{"id":23566,"date":"2020-10-06T15:05:19","date_gmt":"2020-10-06T13:05:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=23566"},"modified":"2020-10-06T17:38:08","modified_gmt":"2020-10-06T15:38:08","slug":"rundfunkjournalist-karlheinz-drechsel-ist-tot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2020\/10\/rundfunkjournalist-karlheinz-drechsel-ist-tot\/","title":{"rendered":"Rundfunkjournalist Karlheinz Drechsel ist tot"},"content":{"rendered":"<p>Im Alter von 89 Jahren starb am 5. Oktober der am 14. November 1930 in Dresden geborene Musikjournalist und Jazzmusiker Karlheinz Drechsel in einem Berliner Krankenhaus infolge einer Covid-19-Erkrankung.\u00a0 Der als Dr. Jazz bekannte Drechsel moderierte von 1959 bis 1991 die Sendung Jazz Panorama und war einer der Gr\u00fcndungsv\u00e4ter des Dixielandfestivals in Dresden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/jazz\/2004\/03\/dossier-drechsel.shtml\">2004 hat Al Weckert mit Karlheinz Drechsel ein Interview f\u00fcr die JazzZeitung gef\u00fchrt<\/a>, das wir hier wieder abdrucken.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<h2>Zwischen allen Fronten:<br \/>\nBewegtes Leben: der Rundfunkjournalist Karlheinz Drechsel<\/h2>\n<p>Kaum ein Klischee k\u00f6nnte irref\u00fchrender sein als das vom \u201eDixie-Drechsel\u201c. Zwar moderiert Karlheinz Drechsel seit rekordverd\u00e4chtigen 33 Jahren das Dixielandfestival in Dresden, \u201eaber\u201c, so weist der Rundfunkjournalist und Regisseur im Interview auf seine mit Fotografien bedeckten W\u00e4nde, \u201esehen sie hier Bilder von Dixiemusikern?\u201c Wer kennt all die Schlachten, die Karlheinz Drechsel seit 1943 in drei unterschiedlichen politischen Systemen f\u00fcr den Jazz in all seinen Entwicklungsformen geschlagen hat? Nach \u00fcber 3.500 Rundfunksendungen und einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Zahl von Festivalveranstaltungen wurde dem 1930 in Dresden geborenen und heute in Berlin-Adlershof beheimateten Drechsel am 20. Januar dieses Jahres durch den Berliner Kultursenator Thomas Flierl stellvertretend f\u00fcr Bundespr\u00e4sident Johannes Rau das Bundesverdienstkreuz am Bande \u00fcberreicht. Im Interview mit Al Weckert erz\u00e4hlt Karlheinz Drechsel aus seinem Leben zwischen allen Fronten.<\/p>\n<p><strong>Jazzzeitung: Den Namen Karl-Heinz Drechsel verbindet die \u00d6ffentlichkeit mit Dixieland, selbst Kultursenator Flierl bezog sich in seiner Laudatio auf ihre diesbez\u00fcglichen Leistungen. Wie ist dieses irref\u00fchrende Image zu erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p><b>Karlheinz Drechsel<\/b>: Daf\u00fcr gibt es zwei Gr\u00fcnde. Einmal r\u00fchrt diese Verbindung von der Moderation des Internationalen Dixieland Festivals Dresden her. Zwar habe ich von 1977 bis 1989 gleicherma\u00dfen die \u201eJazzb\u00fchne Berlin\u201c mitbetreut, eine rein modern bis free orientierte Veranstaltung, bei der h\u00e4ufig auch japanische und russische Avantgardisten gastierten. Das Dixieland Festival in Dresden aber wurde vom DDR-Funk und -Fernsehen live \u00fcbertragen. Deshalb diese Pr\u00e4senz im Dixie.