{"id":23624,"date":"2020-10-14T10:47:12","date_gmt":"2020-10-14T08:47:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=23624"},"modified":"2020-10-14T10:47:12","modified_gmt":"2020-10-14T08:47:12","slug":"daniele-ganser-bei-den-jazztagen-dresden-ein-politikum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2020\/10\/daniele-ganser-bei-den-jazztagen-dresden-ein-politikum\/","title":{"rendered":"Daniele Ganser bei den Jazztagen Dresden &#8211; ein Politikum"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gro\u00dfe Aufregung um den Vortrag von Daniele Ganser bei den <a href=\"https:\/\/www.jazztage-dresden.de\/de\/startseite\/\">Jazztagen Dresden<\/a>, die am 21. Oktober 2020 starten. Es erreichten uns einige Mails von Kritikern. Wir als Medium haben nun gesammelt und stellen unseren Leserinnen und Lesern unzensiert und objektiv folgende Informationen zur Verf\u00fcgung:<\/strong><\/p>\n<h2><strong>Stellungnahme der Jazztage Dresden<\/strong><\/h2>\n<p>Seit Ende letzter Woche verbreitet sich ein Aufruf, ausgehend von einem Facebook-Post, mit dem Ziel, bei den Jazztagen Dresden die Absage des Vortrages von Dr. Daniele Ganser zu erreichen. Seitdem gehen Mails von unterschiedlichen Seiten bei den Jazztagen ein. Einerseits mit der Bitte bzw. der expliziten Forderung, den Vortrag abzusagen \u2013 und andererseits mit der kontr\u00e4ren Bitte, den Vortrag nicht abzusagen. Auch Partner und Sponsoren werden mit entsprechenden Mails bedacht. Wir freuen uns immer \u00fcber Feedback und konstruktive Kritik. Auch die Zuschriften, die uns nun erreichen, haben im \u00fcberwiegenden Teil einen positiven Grund-Tenor den Jazztagen gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Aus der von uns tiefempfundenen Verantwortung und Verpflichtung sowohl unseren K\u00fcnstlern als auch dem Publikum und unseren vielen, zum gro\u00dfen Teil langj\u00e4hrigen Partnern und Unterst\u00fctzern und unserem Team gegen\u00fcber, m\u00f6chten wir zu diesem Thema wie folgt Stellung nehmen.<\/p>\n<p>Gerne stellen wir ein Zitat aus der Pr\u00e4ambel des Jazzverbandes Sachsen e.V. an den Anfang: \u201eDer Jazzverband Sachsen e.V. versteht sich als weltoffen und sagt deshalb entschieden Nein(!) zu jeglicher Form von Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Homophobie.\u201c Dieser Aussage schlie\u00dfen wir uns von Seiten der Jazztage Dresden zu 100 Prozent an. Die Jazztage Dresden stehen in diesem f\u00fcr viele so schwierigen Jahr aktuell kurz vor ihrem 20. Festivaljahrgang. In den vergangenen 19 Jahren hat sich das Festival vom Dresdner Stadtrand mit zu Beginn 400 G\u00e4sten hin zu einem Festival von internationaler Reputation mit renommierten K\u00fcnstlern aus aller Welt entwickelt. In den letzten Jahren besuchten j\u00e4hrlich circa 40.000 G\u00e4ste die jeweils rund 80 Festivalkonzerte.<\/p>\n<p>Neben dem grundlegenden Bestreben, hervorragende und au\u00dfergew\u00f6hnliche Musiker nach Dresden zu holen \u2013 seien es internationale Stars oder junge und\/oder aufstrebende Musiker \u2013 liegt von Beginn an ein besonderer Schwerpunkt der Festivalprogrammatik im Ausloten von Grenzr\u00e4umen zwischen unterschiedlichen Genres und Stilen \u2013 und dem Schaffen eines Raumes f\u00fcr Projekte, Ensembles und Experimente, die sich in einem derartigen Spannungsfeld bewegen. Das auf den ersten Blick mitunter scheinbar Unvereinbare kann miteinander in Kontakt treten und erm\u00f6glicht dabei das Entstehen von Neuem.