{"id":27559,"date":"2022-06-20T15:00:49","date_gmt":"2022-06-20T13:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=27559"},"modified":"2022-06-20T15:00:49","modified_gmt":"2022-06-20T13:00:49","slug":"nachruf-und-rueckblick-matthias-winckelmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2022\/06\/nachruf-und-rueckblick-matthias-winckelmann\/","title":{"rendered":"Nachruf und R\u00fcckblick: Matthias Winckelmann"},"content":{"rendered":"<p>\u201eIn memoriam Matthias Winckelmann\u201c &#8211; aus aktuellem Anlass ist die Radiosendung \u201eJazztime auf BR-KLASSIK\u201c heute Abend eine Stunde lang dem am Wochenende in einer M\u00fcnchner Klinik nach einer Operation verstorbenen M\u00fcnchner Jazzproduzenten Matthias Winckelmann gewidmet. Die BR- Redakteure Ulrich Habersetzer und Roland Spiegel haben Ausz\u00fcge aus Sendungen, in denen Matthias Winckelmann im BR-Studio zu Gast war, zusammengestellt und das Ganze mit Musik von enja-Schallplatten mit Chet Baker, Abdullah Ibrahim und anderen vervollst\u00e4ndigt.<\/p>\n<p>Matthias Winckelmann wurde am 7. April 1941 in Berlin geboren und wuchs in Frankfurt am Main auf. Er lernte als Jugendlicher Trompete, sog den Frankfurt Sound auf und wurde zum Jazzliebhaber und -kenner. Er studierte in M\u00fcnchen Volkswirtschaftslehre und Soziologie und interessierte sich f\u00fcr die Arbeit als Entwicklungshelfer. 1971 gr\u00fcndete er gemeinsam mit Horst Weber das Plattenlabel enja. Ein Label, das f\u00fcr European Jazz stehen sollte, aber bald die globale Welt des Jazz subsumierte und produzierte. Als erstes Album ver\u00f6ffentlichten Winckelmann und Weber \u201eBlack Glory\u201c, eine Aufnahme des Pianisten Mal Waldron aus dem M\u00fcnchner Jazzclub Domicile.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Musiker damals waren ein anderer Schlag. Fr\u00fcher musste man ins Studio erst mal mehrere Sixpacks Bier mitnehmen, bevor irgendwas gespielt wurde, heute dreht sich alles um die Frage, ob die Musiker nun Wasser mit oder ohne Kohlens\u00e4ure trinken wollen.\u201c Matthias Winckelmann im Gespr\u00e4ch mit J\u00f6rg Lichtinger<\/p><\/blockquote>\n<p>Matthias Winckelmann war kein Strippenzieher im Hintergrund, kein unnahbarer Produzent und Impresario. Winckelmann war pr\u00e4sent und immer ansprechbar in den Clubs, bei Festivals, eben \u00fcberall da, wo gute Musik gespielt wurde, wo sich K\u00fcnstler trafen und vor allem dort, wo Neues entstand. Schnell wurde die Musik, die er liebte, zu \u201eseiner Musik\u201c: verewigt auf epochemachenden enja-LPs wie Archie Shepps \u201eSoul Song\u201c, Mc Coy Tyners \u201eRemembering John\u201c, Elvin Jones \u201eIt dont mean a thing\u201c oder Dollar Brands Album \u201eAt Montreux\u201c.\u00a0 Die Liste der enja-Musiker ist beeindruckend: Er produzierte er Alben von Attila Zoller, George Gruntz, Walter Norris, Chet Baker, Dusko Goykovich Abdullah Ibrahim, Abbey Lincoln, John Scofield, Ray Anderson, Glenn Ferris, Bennie Wallace, Yosuke Yamashita und zahlreichen anderen Jazz-Innovatoren.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Zum 40-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um des Plattenlabes enja hat sich J\u00f6rg Lichtinger f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/jazz\/2011\/05\/portrait-winckelmann.shtml\">JazzZeitung 2011\/06<\/a> mit Matthias Winckelmann zum Interview getroffen.