{"id":4635,"date":"2014-10-01T08:00:18","date_gmt":"2014-10-01T06:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=4635"},"modified":"2014-09-30T16:02:40","modified_gmt":"2014-09-30T14:02:40","slug":"improvisation-ueber-improvisation-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2014\/10\/improvisation-ueber-improvisation-10\/","title":{"rendered":"Improvisation \u00fcber Improvisation #10"},"content":{"rendered":"<p>Jazz ist eine stilvolle Zelebrierung des musikalischen Moments. Am liebsten in Gesellschaft. Um den Moment zu feiern, bedarf es theoretisch nicht viel. \u00dcber je mehr Wissen man verf\u00fcgt, und je direkter man dieses Wissen im Moment abrufen und auf sein Instrument \u00fcbertragen kann, desto mehr hat man \u2013 wiederum theoretisch \u2013 in diesem Moment zu sagen.<br \/>\nWas man davon dann tats\u00e4chlich sagt, ob man \u00fcberhaupt etwas sagt, h\u00e4ngt von den eigenen Entscheidungen ab. Ist man abwartend oder impulsiv, kontrolliert oder ausgelassen, wortkarg oder redselig, sicher oder unsicher? M\u00f6chte man bestimmen oder mitmachen, zustimmen oder widersprechen\u2026 ? Und vor allem \u2013 ist man an jedem Tag gleich? Stehen nicht jeden Tag wieder andere Charaktereigenschaften im Vordergrund, abh\u00e4ngig davon, wie man sich gerade f\u00fchlt, was man erlebt hat, was man sich w\u00fcnscht?<\/p>\n<p>Doch halt \u2013 ich sprach eingangs davon, Wissen abrufen zu k\u00f6nnen. Das klingt nach bewussten Entscheidungen. Der amerikanische Autor <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Malcolm_Gladwell\">Malcolm Gladwell<\/a> veranschaulicht in seinem Buch \u201eBlink\u201c eindrucksvoll, wie viel schneller und effektiver wir Entscheidungen treffen, wenn wir unseren Instinkten vertrauen und uns auf unser Un(ter)bewusstsein verlassen.<br \/>\nAuf unsere Instinkte k\u00f6nnen wir uns jedoch dann am besten verlassen, wenn wir aufgrund der Summe unserer eigenen Erfahrungen davon \u00fcberzeugt sind, dass wir im gegebenen Moment wirklich etwas zu sagen haben. (Die Ausnahme bildet der Instinkt, nicht zu spielen, sondern abzuwarten, bis man wieder etwas Substanzielles zum \u201eGespr\u00e4ch\u201c beitragen kann.)<\/p>\n<p>Neben den instrumentalen F\u00e4higkeiten gilt es also auch, die Qualit\u00e4t und \u00dcberzeugtheit seiner Entscheidungen zu verbessern. Absolute Begriffe wie \u201erichtig\u201c oder \u201efalsch\u201c sind im Jazz fehl am Platz \u2013 es gibt nur gute und weniger gute Entscheidungen.<br \/>\nHinzu kommt die eben angesprochene \u201eSumme der eigenen Erfahrungen\u201c, von denen nur ein kleiner Teil direkt mit der Musik, der gr\u00f6\u00dfte Teil mit dem Leben an sich zu tun hat. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wayne_Shorter\">Wayne Shorter<\/a> formuliert es so: \u201eMusic is a small drop in the ocean of life.\u201c<\/p>\n<p>Das landl\u00e4ufige Urteil, im Jazz ginge es darum, dass jeder seine \u201epers\u00f6nlichen Gef\u00fchle\u201c \u00e4u\u00dfern k\u00f6nne, wird oft absch\u00e4tzig bewertet \u2013 \u201eda spielt doch jeder, was er will\u201c. Abgesehen davon, dass ich es f\u00fcr ein Privileg halte, wenn jeder machen kann, was er will, und man dennoch zu guten gemeinsamen Ergebnissen kommt, ist der Ausdruck pers\u00f6nlicher Gef\u00fchle nur ein kleiner Teil des Reizes, den Jazz f\u00fcr mich ausmacht. In der Musik offenbaren sich viele Pers\u00f6nlichkeitsz\u00fcge der beteiligten Musiker, und diese Pers\u00f6nlichkeiten sind nicht selten faszinierend. Jazz ist personality music im besten Sinne. Um es mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pat_Martino\">Pat Martino<\/a> zu sagen: \u201eJazz ist keine Musik, die Du analysierst, sondern der Jazz analysiert dich.\u201c<\/p>\n<p>In seiner F\u00e4higkeit, gewaltfrei ein H\u00f6chstma\u00df an individueller Freiheit, Entfaltungsm\u00f6glichkeit und Gleichberechtigung innerhalb heterogener Gruppen zu gew\u00e4hrleisten, besitzt der Jazz eine utopische Kraft, die ihresgleichen sucht. Die Existenz eines solchen Modells kann f\u00fcr jede denkwillige Gesellschaft nur f\u00f6rderlich \u2013 und damit f\u00f6rderungswert sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jazz ist eine stilvolle Zelebrierung des musikalischen Moments. Am liebsten in Gesellschaft. Um den Moment zu feiern, bedarf es theoretisch nicht viel. \u00dcber je mehr Wissen man verf\u00fcgt, und je direkter man dieses Wissen im Moment abrufen und auf sein Instrument \u00fcbertragen kann, desto mehr hat man \u2013 wiederum theoretisch \u2013 in diesem Moment zu sagen. Was man davon dann tats\u00e4chlich sagt, ob man \u00fcberhaupt etwas sagt, h\u00e4ngt von den eigenen Entscheidungen ab. Ist man abwartend oder impulsiv, kontrolliert oder ausgelassen, wortkarg oder redselig, sicher oder unsicher? M\u00f6chte man bestimmen oder mitmachen, zustimmen oder widersprechen\u2026 ? Und vor allem \u2013 ist man an jedem Tag gleich? 