melancholie, das so typische Gefühl der saudade eben. Großartig.
Michael Scheiner

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