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Inhaltsverzeichnis Jazzzeitung 6/2000

2000/06

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Story

Seite 6

Der Rock’n’Roller

Funk & Groove: Scofield kommt zum Wesentlichen

Wenn dieser Mann für jede Phrase, jeden Lauf, jedes Lick, jedes Riff, das andere bei ihm schamlos geklaut haben, Tantiemen kassiert hätte, könnte er sich seine Gitarren aus purem Gold gießen lassen. John Scofield ist der vielleicht meistkopierte, nein, sagen wir lieber meistimitierte Gitarrist unserer Tage. „Ach, mit Klauen hat das wenig zu tun”, verteidigt er seine ungezählten Nachahmer. „Wir teilen uns alle nur etwas. Auch ich habe jede einzelne Note, die ich je gespielt habe, irgendwo her.”

Ein heftiges Lachen bricht aus ihm heraus: „Es passiert mir allerdings ziemlich häufig, dass mir jemand von einem Typen erzählt, der exakt so klingen soll wie ich. Neugierig, wie ich bin, höre ich mir den Burschen dann an. Aber der hat dann meist einen total abgefuckten Sound und spielt lauter verrückte Noten, die da nicht hingehören. Und ich denke mir nur: Oh Gott, was haben die Leute nur für eine Vorstellung von meinem Spiel. Glauben die echt, dass ich so klinge?”

john scofield - foto: ssirius pkzadNun, für viele klingt John Scofield nach wie vor unvergleichlich. Nicht, dass sie gerade, wie damals bei Clapton zu Cream-Zeiten, „Scofield is God” an die Hauswände sprühen würden. Aber das Standing, das der 48-Jährige unter Kollegen und Musik-Fans besitzt, ist enorm. Als ich ihn mit dem Ruf, den er genießt, konfrontiere, winkt Sco, wie er manchmal liebevoll genannt wird, lässig aber bestimmt ab. „Als Jazzmusiker komme ich mir manchmal wie ein Illusionist vor, weil ich wie so viele meiner Kollegen gewisse Tricks draufhabe, mein Spiel so klingen zu lassen, als würden die Töne ohne jede Anstrengung einfach nur so aus mir herausströmen. Dabei ist das Musizieren ein ständiger Kampf, den man nie wirklich gewinnen kann. Aber ich strebe ja nicht nach Perfektion, sondern nur nach ein wenig Weiterentwicklung.” Um die braucht er sich keine Gedanken zu machen. Nach längeren Phasen mit Straight Ahead-Jazz und Fusion hat er sich einen neuen Kurswechsel verordnet. Derzeit zieht es ihn zu fetten funkigen Grooves hin. Nachdem er zuletzt ein Album mit dem Trio Medeski, Martin & Wood aufgenommen hat, vertraut er auf seiner neuen CD „Bump” (Verve/ Universal) weitgehend auf junge, noch unbekannte Musiker wie den Sample-Spezialisten Mark Di Gli Antoni, den Bassisten David Livolsi, den Schlagzeuger Eric Kalb und den Percussionisten Johnny Almendra (allerdings sind auch bekanntere Musiker wie Kenny Wollesen oder Tony Scherr auf „Bump” vertreten). Mit ihnen macht er eine sehr aufs Wesentliche reduzierte funkige Musik („Rock’n’Roll”, scherzt er), in der er nichts mehr beweisen muss. „Das Alter hat mich weise und bescheiden gemacht”, lacht Scofield. Kriegt er mit solcher Musik wie der auf „Bump” eigentlich komische Kommentare von Jazz-Puristen eingeschenkt? „Die ganzen Sprüche von den Jazz-Nazis, wie wir sie immer scherzhaft nennen, interessieren mich nicht. Wer von uns kann schon behaupten, etwas Pures zu machen? Wir sind so vielen Formen von Musik ausgesetzt – wie können wir uns dieser Vielfalt entziehen und warum sollten wir auch? Gerade in dieser Zeit, wo die Verbreitungs- und Darstellungsformen von Musik immer raffinierter werden, wo wir das Internet haben, muss das zwangsläufig auf einen abfärben. Ich muss übrigens gestehen, dass ich nicht mal den Einschaltknopf für meinen Computer finde. Wenn ich nach etwas im Internet suchen will, beauftrage ich immer meine Kinder, für mich zu surfen.” Vielleicht finden die Kids im Netz auch den Hinweis, dass ihr fleißiger Daddy, kaum dass sein Neuling in den Plattenläden steht, schon das nächste Album im Kasten hat – mit Kenny Garrett, Brad Mehldau, Christian McBride und Billy Higgins.

Am 13. Juni spielt John Scofield mit dem Rhythmusgitarristen Avi Bortnick, dem Bassisten Jesse Murphy und Drummer Ben Perowsky im Nightclub des Bayerischen Hofs Musik aus dem neuen Album „Bump”.

Ssirus W. Pakzad

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