<\/p>\n<p>Zweitens habe ich viele Dixiebands f\u00fcr die K\u00fcnstleragentur der DDR auf Tour begleitet und Liner-Notes f\u00fcr Dixieplatten geschrieben. Nat\u00fcrlich habe ich das genauso f\u00fcr moderne Bands getan und ich habe keine Ahnung, warum das nicht wahrgenommen wird. Schauen sie sich doch in meinem Zimmer um: Sehen sie hier Fotos von Dixieland-Musikern? Charlie Parker und Dizzy Gillespie waren in meiner Studentenzeit die gr\u00f6\u00dften Einfl\u00fcsse. Bei mir zu Hause h\u00f6re ich keine Dixieplatten, auch wenn ich mich jedes Jahr auf das Wiedersehen mit Musikern aus aller Welt in Dresden au\u00dferordentlich freue.<\/p>\n<h3 class=\"service\">Pers\u00f6nliche Geschichte<\/h3>\n<p><strong>Jazzzeitung: Ihre pers\u00f6nliche Geschichte des Jazz beginnt vor der DDR-Gr\u00fcndung, n\u00e4mlich w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs.<\/strong><\/p>\n<p><b>Drechsel<\/b>: Ohne es gewollt zu haben, h\u00f6rte ich bereits im Dritten Reich vom Koffergrammophon Jazz, weil mein Bruder ein begeisterter Swingsammler war. Er hatte in den 30er-Jahren mit dem Sammeln von Schellackplatten begonnen, insbesondere die amerikanischen Serien Brunswick und Odeon. Mein Bruder erkl\u00e4rte mir die Instrumente und noch w\u00e4hrend des Kriegs importierte er als Frontkurier aus Holland und Belgien Swingplatten von Basie und Ellington. In dieser Zeit wurde ich zum H\u00fcter seiner Schallplatten. Schon bald hatte ich nichts anderes mehr als diese Musik im Kopf. Swing war exotisch, sensationell, andersartig inmitten des vorgeschriebenen nazistischen Alltags. Im Spielmannszug trommelte ich Marschlieder, gleichzeitig aber baute ich mir mein eigenes Schlagzeug zusammen.<\/p>\n<p>Einmal die Woche lud ich meine Freunde zum Plattennachmittag ein und 1944 nahm ich unser Koffergrammophon sogar mit in die Schule. Ich spielte der Klasse Ella Fitzgerald und Chick Webb vor. Ich werde das nie vergessen, weil ich anschlie\u00dfend daf\u00fcr bestraft wurde. Die Platten wurden zerbrochen, ich musste Strafdienst tun und \u00f6ffentlich als \u201eSwing-Heini\u201c ausgelacht werden. Am 13. Februar 1945 fiel beim Gro\u00dfangriff auf Dresden mein Elternhaus zusammen und begrub damit auch die Plattensammlung.<\/p>\n<p><strong>Jazzzeitung: Die Jazzszene Dresdens erbl\u00fchte nach Kriegsende buchst\u00e4blich auf einem Tr\u00fcmmerberg.<\/strong><\/p>\n<p><b>Drechsel<\/b>: Nach Kriegsende sprachen wir zun\u00e4chst nicht von Jazz, sondern von Swing. Meine Eltern betrieben ein Antiquit\u00e4tengesch\u00e4ft und dort sammelten sich unglaubliche Mengen von Schellackplatten an, darunter vieles, was im Bombenhagel verloren gegangen war. Ich begann meine erste eigene Sammlung aufzubauen. Die Gleichmacherei ging ja nun mit den Blauhemden von vorne los und wieder war Jazz eine M\u00f6glichkeit sich abzugrenzen.