<\/p>\n<hr \/>\n<h3><strong>Nie ein Bebop-Museum sein!<br \/>\n<\/strong><strong>Matthias Winckelmann blickt auf 40 Jahre Enja zur\u00fcck<\/strong><\/h3>\n<p>Ein R\u00fcckblick in die Jazzgeschichte: Im Juni 1971 machten die beiden Jazzenthusiasten Matthias Winckelmann und Horst Weber aus einem Live-Konzert des amerikanischen Pianisten Mal Waldron im M\u00fcnchner \u201eDomicile\u201c eine Platte. Die Geburtsstunde von Enja Records, einem Label, das von der Isar aus bald internationale Gr\u00f6\u00dfe erreichen und mit zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen gro\u00dfe Namen des Modern Jazz an sich binden sollte. Als sich Horst Weber 1986 zur\u00fcckzog, f\u00fchrte Winckelmann das Label alleine weiter und vollzog eine Kurs\u00e4nderung. Nach mittlerweile 40 Jahren Betrieb hat sich manches ver\u00e4ndert, doch eines ist gewiss: Enja geh\u00f6rt zu den Legenden des Jazz.<\/p>\n<p><strong>JazzZeitung<\/strong>: Herr Winckelmann, 1971, im Jahr, als Louis Armstrong, den Sie sehr verehren, starb, legten Sie mit Mal Waldrons \u201eBlack Glory\u201c den Grundstein f\u00fcr Enja Records. Wie wurden aus den Jazzfans Matthias Winckelmann und Horst Weber, Ihrem damaligen Partner, Unternehmer und Labelgr\u00fcnder?<\/p>\n<p><strong>Matthias Winckelmann<\/strong>: Zun\u00e4chst einmal brauchten wir daf\u00fcr nat\u00fcrlich Geld. Wir gingen also zur Deutschen Bank und wurden dort von einer sehr netten Dame geradezu m\u00fctterlich in punkto Unternehmensgr\u00fcndung beraten. Am Ende fragte sie uns nach Sicherheiten, und wir schw\u00e4rmten von den tollen und wertvollen LPs, die wir verkaufen wollten. Da sagte sie uns deutlich, dass sie unter Sicherheiten etwas anderes verst\u00fcnde, und der Kredit war vom Tisch. Ich habe mir dann das Geld privat von meinem Vater geliehen, und schon nach zwei Jahren konnten wir ihm alles zur\u00fcckzahlen. \u00dcberhaupt hatte mein Vater einen nicht unwesentlichen Anteil an dieser Entwicklung. Er wollte eigentlich, dass ich im Wirtschafts- und Finanzbereich Karriere mache, aber er hat sich auch immer sehr f\u00fcr Kunst interessiert. In einem Vater-Sohn-Gespr\u00e4ch hat er mir dann einmal nahegelegt: \u201eWenn dich etwas richtig bewegt, so dass du damit dein Leben verbringen willst, dann tu es, denn das ist viel wichtiger als Geld. Und wenn du gut bist, wirst du sowieso genug Geld damit verdienen.\u201c \u2013 Das empfand ich als sehr guten Rat.<\/p>\n<p><strong>JazzZeitung<\/strong>: Hatten Sie damals keine Zweifel, ob es Ihnen als BWL-Student \u2013 mit zugegeben lange gereifter Jazzleidenschaft \u2013 gelingt, pl\u00f6tzlich den Jazzproduzenten zu geben, der wesentlich \u00e4lteren und arrivierten Musikern sagt, wie die Dinge laufen sollen?<\/p>\n<p><strong>Winckelmann<\/strong>: Ich habe mir nach dem Studium gedacht: \u201eMit dem Jazz muss man doch irgendwie seinen Lebensunterhalt verdienen k\u00f6nnen!