{"id":2422,"date":"2013-10-11T10:05:52","date_gmt":"2013-10-11T08:05:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=2422"},"modified":"2013-10-11T18:37:39","modified_gmt":"2013-10-11T16:37:39","slug":"baby-baby-celebrate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2013\/10\/baby-baby-celebrate\/","title":{"rendered":"Baby Baby Celebrate"},"content":{"rendered":"<p><b>Von der Unm\u00f6glichkeit, gute Funktexte zu schreiben. <\/b><br \/>\nIch soll Songtexte schreiben. Drei auf jeden Fall, besser f\u00fcnf, ja, vielleicht sogar ein ganzes Album. F\u00fcr <i><a href=\"http:\/\/www.steambowl.de\/\" target=\"_blank\">Steambowl<\/a><\/i>, eine Funkband, die aus Freunden besteht und so schnell wie m\u00f6glich durchstarten will. Einen Wunschzettel gibt es auch. Bitte mindestens einen Partysong, so \u201edreckig\u201c wie m\u00f6glich, eine Ballade, mindestens ein sozialkritisches St\u00fcck im Stil von <i>Rage Against The Machine<\/i> und am Besten noch was Kurzes. <i>Twist<\/i> von <i>Korn<\/i>, <i>Die fette Elke<\/i> von den \u00c4rzten. Irgendwie so was. Als Anregungen werden mir Songs von <i>Tower of Power<\/i> und <i>Jamiroquai<\/i> geschickt.<\/p>\n<p>Ich mag Funk.<\/p>\n<p>Funk ist die einzige Musikrichtung, bei der ein Bassist mal so richtig vom Leder ziehen kann. Bass ist \u2013 mit gro\u00dfem Abstand \u2013 mein Lieblingsinstrument. Und ich bin mir sicher, dass es eine Nachfrage gibt f\u00fcr diese Musik, die vor allem live in ihren besten Momenten in der Lage ist, einen geradezu hypnotischen Sog aus Groove und guter Laune zu entwickeln. \u201eFunk ist irgendwie immer da\u201c beteuert auch mein Mitarbeiter Christian Sommerer. \u201eEr ger\u00e4t nie aus der Mode, war aber auch noch nie wirklich Mainstream.\u201c Trotzdem hat der Funk in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden seine Highlights. Egal ob bei James Brown oder den <i>Red Hot Chili Peppers<\/i>. Auch die interessantesten Pop-Hits des Jahres 2013 \u2013 <i>Get Lucky<\/i> von Daft Punk und <i>Blurred Lines<\/i> von Robin Thicke \u2013 sind Ableger des Funk. (Wobei mein Musikverst\u00e4ndnis hier auch schon endet.)<\/p>\n<p>Ich soll also Funksongs schreiben, Hits am besten.<\/p>\n<p>Her mit der Literatur! Ich fresse den Funk, lese mehr als 50 Lyrics am Tag um seine Muster zu erkennen. Regeln, die sich durch alle Funktexte ziehen. So etwas wie der Schl\u00fcssel zum ultimativen Funktext.<\/p>\n<p>Es ist n\u00e4mlich ein weit verbreitetes Missverst\u00e4ndnis, dass man solche Regeln nicht kennen muss. Dass deren Erforschung von einem Mangel an Kreativit\u00e4t zeugt. Ganz im Gegenteil: Je mehr Regeln man kennt, desto kreativer muss man sein, um sich entweder gezielt ein Korsett umzuschnallen oder den Stil zu brechen.<\/p>\n<p>Beim Actionfilm zum Beispiel gibt es die Regel, dass jeder Actionheld an mindestens einem Punkt des Films in der Klemme stecken muss. <i>Indiana Jones <\/i>steht auf einer H\u00e4ngebr\u00fccke, von beiden Seiten pirschen sich Ninjas heran. <i>Stirb Langsams<\/i> John McLane hebt die H\u00e4nde hoch, zwanzig Maschinenpistolen sind auf ihn gerichtet. James Bond ist auf einer Bahre gefesselt, ein Laserstrahl n\u00e4hert sich langsam seinem Hodensack.