<\/p>\n<p>Das Interesse an der vorher verbotenen Musik war riesig und die Tanzorchester schossen aus dem Boden. Dresden hatte nach dem Krieg \u00fcber zehn Bigbands. G\u00fcnter H\u00f6rig best\u00e4tigte mir im Gespr\u00e4ch, wie viele der damaligen Musiker in den letzten Kriegsjahren Swing \u00fcber BBC und Radio Hilversum geh\u00f6rt hatten. Nach dem Krieg strahlten die Soldatensender unsere Lieblingsmusik aus und wir hockten uns vor die Radios und notierten die Melodien mit. Die Angst war weg, es erschien uns wie ein Eldorado. Es war eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Zeit! Selbst die Schulen hatten zun\u00e4chst geschlossen und in jedem Lokal wurde schon mittags getanzt. Der Bedarf an Musikern war gro\u00df und ich beteiligte mich als Schlagzeuger an den ersten Wettbewerben f\u00fcr Tanzkapellen.<\/p>\n<h3 class=\"service\">Nachkriegsszene<\/h3>\n<p><b>Jazzzeitung<\/b>: Wie ging die Sowjetunion kulturpolitisch mit der Nachkriegsszene um?<\/p>\n<p><b>Drechsel<\/b>: In der Anfangspolitik sollte Moskau auf ein ganzes Land \u00fcbertragen werden. Die Russen waren sehr interessiert daran, dass die Theater und Tanzs\u00e4le \u00f6ffneten, dass Kultur stattfindet. Ihnen war gar nicht so wichtig, was passierte, solange es live passierte. Kurios! Alle Orchester spielten bald amerikanische Sachen wie \u201eSentimental Journey\u201c oder \u201eIn the Mood\u201c. Die Bevormundungen und Einschr\u00e4nkungen gingen erst mit der Gr\u00fcndung der DDR 1949 los, als die Deutschen wieder was zu sagen hatten.<\/p>\n<p>In der Antifaschistischen Jugend durfte ich 1946 meinen ersten Swing-Zirkel gr\u00fcnden, um mich mit Kultur zu besch\u00e4ftigen, die unter den Nazis verboten war. Alle Mitglieder waren unter zwanzig Jahre alt, brachten Schallplatten mit und besuchten gemeinsam Konzerte. Dieser Zirkel wurde 1949 kurzerhand verboten. Die neue Linie kommunistisch organisierter DDR-Kulturpolitik wurde 1950 bei einem anderen Ereignis noch deutlicher. Das Orchester Heinz Kretzschmar war in Dresden die Band schlechthin. Dass ein deutsches Orchester so spielte wie Woody Hermann oder Count Basie war unerh\u00f6rt und der neu aufkommenden politischen Klasse ein Dorn im Auge. Die amerikanischen Bebopper begannen sich damals mit grellen Jackets, umgekrempelten R\u00f6hrenhosen und hohen Abs\u00e4tzen zu kleiden. Diese Mode trugen nun auch die Kretzschmar-Musiker auf der B\u00fchne und nur Wochen sp\u00e4ter ahmte es die gesamte Anh\u00e4ngerschar nach. Man wollte diesen Mann auf vielerlei Weise loswerden. Ende der f\u00fcnfziger Jahre entfachte eine bestellte Truppe bei einem Konzert eine Keilerei, die von der bereit stehenden Polizei geschlichtet und von der gleich geschalteten Presse aufgebauscht wurde. Kretzschmar erhielt Spielverbot, das erste in der DDR. Das ganze Orchester mit Ausnahme von G\u00fcnter H\u00f6rig emigrierte in den Westen.<\/p>\n<p>Die Jugend betrauerte den Fortgang Kretzschmars, und viele Musiker anderer Gruppen reisten gleich hinterher. Die 50er-Jahre wurden eine ganz harte Zeit. \u201eAmi-Titel\u201c und englische Texte waren auf dem Staatsgebiet der DDR jetzt unerw\u00fcnscht, der Rundfunk wurde musikalisch ges\u00e4ubert. Die Sowjets hatten laut Potsdamer Abkommen das Geb\u00e4ude des Gro\u00dfdeutschen Rundfunks mitten im Westen als Rundfunkgeb\u00e4ude f\u00fcr den von beiden Seiten schwer bewachten Ostdeutschen Rundfunk zugestanden bekommen. Eine groteske Situation, in der ich 1949 eine Stelle in der H\u00f6rfunkabteilung als Regisseur antrat.