{"id":27031,"date":"2022-04-07T11:36:16","date_gmt":"2022-04-07T09:36:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=27031"},"modified":"2022-04-07T11:35:15","modified_gmt":"2022-04-07T09:35:15","slug":"runter-vom-sockel-richard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2022\/04\/runter-vom-sockel-richard\/","title":{"rendered":"Runter vom Sockel, Richard !"},"content":{"rendered":"<h3>Das Online-Release \u201eMythos\u201c von Max Andrzejewski dekonstruiert Wagners \u201eRing des Nibelungen\u201c. Bitte mehr davon!<\/h3>\n<p>Von Sophie Emilie Beha<\/p>\n<p>Wenn das Werk von Richard Wagner nicht auf den Scheiterhaufen geh\u00f6rt, dann zumindest in einen Steinbruch. So oder so \u00e4hnlich muss sich das der Schlagzeuger und Komponist Max Andrzejewski gedacht haben, als er sich vergangenes Jahr an \u201eMythos\u201c gewagt hat. Das Projekt packt Richard Wagner und dessen mythengetr\u00e4nktem Zyklus \u201eRing des Nibelungen\u201c an die Riesen-Eier. Beauftragt vom deutschen Theaterregisseur Ersan Mondtag komponierte Andrzejewski vier neue Ouvert\u00fcren f\u00fcr \u201e<span style=\"text-decoration: line-through;\">wagner \u2013 der ring des nibelungen<\/span> (a piece like fresh chopped wood)\u201c. In der Ring-Adaption von Thomas K\u00f6ck am Berliner Ensemble wird viereinhalb Stunden Wagner zerhackt \u2013 zwischendrin erklingen die neuen Ouvert\u00fcren.<\/p>\n<p>25 Jahre besch\u00e4ftigte sich Richard Wagner mit dem \u201eRing des Nibelungen&#8220;, seinem Hauptwerk, dem die Nibelungensaga zu Grunde liegt. Er eignete sich den urdeutschen Mythos an und erschuf im Zusammenklang mit der Komposition ein zu seiner Zeit inhaltlich wie musikalisch revolution\u00e4res Werk. Zentrales Thema des Mythos \u2013 schon bei Wagner \u2013 ist der Raubbau an der Natur durch den Menschen. Der Raub des Goldes durch den Nibelungen Alberich aus dem Rhein, der am Anfang des Ringes steht, l\u00e4utet die G\u00f6tterd\u00e4mmerung und damit den Untergang der Welt ein. Wovon Wagners Werk neben all den Mythengestalten allerdings auch voll ist: Misogynie und Antisemitismus. Alberich ist n\u00e4mlich auch eine Personifizierung zahlreicher antisemitischer Stereotype. Wie gut, dass Andrzejewski deshalb f\u00fcr seine neuen Ouvert\u00fcren nicht mit dem bestehenden Filz hantiert, sondern ihn auftrennt und nochmal neustrickt. Die Originalwerke dienen nicht f\u00fcr eine Bearbeitung, sondern bestenfalls f\u00fcr eine Sprengung. Aus den vielen Brocken hat sich Andrzejewski dann einige wenige ausgesucht, die er dann weiterbearbeitet, eingeschmolzen, verfestigt und verformt hat, bis hin zur Unkenntlichkeit. Selbst wenn Sie gl\u00fchendste<em>r Wagner-Fanatiker<\/em>in sind, erkennen Sie in seinen Mythos-Ouvert\u00fcren die Originale nicht wieder, nicht mal ein Leitmotiv!<\/p>\n<p>F\u00fcr seine eigene Rheingold-Ouvert\u00fcre, bei Andrzejewski \u201eMythos I\u201c, hat er n\u00e4mlich das viermin\u00fctige Original auf eine schlappe Sekunde eingedampft, das Ganze noch elektronisch extrem verzerrt und das dann als Ausgangspunkt f\u00fcr seine Komposition hergenommen. Heraus kommt ein penetranter elektronischer Schwellk\u00f6rper, der nach einigem Pulsieren von hellen Holzbl\u00e4sern und Streichern abgel\u00f6st wird. Genau wie Wagner wiederholt auch Andrzejewski bestimmte Motive, Akkordabfolgen oder Klangfarben. F\u00fcr \u201eMythos III\u201c, die neue Siegfried-Ouvert\u00fcre, hat er sich mit dem Ausgangswerk auf Kopfh\u00f6rern in sein Studio gesetzt, auf einem erweiterten Drum-Set dazu improvisiert und das Ganze aufgenommen, um es als Ausgangspunkt f\u00fcr seine Komposition zu nutzen.