<\/p>\n<p>Diese Motivation, Br\u00fccken zu schlagen anstatt Gr\u00e4ben zu ziehen, tragen die Jazztage auch \u00fcber die Musik selbst hinaus mit \u2013 und weiter. So gibt es im Festivalprogramm immer mal wieder K\u00fcnstler, die auch politisch aktiv sind und Entsprechendes in ihrem Programm auf der B\u00fchne kommunizieren. Dies ist im Rahmen der Kunstfreiheit in Ordnung und wichtig, solange die Grenze zur Diskriminierung (egal welcher Art und gegen wen) und zum Extremismus nicht \u00fcberschritten wird.<\/p>\n<p>Auch auf dem Gebiet der gesellschaftlichen, auch der politischen Themen halten wir eine offene Diskussion auch sehr unterschiedlicher Ansichten und Perspektiven f\u00fcr gut und richtig \u2013 und ziehen dies einer Abgrenzung und Abschottung vor. Immer mit Blick auf die oben schon genannte rote Linie, deren \u00dcberschreitung von uns nicht toleriert wird.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund haben wir Dr. Ganser zur Durchf\u00fchrung seines Vortrages auch in diesem Jahr zugestimmt. Der Vortrag ist, als \u201eVortrag\u201c gekennzeichnet, bereits seit Anfang des Jahres 2020 (Januar\/Februar) ver\u00f6ffentlicht und im Verkauf. Auch im Vorjahr hatte bereits ein Vortrag von Dr. Ganser stattgefunden. Die Veranstaltung wird durchgef\u00fchrt von der SIPER AG, die Jazztage stellen die Infrastruktur zur Verf\u00fcgung und erhalten eine Miete. Das Entstehen von Kosten f\u00fcr die Jazztage aus diesem Vortrag ist (und war) ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Ausschlaggebend f\u00fcr diese Entscheidung sind die folgenden Punkte:<br \/>\n1. Dr. Ganser hat sich unseres Wissens nach nie rassistisch, diskriminierend oder homophob ge\u00e4u\u00dfert. Dies best\u00e4tigt unter anderem auch Prof. Butter, der im urspr\u00fcnglichen Facebook-Post (siehe oben!) zitiert wird.<br \/>\n2. Wir sind der festen \u00dcberzeugung, dass sowohl das Sprechen miteinander als auch das H\u00f6ren und Erfahren von anderen Sichtweisen oder Perspektiven dem Menschen nicht schadet, sondern vielmehr das eigene Reflektieren und das eigene kritische Denken anregt.<br \/>\n3. Weiterhin sind wir der \u00dcberzeugung, dass wir Menschen durchaus dazu in der Lage sind, Geh\u00f6rtes und Erlebtes selbst und eigenst\u00e4ndig zu beurteilen (im Idealfall aus erster Hand und nicht \u00fcber Dritte) und daraus \u2013 jeder f\u00fcr sich \u2013 seine Schl\u00fcsse zu ziehen oder das Geh\u00f6rte in der einen oder anderen Form f\u00fcr sich weiter zu verarbeiten.<\/p>\n<p>Wir sehen eine gr\u00f6\u00dfere Gefahr darin, Gespr\u00e4chspartner oder Andersdenkende auszuschlie\u00dfen, als miteinander zu sprechen (oder auch kontrovers zu diskutieren) und unterschiedliche Perspektiven zuzulassen. Immer nat\u00fcrlich mit Blick auf die bereits genannte rote Linie.<\/p>\n<p>Das Zitat von Evelyn Beatrice Hall \u201eIch missbillige, was du sagst, aber w\u00fcrde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen.\u201c (Voltaire zugeschrieben) leitet uns an dieser Stelle.<\/p>\n<p>Ansonsten stehen wir und die Jazztage \u2013 und wohl zumindest die meisten, die die Jazztage und uns selbst kennen, wissen das \u2013 f\u00fcr Freiheit und Weltoffenheit und gegen jegliche Form von Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Homophobie und Extremismus. Das ist eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die eigentlich keiner Erw\u00e4hnung bedarf.