{"id":4582,"date":"2014-09-19T15:04:39","date_gmt":"2014-09-19T13:04:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=4582"},"modified":"2014-09-26T15:14:57","modified_gmt":"2014-09-26T13:14:57","slug":"zum-tod-von-kenny-wheeler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2014\/09\/zum-tod-von-kenny-wheeler\/","title":{"rendered":"Zum Tod von Kenny Wheeler"},"content":{"rendered":"<p>Der kanadisch-britische Trompeter Kenny Wheeler (* 14. Januar 1930 in Toronto, Ontario; \u2020 18. September 2014 London) galt nicht nur als Trompetenvirtuose mit unverkennbar eigenem, \u00e4therischen Ton, sondern als einer der produktivsten Komponisten des Jazz: Gegen 200 St\u00fccke hat er geschrieben, die auf gut 30 Alben ver\u00f6ffentlich wurden, die meisten bei dem deutschen Label ECM Records in M\u00fcnchen. Kenny Wheeler war schon seit l\u00e4ngerer Zeit krank und bettl\u00e4gerig. Musikerkollegen hatten mit Benefizkonzerten Geld gesammelt, um die Krankheitskosten tragen zu helfen. Nun ist er 84-j\u00e4hrig in London gestorben. Lesen Sie Ausschnitte aus der Laudatio f\u00fcr Wheeler, die Jazzzeitungsredakteur Andreas Kolb im Jahr 2005 in Stuttgart anl\u00e4sslich der \u00dcberreichung der \u201eGerman Jazz Trophy \u2013 a life for jazz\u201c an den Trompeter hielt.<\/p>\n<p><em>Die Trompete zeichnet sich durch eine seltsame Ambivalenz aus. Als dem repr\u00e4sentativen Instrument des Hofes hatte sie von jeher eine Sonderstellung. Als Lehrlinge f\u00fcr die damals angesehenste und nur in h\u00f6fischen Diensten stehende Zunft der Trompeter und Pauker wurden ausschlie\u00dflich ehrbare und unbescholtene junge M\u00e4nner aufgenommen, die nach einer strengen Lehrzeit von sechs Jahren (bis zur K\u00fcnstlerreife braucht man heute auch so etwa 12 Semester) strenge Pr\u00fcfungen ablegen mussten. Den ausgew\u00e4hlten Lehrlingen hatte man eingesch\u00e4rft, nur ja nicht mit \u201eKunstpfeiffern und Waldhornisten umzugehen; auch nicht auf der Bierbank oder andern Bauerngelagen seine Trompete zu brauchen; sondern vor Kaysern, K\u00f6nigen, F\u00fcrsten, Grafen und Herren, wie auch allen vornehmen Milit\u00e4rbedienten\u201c. Erhielt der Absolvent eine Anstellung bei Hofe, so durfte er sich Hoftrompeter nennen, erst nach sieben Jahren Berufsaus\u00fcbung war es einem h\u00f6fischen Trompeter, der nach bestandener Pr\u00fcfung dem Offiziersstand angeh\u00f6rte, erlaubt, die l\u00f6bliche und ritterm\u00e4\u00dfige Kunst des Blasens zu lehren und weiterzugeben. Ein tadelloses Image, wie es scheint.<\/em><\/p>\n<p><em>Im klassischen Orchester sieht das anders aus. Hier k\u00e4mpft die relativ kleine Mannschaft der Blechbl\u00e4ser (6 Waldh\u00f6rner, 4 Posaunen, 4 Trompeten) bei ihren Kollegen oft mit einem Imageproblem: Sie gelten als L\u00e4rm-Br\u00fcder. Speziell bei den tosenden Tutti-Stellen klassischer Sinfonien l\u00f6sen sie bei ihren Kollegen vor ihnen \u201etempor\u00e4re Vert\u00e4ubungen\u201c aus. <\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0Auch wenn sie nicht l\u00e4nger vor Kaisern und K\u00f6nigen spielen, und auch wenn sie im Orchester nicht immer geliebt werden, sind auch heute Trompeter hoch angesehene Leute. Das hat viele Gr\u00fcnde: einer davon ist der Jazz. Jazzmusik braucht den virtuosen Solisten, seine H\u00f6rer verehren ihn. Unter diesen Solisten gab und gibt es ph\u00e4nomenale Hochtonspieler, virtuose Geschwindigkeitsasse, Big Band-Spezialisten, S\u00e4nger und Entertainer, Bandleader. Und es gibt die Poeten dieses Instruments. Die Nachdenklichen sozusagen. Dazu z\u00e4hle ich Kenny Wheeler, den wir heute mit der German Jazz Trophy auszeichnen. Kenny Wheeler ist ein Trompeter, der keine technischen Schwierigkeiten scheut. Aber Technik bleibt f\u00fcr ihn immer nur Mittel zum Zweck: n\u00e4mlich dem Kreieren und Erfinden von gro\u00dfartiger Musik. Wheeler geh\u00f6rt zu den Musikern, die sich konsequent um die Fortentwicklung der eigenen Klangsprache k\u00fcmmern und auf diese Weise die Szene ausdauernd pr\u00e4gen. Sein Stil und vor allem sein Sound haben die Vorstellung von modernem und zugleich \u00e4sthetischem Trompetenspiel nachhaltig beeinflusst (und deshalb hat sich die Jury der German Jazz Trophy entschieden, Kenny Wheeler ihren diesj\u00e4hrigen Jahrespreis zukommen zu lassen).