<\/p>\n<p>Ein My Wagner steckt in jeder Ouvert\u00fcre. Andrzejewski zitiert in den eigenen Vorspielen zu \u201eWalk\u00fcre\u201c und \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c sogar das Original. In \u201eMythos II\u201c (dem \u00c4quivalent zur Walk\u00fcren-Ouvert\u00fcre) ist es ein Bratschenmotiv \u2013 allerdings rhythmisch komplett anders zusammengesetzt und verteilt auf mehrere Instrumente. Hier m\u00fcssen sich die Musiker*innen au\u00dferdem nicht an die festgelegte Notation halten: Sie k\u00f6nnen die Stelle mit selbstgew\u00e4hlter Artikulation und im Tempo ihrer Wahl spielen. Dadurch entstehen Unsch\u00e4rfen, lebendige Abweichungen und Kontrollverlust. Richard Wagner w\u00fcrde sich mal wieder im Grab umdrehen.<\/p>\n<p>Max Andrzejewski vereint auf \u201eMythos\u201c zwei seiner Grundinteressen: Freie Improvisation und Komposition. Nicht nur als Komponist, sondern auch am Schlagzeug. Gemeinsam erzeugen die 12 Musiker*innen lichte, vertr\u00e4umte Atmosph\u00e4ren. Durch die Besetzung entsteht eine Durchsichtigkeit \u2013 das Gegenteil von Wagners schwerromantischen Orchesterapparaten. Der gro\u00dfe Richard Wagner ist bei Andrzejewski wirklich ein Steinbruch. Er baut dort einzelne Motive oder Elemente ab, um sie in seinen eigenen Ouvert\u00fcren anders weiterzuspinnen. Gerade diese Distanz zu Wagner macht die Qualit\u00e4t dieser Einspielung aus: Sie \u00fcberzeugt mit schillernden Klangfarben, m\u00e4andernden Motiven und Bombastlosigkeit.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich und anders macht das \u00fcbrigens auch das Ring Orchestra, ein achtk\u00f6pfiges Kollektiv, das sich f\u00fcr eine Ring-Adaption am Schauspielhaus Z\u00fcrich zusammengefunden hat. In seinem Anfang M\u00e4rz auf Bandcamp ver\u00f6ffentlichten Album nimmt es in 18 Kompositionen mit Einfl\u00fcssen aus Ambient, Pop, Reggaeton und einer Vielzahl nicht-westlicher Musiktraditionen Wagners Opus Magnum auseinander. Ebenso wie Max Andrzejewski durch Dekonstruieren und Aufbrechen. Dessen vier Kompositionen sind Gegenentw\u00fcrfe zu Wagners Ouvert\u00fcren. <a href=\"https:\/\/maxandrzejewski.bandcamp.com\/album\/mythos\">Sie sind nicht auf CD erschienen, sondern ausschlie\u00dflich online<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Online-Release \u201eMythos\u201c von Max Andrzejewski dekonstruiert Wagners \u201eRing des Nibelungen\u201c. Bitte mehr davon! Von Sophie Emilie Beha Wenn das Werk von Richard Wagner nicht auf den Scheiterhaufen geh\u00f6rt, dann zumindest in einen Steinbruch. So oder so \u00e4hnlich muss sich das der Schlagzeuger und Komponist Max Andrzejewski gedacht haben, als er sich vergangenes Jahr an \u201eMythos\u201c gewagt hat. Das Projekt packt Richard Wagner und dessen mythengetr\u00e4nktem Zyklus \u201eRing des Nibelungen\u201c an die Riesen-Eier. 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