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Jazzzeitung

2013/02  ::: seite 19

jazz heute

 

Inhalt 2013/02

Inhaltsverzeichnis

Sternlein STANDARDS

Editorial / break / Nachrichten aus der Jazzszene /Jazz-ABC: Charlie Ventura no chaser: Europa und der Jazz standards: Giant Steps farewell: Günther KlattLeo von Knobelsdorff

Sternlein TITELSTORY: <Mit Swing in die Zukunft
Das Parov Stelar-Projekt belebt die Clubszene

Sternlein GESCHICHTE -
New York – Kopenhagen – New York
Dextivity: Gedanken zum 90. Geburtstag des Saxophonisten Dexter Gordon (2)

Sternlein DOSSIER: It’s a man’s world
Instrumentalistinnen im frühen Jazz · Von Hans-Jürgen Schaal

Sternlein Berichte
Nachwort zur Ausstellung „ECM – Eine kulturelle Archäologie“ //50. Jazz it!-Konzert in Germering // Max von Mosch Orchestra im Leeren Beutel Regensburg // 8. Festival Women in Jazz // Billy Martin’s Wicked Knee & Mostly Other People Do The Killing beim Salzburger Jazzit

Sternlein Portraits / Jubilee
Efrat Alony// German Jazz Trophy 2013 für Lee Konitz //Youn Sun Nah // Fotograf Guy Le Querrec

Sternlein Jazz heute und Education
Abgehört: Ein singender Trompeter
Chet Bakers Scat-Solo über „Dancing On The Ceiling ...

Rezensionen und mehr im Inhaltsverzeichnis

Jung, europäisch und eigenwillig

Das Südtirol Jazzfestival Alto Adige vom 28. Juni bis 7. Juli 2013

Jung, europäisch und immer wieder mit Aufsehen erregend durch Premieren musikalischer Eigengewächse – so kann man das Südtirol Jazzfestival Alto Adige kurz und prägnant beschreiben. Auch auf den 31. Jahrgang trifft dieses Motto zu: Wieder einmal liegt das Durchschnittsalter der Musiker bei etwa 30 Jahren und wieder hat Festivalchef Klaus Widmann die Täler Südtirols verlassen und von seinen Reisen nach Berlin, Zürich, Paris und Amsterdam Neues mitgebracht.

Klaus Widmanns Konzerteinführungen sind kurzweilig, aber benötigen ihre Zeit, da sie meist auf italienisch und deutsch gehalten werden. Foto: Südtirol Jazzfestival

Klaus Widmanns Konzerteinführungen sind kurzweilig, aber benötigen ihre Zeit, da sie meist auf italienisch und deutsch gehalten werden. Foto: Südtirol Jazzfestival

Klaus Widmann führt ein Doppelleben – als Arzt und als Musikenthusiast. Er ist ein regional und international gut vernetzter Kulturmanager, der das Südtiroler Festival als Kulturmarke des nördlichsten Bundeslandes Italiens etabliert hat und es fit gemacht hat für die Konkurrenz in Europa. Und ganz nebenbei ist er ein Musikvermittler und -lehrer, denn er öffnet mit seinen Programmen, die oft außerhalb des Konzertsaals, mitten im Leben auf Plätzen, in Weinkellern, auf Bauernhöfen und Berghütten stattfinden, auch den Menschen der Region immer wieder die Ohren für Neues aus der ganzen Welt. Eine Community hat sich gebildet, die von weither, aber auch aus der nächsten Nachbarschaft, zu den Jazzereignissen in Bozen, Meran, Brixen und Sterzing pilgert: des Live-Erlebnisses wegen.

Ein Jazzfestival als „Hörschule der Nation“ – Widmann kennt das aus eigener Anschauung: Wurde ihm doch selbst durch das 1982 von Nicola Ciardi initiierte Südtirol Jazzfestival Alto Adige die Ohren für den aktuellen Jazz geöffnet, bis er im Jahr 2004 selbst die Leitung des Südtirol Jazz Festivals Alto Adige übernahm und es seither in die Moderne führt. „Jazz ist fast eine Sucht für mich“, sagt er heute. „Je intensiver man sich mit ihm beschäftigt, desto eher riskiert man, dass man sich entfernt vom konservativen Publikum, ja sogar vom gemäßigten Gefolge unter den Förderern und Sponsoren.“ Widmann fragt sich immer wieder selbstkritisch, ob der mit seinem Festivalkonzept den richtigen Weg eingeschlagen hat: „Mit einem Produkt wie meinem bewegt man sich in einem Spannungsfeld zwischen Anerkennung und Unverständnis. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass Italien im Bereich Jazz sehr konservativ geworden ist: Nur noch große amerikanische Namen sorgen für Interesse – und das modernste, was an italienischem Jazz goutiert wird, sind „Klassiker“ wie Paolo Fresu und Enrico Rava.“