<\/p>\n<p>Der Zuschauer erwartet diese Szene schon in der Schlange vor der Kinokasse. Wenn er sie bei einem Actionfilm nicht bekommt ist er entt\u00e4uscht wie von einem Western ohne Landschaftsaufnahmen oder einem 3D-Film ohne <i>Plop!-<\/i>Effekte.<\/p>\n<p>Die Haupthandlung eines klassischen Hollywoodfilms der L\u00e4nge 120 Minuten setzt nach genau 30 Minuten ein. So etwas wie: \u201eDer Held entschlie\u00dft sich aufzubrechen, um den Drachen zu T\u00f6ten.\u201c Oder: \u201ePl\u00f6tzlich ist die Heldin schwanger und muss ihr Leben \u00e4ndern.\u201c<\/p>\n<p>Wirklich, man kann die Zeit danach stoppen. Egal, ob es sich um <i>Philadelphia<\/i> handelt oder <i>Beim ersten Mal<\/i>. Der zweite gro\u00dfe Handlungstwist (\u201eDer Held wird schwer verwundet\u201c \/ \u201eDie Heldin merkt, dass sie sich nie vollst\u00e4ndig \u00e4ndern wird\u201c) setzt nach genau 90 Minuten ein. Diese Regeln sind sogar so starr, dass Filmproduzenten und Drehbuch-Scouts oft nur die Seiten 30 und 90 aufschlagen, wenn sie ein neues Drehbuch in den H\u00e4nden halten. Ohne die entsprechend gesetzten Handlungstwists w\u00fcrde sich ein Hollywoodfilm anf\u00fchlen wie eine Pointe, die nicht z\u00fcndet. Anstrengend, langweilig, plan- oder lieblos. (Genau das war lange Zeit der Vorwurf gegen\u00fcber europ\u00e4ischen Filmen. Bis die Drehbuchautoren begannen, entsprechende Muster aus \u00dcbersee anzuwenden.)<\/p>\n<p>Filmemacher wie David Lynch, Quentin Tarantino oder Christopher Nolan m\u00fcssen tief in die Trickkiste greifen, um solche Regeln der Erz\u00e4hlkunst gekonnt <i>nicht<\/i> einzuhalten. (Der vielleicht spannendste Film aus dieser Reihe ist <i>Kill Bill Volume 1<\/i>. Keine Ahnung, wieso dieser Film trotzdem funktioniert.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Popsongs folgen solchen Regeln. Neben der klassischen L\u00e4nge von drei Minuten, inhaltlicher Zensur und der strengen Abfolge \u2013 Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Zwischenspiel, Refrain, Refrain \u2013 m\u00fcssen die Texte extrem zug\u00e4nglich sein. Gerade wenn man den Anspruch hat, dass schon beim ersten H\u00f6ren mitgesungen werden k\u00f6nnen soll.<\/p>\n<p>Dazu nehme man eine m\u00f6glichst nichtssagende Strophe. Etwas wie: <i>It was hard \/ Right from the start \/ You broke my heart \/ I fell apart \/ But I won\u2019t take it longer \/ Now I\u2019m stronger \/ Fire \/ Desire \/ I scream \/ In my dream.<\/i> Das deutsche Analogon w\u00e4re der Herzschmerzscherzvers.<\/p>\n<p>Und ein Refrain mit markantem Wort oder einer Parole, die man so noch nie geh\u00f6rt hat. <i>I kissed a girl and I liked it<\/i>. <i>Da-didl-dum, der Kommissar geht um<\/i>. Die franz\u00f6sische Clubhymne <i>Alors en danse<\/i> ist das vielleicht beste Beispiel daf\u00fcr, dass der Refrain nicht einmal inhaltlich <i>verstanden<\/i> werden muss, um einschl\u00e4gig zu sein und mitgesungen werden zu k\u00f6nnen. Noch dazu, wenn innerhalb des Songs explizit dazu aufgefordert wird. Dazu ein schickes Video und ein tanzbarer Grundbeat&#8230; In vieler Hinsicht ist auch <i>Alors en danse <\/i>der perfekte Hit.