{"id":7906,"date":"2015-12-07T14:19:32","date_gmt":"2015-12-07T13:19:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=7906"},"modified":"2015-12-14T14:38:54","modified_gmt":"2015-12-14T13:38:54","slug":"die-vielen-talente-der-jutta-hipp-eine-umfangreiche-dokumentation-gibt-auskunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2015\/12\/die-vielen-talente-der-jutta-hipp-eine-umfangreiche-dokumentation-gibt-auskunft\/","title":{"rendered":"Die vielen Talente der Jutta Hipp &#8211; eine umfangreiche Dokumentation gibt Auskunft"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"7907\" data-permalink=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2015\/12\/die-vielen-talente-der-jutta-hipp-eine-umfangreiche-dokumentation-gibt-auskunft\/hipp1\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?fit=1479%2C1500&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1479,1500\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"hipp1\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?fit=592%2C600&amp;ssl=1\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-7907\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1-150x150.jpg?resize=150%2C150\" alt=\"hipp1\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?resize=150%2C150&amp;ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?resize=144%2C144&amp;ssl=1 144w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?resize=96%2C96&amp;ssl=1 96w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?resize=24%2C24&amp;ssl=1 24w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?resize=36%2C36&amp;ssl=1 36w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?resize=48%2C48&amp;ssl=1 48w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?resize=64%2C64&amp;ssl=1 64w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?resize=32%2C32&amp;ssl=1 32w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?resize=128%2C128&amp;ssl=1 128w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?zoom=2&amp;resize=150%2C150&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp1.jpg?zoom=3&amp;resize=150%2C150&amp;ssl=1 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Von Dietrich Schlegel. Gleich zu Beginn sei es gesagt: \u201eThe Life And Art Of Jutta Hipp \u2013 Hipp is cool\u201c ist eine verlegerische und jazzhistorische Gro\u00dftat des Musikproduzenten Micha Gottschalk und der Jazzmusikerin und Musikp\u00e4dagogin Ilona Haberkamp. Ganz wesentlich war auch der Jazzhistoriker Gerhard Evertz, Verfasser eines Buches \u00fcber \u201eJutta Hipp \u2013 ihr Leben &amp; Wirken\u201c, an Recherche und Dokumentation beteiligt. Eine stabile Box im 12\u201c Format alter LPs enth\u00e4lt ein schwergewichtiges, reich bebildertes Buch voller informativer Texte und Dokumente, ein Beispiel hoher Buchkunst, noch beeindruckender als Gottschalks 2014 in \u00e4hnlicher Aufmachung erschienene Text- und Musikdokumentation \u201emood records cologne Gigi Campi: Jazz in West Germany 1954 \u2013 1956 \u2013 The First Independent Modern Jazz Label in Europa\u201c.