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Inhaltsverzeichnis Jazzzeitung 6/2000

2000/06

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Dossier

Seite 25-27

Wege zum Jazz

Fünf Lexika im Überblick

E in Lexikon ist zum Nachschlagen da. Es will erklären und erläutern, auf Zusammenhänge aufmerksam oder gar mit Neuem vertraut machen. Im besten Fall ist es ein Begleiter, auf den der Mensch ungern verzichtet. Auch der Jazzfan hat manchmal derlei Anwandlungen, er schlägt nach, er informiert und orientiert sich, will Hintergründe der Musik wissen, um sie um so mehr genießen zu können. Gleich fünf Nachschlagewerke, die in den letzten Monaten erschienen sind, bieten ihre Hilfe an. Ob sie Sinn machen, Orientierung bieten oder bloß Verwirrung stiften – auch dazu sind Lexika gelegentlich in der Lage –, soll in diesem Dossier ergründet werden.

Reclams Jazzführer, das bekannteste Lexikon in Sachen Jazz, ist dieser Tage neu herausgekommen. Seit seiner Erst-Erscheinung 1970 hat er mächtig Konkurrenz bekommen: Er hat es schwer, sich gegen den gewichtigen „New Grove Dictionary“ aus den USA, den britischen „Rough Guide“ und das französische „Dictionnaire du Jazz“ zu behaupten. Doch auch im deutschsprachigen Raum ist ihm mit Rowohlts zweibändigem „Jazz-Lexikon“, das demnächst eine Neuauflage erfährt, und dem inzwischen auf deutsch erschienenen „Rough Guide“ ernsthafte Konkurrenz erwachsen. An Reclams Ruhm kratzt Jürgen Wölfer mit seinem vollständig neu überarbeiteten „Lexikon des Jazz“ zwar nicht, doch verblüfft er durch Flexibilität und Modernität. Der Brite Simon Adams fällt diesbezüglich etwas aus dem Rahmen, da er sich nicht auf biografische Daten stützt, sondern eine Darstellung der Jazz-Entwicklung liefert. „Jazz für Dummies“ schließlich will mit aller Gewalt seinen Gebrauchswert durch vielerlei Tricks erhöhen, was aber in Klischees erstarrt und in Oberflächlichkeit endet.

Mit welchem Lexikon der Fan am besten fährt, lässt sich nicht schlüssig beantworten. Seine Vorlieben, Wertungen, Interessen sind so vielfältig wie die Lexika selber. Wer also mehr deutschen Jazz mag, der ist vielleicht mit dem „Rough Guide“ besser bedient, wer sich mehr für die Plattenindustrie und Vermarktung des Jazz interessiert, mit Wölfers Lexikon, wer sich eine spaßige tour d’horizon gönnt und auch dem Easy Listening nicht abgeneigt ist, mit „Jazz für Dummies“, wer mehr in die Historie einsteigen will mit Simon Adams. Doch oft werden sich die Interessen und Vorlieben überschneiden, und es bleibt einem nichts anderes übrig als mehrere Lexika zu konsultieren.

Was zeichnet nun die einzelnen Nachschlagewerke aus? Am rückständigsten wirkt die gute, alte Tante Reclam. Von einer „durchgreifenden Bearbeitung“ der Neuauflage, wie im Vorwort betont wird, kann keine Rede sein. Die Jazzgeschichte endet nach wie vor mit dem Jahr 1980. So ist der Anspruch, wie er schon vor drei Jahrzehnten formuliert wurde, einen „umfassenden Überblick über das Gesamtgebiet des Jazz“ zu bieten, schlicht nicht eingehalten. Der „Rough Guide“ gibt, wie er unterstreicht, „Facetten an die Hand, klärt strittige Punkte und beantwortet fundamentale Fragen“. Was es damit auf sich hat, muss jeder Benutzer für sich entscheiden.

