{"id":8149,"date":"2016-01-18T09:45:11","date_gmt":"2016-01-18T08:45:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=8149"},"modified":"2016-01-18T09:45:11","modified_gmt":"2016-01-18T08:45:11","slug":"cd-rezension-filippa-gojo-und-sven-decker-daheim","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2016\/01\/cd-rezension-filippa-gojo-und-sven-decker-daheim\/","title":{"rendered":"CD-Rezension: Filippa Gojo und Sven Decker &#8211; daheim"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg\" rel=\"attachment wp-att-8150\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"8150\" data-permalink=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2016\/01\/cd-rezension-filippa-gojo-und-sven-decker-daheim\/cover_gojo\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg?fit=280%2C280&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"280,280\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"cover_gojo\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg?fit=280%2C280&amp;ssl=1\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-8150\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo-150x150.jpg?resize=150%2C150\" alt=\"cover_gojo\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg?resize=150%2C150&amp;ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg?resize=144%2C144&amp;ssl=1 144w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg?resize=96%2C96&amp;ssl=1 96w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg?resize=24%2C24&amp;ssl=1 24w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg?resize=36%2C36&amp;ssl=1 36w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg?resize=48%2C48&amp;ssl=1 48w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg?resize=64%2C64&amp;ssl=1 64w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg?resize=32%2C32&amp;ssl=1 32w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg?resize=128%2C128&amp;ssl=1 128w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/cover_gojo.jpg?w=280&amp;ssl=1 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Von Dietrich Schlegel<\/strong> &#8211; Der Saxophonist, Komponist und Bandleader Sven Decker und die Vokalistin Filippa Gojo sind seit Jahren fest in der K\u00f6lner Jazzszene etabliert und sich dennoch nie begegnet. Bei viel besch\u00e4ftigten Musikern kann das vorkommen. So dauerte es Jahre bis zu einem Konzert des Thoneline Orchestra Ende Juni letzten Jahres in Passau, als die beiden sich erstmals pers\u00f6nlich sahen und h\u00f6rten, Gojo als festes Mitglied des Orchesters der K\u00f6lner Saxophonistin und Komponistin Caroline Thon und Decker als Aushilfe im Saxophonsatz der Band. Gleich einem Blitz hatte es bei Decker eingeschlagen: \u201eSofort nach diesem ersten Aufeinandertreffen und nachdem ich auf der R\u00fcckfahrt im ICE auch noch Filippas letzte, die Solo-CD \u201evertraum\u201c geh\u00f6rt hatte, war ich derart inspiriert von ihrer Art zu singen und zu improvisieren, dass ich sofort begann, Musik f\u00fcr uns beide zu komponieren.\u201c Und Filippa auf die Frage, wie sie diese Begegnung empfunden habe: \u201eDas musikalische Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander war unvermittelt da. Dazu kam Svens von vornherein glasklare Vorstellung eines Duo-Klanges, die er auch derart schnell auf Papier gebracht hat, dass ich eine Woche nach unserer ersten musikalischen Begegnung eine E-Mail mit lauter frisch f\u00fcr unser Duo geschriebenen St\u00fccken in meinem Postfach hatte. So was habe ich wirklich noch nie erlebt!\u201c<\/p>\n<p>Aus dieser Begeisterung heraus entstand nach nur sechs Monaten die CD \u201edaheim\u201c, f\u00fcr Decker \u201eeine meiner pers\u00f6nlichsten, wenn nicht gar die pers\u00f6nlichste Ver\u00f6ffentlichung\u201c. Und auch der S\u00e4ngerin liegt die CD \u201epers\u00f6nlich sehr am Herzen\u201c. \u00dcberraschende Bekenntnisse, wenn man die ansehnliche Zahl an CDs \u00fcberschaut, die beide mehrfach ausgezeichnete Musiker bereits vorgelegt haben. Neben drei \u00e4lteren Kompositionen \u2013 \u201eElephants Walk, \u201eBlues For Bud\u201c und \u201eHerbst\u201c -, die er nur neu arrangieren musste, hat Decker neun St\u00fccke speziell f\u00fcr dieses Duo geschrieben. \u201eNach nur einer Woche intensiver Schreib- und Arrangierarbeit\u201c, so Decker, \u201estand das Programm, und nach ein paar Proben gab es schon die ersten beiden Konzerte, im Essener \u201aGoethe-Bunker\u2018 und im K\u00f6lner \u201aLoft\u2018.