<\/p>\n<h3 class=\"service\">Jazz-Moderator<\/h3>\n<p><strong>Jazzzeitung: Ihre erste Rundfunklaufbahn war von kurzer Dauer. Trotzdem legten Sie hier den Grundstein f\u00fcr Ihre Karriere als Jazz-Moderator.<\/strong><\/p>\n<p><b>Drechsel<\/b>: Ich schloss mich in Westberlin den German Jazz Collectors an und besuchte in Dahlem den AFN, ein f\u00fcr mich umwerfendes Erlebnis. Als dann eine Sendereihe namens \u201eDie Wahrheit \u00fcber Amerika\u201c von unserem Sender ausgestrahlt wurde, fragte ich nach, ob dort auch Jazz seinen Platz erhielte. 1952 begann meine Karriere als Jazzmoderator mit zehnmin\u00fctigen Beitr\u00e4gen zu dieser Sendung. Wenige Monate sp\u00e4ter musste das Geb\u00e4ude ger\u00e4umt werden, weil der Kalte Krieg ausgebrochen war. Aus \u201eReorganisationsgr\u00fcnden\u201c wurde ich entlassen. Aus meiner Stasi-Akte wei\u00df ich heute, dass ich unter Spionageverdacht stand.<\/p>\n<h3 class=\"service\">Jazz Panorama<\/h3>\n<p><strong>Jazzzeitung: Es folgte ein Intermezzo bis zur zweiten Rundfunkverpflichtung und der Geburt von \u201eJazz Panorama\u201c.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_23572\" aria-describedby=\"caption-attachment-23572\" style=\"width: 397px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/karlheinz_drechsel_c-hufner_2013_1600ps.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"23572\" data-permalink=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2020\/10\/rundfunkjournalist-karlheinz-drechsel-ist-tot\/karlheinz_drechsel_c-hufner_2013_1600ps\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/karlheinz_drechsel_c-hufner_2013_1600ps.jpg?fit=1600%2C2416&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1600,2416\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;Martin Hufner&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Karlheinz Drechsel (2013). 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Foto: Hufner<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>Drechsel<\/b>: In Dresden war der Kulturbund dem Jazz offen. Ich bot mich dort als Referent an. Weil man jegliche Aktivit\u00e4t einem Tr\u00e4ger unterstellen musste und Reginald Rudorf in Leipzig seinen Jazzkreis erfolgreich der FDJ angegliedert hatte, machten wir es ebenso.<\/p>\n<p>Die IG Jazz w\u00e4hlte mich zum Vorsitzenden. Wir luden den Westberliner Helmut Brandt f\u00fcr ein Gastspiel ein, aber Berlin war damals Frontstadt und der Auftritt wurde untersagt. Wir zogen deshalb in die Nachbargemeinde Radebeul um, und das Konzert wurde zu einem Riesenerfolg. Die FDJ sch\u00e4umte.<\/p>\n<p>Im gleichen Jahr war der Verdacht auf Spionage gegen mich fallen gelassen worden, ein Hintergrund, von dem ich damals nichts ahnte. Der Ostdeutsche Rundfunk gab mir eine zweite Besch\u00e4ftigung, bis mir als Nachrichtensprecher ein Fehler unterlief.