\u201c Was das Selbstvertrauen betrifft: Ich kam von einer sehr freiheitlichen Schule, der Odenwaldschule, die ja erst k\u00fcrzlich wegen der Missbrauchsf\u00e4lle durch die Medien gegangen und mittlerweile von der Pleite bedroht ist \u2013 eine schreckliche Sache, die allerdings erst zehn Jahre nach meinem Abitur passiert ist. Diese Schule war aber unglaublich gut und hat einen zu enormer Selbst\u00e4ndigkeit erzogen und darauf vorbereitet, das zu tun, was man wirklich wollte.<\/p>\n<p><strong>JazzZeitung<\/strong>: \u2026und der Respekt von den \u00e4lteren Musikern?<\/p>\n<p><strong>Winckelmann<\/strong>: \u2026Wissen Sie, wenn ich damals in New York oder auch sp\u00e4ter im Domicile mit \u00e4lteren Musikern \u2013 gerade Amerikanern wie Freddie Hubbard, Woody Shaw oder Tommy Flanagan \u2013 zu tun hatte, haben meine Frau und ich die erst mal gem\u00fctlich zu uns zum Essen eingeladen. Wenn die dann gemerkt haben, dass wir es ehrlich mit ihnen meinten, versuchten, auf Ihre W\u00fcnsche einzugehen und auch noch bereit waren, Geld daf\u00fcr zu zahlen, bekamen wir sofort ein offenes Ohr. Das waren die amerikanischen Musiker gar nicht gewohnt und dementsprechend begeistert. Daraus hat sich viel Vertrauen entwickelt und mir langj\u00e4hrige Freundschaften gebracht wie mit Attila Zoller oder Chet Baker, mit dessen Familie ich heute noch Kontakt habe.<\/p>\n<p><strong>JazzZeitung<\/strong>: Die Aufnahme zu Chet Bakers \u201eThe Last Great Concert\u201c ist ein ungeheurer Wurf f\u00fcr Enja gewesen, ein Meilenstein und sozusagen das \u201eK\u00f6ln Concert\u201c von Enja&#8230;<\/p>\n<p><strong>Winckelmann<\/strong>: Ja, das k\u00f6nnte man so sagen. Eine geniale Aufnahme, mit der besten Version von \u201eMy Funny Valentine\u201c, die man sich vorstellen kann! Die Platte hat uns international hoch gebracht \u2013 Italien, Frankreich, Spanien und so weiter. Das war ungeheuer wichtig f\u00fcr uns. Noch heute verkaufen wir von der Platte nicht unter tausend St\u00fcck im Jahr. Sollte man als Musikfreund im Schrank haben&#8230;<\/p>\n<p><strong>JazzZeitung<\/strong>: Arbeiten die K\u00fcnstler im Studio heute anders als die Sessionmusiker der 70er- und 80er-Jahre, als Arrangements noch h\u00e4ufig ad hoc zusammengezimmert wurden?<\/p>\n<p><strong>Winckelmann<\/strong>: Die Musiker haben heute fester formulierte Ideen, klarere Vorstellungen von dem, was sie vorhaben. Manchmal sitzt man da wie ein Buchverleger. Es wird einem etwas angeboten und man sagt, \u201egef\u00e4llt mir, kauf ich\u201c. Aber oft kann ich als Produzent eben doch noch vern\u00fcnftige Ratschl\u00e4ge geben. Was mir heute fehlt, ist die Spannung der alten Aufnahmen, als noch mit Zwei-Spur-Technik aufgenommen wurde und man nicht alles beliebig wiederholen konnte. Die Intensit\u00e4t ist damals oft eine andere gewesen.<\/p>\n<p><strong>JazzZeitung<\/strong>: \u2026auch unterst\u00fctzt von diversen illegalen Substanzen&#8230;<\/p>\n<p><strong>Winckelmann<\/strong>: Allerdings! Die Musiker damals waren ein anderer Schlag. Fr\u00fcher musste man ins Studio erst mal mehrere Sixpacks Bier mitnehmen, bevor irgendwas gespielt wurde, heute dreht sich alles um die Frage, ob die Musiker nun Wasser mit oder ohne Kohlens\u00e4ure trinken wollen.<\/p>\n<p><strong>JazzZeitung<\/strong>: In den 80er-Jahren hat sich Ihr Katalog radikal ver\u00e4ndert. Der klassische Modern Jazz ist mehr in den Hintergrund getreten und hat anderen Einfl\u00fcssen Platz gemacht. Ihre K\u00fcnstler kamen seither nicht mehr nur aus Nordamerika, sondern zunehmend auch aus Europa oder Afrika. Zum Instrumenteninventar mischten sich pl\u00f6tzlich Exoten wie Oud oder Saz. Ein harter Schnitt, den Sie da vollzogen haben?