{"id":26451,"date":"2021-12-22T12:59:54","date_gmt":"2021-12-22T11:59:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=26451"},"modified":"2021-12-22T13:06:33","modified_gmt":"2021-12-22T12:06:33","slug":"digitale-akademie-insight-out-blogbeitrag-von-jakob-fraisse-zum-workshop-class-matters-der-taenzerin-verena-brakonier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2021\/12\/digitale-akademie-insight-out-blogbeitrag-von-jakob-fraisse-zum-workshop-class-matters-der-taenzerin-verena-brakonier\/","title":{"rendered":"Digitale Akademie \u201eInsight Out\u201c: Blogbeitrag von Jakob Fraisse zum Workshop \u201eClass matters\u201c der T\u00e4nzerin Verena Brakonier"},"content":{"rendered":"<p>Mit der Veranstaltungsreihe Digitale Akademie \u201eInsight Out\u201c bietet die Deutsche Jazzunion seit dem 13. Oktober w\u00f6chentlich Vortr\u00e4ge, Workshops und Diskussionsrunden zu den Themen Diversit\u00e4t, Nachhaltigkeit, Bildung und Professionalisierung an. Damit will sie einen Diskursraum f\u00fcr aktuelle Gesellschaftsthemen in der Jazz-Szene schaffen. Begleitet wird die Digitale Akademie durch einen Blog, in dem vier Musiker*innen von ihren Eindr\u00fccken der verschiedenen Veranstaltungen berichten. Der folgende Beitrag bespricht den Workshop \u201eClass matters\u201c, in dem sich die T\u00e4nzerin Verena Brakonier mit Klassismus im Kulturbereich auseinandersetzt.<\/p>\n<h3><strong>Von Autoreifen und Kontrabassb\u00f6gen<\/strong><\/h3>\n<p><em>Blogbeitrag von Jakob Fraisse<\/em><\/p>\n<p>Was haben ein Autoreifen, ein Kontrabassbogen und ein Weinglas gemeinsam? Auf den ersten Blick wohl recht wenig. Doch in der biographischen Vorstellungsrunde von Verena Brakoniers Workshop \u201eKlassismus im Kulturbereich\u201c dienen sie alle als Symbol: Von den Teilnehmenden selbst ausgesucht, stehen sie f\u00fcr die unterschiedlichen Klassenherk\u00fcnfte der Anwesenden.<\/p>\n<p>Da steht das Erste f\u00fcr die Arbeiter*innenschicht, das Zweite f\u00fcr das Bildungsb\u00fcrgertum, und das Dritte f\u00fcr eine Familie, die den Klassenaufstieg geschafft hat. Und was sagt es aus, wenn der Autoreifen nicht mehr Alltagsgegenstand in der elterlichen Werkstatt ist, sondern als Fotografie zur Kunst wird? Dann beschreibt er im selben Kontext eine Diskrepanz von Klassenherkunft zu aktueller Klassenposition. Aber was soll das eigentlich sein, eine Klasse? Und was hat der Autoreifen mit Jazz zu tun?<\/p>\n<p><strong>Klassismus und Jazz<\/strong><\/p>\n<p>Einen Schritt zur\u00fcck. Klassismus ist eine Form des Ausschlusses, die erst seit wenigen Jahren wieder stark in gesellschaftlichen Diskursen thematisiert wird. Wichtige Ver\u00f6ffentlichungen waren beispielsweise die beiden soziologisch angehauchten Biografien \u201eR\u00fcckkehr nach Reims\u201c (2016) von Didier Eribon oder \u00c9douard Louis\u00b4 \u201eDas Ende von Eddy\u201c (2015). Auch im deutschsprachigen Raum h\u00e4ufen sich Publikation wie \u201eSolidarisch gegen Klassismus\u201c(2020), herausgegeben von Francis Seeck und Brigitte Thei\u00dfl oder \u201eEin Mann seiner Klasse\u201c(2020) von Christian Baron. All diese B\u00fccher und viele weitere Podcasts, Forschungsprojekte, Performances usw., thematisieren die Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position. Sie richtet sich meist gegen Angeh\u00f6rige einer benachteiligten oder weniger privilegierten sozialen Klasse. W\u00e4hrend der Begriff der Klasse seit den Ver\u00f6ffentlichungen von Karl Marx und Friedrich Engels im 19. Jahrhundert immer wieder als ideologisch aufgeladener Kampfbegriff genutzt wurde, dient er jetzt als Analysekategorie, um die unterschiedlichen Voraussetzungen der Mitglieder einer Gesellschaft in Hinblick auf Zugang und Teilhabe zu beschreiben. Es geht um den Zugang zu verschiedenen Bereichen einer Gesellschaft. Und hier kommt der Autoreifen wieder ins Spiel. Und der Jazz.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Aspekt in Verena Brakoniers Workshop sind die verschiedenen <u><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kapitalsorten\">Kapitalsorten <\/a><\/u>nach Pierre Bourdieu (1930-2002, franz\u00f6sischer Soziologe). Als \u00f6konomischer Fachbegriff beschreibt Kapital die zur Erstellung von G\u00fctern verf\u00fcgbaren Ressourcen, also beispielsweise Geld, Zeit oder Rohstoffe. Wer schon \u00fcber solche Mittel verf\u00fcgt, hat die M\u00f6glichkeit durch Investition und Gewinne und das dadurch gewonnene Geld an noch mehr dieser Ressourcen zu kommen. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich aber auch mit dem von Bourdieu gepr\u00e4gten Ph\u00e4nomen des sozialen und des kulturellen Kapitals. Wer \u00fcber ein gutes Netzwerk verf\u00fcgt, hat mehr M\u00f6glichkeiten durch gute Kontakte beispielsweise eine Stelle zu kriegen. Und wer einen hohen Bildungsabschluss hat, wer g\u00e4ngige kulturelle Formate und Inhalte und g\u00e4ngige Sprech- und Verhaltensweisen kennt, hat Zugang zu mehr Bildung, mehr Kultur, mehr gesellschaftlichen Kontexten. Zusammen bilden diese Kapitalsorten ab, wie handlungsm\u00e4chtig eine Person in der Gesellschaft ist.<\/p>\n<p><strong>Sind ausgebildete Jazzmusiker daf\u00fcr geeignet, Jazz zu spielen?<\/strong><\/p>\n<p>Durch den intensiven biographischen Austausch der teilnehmenden Jazzmusikerinnen und -p\u00e4dagoginnen wird klar, in der Musik, speziell im Jazz, spielen diese Aspekte ebenfalls eine wichtige Rolle. Denn in seinem Kampf um Anerkennung hat der Jazz den Weg der Akademisierung und Professionalisierung gew\u00e4hlt. Oder um es mit den Worten einer Teilnehmerin zu sagen: \u201eMan muss Musikerin sein, um Musik studieren zu k\u00f6nnen\u201c \u2013 es gibt also ganz konkrete Voraussetzungen, um Teil des kulturellen Geschehens um improvisierte Musik zu werden, zum Beispiel braucht es kulturelles Kapital in Form von musikalischer Bildung oder eines abgeschlossenen Hochschulstudiums. Ebenso \u00d6konomisches Kapital (meist auch das der Eltern) f\u00fcr Ausbildung, Instrumente, die M\u00f6glichkeit zu prek\u00e4ren Bedingungen zu arbeiten sowie soziales Kapital im Sinne eines Netzwerks von Musikerinnen, Veranstalterinnen und anderen F\u00f6rdererinnen. Wer diese Kapitalsorten nicht von zu Hause mitbringt, hat es deutlich schwerer. Noch st\u00e4rker werden diese Ausschlussmechanismen, wenn intersektionale Aspekte wie Gender oder Kultureller Hintergrund eine Rolle spielen.<\/p>\n<p>Viele der Teilnehmenden des Workshops haben aber eher das Gef\u00fchl \u201ezwischen den Welten\u201c zu stehen. Klar, wir besch\u00e4ftigen uns alle mit intellektuell anspruchsvoller Musik. Aber muss sie das sein? Und klar, wir haben teilweise studiert und haben hohe Bildungsabschl\u00fcsse. Aber brauchen wir das, um improvisierte Musik zu machen? Hat improvisierte Musik nicht auch gerade das Potenzial viel zug\u00e4nglicher zu sein als andere Kunstformen? K\u00f6nnte Jazz nicht ohne teure Instrumente, Kanonwissen (das Wissen \u00fcber eine g\u00e4ngige stilistische Sprache, Methoden und St\u00fccke) und Ein\u00fcbung von bestimmten Sprech- und Verhaltensweisen auskommen? Gleichzeitig ist es f\u00fcr mich auch ein gutes Gef\u00fchl mich in dieser<em> Bubble <\/em>auszukennen, mich hier zu Hause zu f\u00fchlen und auf viele Gleichgesinnte zu treffen. Wie schafft man es, dass diese Besonderheit der \u201cJazzfamilie\u201d nicht verloren geht, sie gleichzeitig aber zug\u00e4nglicher wird, gerade f\u00fcr Menschen die nicht aus akademischen Haushalten stammen?<\/p>\n<p>Der Austausch \u00fcber Autoreifen und Kontrabassb\u00f6gen hat viele dieser Aspekte f\u00fcr mich \u00fcberhaupt erst sicht- und sagbar gemacht. Verena Brakoniers Workshop war ein Auftakt, um den Zusammenhang von Jazz und Klasse zu thematisieren. Ein dreist\u00fcndiger Workshop kann aber nur der Auftakt sein, f\u00fcr eine weitere Auseinandersetzungen mit dem Thema. Die Digitale Akademie bietet hier hoffentlich viel Raum, um das Thema weiter zu denken, damit wir uns in Zukunft mehr Gedanken um den Zusammenhang von Autoreifen, Kontrabassb\u00f6gen und Weingl\u00e4sern machen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.digitaleakademie-insightout.de\/digitaleakademieblog\">https:\/\/www.digitaleakademie-insightout.de\/digitaleakademieblog<\/a><\/p>\n<p><em>Beitragsbild: Verena Brakonier. Foto: Christoph Sebastian\/PACT Zollverein.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Veranstaltungsreihe Digitale Akademie \u201eInsight Out\u201c bietet die Deutsche Jazzunion seit dem 13. Oktober w\u00f6chentlich Vortr\u00e4ge, Workshops und Diskussionsrunden zu den Themen Diversit\u00e4t, Nachhaltigkeit, Bildung und Professionalisierung an. Damit will sie einen Diskursraum f\u00fcr aktuelle Gesellschaftsthemen in der Jazz-Szene schaffen. 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