\u201c F\u00fcr die CD wurde ein Teil der St\u00fccke vom Konzert im \u201aLoft\u2018 \u00fcbernommen. Der Rest wurde zwei Wochen sp\u00e4ter w\u00e4hrend einer eint\u00e4gigen Session im K\u00f6lner \u201eTonstudio der Welt\u201c ebenfalls live eingespielt.<\/p>\n<p>Diese Eile, die keinem irgendwie gearteten Produktionsdruck entsprang, sondern allein der stimulierten Kreativit\u00e4t dieser jungen musikalischen Partnerschaft, hat dem Ergebnis keinesfalls geschadet, sondern offenbar noch zus\u00e4tzlich befruchtend gewirkt. Alles, was sich an Ideen angesammelt und angestaut hatte, musste einfach heraus. Das Endprodukt wird gepr\u00e4gt durch reizvolle und \u00fcberraschende Kontraste. Das trifft allein schon zu auf den spannungsvollen Gegensatz zwischen Filippas Stimme, besonders in den hohen Lagen, und Svens Bassklarinette, die er \u2013 seine Saxophone v\u00f6llig beiseite lassend \u2013 hier noch h\u00e4ufiger spielt als die Klarinette. Gerade auf dem Tieft\u00f6ner erzeugt er bisweilen, entsprechend der jeweiligen Komposition und Filippas notierter oder improvisierter Stimme, sperrige, schr\u00e4ge, knarzende, st\u00f6hnende, fauchende Kl\u00e4nge oder auch nur Ger\u00e4usche. So beispielsweise in dem St\u00fcck \u201eZirbenwald\u201c, in dem eine erst zauberische, dann fast schon unheimliche Stimmung erzeugt wird. Oder auch in \u201eElephants Walk\u201c, wo sich die Vokalistin und der Holzbl\u00e4ser an der Erzeugung grunzender, tr\u00f6tender, fl\u00f6tender Ger\u00e4usche der Wildnis geradezu \u00fcberbieten.<\/p>\n<p>Wie in manchen der anderen Titel und bei allen ihren Konzerten setzt Filippa auch hier einf\u00fchlsam und wirkungsvoll die Shrutibox ein, dieses aus Indien stammende, einer Ziehharmonika oder im Klang auch einem Harmonium \u00e4hnelnde Instrument. Zur klanglichen und atmosph\u00e4rischen Bereicherung nutzt Filippa auch gern ein Megaphon, die Kalimba und in \u201eNew Friends\u201c auch die Sansula, ebenfalls ein Daumenklavier, mit der durch eine zugef\u00fcgte Membrane auch Wa-Wa- und Echo-Effekte erzielt werden k\u00f6nnen. Auch Decker erweitert sein Instrumentarium durch Melodica und Glockenspiel. Dieses zus\u00e4tzliche Material tr\u00e4gt bei fast allen St\u00fccken zu den Kontrasten im klanglichen Spektrum bei. In dramaturgisch gesch\u00fcrzten Wechsel sind lebhafte, groovende, jazzige, temporeiche, laute, sperrige St\u00fccke zwischen verhaltene, leise, sehnsuchtsvolle, zarte, melodi\u00f6se Songs gesetzt.<\/p>\n<p>Damit ist zugleich das Stichwort f\u00fcr Filippa Gojos Gesang gefallen: Bis auf eine Ausnahme, das Titelst\u00fcck \u201edaheim\u201c, gibt es keine Texte im Wortsinn. Sie nutzt ihre Stimme in vielf\u00e4ltigster Weise als Instrument. Das kennen wir von anderen S\u00e4ngerinnen auch, denken wir nur an Norma Winstone, Gabriele Hasler oder Sidsel Endresen. Aber Filippa hat inzwischen ihren ganz eigenen Stil gefunden. Sie formt jeden Ton entsprechend der kompositorischen Vorgabe, hell oder dunkel oder mezzo, dramatisch bis zum Diskant wie im Opener \u201eTrain Journey\u201c. Oder pianissimo wie in \u201eLaber Rhabarber\u201c, ein Titel, der sprechender nicht vermitteln kann, was hier auf den H\u00f6rer einst\u00fcrmt: Nach einem vertraulichen Dialog voller Neckereien zwischen Stimme und Klarinette kommt es unvermittelt zu einem kurzen, aber heftigen Streit oder Kampf, der jedoch bald abflaut und \u00fcbergeht in ein intimes, z\u00e4rtliches Gefl\u00fcster und auslaufend in einem tiefen Seufzer.