<\/p>\n<p><strong>Winckelmann<\/strong>: Mein Label sollte nie ein Bebop-Museum sein, das gibt\u2019s ja auch und ist aller Ehren wert, ich finde das aber wahnsinnig langweilig. Ich wollte immer mehr auf die aktuelle Musikszene eingehen. Angefangen hat das in einem Plattenladen in der M\u00fcnchner Sonnenstra\u00dfe. Den gibt\u2019s heute nicht mehr, aber damals konnte man sich da in Kabinen setzen und den ganzen Tag Platten h\u00f6ren. Die Verk\u00e4uferin hat mir einmal eine Scheibe in die Hand gedr\u00fcckt und gesagt, \u201eH\u00f6r dir das mal an, da f\u00e4llst du aus den Socken!\u201c. Das bin ich dann auch: Die Platte war von Abdullah Ibrahim, Dollar Brand, wie er damals noch hie\u00df. Ein halbes Jahr sp\u00e4ter habe ich ihn bei einem Auftritt im Domicile kennengelernt und wir begannen unsere Zusammenarbeit. Das hat ein neues Fenster ge\u00f6ffnet. Auch Rabih-Abou Khalil kam fr\u00fch zu uns. Der hat mir die arabische Musik n\u00e4hergebracht. Inzwischen haben wir uns ja darauf ein wenig spezialisiert, das wird immer mehr.<\/p>\n<p><strong>JazzZeitung<\/strong>: Mitunter h\u00f6rt man den Vorwurf, dass Enja durch diese \u00d6ffnung die klare Linie abhanden gekommen ist, die zu Zeiten von Chet Baker und Mal Waldron noch erkennbar war. Der Konsument wei\u00df nicht immer, was drinsteckt, wenn Enja draufsteht&#8230;<\/p>\n<p><strong>Winckelmann<\/strong>: Ja, das ist mir klar. Im Vergleich zu uns hat ECM zum Beispiel eine viel deutlicher erkennbare Linie, aber das ist eben deren Weg und wir machen das anders. Renaud Garc\u00eda-Fons zum Beispiel hat gerade eine Solo-Kontrabass-Platte gemacht. Was hat das mit Jazz zu tun? Nichts, aber das ist v\u00f6llig egal, denn was der da macht, das ist unglaublich. Da geht es uns mehr um Individualit\u00e4ten als um Stilistiken.<\/p>\n<p><strong>JazzZeitung<\/strong>: Bei ihrem Jubil\u00e4umskonzert im Gasteig wird neben Renaud Garc\u00e1-Fons auch Banda Citt\u00e1 Ruvo di Puglia, ein Symphonisches Blasorchester aus S\u00fcditalien, spielen. Eigenartiges Line-Up f\u00fcr ein Jazzlabel-Jubil\u00e4um&#8230;<\/p>\n<p><strong>Winckelmann<\/strong>: Viele Leute haben mich schon gefragt, ob ich spinne. Das war eben eine spontane Idee. Bei La Banda wird zwar nicht improvisiert, aber bei diesen 44 Mann ist solch eine Lebensfreude und Power drin \u2013 umwerfend! F\u00fcr den Jazzteil gibt es ja noch unsere K\u00fcnstler, die in der Unterfahrt spielen werden. Lee Konitz, Dusko Goykovich oder Anke Helfrich zum Beispiel, die dann sogar zum ersten Mal in M\u00fcnchen spielen wird.<\/p>\n<p><strong>JazzZeitung<\/strong>: Wir freuen uns drauf und w\u00fcnschen Ihnen viel Energie und Erfolg f\u00fcr die kommenden Jahrzehnte!