<\/p>\n<p>Eine Meldung namens \u201eIn Karl-Marx-Stadt wurde bei der FDJ eine IG Jazz gegr\u00fcndet\u201c \u00e4nderte ich um und sagte: \u201eIn Karl-Marx-Stadt wurde wie schon zuvor in Dresden bei der FDJ eine IG Jazz gegr\u00fcndet\u201c. Das reichte aus, um als unzuverl\u00e4ssig zu gelten. Erneut war meine Radiozeit beendet, doch es kam noch schlimmer. Rudorf wurde verhaftet, der Leipziger Jazzclub verboten und ein Schauprozess gegen den Jazz inszeniert. Auch unsere Interessengemeinschaft wurde 1957 geschlossen. Rudorf wanderte ins Gef\u00e4ngnis, nichts schien mehr m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Erst bei meinem dritten Rundfunkengagement Ende der 50er-Jahre erreichte ich mit simpler \u00dcberredungskunst die Genehmigung einer vollst\u00e4ndigen Jazzsendung. Der Deutschlandsender der DDR hatte die Zielrichtung Westdeutschland. Ich begr\u00fcndete meine Initiative also damit, dass der westdeutsche H\u00f6rer Jazz gewohnt sei. 1959 ging ich mit dem \u201eJazz Panorama\u201c auf Sendung, dass ich drei\u00dfig Jahre lang bis zur Wende w\u00f6chentlich produzieren durfte. Hinzu kam sp\u00e4ter monatlich die \u201eJazznacht\u201c. Mit dieser Sendung war ich am 9. November 1989 nachts live besch\u00e4ftigt, als ein Redakteur mir den Zettel auf den Tisch legte, ich solle ansagen \u201eDie Mauer steht offen\u201c. Ich war ergriffen, als ich diese Meldung in einer Jazzsendung kundtun durfte.<\/p>\n<p><strong>Jazzzeitung: Ihre Kontakte zu Jazzk\u00fcnstlern aus dem Westen nahmen in den 60er Jahren zu.<\/strong><\/p>\n<p><b>Drechsel<\/b>: In der Folgezeit habe ich f\u00fcr die K\u00fcnstleragentur der DDR ausl\u00e4ndische Gruppen auf ihren Tourneen durch die DDR begleitet und deren Konzerte moderiert. H\u00f6hepunkte der 60er-Jahre waren die Louis-Armstrong-Tournee 1965, das erste Albert-Mangelsdorff-Gastpiel und die vielen Konzerte von englischen Gruppen wie beispielsweise von Chris Barber.<\/p>\n<p>Am Ende dieser Tourneen wollten mir die K\u00fcnstler aus dem Westen stets im Intershop Kaffee kaufen. Ich aber w\u00fcnschte mir Schallplatten! Daneben waren Tauschpartner eine andere Quelle f\u00fcr die wichtige, aber \u00e4u\u00dferst komplizierte Musikbeschaffung. Ich schickte die in der DDR reichlich produzierte Klassik ins Ausland und bekam Jazz zur\u00fcck. Jazzb\u00fccher hingegen waren \u00fcber Westberlin besser zu beschaffen. Das Jazzpodium war insbesondere in den fr\u00fchen Jahren meine Hauptinformationsquelle \u00fcber den Jazz im Ausland. Nachdem ich in den 50ern an das Jazzpodium geschrieben hatte, schickte mir Herausgeber Dieter Zimmerle das Heft Monat f\u00fcr Monat nach Dresden. \u00dcber die Mauer kam die Zeitschrift zum Rundfunk, manchmal bekam ich sie auch nicht ausgeh\u00e4ndigt. Das Jazzpodium war in der Ulbricht-\u00c4ra abseits vom Radio eine wichtige Informationsquelle.<\/p>\n<h3 class=\"service\">Jazzentwicklung<\/h3>\n<p><strong>Jazzzeitung: Auch in der DDR k\u00fcndigte sich eine neue Jazzentwicklung an. Wie trugen Sie dem Rechnung?<\/strong><\/p>\n<p><b>Drechsel<\/b>: Pers\u00f6nliche Kontakte spielten in der DDR eine bedeutende Rolle. Die guten Kontakte zur Dresdner Konzert- und Gastspieldirektion f\u00fchrten dazu, dass ich dort von 1965 bis 1968 einmal im Jahr unter dem Titel \u201eGro\u00dfkonzert des DDR-Jazz\u201c die Elite der Modernen Str\u00f6mungen auf die B\u00fchne stellen durfte. Lenz, H\u00f6rig, Fischer \u2013 alle waren dabei. Im ersten Jahr lud ich privat den damaligen Leiter der WDR-Jazzabteilung als Zuschauer ein und dr\u00fcckte ihm illegal einen Mitschnitt des Festivals in die Hand. Er sendete die komplette Aufnahme, etwa wie Joachim K\u00fchn und Luten Petrowsky dort 1965 zum ersten mal \u201efrei\u201c spielten. Westdeutsche Medien waren fortan beim Gro\u00dfkonzert verboten. 