<\/p>\n<p>Da wir miteinander und nicht \u00fcbereinander (oder gar nicht) sprechen wollen, m\u00f6chten wir eine Diskussion an den Vortrag von Herrn Ganser (der aufgrund der Corona-Auflagen und entsprechend geringerer Platzkapazit\u00e4t in zwei Vortr\u00e4ge gesplittet wurde) anschlie\u00dfen unter dem Motto \u201eConcertare\u201c. Um 18 Uhr wollen wir Gespr\u00e4chspartner zur offenen Diskussion einladen. Wir bitten die Initiatoren des Facebook-Posts um Vorschl\u00e4ge zu m\u00f6glichen Gespr\u00e4chspartnern\/Diskutanten.<\/p>\n<p>Wir freuen uns auf ein Festival mit gro\u00dfartiger Musik \u2013 und mit guten Gespr\u00e4chen und Diskursen. Offen, freiheitlich, mit Respekt und Toleranz jedem und jeder gegen\u00fcber.<\/p>\n<p><em>Kilian Forster &amp; Tanja Grandmontagne, Jazztage Dresden (Mail vom 13. Oktober 2020)<\/em><\/p>\n<h2>Stellungnahme des Jazzverband Sachsen e.V.<\/h2>\n<p>\u201eEin menschliches Gehirn, das mit Jazz F\u00fchlung aufnimmt, verliert seine rechten Winkel. Jazz ist die Verneinung des Stechschritts und des Marschiertritts.\u201c<br \/>\nWiglaf Droste<\/p>\n<p>11.10.2020<br \/>\nLieber Kilian,<br \/>\nder Jazzverband Sachsen e.V. freut sich, dass es dir auch in diesem Jahr gelungen ist ein vielseitiges und interessantes Programm f\u00fcr die Jazztage Dresden 2020 zusammenzustellen. Wir hoffen, dass das Festival ohne weitere Corona-bedingte Einschr\u00e4nkungen bis zum Jahresende stattfinden kann. Deine kontinuierliche Arbeit f\u00fcr die Jazzmusik in der Landeshauptstadt Dresden ist in der s\u00e4chsischen Kulturlandschaft fest verankert und genie\u00dft hohes Ansehen.<br \/>\nWir begr\u00fc\u00dfen es au\u00dferordentlich, dass du mit der Veranstaltungsreihe Jazz &amp; Diskurs einen politischen Input in das Festival bringen m\u00f6chtest. Jazzk\u00fcnstler<em>innen nutzten ihren k\u00fcnstlerischen Ausdruck schon immer als Plattform f\u00fcr politische Meinungs\u00e4u\u00dferungen und er\u00f6ffneten somit Raum f\u00fcr Diskussion. Die Vortr\u00e4ge von Daniele Ganser (der seine Lehrauftr\u00e4ge an verschiedenen Hochschulen verlor, und der u.a. im verschw\u00f6rungsideologischen Compact Magazin ver\u00f6ffentlichte) am 25.10.2020 im Rahmen der Jazztage Dresden irritieren uns jedoch sehr. Bereits 2019 ist Herr Ganser auf den Jazztagen aufgetreten, trotz harscher Kritik. Insbesondere, weil wir dem Text zur Veranstaltung nicht entnehmen k\u00f6nnen, dass die Thesen\/Positionen von Herrn Ganser durch eine<\/em>n weitere<em>n Redner<\/em>in diskutiert werden. Durch das Fehlen einer Podiumsdiskussion wirkt der Vortrag von Herrn Ganser als unwidersprochene Verk\u00fcndigung. Die Ank\u00fcndigungen der weiteren Veranstaltungen innerhalb der Vortragsreihe reproduzieren mit Begriffen wie \u201eZigeunerbaron\u201c oder \u201eMultikulti\u201c den sprachlichen Duktus neu-rechter Str\u00f6mungen.<br \/>\nWarum sind diese Vortr\u00e4ge \u00fcberhaupt Teil des Programms eines Jazzfestivals?<br \/>\nWelche Verbindungen zur Jazzmusik siehst du als Kurator des Festivals? Inwiefern findet ein Diskurs bei einer Vortragsreihe ohne weitere Diskussionspartner<em>innen \u00fcberhaupt statt? Warum wird der Vortrag von Herrn Ganser, im Gegensatz zu den anderen drei Veranstaltungen, nicht in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung, sondern mit dem von Ganser gegr\u00fcndeten Unternehmen Siper durchgef\u00fchrt?<br \/>\nDas oben genannte Zitat des Autors, S\u00e4ngers und Satirikers Wiglaf Droste ist der Pr\u00e4ambel des Jazzverband Sachsen e.V. vorangestellt.