<\/p>\n<p>So wurde dieses Gesamtkunstwerk zu einer bibliophilen Hommage auf Jutta Hipp, die am 4. Februar 1925 in Leipzig geborene und am 7. April 2003 in Queens\/N. Y. gestorbene einst als \u201eFirst Lady of European Jazz\u201c gefeierte Pianistin, die \u00fcber Jahre in Europa auch die einzige Jazzmusikerin an einem Instrument war. Sonst gab es nur S\u00e4ngerinnen. In diesem Jahr w\u00e4re sie 90 Jahre alt geworden. Der Inhalt dieser Box ist von berauschender Vielfalt. Nach einem zusammenfassenden Vorwort des renommierten Musikwissenschaftlers Robert von Zahn folgt als Kernst\u00fcck eine von Haberkamp einf\u00fchlsam geschriebene, mit vielen bisher nicht bekannten Details angef\u00fcllte Biographie in Deutsch und Englisch. Sie f\u00e4llt sehr viel ausf\u00fchrlicher aus als Haberkamps notgedrungen knapper gehaltener Abriss des wechselvollen Lebens dieser vielseitigen K\u00fcnstlerin im booklet ihrer 2013 erschienenen, bereits biographisch ausgerichteten CD \u201ecool is hipp is cool \u2013 A Tribute To Jutta Hipp\u201c (s. die ausf\u00fchrliche Besprechung von Dietrich Schlegel: \u201eEs bleibt ein R\u00e4tsel \u2013 Auf den Spuren der Jutta Hipp\u201c, JazzZeitung 04\/2013).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp2.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"7908\" data-permalink=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2015\/12\/die-vielen-talente-der-jutta-hipp-eine-umfangreiche-dokumentation-gibt-auskunft\/hipp2\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp2.jpg?fit=1500%2C1006&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1500,1006\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"hipp2\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp2.jpg?fit=840%2C563&amp;ssl=1\" class=\"aligncenter size-full wp-image-7908\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp2.jpg?resize=840%2C563\" alt=\"hipp2\" width=\"840\" height=\"563\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp2.jpg?w=1500&amp;ssl=1 1500w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp2.jpg?resize=300%2C201&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp2.jpg?resize=895%2C600&amp;ssl=1 895w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/hipp2.jpg?resize=900%2C604&amp;ssl=1 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ilona Haberkamp hatte Jutta Hipp pers\u00f6nlich kennen und sch\u00e4tzen gelernt, als sie im August 1986 mit ihrer Freundin und Kollegin Iris Timmermann (Kramer), beide junge Musikstudentinnen und Mitglieder der Frauen-Bigband \u201eReichlich Weiblich\u201c, bei der einst gefeierten Jazzpianistin in deren bescheidener Ein-Zimmer-Wohnung in New York aufgekreuzt waren. Die angehenden Berufsmusikerinnen wollten wissen, warum Jutta Hipp trotz vielversprechender Karriere das Spielen aufgegeben hatte. Eine schl\u00fcssige Antwort hatten sie damals nicht bekommen, auch nicht auf die Frage, warum sie nie mehr nach Deutschland zur\u00fcckgekehrt war. Aber Haberkamp, die diese Frau als \u201eetwas ganz Besonderes\u201c empfand, blieb mit ihr in st\u00e4ndigem Kontakt und besch\u00e4ftigte sich weiter intensiv mit ihrer Jazz-Karriere und ihrem wechselvollen, auch von tragischen Momenten gepr\u00e4gten Leben. Nach der Hipp-CD ist ihre neue Biographie und dieses opulente Werk, das sie mit dem anderen Hipp-Adepten Gerhard Evertz erarbeitet hat, ein wahrhaft vorzeigbares Ergebnis ihrer gemeinsamen Forschungen.<\/p>\n<p>Au\u00dfer der lesenswerten Biographie finden sich in dem Buch zahlreiche Artikel, Interviews, Berichte \u00fcber Konzerte und Festivals aus Fachzeitschriften und Zeitungen, die von der Wertsch\u00e4tzung Jutta Hipps bei Experten und Jazzfans zeugen. Vor allem der biographische Teil des Buches ist voll gespickt mit Fotos aus allen Lebensabschnitten Jutta Hipps. Viele Portr\u00e4ts zeigen die attraktive junge Frau. Aber die f\u00fcr das Buch Verantwortlichen scheuen sich nicht, auch die freundlich in die Kamera schauende alte Dame in Queens zu zeigen. Hervorzuheben sind die gro\u00dfformatigen f\u00fcnf Portr\u00e4ts des seinerzeit ber\u00fchmten K\u00f6lner Fotografen Chargesheimer, die allerdings durch eine extreme Nahaufnahme Jutta Hipp seltsam verfremdet erscheinen lassen. Sie dokumentieren aber, welchen Status die junge Jazzpianistin auch in der Kunstszene der f\u00fcnfziger Jahre genoss.