<\/p>\n<p>So entstehen wahre \u201eLieder ohne Worte\u201c in fast schon Mendelssohnscher Weise, da die Stimme als Instrument f\u00fcr ihre Erz\u00e4hlungen keiner Worte bedarf. In \u201eSummer Song\u201c wird die fast elegische Stimmung eines Duetts zwischen Filippas hier ganz klarem Alt und Svens Melodica durch sein zartes Glockenspiel noch unterstrichen. \u201eReflection\u201c, eines der aus subjektiver Sicht eindrucksvollsten St\u00fccke, meditativ und <em>largo di molto<\/em>, erinnert an mongolische Kehl- und Obertonges\u00e4nge, zumal die auf der Bassklarinette erzeugten Windger\u00e4usche zum Schluss an die Weite asiatischer Stellen denken lassen. Der Zauber-\u201eZirbenwald\u201c schlie\u00dft unmittelbar an. Sp\u00e4ter folgt \u201eHerbst\u201c, mit einem Glockenspiel-Intro, ein aus Stimme und Melodica in T\u00f6ne umgesetztes herbstliches Farbenspiel. Schlie\u00dflich \u201egruen\u201c, der Ausklang, wieder voller zarter T\u00f6ne von Glockenspiel und Melodica, einer anfangs verhaltenen Filippa, die sich in dieser an Kirchen- oder Weihnachtslieder gemahnenden Komposition bis hin zu Gospelankl\u00e4ngen steigert.<\/p>\n<p>Und davor und dazwischen die besagten Kontraste: Die dynamische \u201eTrain Journey\u201c, ein diesem Titel entsprechendes <em>diminuendo e crescendo<\/em>, mit einem der in anderen St\u00fccken auch auftauchenden blendend exakt gesungenen und gespielten unisono Passagen. Im jazzigen \u201eBlues for Bud\u201c, ein auf den \u201eSummer Song\u201c folgenden Wachmacher, wird von Filippa beherzt \u201egescattet\u201c, und der Song l\u00e4uft in eine beboppige Coda aus. Der wilde \u201eElephants Walk\u201c. Das erst coole, dann hitzige \u201e39,3 Grad Celsius\u201c, in dem sich Megaphon und Bassklarinette ein hei\u00dfes Duell liefern. \u201eNew Friends\u201c leitet dann leichtf\u00fc\u00dfig mit einem sensiblen Sansula-Solo zum Schlusstitel \u201egruen\u201c \u00fcber.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt aber m\u00fcssen wir uns noch dem Titelst\u00fcck \u201edaheim\u201c widmen. In dem einzigen Lied mit Worten greift Filippa Gojo auf ihren geliebten Vorarlberger Dialekt zur\u00fcck, den sie erst wirklich sch\u00e4tzen gelernt hat, seit sie in der \u201eK\u00f6lner Diaspora\u201c lebt. Sie besingt in ihrem eigenen, f\u00fcr Deckers Komposition geschriebenen Text einen endlos langen Weg, der \u201ehet ned amol an Anfang\u2026 Koan Anfang, koa End\u201c. Und dazwischen spielt sie mit \u00fcber- und untereinander geworfenen Worten wie \u201ekoan Huckl, koan Buckl, koa Gruckl\u201c und \u201enix hucklat, nix bucklat, nix rucklat\u201c Silben, wie geschaffen f\u00fcr Lautmalereien und \u2013spielereien. Ein bei allem Schabernack anr\u00fchrendes Lied voller Sehnsucht, fast ein Heimatlied, ohne dass es sentimental wirkt, dazu ist der Text auch zu hintergr\u00fcndig (der gesamte Text findet sich im Album hinter der CD).<\/p>\n<p>Abgerundet wird der Gesamteindruck dieser anspruchsvollen und doch mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen anzuh\u00f6renden, klang- und kontrastreichen CD durch eine sympathisch schlichte Aufmachung, mit einem stimmungsvollen Herbstfoto Deckers aus einem K\u00f6lner Park. Das Booklet zieren Studio- und Konzertfotos von Jana Heinlein. F\u00fcr die Gesamtgestaltung zeichnet Svens Deckers Partnerin Katrin Scherer. Die Saxophonistin und Komponistin hatte mit ihm zusammen 2007 das Label GREEN DEER MUSIC gegr\u00fcndet, eine seinerzeit mutige Entscheidung, welche die Produktion der eigenen Platten aber auch sehr erleichtert, was auch in diesem Fall zutrifft. Den anheimelnd sch\u00f6nen Titel f\u00fcr die CD hatte \u00fcbrigens Sven Decker mit Bedacht gew\u00e4hlt. Seine Begr\u00fcndung: \u201eEs gibt Musiker, mit denen spricht man intuitiv die gleiche musikalische Sprache. Man versteht sich fast ohne Worte. Und mit Filippa zusammen Musik zu machen, f\u00fchlt sich f\u00fcr mich an, wie angekommen zu sein \u2013 eben \u201adaheim\u2018.\u201c<\/p>\n<p><strong>Filippa Gojo &amp; Sven Decker: daheim, GREEN DEER MUSIC, K\u00f6ln 2015<\/strong><\/p>\n<p><strong>Offizielles CD-Releasekonzert am 13. Februar 2016 im K\u00f6lner Stadtgarten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.filippagojo.de\"><strong>www.filippagojo.de<\/strong><\/a><strong>; <\/strong><a href=\"http:\/\/www.sven-decker.de\"><strong>www.sven-decker.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dietrich Schlegel &#8211; Der Saxophonist, Komponist und Bandleader Sven Decker und die Vokalistin Filippa Gojo sind seit Jahren fest in der K\u00f6lner Jazzszene etabliert und sich dennoch nie begegnet. Bei viel besch\u00e4ftigten Musikern kann das vorkommen. 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