{"id":4341,"date":"2014-07-22T17:00:40","date_gmt":"2014-07-22T15:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=4341"},"modified":"2014-07-22T17:23:13","modified_gmt":"2014-07-22T15:23:13","slug":"4341","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2014\/07\/4341\/","title":{"rendered":"German Jazz Trophy 2014 an Chris Barber \u2013 Laudatio von Andreas Kolb"},"content":{"rendered":"<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><span style=\"font-size: medium;\">Der britische Posaunist und Bandleader Chris Barber wurde zum Abschluss des Festivals &#8222;Jazzopen&#8220; in Stuttgart am 21. Juli mit der German Jazz Trophy 2014 der Stiftung Spardabank Baden-W\u00fcrttemberg, der Kulturgesellschaft Musik und Wort und der Jazzzeitung geehrt. Trotz eines gebrochenen Fu\u00dfes war Barber im Rollstuhl und mit seiner 10-k\u00f6pfigen Big Chris Barber Band nach Stuttgart gekommen, um im Event Center der Spardabank sein Publikum mit Swing, Blues und viel Power-Dixieland zu \u00fcberw\u00e4ltigen. Vor dem Konzert \u00fcbergaben Sparda-Vorstandsvorsitzender Martin Hettich und SWR-Moderator Markus Brock die von Otto Hajek gestaltete Troph\u00e4e an den ersten Posaunisten unter den inzwischen 14 Preistr\u00e4gern seit 2001. <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"de-DE\">Die German Jazz Trophy wurde bisher an den Altsaxophonisten Lee Konitz, die Pianisten Monty Alexander, Jacques Loussier, Paul Kuhn, Dick Hyman und Wolfgang Dauner, den Geiger Jean-Luc Ponty, die US-amerikanische Pianistin und Komponistin Carla Bley, den Trompeter Kenny Wheeler, den Mundharmonikaspieler Toots Thielemans, den Klarinettisten Hugo Strasser und den Big Bandleiter Erwin Lehn vergeben.<\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><span style=\"font-size: medium;\">Lesen Sie Ausschnitte aus der Laudatio von Andreas Kolb:<\/span><\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">&#8222;Ice Cream, schnelle Autos und Millionenhits&#8220;<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Eigentlich ist Chris Barber Multiinstrumentalist: Er lernte zun\u00e4chst Violine und Sopransaxophon. Sp\u00e4ter studierte er dann Posaune und Kontrabass an der Guildhall School of Music. Heute ist sein Name untrennbar mit der Posaune verkn\u00fcpft, und er ist \u2013 endlich &#8211; unser erster trombone player in einer inzwischen langen Liste von illustren Preistr\u00e4gern. Das Instrument entdeckte er rein zuf\u00e4llig f\u00fcr sich, sagt er: \u201eGekauft habe ich meine erste Posaune eigentlich nur deswegen, nachdem ich gesehen hatte, dass sie sehr g\u00fcnstig war.\u201c Das war nat\u00fcrlich n i c h t der einzige Grund, denn von Anfang an war ihr Sound f\u00fcr ihn mit d e r Musik verbunden, die er liebte, vom ersten Moment an, als er sie h\u00f6rte: mit Jazzmusik.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\">Das klingt einfach, war es aber nicht. Versuchen wir uns zur\u00fcckzuversetzen in die Zeit Anfang der vierziger Jahre. England befindet sich im Krieg mit Hitlerdeutschland und der am 17. April 1930 in Welwyn Garden City, Hertfordshire, geborene Barber kennt als Teenager zwar das furchteinfl\u00f6\u00dfende Ger\u00e4usch deutscher V2 Raketen auf ihrem Weg nach London, hat aber noch keinen einzigen Ton Jazz geh\u00f6rt. Musik war im Gegensatz zu heute nicht \u00fcberall und gleichzeitig verf\u00fcgbar. Jazzmusik gleich gar nicht. Nat\u00fcrlich gab es das Radio, aber Jazz? Jazz wurde da nicht gespielt. Wollte man damals Jazz h\u00f6ren, dann musste man aktiv werden, und das wurde der junge Barber. Zu Kriegsbeginn kam er in den Besitz eines kleinen Bakelit-Radios. Sein Lieblingssender war nat\u00fcrlich der AFN, das American Forces Network \u2013 denn da lief seine Jazzmusik, da konnte die altbackene britische Radiotante BBC (f\u00fcr <\/span>British Broadcasting Corporation)<span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"> nicht mithalten.