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Sorgfalt haben Produzent, Herausgeber und Autoren auf die Dokumentierung der neben der Musik bemerkenswerten anderen Talente Jutta Hipps verwendet: Malen, Zeichnen und Dichten. Noch w\u00e4hrend des Krieges hatte sie an der Leipziger Kunstakademie Buchkunst und Graphik studiert. Der Band enth\u00e4lt fr\u00fche Zeichnungen und Entw\u00fcrfe f\u00fcr Buchumschl\u00e4ge, einige karikaturenhafte, z. T. aquarellierte Zeichnungen aus der Welt der amerikanischen Soldaten, die ihr nach ihrer Flucht in den Westen ab 1946 in den Army-Clubs, in denen sie ihr erstes Geld als professionelle Pianistin verdiente, \u00fcber den Weg liefen.<\/p>\n<p>Kaum Zeit f\u00fcr ihre darstellende Kunst hatte sie, nachdem sie 1952 mit dem Hans Koller Quartett, dessen festes Mitglied sie inzwischen war, von M\u00fcnchen nach der damaligen Jazzmetropole Frankfurt umgezogen war. Der deutsche Jazz erlebte seine erste Bl\u00fcte, beeinflusst durch amerikanische G\u00e4ste, die \u00fcberwiegend dem Cool Jazz verpflichtet waren. Aber die Arbeitsbedingungen in den Nachtlokalen, die nach und nach die US-Army-Clubs abl\u00f6sten, waren \u00fcberaus hart, selbst in dem 1952 von dem Trompeter Carlo Bohl\u00e4nder er\u00f6ffneten Domicile du Jazz, dem sp\u00e4teren Jazzkeller. Oft wurde von 20 Uhr bis in die fr\u00fchen Morgenstunden gespielt. Das zehrte an der physischen und psychischen Substanz der Musiker. Kein Wunder, dass viel getrunken wurde. Auch Jutta Hipps Alkoholproblem, das ihr sp\u00e4ter noch so zusetzen sollte, begann bereits in Frankfurt.<\/p>\n<p>So sind die 20 ihrer Aquarelle, die in sorgf\u00e4ltigem Druck als Beispiele in das Buch aufgenommen wurden, und das Dutzend Zeichnungen auch erst nach ihrer \u00dcbersiedlung in die USA entstanden. Die Aquarelle zeigen in naturalistischem Stil \u00fcberwiegend friedliche Landschaften aus dem New Yorker Umland. Sie spiegeln den Wunsch der alternden Jutta Hipp wider, nach den Turbulenzen ihrer Jazz-Jahre ein geordnetes Leben in Ruhe und Frieden zu f\u00fchren. Interessanter sind die Zeichnungen, etwa von Stra\u00dfenszenen in Harlem, mit sicherem Strich, detailbewusst und mit einer sozialen Aussage.<\/p>\n<p>Der Clou aber sind 22 Cartoons von ber\u00fchmten, ihr zum gro\u00dfen Teil pers\u00f6nlich begegneter Musiker, teils liebevolle, manchmal auch weniger schmeichelhafte Portr\u00e4ts, zu denen sie sp\u00e4ter lyrische Portr\u00e4ts in Englisch und\/oder Deutsch hinzuf\u00fcgte. Diese Gedichte suchen ihresgleichen, in ihrer lapidaren, zugespitzten und treffsicheren Sprache \u2013 eine kostbare Trouvaille, die eine gesonderte Ver\u00f6ffentlichung oder Ausstellung verdiente. Karikiert hat Jutta Hipp u. a. Lester Young, Horace Silver, Lionel Hampton, Gerry Mulligan, Zoot Sims, Ella Fitzgerald. Gedichte gibt es auf Horace Silver, Thelonious Monk, Charlie Mingus, Charlie Parker, John Coltrane, das Modern Jazz Quartett, Errol Garner, Gerry Mulligan, Billie Holiday. u.a., auch auf Carlo Bohl\u00e4nder, Klaus Doldinger, Gunter Hampel, Albert Mangelsdorff. Zu ihm ein Beispiel:<\/p>\n<p>Ein dreister \/ Hexenmeister \/ zog in seri\u00f6ser Laune \/ an seiner Posaune; \/ zog mit Flei\u00df \/ einen magischen Kreis \/ rund um \/ sich herum, \/ und steht vornehm, exzentrisch, allein \/ unber\u00fchrt im Scheinwerferschein.