1968 wurde mir die Organisation auf Anweisung durch den Rundfunk entzogen.<\/p>\n<p>Der Berliner Friedrichstadtpalast organisierte 1970 unter dem Titel \u201eJazz am Abend\u201c ein Konzert mit sieben Gruppen vor 3.000 Zuschauern. Das Interesse war riesig, aber wieder wurde meine Mitarbeit als Stein des Ansto\u00dfes genommen. Modern Jazz war anr\u00fcchig, er galt zwar nicht mehr als \u201eformalistisch und dekadent\u201c wie in den 50ern, aber die Entwicklung wurde faktisch ohne Einfluss von oben vorangetrieben, bis er irgendwann nicht mehr ignoriert werden konnte. Jazz war ein Ventil, dadurch erkl\u00e4rt sich seine Massenfaszination. Viele gingen zum Jazz nicht allein wegen der Musik, sondern um \u201edabei\u201c zu sein. Der Jazz war ein Gegenpol zur allgemeinen DDR-Entwicklung.<\/p>\n<h3 class=\"service\">Kulturpolitikkenner<\/h3>\n<p><strong>Jazzzeitung: Wie funktionierte diese Verbindung aus staatlichem Interesse und kulturellem Engagement?<\/strong><\/p>\n<p><b>Drechsel<\/b>: Wenn man sich in der DDR f\u00fcr den Jazz aktiv einsetzen wollte, musste man die Kulturpolitik ganz genau kennen. Was gibt es f\u00fcr Richtlinien und Beschl\u00fcsse? Wo kann ich im Sinne eines Parteibeschlusses den Jazz einbeziehen? Als 1964 das gro\u00dfe \u201eDeutschlandtreffen\u201c veranstaltet und die Jugend aus Westdeutschland eingeladen wurde, versammelten sich Hunderttausende von Jugendlichen in Berlin. Also bin ich zur Berliner Stadtleitung der FDJ gegangen und habe gesagt: \u201eBei einer solchen Veranstaltung darf doch der Jazz nicht fehlen\u201c. Ich durfte der FDJ Vorschl\u00e4ge machen und es kam zum ersten Amateurjazzfestival der DDR in Berlin.<\/p>\n<p><strong>Jazzzeitung: Hat die Beat-Entwicklung in diesem Zusammenhang eine Rolle gespielt?<\/strong><\/p>\n<p><b>Drechsel<\/b>: Jazz wurde anfangs mit Rockmusik und Zerst\u00f6rungswut gleichgesetzt. Aber dann \u00fcbernahm der Rock\u2019n\u2019Roll und die Beatmusik an Stelle des Jazz die Rolle des roten Tuches f\u00fcr den Staat. In dieser Zeit entstanden viele Amateurjazzgruppen, weil man pl\u00f6tzlich nicht mehr so beobachtet wurde.<\/p>\n<p>Noch einen gr\u00f6\u00dferen Ruck hat der Besuch von Louis Armstrong in der Kulturpolitik verursacht. An Armstrong deutelte keiner herum, nicht einmal das ZK. Erstmals schrieb das \u201eNeue Deutschland\u201c positiv \u00fcber Jazz. Armstrong hat nicht geahnt, welchen Anteil er an diesem kulturpolitischen Tauwetter hatte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_23575\" aria-describedby=\"caption-attachment-23575\" style=\"width: 840px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/karlheinz_drechsel_c-hufner_2013_hdr.