Den Hauptteil der hier angezeigten Lexika machen die Musiker-Biografien aus. Fast 2000 Namen fasst der „Rough Guide“, erheblich mehr als die alte Ausgabe. Reclam hat diesbezüglich reduziert, was den Gebrauchswert erheblich schmälert. So tauchen Namen wie Wallace Roney, Roy Hargrove, James Morrison, Harry Connick, Marc Feldman oder Jeanne Lee nicht auf. An die Tatsache, dass wichtige europäische Musiker keinen Eingang gefunden haben, hat man sich längst gewöhnt. Misha Mengelberg und Gianluigi Trovesi, beides zentrale Gestalten, sind ebenso wenig zu finden wie die Muthspiel- und Arguelles-Brüder oder Misha Alperin, Michael Riessler und Joelle Leandre. Die letzten tauchen zwar auch bei Wölfer nicht auf, doch gibt er vor, eine „Balance zwischen den ‚großen Namen‘ und der jungen Generation“ zu halten. So kommen immerhin in fünfzig neuen Beiträgen Nachwuchsmusiker zum Zuge wie etwa Brad Mehldau, Joshua Redman oder Roy Hargrove. Bei den deutschen Namen ist die Situation nicht ganz so glänzend. Zwar sind Thilo Wolf, Wolfgang Haffner und Till Brönner vertreten, doch fehlen von anderen Newcomern Claudio Kreusch, Lutz Häfner, Peter Weniger, Nils Wogram oder Jochen Rückert, um nur ein paar Namen zu nennen. Die für den deutschen Jazz weniger wichtigen Musiker wie James Last, Helmut Zacharias, Bert Kämpfert, Paul Kuhn und Manfred Krug hat der „Rough Guide“ aufgenommen. Dies spricht dem eigenen Anspruch Hohn, dass nämlich „alle maßgeblichen Erneuerer und führende Musiker behandelt“ werden, wie es heißt. Auf diese Weise wird zudem die deutsche Jazz-Szene verzerrt dargestellt, die französische fast gar nicht – neben Louis Sclavis wird auch Michel Godard nicht erwähnt – und die italienische existiert ebenfalls so gut wie nicht. Ganz unvollkommen wird es, wenn es um die einst blühende Szene der ehemaligen DDR geht. Bei Wölfer sind die bekannten Bauer-Brüder und Altstar Petrowsky zu finden, nicht jedoch die so wichtigen Impulsgeber Uli Gumpert und Klaus Lenz. Diesbezüglich lässt sich der Reclam nicht lumpen: Er hat seine alte Ost-Ausgabe jetzt fast vollständig integriert. Insgesamt aber ist es mit der „Einbeziehung jüngster Namen“, wie im Reclam versprochen wird, nicht weit her. Dafür sind die Lebensläufe einiger Kritiker und Theoretiker beigefügt, deren Aufnahme wichtig ist, weil es sonst kaum Möglichkeiten gibt, sich über Daten und Schriften von Autoren zu informieren. Da hat es der amerikanische „Jazz für Dummies“ leichter. Autor Dirk Sutro serviert ausschließlich seine „persönlichen Lieblinge“, die er fast allesamt als Jazz-Legenden ausgibt.

Dass hinter dem müßigen Streit um fehlende Namen oftmals mehr als nur Nachlässigkeit steckt, kann vermutet werden. Es ist eben eine Wertung und Gewichtung, wenn Vertreter der freien Szene konsequent verschwiegen werden. Immerhin sind die gesammelten biografischen Fakten und Daten solide, von einigen Schwankungen beim jeweiligen Geburtsjahr abgesehen. Dass – wie beim Reclam – bei verstorbenen Interpreten die Todesdaten oft weggelassen werden, stiftet Verwirrung und ist ein Ärgernis. Ansonsten sind die Daten knapp gehalten, entziehen sich jeglicher Wertung. Bei Wölfer und im „Rough Guide“ werden die Biografien durch CD-Hinweise und aktuelle Internet-Adressen ergänzt. Dies ist dann auch der einzige Tribut an die neuen Medien, was im Lexikon-Bereich eigentlich naheliegend wäre: aktuelle stetige Ergänzungen würden sich anbieten. Die ist für alle Lexika Zukunftsmusik.

Dass in einem Lexikon Begriffe geklärt werden, versteht sich von selbst. Die fünf Nachschlagewerke enthalten alle Glossare, die gängige Begriffe erklären und zum tieferen Verständnis der Biografien beitragen. Was Free Jazz, Bebop, Two Beat oder Hot ist, ist allenthalben nachzulesen. Einzigartig ist nach wie vor das Verzeichnis der Kompositionen beim Reclam. Nicht nur Komponist, Entstehungsjahr und Verlag werden genannt, sondern auch die formale Struktur des Themas wird angegeben, allerdings sind nur die ersten vier Takte notiert. Zu bedauern ist, dass Reclam die tiefgründige Erörterung des Jazz-Begriffs weggelassen hat. Doch ist die fundierte Abhandlung zur Geschichte des Jazz, die zum Besten zählt, was deutschsprachige Jazz-Literatur zu bieten hat, erhalten geblieben.