<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em><strong>Interview: J\u00f6rg Lichtinger<\/strong><\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Zum 30-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um schrieb Ralf Dombrowski in der JazzZeitung 2001\/10<\/strong><\/p>\n<hr \/>\n<h3><strong>Das Geheimnis des Erfolges \u2013<br \/>\n<\/strong><strong>30 Jahre Enthusiasmus: Matthias Winckelmann und das Jazzlabel enja<\/strong><\/h3>\n<p>Es fing schon lange vor der Firma an. Matthias Winckelmann, ein Frankfurter Knabe an einem Internat im Odenwald, entdeckte seine Liebe zur Musik: \u201eDas erste, worauf ich total abgefahren bin, war Louis Armstrongs \u201aWest End Blues\u2018. Dann hatte ich aber bald ein tiefgreifendes Musikerlebnis und das war meine erste Charlie-Parker-Platte. F\u00fcr mich war es ein Moment der Wahrheit, denn ich wusste: Das ist es \u2013 obwohl es f\u00fcr mich als Vierzehnj\u00e4hrigen erst einmal weit \u00fcber meinem Horizont lag\u201c.<\/p>\n<p>Immerhin, das F\u00fcnkchen war \u00fcbergesprungen und das Feuer begann, langsam zu lodern. Zur\u00fcck in Frankfurt zog Winckelmann durch die damals noch lebendigen Clubs, h\u00f6rte sich internationale Jazz-Gr\u00f6\u00dfen an und lernte sogar selbst ein wenig Trompete. Doch zun\u00e4chst studierte der Teenager Volkswirtschaft und Soziologie, machte sein Diplom und versuchte sich an verschiedenen kleineren Jobs. Und durch viele Zuf\u00e4lle war er in M\u00fcnchen h\u00e4ngen geblieben. In der Ende der Sechziger agilen Jazz-Stadt an der Isar boten sich neue Perspektiven: \u201eMich hatte eigentlich Entwicklungshilfe interessiert, das war damals das Thema. Doch dann lernte ich im \u201aT\u00fcrkenkeller\u2018, wo damals jeden Donnerstag Jazz gespielt wurde, Horst Weber kennen. Dort trafen sich auch die Leute des Max Greger Orchesters wie Benny Bailey oder Don Menza, die danach hungerten, einmal die Woche aus der BigBand herauszukommen. Horst hatte bereits gute Kontakte nach Japan, einem der Schl\u00fcssell\u00e4nder f\u00fcr Jazz. Wir beschlossen, unser Gl\u00fcck zu versuchen. Mit geliehenem Geld und dem Pianisten Mal Waldron, der bereits eine bekannte Figur in Fernost war, nahmen wir im Sommer 1971 eine Platte auf, die wir auf Lizenzbasis tats\u00e4chlich dort absetzen konnten.\u201c<\/p>\n<p>Der Anfang war gemacht. Und enja records kam voller Enthusiasmus ins Rollen: \u201eIch borgte mir 25.000 Mark von meinem Vater. Denn einem gerade fertigen Studenten h\u00e4tte damals keine Bank auch nur eine Mark gegeben, um Jazz zu produzieren. Innerhalb von zwei Jahren konnte ich den Betrag zur\u00fcckzahlen und war unheimlich stolz darauf. Allerdings kamen bald ganz andere Probleme auf uns zu. Wir hatten zwar sch\u00f6ne Aufnahmen, haben sogar Folder gedruckt, die wir an die Plattenl\u00e4den schickten. Nur kam leider \u00fcberhaupt keine Antwort. Daher warf ich mich in meinen alten VW, fuhr direkt zu den Leuten und bot die Sachen pers\u00f6nlich an. Langsam wurde mir klar, dass zu einer Platte neben dem Produzieren auch noch das Vertreiben und die Verlagsarbeit geh\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Winckelmann lernte schnell. Es dauerte keine drei Jahre und er pendelte regelm\u00e4\u00dfig zwischen New York und M\u00fcnchen hin und her, um den Musikern auf der Spur zu bleiben und sie zu Aufnahmen zu \u00fcberreden. Er erkannte aber auch das Potenzial vor Ort und schaffte es als Stammgast des in den fr\u00fchen Siebzigern weltbekannten Jazz-Clubs \u201edomicile\u201c, seine K\u00fcnstler vor Ort zu rekrutieren.