<\/p>\n<p>Von historischem und \u00e4sthetischem Reiz sind die Abbildungen s\u00e4mtlicher Labels der unter Mitwirkung von Jutta Hipp ver\u00f6ffentlichten Singles und LPs sowie der Plattenh\u00fcllen. Sie dekorieren einen \u201eJutta Hipp Recording Index\u201c mit den jeweiligen Besetzungen und Aufnahmedaten, absolut unentbehrlich f\u00fcr alle an Jutta Hipp und der Geschichte und Entwicklung des Jazz Interessierte. Unter dem Buch befinden sich, versenkt wie in einer Schatzgrube, sechs CDs mit allen ver\u00f6ffentlichten Aufnahmen zwischen 1952 und 1956. Sogar die ersten Jazz-Versuche Juttas mit ihren Freunden des Leipziger \u201eLime City Swing Club\u201c, dabei auch der blutjunge Rolf K\u00fchn, von 1945\/1946 wurden von einer Schellack-Demo auf CD \u00fcbertragen. Obendrauf gibt es eine DVD mit einem von Joachim Ernst Berendt f\u00fcr den S\u00fcdwestfunk 1953 produzierten kurzen TV-Film \u201eJazz Gestern und Heute\u201c, mit dem Hans Koller Quintett (neben HK Albert Mangelsdorff, Jutta Hipp, Shorty Roeder b, und Karl Sanner dr. Nicht zu sehen sind die den Jazz von Gestern repr\u00e4sentierenden Two Beat Stompers. Das Filmchen geh\u00f6rt zu JEBs Versuchen, den Jazz in Deutschland \u201ekulturf\u00e4hig\u201c zu machen, stellt aber ein eher r\u00fchrend unbeholfenes Beispiel der Musikerziehung dar. Au\u00dferdem doziert er \u00fcber Cool Jazz ausgerechnet \u00fcber ein Solo von Jutta Hipp.<\/p>\n<p>Auf so gut wie allen CDs, ob mit Hans Kollers Quartett oder Quintett oder seinen sp\u00e4teren \u201eNew Jazz Stars\u201c, ob mit Jutta Hipp And Her German Jazzmen (das waren Emil Mangelsdorff as, Joki Freund ts, Hans Kresse b, Karl Sanner dr) oder anderen Formationen, \u00fcberwiegend wird der damals vorherrschende Cool Jazz gespielt. Sowohl Hans Koller als auch Joki Freund, der zumeist die Arrangements f\u00fcr die etwas weniger unterk\u00fchlt spielende Jutta Hipp Combo schrieb, hingen dem von Lennie Tristano und Lee Konitz gepflegten k\u00fchl intellektuellen Jazzstil an, dem sie aber als \u201eFrankfurt Sound\u201c eine eigenst\u00e4ndige F\u00e4rbung gaben. Auch von Jutta Hipp hie\u00df es immer wieder, sie orientiere sich in ihrem Stil an Tristano und sei d i e Cool Jazz Pianistin schlechthin. Sie selber hat das sp\u00e4ter in vielen Interviews und Briefen dementiert und den Cool Jazz sogar als \u201everkopft\u201c und \u201eleblos\u201c ver\u00e4chtlich gemacht. \u201eTristano etc. langweilen mich zu Tode. Ich musste das nur damals machen, sehr ungern\u201c, schreibt sie 1980 an die Redaktion des \u201eJazzPodium\u201c, \u201eda war immer Streit mit dem Kollerhans und anderen.\u201c Sie habe sich eben anpassen m\u00fcssen. Sie bevorzuge \u201ehard swinging Jazz\u201c, den \u201eechten Jazz\u201c schreibt sie, liebe Orgel-Trios wie von Jimmy Smith, Jack McDuff und Jimmy McGriff, gern auch mit einem hei\u00dfen Saxophonisten wie Arnette Cobb. Tats\u00e4chlich hat sie schon fr\u00fch als ihre Vorbilder am Klavier Fats Waller, Teddy Wilson, Errol Garner genannt.<\/p>\n<p>In diesem Punkt widerspricht Ilona Haberkamp, selbst Altsaxophonistin mit einem eher coolen Sound, Jutta Hipps sp\u00e4terer grunds\u00e4tzlicher Ablehnung des Cool Jazz, den sie selbst ja hervorragend gespielt hat. Es war \u201egerade dieser Jazz-Stil, der sich in der deutschen Jazzszene h\u00f6chste Anerkennung verschafft und somit Jutta Hipp zum Durchbruch ihrer Karriere in Deutschland verhilft und sie bis nach New York bringt\u201c. Hipps gro\u00dfes K\u00f6nnen als Jazzpianistin k\u00e4men besonders zur Geltung auf ihren Trio-Einspielungen vom 13. und 24.4. 