<\/em><\/p>\n<p><em>Kenny Wheeler wurde am 14. Januar 1939 im kanadischen Toronto geboren. Sein Vater war Amateurposaunist und dr\u00fcckte dem Jungen eines Tages ein Kornett in die Hand. Es war die Zeit der Armstrongs und Gillespies, eine aufregende \u00c4ra des musikalischen Wechsels, dessen Ausl\u00e4ufer via Radio auch Kanada erreichten. Wheeler liebte den Jazz schon als sehr junger Mensch, lie\u00df sich begeistern und studierte sp\u00e4ter in seiner Heimatstadt Trompete und Komposition, bis er der Meinung war, er brauche einen Tapetenwechsel, um wirklich voran zu kommen. Mitte der F\u00fcnfziger reiste er nach England, f\u00fchlte sich dort wohl und beschloss zu bleiben. Wheeler kam in Kontakt mit der lebhaften Londoner Experimentalszene, spielte zun\u00e4chst mit John Stevens Spontaneous Music Ensemble, bald auch mit Alexander von Schlippenbachs Globe Unity Orchestra und dem Kreis um den Schlagzeuger Tony Oxley. <\/em><\/p>\n<p><em>Avantgardistischer Sound war angesagt, zumindest bei intellektuellen H\u00f6rerschichten und den Musikern selbst, und so konnte Wheeler sich konsequent in die erste Liga der Modernisten empor spielen. Dabei halfen ihm sein ausgepr\u00e4gtes Soundbewusstsein, sein klar identifizierbarer Ton mit ausgewogener Balance zwischen strahlender Solistik und lyrisch samtener Intonation. Wheeler wurde zu einem beliebten Partner im kammerjazzig experimentellen Klangumfeld, sein Album \u201eGnu High\u201c (1975) an der Seite von Keith Jarrett geh\u00f6rt zu den Klassikern der Siebziger Jahre. Projekte unter eigenem Namen wechselten mit Combos wie etwa Dave Taylors Trio Azimuth, gemeinsam mit Norma Winstone, das aus heutiger Sicht zu den wichtigen Statements des sich emanzipierenden britisch-europ\u00e4ischen Jazz geh\u00f6rt. Wenn Sie nachher Dave Taylor und Kenny Wheeler im Duospiel h\u00f6ren werden, werden Sie irgendwie auch den Sound von Azimuth erleben, wenn auch ohne die Stimme von Norma Winstone.<\/em><\/p>\n<p><em>Neben der Arbeit in und mit unz\u00e4hligen kleinen Besetzungen fand man Wheeler auch in zahlreichen Gro\u00dfformationen wieder. Er geh\u00f6rte von 1979 an zum Team des United Jazz &amp; Rock Ensemble, Ian Carr hatte ihn vorgeschlagen, als man Anfang der 80er einen dritten Trompeter suchte. Wheeler spielte f\u00fcnf Jahre im Dave Holland Quintett und wurde regelm\u00e4\u00dfig vom European Jazz Ensemble verpflichtet. Ralf Dombrowski, Jazzzeitungsredakteur und Rezensent der S\u00fcddeutschen Zeitung bezeichnet unseren Preistr\u00e4ger als \u201eeinen der V\u00e4ter der jazzenden Gegenwartskunst, der unbeeindruckt von den Moden des Zeitgeistes und den Normen der Tradition seinen Weg gegangen ist\u201c. Dieser Weg w\u00e4re unvorstellbar ohne den Komponisten Wheeler und sein Werk, das im Wesentlichen bei dem Label ECM und seit einigen Jahren bei Camjazz Records dokumentiert ist. Exemplarisch sei hier sein zentrales Werk f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Besetzung genannt, das ganz schlicht \u201eMusic For Large &amp; Small Ensemble\u201c hei\u00dft. In diesem St\u00fcck stellt er auch seine F\u00e4higkeiten als Orchestrator unter Beweis. <\/em><\/p>\n<p><em>Kenny Wheeler ist auch im Alter rastlos und produktiv. Eines seiner bevorzugten Studios ist gar nicht weit von hier: das legend\u00e4re Tonstudio Bauer in Ludwigsburg. Hier fand erst Anfang November eine ganz besondere Produktion des italienischen Labels Camjazz statt: erstmals nahm Wheeler eigene St\u00fccke zusammen mit Dave Taylor und einem Streichquartett auf. Eine weitere Aufnahme in der Besetzung Trompete, zwei Gitarren und Bass liegt schon bereit zur Ver\u00f6ffentlichung. <\/em><\/p>\n<p><em>Nach weiteren Pl\u00e4nen gefragt, sagte mir Kenny Wheeler lapidar: \u201eIch habe zwar einen Namen im Jazz. Aber der ist nicht gro\u00df genug, dass ich entscheide, was kommt. I go where the wind blows me\u201c.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aktuelles Postscriptum: F\u00fcr Anfang 2015 hat ECM eine Aufnahme Wheelers angek\u00fcndigt, die er Weihnachten 2013 in den Abbey Road Studios zusammen mit Stan Sulzmann (Tenorsaxophon), John Parricelli (Gitarre), Chris Laurence (Bass) und Martin France (Drums) machte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der kanadisch-britische Trompeter Kenny Wheeler (* 14. Januar 1930 in Toronto, Ontario; \u2020 18. September 2014 London) galt nicht nur als Trompetenvirtuose mit unverkennbar eigenem, \u00e4therischen Ton, sondern als einer der produktivsten Komponisten des Jazz: Gegen 200 St\u00fccke hat er geschrieben, die auf gut 30 Alben ver\u00f6ffentlich wurden, die meisten bei dem deutschen Label ECM Records in M\u00fcnchen. Kenny Wheeler war schon seit l\u00e4ngerer Zeit krank und bettl\u00e4gerig. Musikerkollegen hatten mit Benefizkonzerten Geld gesammelt, um die Krankheitskosten tragen zu helfen. 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