<br \/>\nSie besagt weiter:<br \/>\nDer Jazzverband Sachsen e.V. ist ein Zusammenschluss von Akteur<\/em>innen des Jazz und der jazzverwandten Musik in Sachsen aller Generationen. Wir verstehen uns als Ratgeber und\u00a0 kulturpolitisches Kompetenzzentrum f\u00fcr Kommunikation, Vernetzung und Austausch und st\u00e4rken mit unserer Arbeit das Bewusstsein f\u00fcr den Wert der Kreativit\u00e4t und f\u00f6rdern im Besonderen den Jazz als unverzichtbaren Bestandteil des kulturellen Lebens. Wir vertreten die Interessen von Musiker<em>innen, Veranstalter<\/em>innen und Ausbildungsst\u00e4tten gleicherma\u00dfen.<br \/>\nDer Jazzverband Sachsen e.V. versteht sich als weltoffen und sagt deshalb entschieden Nein(!) zu jeglicher Form von Diskriminierung, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Homophobie.<br \/>\nIn dieser uns selbst auferlegten Aufgabe als neu gegr\u00fcndeter Verein laden wir dich herzlich ein zu einem, hoffentlich, fruchtbaren Diskurs.<br \/>\nDer Vorstand des Jazzverband Sachsen e.V.<br \/>\nSebastian Haas<br \/>\nUlrike Kirchberg<br \/>\nJoachim Hecker<br \/>\nRobert Lucaciu<br \/>\nLudwig Kocioc<br \/>\nDominique Ehlert<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gro\u00dfe Aufregung um den Vortrag von Daniele Ganser bei den Jazztagen Dresden, die am 21. Oktober 2020 starten. Es erreichten uns einige Mails von Kritikern. Wir als Medium haben nun gesammelt und stellen unseren Leserinnen und Lesern unzensiert und objektiv folgende Informationen zur Verf\u00fcgung: Stellungnahme der Jazztage Dresden Seit Ende letzter Woche verbreitet sich ein Aufruf, ausgehend von einem Facebook-Post, mit dem Ziel, bei den Jazztagen Dresden die Absage des Vortrages von Dr. Daniele Ganser zu erreichen. Seitdem gehen Mails von unterschiedlichen Seiten bei den Jazztagen ein. Einerseits mit der Bitte bzw. der expliziten Forderung, den Vortrag abzusagen \u2013 und andererseits mit der kontr\u00e4ren Bitte, den Vortrag nicht abzusagen. Auch Partner und Sponsoren werden mit entsprechenden Mails bedacht. Wir freuen uns immer \u00fcber Feedback und konstruktive Kritik. Auch die Zuschriften, die uns nun erreichen, haben im \u00fcberwiegenden Teil einen positiven Grund-Tenor den Jazztagen gegen\u00fcber. Aus der von uns tiefempfundenen Verantwortung und Verpflichtung sowohl unseren K\u00fcnstlern als auch dem Publikum und unseren vielen, zum gro\u00dfen Teil langj\u00e4hrigen Partnern und Unterst\u00fctzern und unserem Team gegen\u00fcber, m\u00f6chten wir zu diesem Thema wie folgt Stellung nehmen. 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Oktober 2020 starten. Es erreichten uns einige Mails von Kritikern. Wir als Medium haben nun gesammelt und stellen unseren Leserinnen und Lesern unzensiert und objektiv folgende Informationen zur Verf\u00fcgung: Stellungnahme der Jazztage Dresden Seit Ende letzter Woche verbreitet sich ein Aufruf, ausgehend von einem Facebook-Post, mit dem Ziel, bei den Jazztagen Dresden die Absage des Vortrages von Dr. Daniele Ganser zu erreichen. Seitdem gehen Mails von unterschiedlichen Seiten bei den Jazztagen ein. Einerseits mit der Bitte bzw. der expliziten Forderung, den Vortrag abzusagen \u2013 und andererseits mit der kontr\u00e4ren Bitte, den Vortrag nicht abzusagen. Auch Partner und Sponsoren werden mit entsprechenden Mails bedacht. Wir freuen uns immer \u00fcber Feedback und konstruktive Kritik. Auch die Zuschriften, die uns nun erreichen, haben im \u00fcberwiegenden Teil einen positiven Grund-Tenor den Jazztagen gegen\u00fcber. 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