1954: \u201eTwo Oranges\u201c (d. i. \u201eLover Man\u201c), \u201eDiagram\u201c, \u201eDon\u2019t Worry About Me\u201c und last not least in einer herausragenden cool-version von \u201eWhat\u2019s New\u201c (alle auf CD 2 der Box \u201eJutta Hipp And Her Jazzmen\u201c). \u201eOhne Zweifel\u201c, schreibt Haberkamp, \u201eist das Meisterwerk dieser Einspielung \u201aWhat\u2019s New\u2018, eine kontrapunktisch angelegte Improvisation des Jazzstandards, in dem das urspr\u00fcngliche Thema nicht zu Wort kommt, aber Jutta Hipp ihren ganz pers\u00f6nlichen Stil in faszinierender Weise zum Ausdruck bringt.\u201c<\/p>\n<p>Diese Version von \u201eWhat\u2019s New\u201c erscheint mit anderen St\u00fccken dieser beiden Plattensessions auf der ersten Blue Note-Platte mit deutschem Jazz in den USA, unter dem Titel \u201eNew Faces \u2013 New Sounds From Germany: Jutta Hipp And Her Quintett\u201c. Diese Ver\u00f6ffentlichung hat wahrscheinlich der prominente Jazzpublizist und \u2013promoter Leonhard Feather veranlasst. Er war es auch, der Jutta Hipp 1954 in einem Jazzclub in Duisburg aufsp\u00fcrte und zur \u00dcbersiedlung nach Amerika \u00fcberredete. Sie ist 30, als sie Ende 1955 in New York eintrifft. Im Mai hat sie auf dem 3. Deutschen Jazzfestival in Frankfurt mit ihrem Quintett noch viel Beifall eingeheimst, gerade auch mit ihrem Solo \u201eIndian Summer\u201c. Den Fans war bekannt, dass dies wohl ihr letzter gro\u00dfer Auftritt vor der Abreise sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der ersten Wochen in Big Apple ist sie begeistert von der Stadt und der lebhaften Jazzszene. In Briefen und Zeitungsartikeln schw\u00e4rmt sie von den vielen ber\u00fchmten Jazzstars, denen sie begegnet. Sie trifft den charmanten Errol Garner, ihr fr\u00fcheres Vorbild, \u201eder ein paar Sachen f\u00fcr mich\u201c spielte, h\u00f6rt Miles Davis, der sie f\u00fcrs Erste entt\u00e4uscht, sp\u00e4ter aber begeistert, lauscht \u201esprachlos\u201c Count Basie. Da die Arbeitserlaubnis noch auf sich warten l\u00e4sst, jobbt sie in der Packabteilung eines Kaufhauses f\u00fcr 50 $ Wochenlohn. Im M\u00e4rz 1956 erh\u00e4lt sie auf Vermittlung ihres F\u00f6rderers und Managers Feather einen Sechsmonatsvertrag im \u201eHickery House\u201c, einer Bar mit Restaurant, in der a u c h Jazz live geboten wird. F\u00fcr ein festes Gehalt nimmt sie in Kauf, dass die meisten G\u00e4ste sich mehr um ihr Essen und Trinken und weniger um die live Musik k\u00fcmmern. Aber mit dem britischen Bassisten Peter Ind und dem jungen schwarzen Drummer Ed Thigpen hat sie zwei exzellente Sidemen gewonnen, und das Spielen macht ihr Spa\u00df.<\/p>\n<p>Feather sorgt daf\u00fcr, dass am 5. April 1956 im Hickery House 20 Titel live aufgenommen werden. Sie erscheinen auf zwei LPs \u201eJutta Hipp at the hickery house\u201c Vol I &amp; II bei Blue Note, eine gro\u00dfe Auszeichnung, denn sie ist die erste wei\u00dfe Pianistin auf diesem legend\u00e4ren Label (in der Box auf den CDs 4 und 5). Am 28. Juli wird sie mit Ed Thipgen, Ahmed Abdul-Malik b und Jerry Lloyd tp in das Van Gelder Studio in Hackensack eingeladen, um eine Platte mit dem Tenoristen Zoot Sims aufzunehmen. Auch sie erscheint bei Blue Note, zwar unter ihrem Namen, aber Sims, in blendender Form, dominiert die Platte derart, dass Jutta Hipp kaum Gelegenheit f\u00fcr eigene Soli bekommt. Daf\u00fcr hatte sie zuvor ausreichend Gelegenheit beim Newport Jazz Festival am 5. Juli, wo sie ihren mit viel Beifall bedachten Auftritt wegen sintflutartigen Regens auf drei Titel beschr\u00e4nken musste, auch hier \u201eIndiana\u201c und eine sch\u00f6ne erdige Version des St. Louis Blues. Diese bisher unver\u00f6ffentlichte Aufnahme findet sich ebenfalls auf der CD 5.