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><span style=\"color: #000000;\">\u201e<span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">I remember thinking, &#8218;I like that&#8217;\u201c, schreibt er in seiner Autobiographie. Die \u201eIdee Jazz\u201c setzte sich damals fest in Barbers Kopf und er begann, systematisch Platten zu sammeln. Als Sch\u00fcler der King Alfred School in seiner Heimatstadt Roysten musste er einmal die Woche zum Geigenunterricht nach Cambridge fahren. Statt den Bus zu nehmen, fuhr er mit seiner Geige am Lenker auf dem Fahrrad und das gesparte Geld f\u00fcrs Busticket investierte er Woche f\u00fcr Woche in neue Schallplatten \u2013 78 Umdrehungen pro Minute hatten die damals noch, von Stereo keine Rede. Durch diese lernte er Louis Armstrongs Hot Seven kennen, die Columbia Records von Bessie Smith, Aufnahmen von Jelly Roll Morton und Duke Ellington. Auch britische Bands etwa die British Hot Blues Society u.a. waren darunter. Die Platten hat unser Preistr\u00e4ger \u00fcbrigens gr\u00f6\u00dftenteils heute noch im Schrank.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Mit dem 1954 aufgenommenen Titel \u201eIce Cream\u201c gelang ihm ein Welterfolg, der als d i e Dixieland-Hymne schlechthin zu seinem Markenzeichen wurde: (Seitdem ist der Ohrwurm aus dem Repertoire der Chris Barber Band nicht mehr wegzudenken und markiert den H\u00f6he- und Schlusspunkt jedes ihrer Konzerte.) <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Fast noch am Beginn seiner Laufbahn kaufte sich Chris Barber eine Schellackplatte aus den Roaring Twenties, mit einer Instrumentalfassung von \u201eIce Cream\u201c und verliebte sich in die eing\u00e4ngige Melodie. 1954 lie\u00df sie der frischgebackene Bandleader im Studio neu einspielen und seinen Trompeter, den 2013 verstorbenen Pat Halcox, einen Text improvisieren, da ihm der Originaltext nicht bekannt war: \u201eI scream, you scream, everybody wants ice cream. Rock, oh rock my baby roll\u201d. \u201eIch glaube unser Text ist der Hauptgrund daf\u00fcr, dass \u201eIce Cream\u201c in Deutschland ein Hit wurde, denn er enthielt die paar englischen Worte, die der durchschnittliche Deutsche damals verstehen konnte\u201c, glaubt Barber.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><a name=\"_GoBack\"><\/a>D<span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\">er definitive Durchbruch gelang dem Bandleader mit der LP \u201eChris Barber Plays (Vol. 3)\u201c \u2013 sie wurde ein Millionenseller. F\u00fcr diese LP griff Barber eine Komposition des aus New Orleans stammenden Klarinettisten Sidney Bechet auf, die dieser erstmals am 21. Januar 1952 in Paris aufgenommen hatte: \u201ePetite fleur\u201c. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\">Die Geschichte ist erz\u00e4hlenswert: Als Barber und seine Band 1959 bei den Aufnahmen zu ihrer dritten \u201ethird inch-LP\u201c waren, brachte Klarinettist Monty Sunshine das St\u00fcck \u201e<\/span><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"><span style=\"text-decoration: none;\">Petite fleur\u201c<\/span><\/span><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"> mit zu den Aufnahmen. Er hatte \u201ePetite fleur\u201c in der Originalaufnahme mit Bechet geh\u00f6rt und da sein Plattenspieler etwas zu schnell lief, hatte er es Ton f\u00fcr Ton in As-Moll abgeh\u00f6rt, anstelle von G-Moll, der Tonart, in der es Bechet spielte. \u201eDer Grund daf\u00fcr, dass wir diese LP (und das St\u00fcck) millionenfach verkauften und Sidney Bechet nicht\u201c, meint Chris Barber, \u201elag darin dass die Wendung von As-Moll nach H-Dur wundervoll klingt, im Gegensatz zu Bechets Aufl\u00f6sung von G-Moll nach B-Dur. Ein kleiner Punkt, der den gro\u00dfen Unterschied ausmacht.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Barbers Band war als Folge dieses Hits die erste britische Jazzband in den USA, die am 8. M\u00e4rz 1959 live in der Ed Sullivan Show auftreten durfte und ebenso am 2. Oktober 1959 die erste britische Band, die beim Monterey Jazz Festival auftrat. Zwischen 1959 und 1963 besuchte die Chris Barber Band sieben Mal die Vereinigten Staaten. Vor den Beatles war Barber damit D E R popul\u00e4re Re-Import in die USA.