Neben vielerlei Nachlässigkeiten, die fast unverzeihlich sind, ist der „Rough Guide“ insgesamt ein umfassendes und gut aufgemachtes Nachschlagewerk. Erfreulich, wie prägnant auch technische Begriffe und verschiedene Stile erläutert, Schlüsselwörter erklärt, Gruppen (zum Beispiel Globe Unity, Wolverines, Loose Tubes, nicht jedoch das Italian Instabile Orchestra, Kronos oder Irakere) vorgestellt werden. „Wahrscheinlich“, mutmaßen die Autoren, „sind in unserem Lexikon mehr Nichtamerikaner vertreten als in jedem anderen“, womit sie sicher Recht haben. Gerade deutsche Musiker sind nirgendwo präsenter als in diesem „Rough Guide“. Reclams Jazzführer kann sich für nichts richtig entscheiden; er versucht, es allen recht zu machen. Das renommierte Lexikon ist längst in die Jahre gekommen, wirkt schwerfällig und behäbig, nicht gewappnet für die Erfordernisse dieser Zeit. Es ist längst nicht mehr das Standardwerk. Alle Nachschlagewerke sind ohnehin erst im gemeinsamen Zusammenspiel nützliche Begleiter.

In welche Richtung der Jazz zur Zeitenwende gehen kann, darüber macht sich nur ein Nachschlagewerk Gedanken. Man mag darüber streiten, ob er sich in mehr Elektronik ergehen, sich in weltmusikalische Begegnungen stürzen, sich mit Samples beschäftigen oder mikrotonal verkleinern wird; dass überhaupt derlei Überlegungen angestellt werden, ist beachtlich für das bescheidene Einführungsbändchen, das Simon Adams verfasst hat. „Eine etwas unheimliche, aber aufregende Geschichte“ wird erzählt, die sich erstaunlich differenziert gibt. Die Platte geht, wie es heißt, „von den klassischen Melodien und Rhythmen aus New Orleans über den populären Swing bis zum ungestümen Bebop und ekstatischen Free Jazz“. So wird eine komplette Jazzgeschichte aufgelistet, ihre führenden Figuren vorgestellt. Dies mit kurzen Charakteristika, treffend in Aussage und Analyse. Damit das alles nicht im luftleeren Raum geschieht, ist am oberen Rand aller Seiten eine Zeitleiste angebracht, die historische Ereignisse aus Politik und Gesellschaft erfasst.

Dass sich Adams vom zehnjährigen Zyklus à la Berendt distanziert und eine eigene Einteilung in Epochen findet, spricht für das Buch. Auch wird das New-Orleans-Klischee nicht so herausgestellt. Das Glossar am Schluss ist leider ebenso unvollständig wie die anvisierten Jazz-Labels. Dass ein Name wie Lee Konitz fehlt (von den europäischen ganz abgesehen) und Joseph Jarman zur Hauptstütze des Art Ensemble of Chicago gemacht wird, das er vor Jahren verlassen hat, trübt neben dem kleinen Druck das erfreuliche Bild dieses Jazz-Führers.

Reiner Kobe

Bibliografische Angabe

  • Reclams Jazzführer, herausgegeben von Carlo Bohländer, Heinz Holler, Christian Pfarr, Verlag Philipp Reclam, Stuttgart 2000, 563 Seiten
  • Rough Guide Jazz, herausgegeben von Ian Carr, Digby Fearweather, Brian Priestley, Verlag J.B. Metzler, Stuttgart 1999, 762 Seiten
  • Jürgen Wölfer: Lexikon des Jazz, Hannibal-Verlag, St. Andrä-Wörden 1999, 518 Seiten
  • Dirk Sutro: Jazz für Dummies, MITP-Verlag, Bonn 1999, 302 Seiten
  • Simon Adams: Jazz, Prestel-Verlag, München 1999, 144 Seiten

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