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2000/06
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Play Back Seite 20 |
Oktoberrevolution des Jazz Bernard Stollmanns ESP-Label: Freiheit für seine Künstler Alle 136 Platten, die auf Ber nard Stollmans legendärem Independent-Label ESP zwischen 1964 und 1975 erschienen, kommen in den nächsten zwei Jahren bei der holländischen Firma VIA neu heraus. Das Schlüsselerlebnis der Begegnung mit Albert Ayler hatte den Anwalt Stollman, nebenher Verfechter der Kunstsprache Esperanto, zur Gründung eines neuartigen Plattenlabels inspiriert, das keine stilistischen Grenzen kennen sollte. Ein Festival der New Yorker Jazz-Avantgarde die berühmte ,,Oktoberrevolution des Jazz in New Yorks CelIar Café veranlasste Stollman im Herbst 1964 endgültig dazu, seine Ersparnisse dranzugeben und die ganze Bewegung zu dokumentieren. Tatsächlich holte er bis Anfang 1966 nicht weniger als 45 Bands vor seine Mikrofone, von denen ohne seinen idealistischen Einsatz oft keinerlei Tondokumente erhalten wären. Da die manchmal unerfahrenen Musiker weitgehend sich selbst überlassen wurden, machen einige der Platten einen dilettantischen Eindruck. Doch wirken diese Zeugen einer verschwundenen Subkultur aus unserer heutigen, des sterilen Perfektionismus müden Sicht schon wieder erfrischend. Anderes bedarf der Kommentierung: Die ersten Bände mit Radio-, TV- und Konzertmitschnitten Billie Holidays hätten auch auf eine Einzel-CD gepasst; dafür kommt man in den Genuss des originalen Artworks inklusive Abbildung der Etiketten. Leider hat man auf Besetzungsangaben verzichtet, die durch Rückgriff auf einschlägige Literatur (Lady Days Diary) durchaus zu eruieren gewesen wären; das hätte auch Licht ins Dunkel zweifelhafter oder fehlender Daten gebracht. Ebenso wenig geschadet hätte eine Neubewertung der zweifellos großartigen Musik aus aktueller Sicht; abgedruckt ist nur der ursprüngliche Hüllentext. Doch seis drum bis auf die Bostoner Storyville-Mitschnitte sind diese entspannten Dokumente aus ihren Reifejahren nirgendwo sonst greifbar und deswegen willkommen zumal auch der je nach Quelle variierende Klang größtenteils brauchbar ausfiel. Treue zum LP-Original kann man auch übertreiben: Ein abschreckendes Beispiel liefern die mit je 37 Minuten wiederum viel zu kurz geratenen ersten Folgen der ,,Charlie Parker Live Performances, für deren Erwerb außer den originellen Covern nur wenig spricht; schon die dreifach (!) auftretenden Namen ,,Miles David und ,,Kenny Dorman verheißen nichts Gutes. Zwar gehören die feurigen Radioübertragungen aus dem Royal Roost von 1948/49 - Parker spielte kaum je beseelter als hier schon wegen der ausführlichen Soli in jede ernst zu nehmende Jazz-Sammlung, aber für sie gibt es verlässlichere und besser kommentierte Quellen. Am 10. September 1964 Monate vor seinem Engagement bei Coltrane und Jahre vor dem Impulse-Einstand, Tauhid ging Pharoah Sanders mit einem obskuren, aber gut aufgelegten Quintett an den Start, um zwei 25-minütige Titel aus eigener Feder festzuhalten, die in ähnlicher Manier wie Aylers frühe europäische Standards-Interpretationen einen lose gefügten Hardbop-Rahmen mit abgefahrenen, aber noch nicht völlig abgehobenen Free-Ausbrüchen ausschmücken. Zwei Wochen darauf war auf Empfehlung Ornette Colemans das Byron Allen Trio an der Reihe, von dem man nicht einmal mehr den Leader kennt. Die einzige bekannte Einspielung des Altisten präsentiert ein sich gegenseitig viel Raum lassendes Team, das Ornettes berühmtem ,,Golden Circle-Trio nahezu ebenbürtig an die Seite zu stellen ist. Die einzige echte Überraschung dieses historischen Pakets empfiehlt sich schon aufgrund des vorzüglichen Drummings von Ted Robinson. Mátyás Kiss Diskografische Hinweise:
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