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Genauer gesagt wurde ich erneut darauf gesto\u00dfen, als ich feststellte, dass Igor Strawinskys \u201eLe Sacre du Printemps\u201c mich auch beim hundertsten H\u00f6ren mehr packt und ersch\u00fcttert als jedes andere Musikst\u00fcck. Ein Blick auf die Geschichte des Werkes zeigt, dass\u2026","rel":"","context":"In &quot;Blog&quot;","block_context":{"text":"Blog","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/thema\/blog\/"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":4709,"url":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2014\/10\/improvisation-ueber-improvisation-11\/","url_meta":{"origin":4635,"position":3},"title":"Improvisation \u00fcber Improvisation #11","author":"Benjamin Schaefer","date":"15. Oktober 2014","format":false,"excerpt":"In ihrer F\u00e4higkeit, Situationen in Sekundenbruchteilen zu erfassen, ihre Aktionen und Reaktionen entsprechend anzupassen und auch unter Druck richtige Entscheidungen f\u00fcr das Gelingen einer gemeinsamen Aufgabe treffen zu k\u00f6nnen, sind professionelle Jazzmusiker professionellen Fu\u00dfballern nicht un\u00e4hnlich. Es gilt als erwiesen, dass auch die k\u00f6rperliche Leistung von konzertierenden Profi-Musikern mit jener\u2026","rel":"","context":"In &quot;Blog&quot;","block_context":{"text":"Blog","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/thema\/blog\/"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":4784,"url":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2014\/11\/improvisation-ueber-improvisation-12\/","url_meta":{"origin":4635,"position":4},"title":"Improvisation \u00fcber Improvisation #12","author":"Benjamin Schaefer","date":"1. November 2014","format":false,"excerpt":"Es gibt so Tage, da liegt das leere wei\u00dfe Blatt Papier vor einem und es f\u00e4llt einem partout nichts ein, womit man es f\u00fcllen k\u00f6nnte. F\u00fcr diese Tage \u2013 und so einer ist bl\u00f6derweise heute, f\u00fcr mich \u2013 helfen verschiedene Strategien. Eine davon ist das continuous writing. Bei dieser Aufgabe\u2026","rel":"","context":"In &quot;Blog&quot;","block_context":{"text":"Blog","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/thema\/blog\/"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]},{"id":4944,"url":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2014\/11\/improvisation-ueber-improvisation-13\/","url_meta":{"origin":4635,"position":5},"title":"Improvisation \u00fcber Improvisation #13","author":"Benjamin Schaefer","date":"16. November 2014","format":false,"excerpt":"In den bisherigen Folgen dieser Blogreihe habe ich viel \u00fcber Improvisation im musikalischen Kontext geschrieben. H\u00f6chste Zeit, auch einmal in andere Bereiche zu schauen. Google, hilfreich wie immer, lieferte mir den Vorschlag \u201eImprovisation Wirtschaft\u201c. Das f\u00fchrte mich unter anderem zu folgenden Definitionen: \u201eVor\u00fcbergehende Regelung einer begrenzten Anzahl von Teilhandlungen im\u2026","rel":"","context":"In &quot;Blog&quot;","block_context":{"text":"Blog","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/thema\/blog\/"},"img":{"alt_text":"","src":"","width":0,"height":0},"classes":[]}],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4635","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/users\/15"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4635"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4635\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4636,"href":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4635\/revisions\/4636"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4635"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4635"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4635"},{"taxonomy":"author","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-json\/wp\/v2\/coauthors?post=4635"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}