<\/p>\n<p>Durch den Einfluss des von ihr bewunderten Horace Silver und den aufkommenden Hard Bop wandelte sich auch Jutta Hipps Stil. Sie spielte jetzt swingender, rhythmischer, percussiver. Die langen Linien und perlenden L\u00e4ufe verschwinden. Das gef\u00e4llt nicht allen, die sie als Cool Jazz Pianistin gesch\u00e4tzt haben. Nat Hentoff, neben Feather der einflussreichste amerikanische Jazzpublizist, kritisiert, dass sie zu schnell ihren pers\u00f6nlichen Stil aufgegeben und sich Horace Silver angen\u00e4hert habe. Sp\u00e4ter, nach ihrem Zerw\u00fcrfnis mit Feather, kritisiert dieser sie ebenfalls. Auch der deutsche Jazzpapst und Cool Jazz-Enthusiast J. E. Berendt schlie\u00dft sich dieser Kritik an und versteigt sich zu dem Urteil: \u201eDer alten sensitiven Jutta hat der Swing gefehlt, aber sie war eine Pers\u00f6nlichkeit. Die neue Jutta hat swing, aber sie spielt wie eine von vielen.\u201c Er hatte wohl nicht mit bekommen, dass auch in Deutschland namhafte Musiker wie Michael Naura und Wolfgang Schl\u00fcter dem Cool Jazz entsagt hatten und eine h\u00e4rtere, vitalere, auch emotionalere Gangart vorlegten. Warum sollte es der Deutschen in New York, die mitten im Geschehen lebte und spielte, nicht erlaubt sein? Wer wei\u00df, wie sie sich noch entwickelt h\u00e4tte, w\u00e4ren die Umst\u00e4nde ihres Lebens in jener Phase g\u00fcnstiger gewesen.<\/p>\n<p>Was aber von Jutta Hipp bleibt, sind die \u2013 trotz ihres Einwands \u2013 wunderbaren Soli aus der deutschen Cool Jazz Epoche \u2013 und ihre Pionierrolle f\u00fcr alle nachfolgenden \u201eFrauen im Jazz\u201c, die es heute im Vergleich doch einfacher haben. Es lohnt immer noch und immer wieder, sich mit Jutta Hipp zu besch\u00e4ftigen. Dazu bietet \u201eThe Life And Art of Jutta Hipp\u201c ausgezeichnetes Studienmaterial. Der Preis von 149,99 \u20ac ist hoch, aber durch den Gegenwert gerechtfertigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Dietrich Schlegel. Gleich zu Beginn sei es gesagt: \u201eThe Life And Art Of Jutta Hipp \u2013 Hipp is cool\u201c ist eine verlegerische und jazzhistorische Gro\u00dftat des Musikproduzenten Micha Gottschalk und der Jazzmusikerin und Musikp\u00e4dagogin Ilona Haberkamp. Ganz wesentlich war auch der Jazzhistoriker Gerhard Evertz, Verfasser eines Buches \u00fcber \u201eJutta Hipp \u2013 ihr Leben &amp; Wirken\u201c, an Recherche und Dokumentation beteiligt. Eine stabile Box im 12\u201c Format alter LPs enth\u00e4lt ein schwergewichtiges, reich bebildertes Buch voller informativer Texte und Dokumente, ein Beispiel hoher Buchkunst, noch beeindruckender als Gottschalks 2014 in \u00e4hnlicher Aufmachung erschienene Text- und Musikdokumentation \u201emood records cologne Gigi Campi: Jazz in West Germany 1954 \u2013 1956 \u2013 The First Independent Modern Jazz Label in Europa\u201c. So wurde dieses Gesamtkunstwerk zu einer bibliophilen Hommage auf Jutta Hipp, die am 4. Februar 1925 in Leipzig geborene und am 7. April 2003 in Queens\/N. Y. gestorbene einst als \u201eFirst Lady of European Jazz\u201c gefeierte Pianistin, die \u00fcber Jahre in Europa auch die einzige Jazzmusikerin an einem Instrument war. Sonst gab es nur S\u00e4ngerinnen. In diesem Jahr w\u00e4re sie 90 Jahre alt geworden. 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