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Story
Seite 6
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Der
RocknRoller
Funk
& Groove: Scofield kommt zum Wesentlichen
Wenn
dieser Mann für jede Phrase, jeden Lauf, jedes Lick, jedes Riff,
das andere bei ihm schamlos geklaut haben, Tantiemen kassiert hätte,
könnte er sich seine Gitarren aus purem Gold gießen lassen.
John Scofield ist der vielleicht meistkopierte, nein, sagen wir lieber
meistimitierte Gitarrist unserer Tage. Ach, mit Klauen hat das wenig
zu tun, verteidigt er seine ungezählten Nachahmer. Wir
teilen uns alle nur etwas. Auch ich habe jede einzelne Note, die ich je
gespielt habe, irgendwo her.
Ein heftiges Lachen bricht aus ihm heraus: Es passiert mir allerdings
ziemlich häufig, dass mir jemand von einem Typen erzählt, der
exakt so klingen soll wie ich. Neugierig, wie ich bin, höre ich mir
den Burschen dann an. Aber der hat dann meist einen total abgefuckten
Sound und spielt lauter verrückte Noten, die da nicht hingehören.
Und ich denke mir nur: Oh Gott, was haben die Leute nur für eine
Vorstellung von meinem Spiel. Glauben die echt, dass ich so klinge?
Nun,
für viele klingt John Scofield nach wie vor unvergleichlich. Nicht,
dass sie gerade, wie damals bei Clapton zu Cream-Zeiten, Scofield
is God an die Hauswände sprühen würden. Aber das
Standing, das der 48-Jährige unter Kollegen und Musik-Fans besitzt,
ist enorm. Als ich ihn mit dem Ruf, den er genießt, konfrontiere,
winkt Sco, wie er manchmal liebevoll genannt wird, lässig aber bestimmt
ab. Als Jazzmusiker komme ich mir manchmal wie ein Illusionist vor,
weil ich wie so viele meiner Kollegen gewisse Tricks draufhabe, mein Spiel
so klingen zu lassen, als würden die Töne ohne jede Anstrengung
einfach nur so aus mir herausströmen. Dabei ist das Musizieren ein
ständiger Kampf, den man nie wirklich gewinnen kann. Aber ich strebe
ja nicht nach Perfektion, sondern nur nach ein wenig Weiterentwicklung.
Um die braucht er sich keine Gedanken zu machen. Nach längeren Phasen
mit Straight Ahead-Jazz und Fusion hat er sich einen neuen Kurswechsel
verordnet. Derzeit zieht es ihn zu fetten funkigen Grooves hin. Nachdem
er zuletzt ein Album mit dem Trio Medeski, Martin & Wood aufgenommen
hat, vertraut er auf seiner neuen CD Bump (Verve/ Universal)
weitgehend auf junge, noch unbekannte Musiker wie den Sample-Spezialisten
Mark Di Gli Antoni, den Bassisten David Livolsi, den Schlagzeuger Eric
Kalb und den Percussionisten Johnny Almendra (allerdings sind auch bekanntere
Musiker wie Kenny Wollesen oder Tony Scherr auf Bump vertreten).
Mit ihnen macht er eine sehr aufs Wesentliche reduzierte funkige Musik
(RocknRoll, scherzt er), in der er nichts mehr
beweisen muss. Das Alter hat mich weise und bescheiden gemacht,
lacht Scofield. Kriegt er mit solcher Musik wie der auf Bump
eigentlich komische Kommentare von Jazz-Puristen eingeschenkt? Die
ganzen Sprüche von den Jazz-Nazis, wie wir sie immer scherzhaft nennen,
interessieren mich nicht. Wer von uns kann schon behaupten, etwas Pures
zu machen? Wir sind so vielen Formen von Musik ausgesetzt wie können
wir uns dieser Vielfalt entziehen und warum sollten wir auch? Gerade in
dieser Zeit, wo die Verbreitungs- und Darstellungsformen von Musik immer
raffinierter werden, wo wir das Internet haben, muss das zwangsläufig
auf einen abfärben. Ich muss übrigens gestehen, dass ich nicht
mal den Einschaltknopf für meinen Computer finde. Wenn ich nach etwas
im Internet suchen will, beauftrage ich immer meine Kinder, für mich
zu surfen. Vielleicht finden die Kids im Netz auch den Hinweis,
dass ihr fleißiger Daddy, kaum dass sein Neuling in den Plattenläden
steht, schon das nächste Album im Kasten hat mit Kenny Garrett,
Brad Mehldau, Christian McBride und Billy Higgins.
Am 13. Juni spielt John Scofield mit dem Rhythmusgitarristen Avi Bortnick,
dem Bassisten Jesse Murphy und Drummer Ben Perowsky im Nightclub des Bayerischen
Hofs Musik aus dem neuen Album Bump.
Ssirus
W. Pakzad
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