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\">2014 feiert er sein 65. Jahr als Bandleader und sein 60. Jahr als Leiter professioneller Barber-Bands \u2013 Grund genug, auch ein bisschen zur\u00fcckzuschauen: Im Februar erschien seine Autobiographie unter dem Titel \u201eJazz Me Blues\u201c. Das Geheimnis seines Erfolges hat er aber schon einmal in einem einzigen Satz zusammengefasst: \u201eWir spielen gl\u00fcckliche Musik und wir machen die Leute gl\u00fccklich. Deswegen m\u00f6gen sie uns.\u201c<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Barbers Karriere ist eine lebenslange Erfolgsstory, in den sechziger Jahren war der Auto-Enthusiast sogar erfolgreich als Rennfahrer unterwegs. Doch trotz erster Erfolge belie\u00df er es hier im Gegensatz zum Jazz bei seiner Rolle als Amateur. Eigentlich ist ihm nur eine Sache nicht gegl\u00fcckt. Das finde ich pers\u00f6nlich schade, denn da h\u00e4tten wir beide heute nochmals ganz anders fachsimpeln k\u00f6nnen: Zusammen mit Harold Pendleton war Barber eine Zeit lang Herausgeber des Magazins \u201eJazz News\u201c. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Barber erinnert sich: \u201eHarold und ich versuchten alles, doch egal ob w\u00f6chentlich, zweiw\u00f6chentlich oder monatlich, wir brachten das Magazin nie in die schwarzen Zahlen.\u201c <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Ich denke, wir profitieren jetzt in diesem Moment davon, dass dies nur eine Episode in Barbers Karriere blieb und wir daher heute Abend zum Gl\u00fcck nicht noch eine (!) weitere Rede \u00fcber Jazz h\u00f6ren, sondern endlich in den Genuss der klingenden, funkelnden und swingenden Welt des Jazz der Chris Barber Band kommen. <\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Feiern Sie heute mit uns den Star des traditionellen Jazz, den Mann der 15.000 Konzerte, den weitsichtigen Impulsgeber, der seine gro\u00dfe Leidenschaft, den traditionellen Jazz, im Laufe der Jahrzehnte in immer neuer Beleuchtung unter die Menschen bringt \u2013 und sie gl\u00fccklich macht.<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Book Antiqua,serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Lieber Chris, herzliche Gl\u00fcckw\u00fcnsche zur German Jazz Trophy 2014 &#8211; a life for Jazz!<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der britische Posaunist und Bandleader Chris Barber wurde zum Abschluss des Festivals &#8222;Jazzopen&#8220; in Stuttgart am 21. Juli mit der German Jazz Trophy 2014 der Stiftung Spardabank Baden-W\u00fcrttemberg, der Kulturgesellschaft Musik und Wort und der Jazzzeitung geehrt. Trotz eines gebrochenen Fu\u00dfes war Barber im Rollstuhl und mit seiner 10-k\u00f6pfigen Big Chris Barber Band nach Stuttgart gekommen, um im Event Center der Spardabank sein Publikum mit Swing, Blues und viel Power-Dixieland zu \u00fcberw\u00e4ltigen. Vor dem Konzert \u00fcbergaben Sparda-Vorstandsvorsitzender Martin Hettich und SWR-Moderator Markus Brock die von Otto Hajek gestaltete Troph\u00e4e an den ersten Posaunisten unter den inzwischen 14 Preistr\u00e4gern seit 2001. Die German Jazz Trophy wurde bisher an den Altsaxophonisten Lee Konitz, die Pianisten Monty Alexander, Jacques Loussier, Paul Kuhn, Dick Hyman und Wolfgang Dauner, den Geiger Jean-Luc Ponty, die US-amerikanische Pianistin und Komponistin Carla Bley, den Trompeter Kenny Wheeler, den Mundharmonikaspieler Toots Thielemans, den Klarinettisten Hugo Strasser und den Big Bandleiter Erwin Lehn vergeben. Lesen Sie Ausschnitte aus der Laudatio von Andreas Kolb: &#8222;Ice Cream, schnelle Autos und Millionenhits&#8220; Eigentlich ist Chris Barber Multiinstrumentalist: Er lernte zun\u00e4chst Violine und Sopransaxophon. 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