Montis Rasenmäher

Die Haushaltskürzungen durch den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti nach dem Prinzip Rasenmäher machten sich auch im Budget des Südtirol Jazzfestival bemerkbar. Dennoch ist es ihm gelungen auch für 2013 über 30 Bands und Ensembles einzuladen – große amerikanische Namen sucht man da vergebens.

„Junge Jazzmusiker“, so Klaus Widmann, „die noch nicht so präsent sind, vereinigen sich heute in Kollektiven, schaffen sich damit Plattformen, Synergien und ganz einfach auch Aufträge.“ Drei solcher Kollektivisten sind diesen Sommer in Bozen zu Gast: das Quartett Iréne, das Mitglied des französischen Colectif Coax ist. Und aus dem Amsterdamer Musikerkollektiv Tumult Music die beiden Bands das Sextett Naked Wolf und das Quartett The Job.
Doch in Bozen kauft man nicht nur ein, man produziert selber, oder besser ausgedrückt, man bringt zusammen, was zusammen sein will, aber es – warum auch immer – noch nicht geschafft hat. Zusammengebracht hat Widmann etwa ein Trio um den Gitarristen Kalle Kalima mit dem Drummer Jim Black und dem Trompeter Matthias Schriefl – eine experimentierfreudige Band, die im Rahmen einer Tagung der EURAC (European Academy of Bozen/Bolzano) am 3. Juli auftreten wird. „Neben gutem Jazz“, erläutert Widmann, „geht es dort um die Rolle von Hotels bei Festivals. Als Ort von Kultur und mit ihrer Brückenfunktion zwischen Tourismus und kulturellen Ereignissen sind sie unverzichtbar.“

Kompositionsaufträge

Auch das Abschlusskonzert auf der Hauptbühne am 6. Juli ist ein Eigengewächs: Im Rahmen eines Kompositionsauftrags schlug Angelika Nescier (D) eine Formation vor mit dem Schlagzeuger Jim Black (GB), dem Posaunisten Gianlucca Petrella (I), dem Kontrabassisten Chris Tordini (I) und dem Pianisten Florian Weber (D). Zum Engagement-Paket für dieses Dreamteam gehört nicht nur die Gage, sondern auch drei Probentage für diese erstmalige europäische Jazzbegegnung.

Nicht speziell für Bozen aus der Taufe gehoben ist Pascal Schumachers Blind Date: Das Trio mit Hennig Sieverts (b) und Sylvain Rifflet (sax) wagt aber in Südtirol die Premiere. Die Liste junger Bands wäre fortzusetzen: Hildegard lernt fliegen, Monika Roscher Bigband, Schmittmenge Meier, Yuri Honing Wired Paradise oder Matthias Schriefl – Musikkapelle Schabs feat. Wiggerl Himpsl & Simon Rummel (mehr unter http://www.suedtiroljazzfestival.com/).
Auratische Orte

Zum Schluss noch ein paar Worte zum Eröffnungskonzert: Wie schon 2007 und 2008 findet es an einem auratischen Ort statt, nämlich im Messner Mountain Museum auf Schloss Sigmundskron unter freiem Himmel. Kräftig, schräg, stark, das sind die Attribute, die die Klänge des Schweizer Fischermann Orchestras, der Monika Roscher Big Band aus Deutschland oder des amerikanischen Quartetts Mostly Other People do the Killing gut charakterisieren.
Apropos auratischer Ort: Davon gibt es in Südtirol viele, und die schönsten bespielt das Jazzfestival, darunter das Vigilius Mountain Ressort, die Comici Hütte, das Museion oder auch die Franzensfeste.

Andreas Kolb


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