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Inhaltsverzeichnis Jazzzeitung 7/2000

2000/07

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Glossar J

Seite 24

Jam Session

Unter Jam Session versteht man das zwanglose Zusammenspiel von Musikern, die sonst oft in verschiedenen Bands arbeiten. Sie entstanden schon in der Frühzeit des Jazz, weil die Musiker selbst nach Beendigung ihrer offiziellen Arbeit noch musikhungrig waren. Sie dienten dem „Spaß an der Freud“, dem Experiment sowie dem Kennenlernen und Kräftemessen. Die Jam Session bereitete vielen Neuerungen des Jazz, etwa der Entwicklung des Bebop, den Boden.

Seit den 40er-Jahren gewannen für Publikum und Platte organisierte Jam Sessions (etwa von Jazz At The Philharmonic) an Gewicht. Viele Jam Sessions sind legendär, besonders dann, wenn sie nicht aufgenommen wurden. Dazu gehören die Begegnungen von Louis Armstrong und Bix Beiderbecke oder eine Jam Session, die 1934 in Kansas City stattfand und bis zum nächsten Tag dauerte: Eine Schar von Tenoristen, darunter Lester Young, Ben Webster und Hershel Evans, hatte sich da im „Cherry Blossom“ versammelt, um den großen Gast Coleman Hawkins das Fürchten zu lehren. Die Erinnerung an diese Jam Session reicht bis zu Altmans Film „Kansas City“. In vielen Jazzclubs ist die Jam Session eine feste Einrichtung, für die ein bestimmter Tag reserviert ist (in München sonntags in der Unterfahrt, mittwochs im Hofbräukeller).

An solchen Übeplätzen der Demokratie kann man herrlich den Charakter von Musikern studieren. Da gibt es Platzhirschen, die pure Selbstdarstellung betreiben und keinen anderen zum Zuge lassen wollen, und Schüchterne, die sich nicht auf die Bühne trauen. Wir treffen auf Besserwisser, die jeden falschen Ton mit Genugtuung registrieren, und Erbsenzähler, die die Chorusse der anderen zählen und knallhart unterbrechen, wenn sie meinen, das Solo sei schon zu lange. Schließlich weiß man nicht, über wen man mehr den Kopf schütteln muss: über Musiker, die schwere Stücke und rasende Tempi vorschlagen, um Anfänger von der Bühne zu fegen, oder über jene, die nicht spüren, dass sie magischen Augenblicken der Musik durch ihren Beitrag ein Ende setzen – ein Fehltritt, den übrigens nicht nur Stümper, sondern auch Könner begehen.

Wer Musiker bei einer Jam Session ausschließen möchte, um die Qualität der musikalischen Darbietung zu gewährleisten (Jo Jones warf einst ein Becken nach dem jungen Charlie Parker), nimmt lernbegierigen Neulingen eine der seltenen Live-Erfahrungen, die sich ihnen bietet, oder alten Hasen die Möglichkeit, sich dort zu verbessern, wo ihre Schwachstellen liegen.

Marcus A. Woelfle

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