<\/p>\n<p>So entstand innerhalb kurzer Zeit ein Katalog mit Stars der Szene von Ray Anderson bis Attila Zoller, der \u00fcber drei Jahrzehnte hinweg auf rund 600 Titel angewachsen ist. Obwohl sich Horst Weber 1986 mit seinem Zweig der Firma von Winckelmann trennte, in kleinem Umfang weitermachte und aufgrund der Namensgleichheit seines Unternehmens zun\u00e4chst f\u00fcr Verwirrung sorgte, platzierte sich enja records gemeinsam mit den M\u00fcnchner Kollegen von ECM an der Spitze der deutschen und internationalen Jazz-Independents. Allj\u00e4hrlich ver\u00f6ffentlicht das Label rund 20 CDs, hinzu kommen Lizenzen an gro\u00dfen Aufnahmen oder Sammlungen wie den Archivalien von Ernst Knauff, dem ehemaligen Wirt des \u201edomicile\u201c, die noch der Auswertung harren. Speziallabels wie Blues Bacon (f\u00fcr Blues), Tip Toe (f\u00fcr Weltmusik) und enja nova (f\u00fcr Crossover-Projekte) haben das stilistische Spektrum erweitert, so wie \u00fcberhaupt der Jazz bei enja von kernigem Mainstream \u00e0 la Abraham Burton \u00fcber afrikanische Kultursymbiosen nach Art von Abdullah Ibrahim bis zu genre\u00fcbergreifenden Experimenten des Oud-Spielers Rabih Abou-Khalil reichen. Mit augenzwinkerndem Understatement angesichts der Vielfalt seiner K\u00fcnstler formuliert Winckelmann daher sein Firmenmotto: \u201eIm Prinzip produziere ich die Sachen, die mir Spa\u00df machen. Das ist der einzige Luxus, den ich mir leiste.\u201c Anders gesagt: Blo\u00df nicht sich beirren lassen! Das ist das Geheimnis.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><em>Ralf Dombrowski<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>Wer einen authentischen Einblick ins Schaffen des M\u00fcnchener Musikproduzenten m\u00f6chte, dem sei heute von 23:05 bis 00:00 Uhr die Jazztime auf BR-KLASSIK \u201eIn Memoriam Matthias Winckelmann\u201c ans Herz gelegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIn memoriam Matthias Winckelmann\u201c &#8211; aus aktuellem Anlass ist die Radiosendung \u201eJazztime auf BR-KLASSIK\u201c heute Abend eine Stunde lang dem am Wochenende in einer M\u00fcnchner Klinik nach einer Operation verstorbenen M\u00fcnchner Jazzproduzenten Matthias Winckelmann gewidmet. Die BR- Redakteure Ulrich Habersetzer und Roland Spiegel haben Ausz\u00fcge aus Sendungen, in denen Matthias Winckelmann im BR-Studio zu Gast war, zusammengestellt und das Ganze mit Musik von enja-Schallplatten mit Chet Baker, Abdullah Ibrahim und anderen vervollst\u00e4ndigt. Matthias Winckelmann wurde am 7. April 1941 in Berlin geboren und wuchs in Frankfurt am Main auf. Er lernte als Jugendlicher Trompete, sog den Frankfurt Sound auf und wurde zum Jazzliebhaber und -kenner. Er studierte in M\u00fcnchen Volkswirtschaftslehre und Soziologie und interessierte sich f\u00fcr die Arbeit als Entwicklungshelfer. 1971 gr\u00fcndete er gemeinsam mit Horst Weber das Plattenlabel enja. Ein Label, das f\u00fcr European Jazz stehen sollte, aber bald die globale Welt des Jazz subsumierte und produzierte. Als erstes Album ver\u00f6ffentlichten Winckelmann und Weber \u201eBlack Glory\u201c, eine Aufnahme des Pianisten Mal Waldron aus dem M\u00fcnchner Jazzclub Domicile. \u201eDie Musiker damals waren ein anderer Schlag. 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