<\/p>\n<p>Aber die Mischung aus Beliebigkeit in den Strophen und einem geradezu archaischen Refrain liegt auch bei so gut wie jedem <i>Rihanna<\/i>-Song vor. Ich tue mir schwer, bei <i>Rihanna<\/i> von einer K\u00fcnstlerin zu sprechen (selbst der Begriff Interpretin w\u00e4re charmant), doch jeder ihrer Songs ist seine eigene Marke und ragt \u2013 nicht zuletzt wegen dem Text \u2013 markant aus dem sonst so seichten Meer aus Radiopop heraus. Wer sonst hat zuvor einen Regenschirm besungen? Oder Diamanten im Himmel? Oder die Liebe zur L\u00fcge? Eine mir bekannte Funkband jedenfalls nicht.<\/p>\n<p>Nein, im Funk scheint es nur um \u201eEnergie\u201c zu gehen. Also um Party, Tanz, Musik und Sex. OHNE JEDE REGEL. Nicht einmal Metaphern werden hier verwendet. Der Unterschied Pop\/Funk sieht ungef\u00e4hr so aus<\/p>\n<p>Pop: <i>Die Nacht ist nicht zum Schlafen da&#8230;<\/i><\/p>\n<p>Funk: <i>Baby, komm her!<\/i><\/p>\n<p>Die Songs hei\u00dfen <i>You Got To Get Funkifize<\/i>, <i>Down To The Nightclub<\/i>, <i>If I Like It I Do It, Celebration, Let\u2019s Celebrate!, I Want To Celebrate, Celebrate Our Love <\/i>oder <i>Baby All Night Long<\/i>. \u201eDas wichtigste beim Gesang\u201c, sagt Christian Sommerer \u201esind die <i>Au<\/i>!-s und <i>Uh<\/i>!-s. Der Text ist Wurst.\u201c<\/p>\n<p>Nimmt mit zunehmender Komplexit\u00e4t der Musik die Komplexit\u00e4t der Texte ab?<\/p>\n<p>Ein befreundeter Jazzmusiker erz\u00e4hlte mir einmal, bei ihnen im Jazztrio h\u00e4tten sie immer darum gew\u00fcrfelt, wer die Texte schreiben <i>muss<\/i>. Bei mir stie\u00df diese Anekdote auf Unverst\u00e4ndnis. Aber auf einmal wurde mir klar, wieso so viele Berufsmusiker nichts mit HipHop oder Bands wie <i>Element Of Crime<\/i> anfangen k\u00f6nnen. Denn auch die Texte der sonstigen gro\u00dfen, komplizierten Musik, Klassik, sind thematisch begrenzt. (\u201ePreiset den Herrn!\u201c) Muss man wirklich Frank Zappa hei\u00dfen, um wilde Live-Band-Musik mit interessanten Texten zu kombinieren?<\/p>\n<p>Gibt es ihn \u00fcberhaupt, den <i>guten<\/i> Funksongtext?<\/p>\n<p>Die schlechte Nachricht lautet: Nein, was schade ist, wird gerade hierzulande in den letzten Jahren wieder mehr Wert gelegt auf (deutsche) Texte. Die gute Nachricht lautet: Nein. <i>Aber<\/i> es gibt trotzdem Funksongs mit Poptexten. So wie <i>Carwash<\/i>. Oder neuerdings die von mir. Ja, vielleicht sind Konzept-Texte sogar <i>die<\/i> M\u00f6glichkeit, den Funk um eine neue Komponente zu bereichern. <i>Carwash<\/i> jedenfalls befindet sich in bester Gesellschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Unm\u00f6glichkeit, gute Funktexte zu schreiben. Ich soll Songtexte schreiben. 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