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"23575\" data-permalink=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2020\/10\/rundfunkjournalist-karlheinz-drechsel-ist-tot\/karlheinz_drechsel_c-hufner_2013_hdr\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/karlheinz_drechsel_c-hufner_2013_hdr.jpg?fit=2200%2C1458&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"2200,1458\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;Martin Hufner&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"karlheinz_drechsel_c-hufner_2013_hdr\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;Karlheinz Drechsel (2013). 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Foto: Hufner<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ich habe \u00fcber lange Jahre f\u00fcr den Kulturbund Vortr\u00e4ge vor Studenten und Jugendlichen gehalten unter dem Motto \u201eJazz: ja oder nein?\u201c Das Motto hatte das ZK gepr\u00e4gt. Die Leute haben sich daf\u00fcr stark interessiert, man \u201eagitierte\u201c f\u00fcr den Jazz. Meine Frau sch\u00fcttelte immer nur den Kopf: \u201eMuss das sein?\u201c Angst begleitete viele Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Eine dieser riskanten Abenteuer war unsere Verbindung zu der Organisation \u201eJazz Lift\u201c. Sie wurde von einem Pfarrer geleitet, transportierte Jazzschallplatten \u00fcber die Transitstrecke und schmiss die Ladung an vereinbarten Streckenpunkten nachts aus dem Auto. Wir sa\u00dfen dort im Wald, sammelten die Pakete ein und verschickten die Schallplatten an Adressen in der ganzen DDR. Einige Platten trugen die Anschriften von Spendern in den USA. Leider flog die Organisation 1965 auf.<\/p>\n<h3 class=\"service\">Unterhaltungskunst<\/h3>\n<p><strong>Jazzzeitung: Die gro\u00dfe offizielle Anerkennung kam mit dem \u201eKomitee f\u00fcr Unterhaltungskunst\u201c.<\/strong><\/p>\n<p><b>Drechsel<\/b>: 1973 wurde das \u201eKomitee f\u00fcr Unterhaltungskunst\u201c gegr\u00fcndet, was zum einen eine Bevormundung war, zum anderen aber den einzelnen Sparten soviel M\u00f6glichkeiten wie nie zuvor bot. Der Jazz wurde zum ersten Mal als \u201eeigenst\u00e4ndige Kunstform im Ensemble der K\u00fcnste\u201c anerkannt. Conrad Bauer war im \u201eKomitee f\u00fcr Unterhaltungskunst\u201c der erste Vorsitzende der \u201eSektion Jazz\u201c, ich sein Stellvertreter. Auf einmal gab es Geld f\u00fcr Workshops und Tourneen.<\/p>\n<p>Diese Aktivit\u00e4ten f\u00fchrten in den 80er Jahren auch zur Veranstaltung der ersten \u201eJazztage der DDR\u201c in Weimar. Die Jazzwerkstatt Peitz wurde den Autorit\u00e4ten wegen dem wild anmutenden Free-Jazz-Publikum und dem internationalen Zuspruch langsam unheimlich.<\/p>\n<p>Organisator Uli Blobel bekam Schwierigkeiten durch die Beh\u00f6rden, emigrierte in den Westen und hinterlie\u00df eine L\u00fccke. Die \u201eSektion Jazz\u201c organisierten daraufhin die \u201eJazztage der DDR\u201c und lud \u00fcber 300 Jazzmusiker ein. Alle waren da, vom Amateurjazz der Oldtime-Szene \u00fcber die Hochschulen bis hin zur Avantgarde. Alle st\u00e4dtischen B\u00fchnen standen uns zur Verf\u00fcgung. Reisen, Unterbringungen, Prober\u00e4ume \u2013 all das wurde bezahlt. Petrowsky hat sich lautstark \u00fcber Musiker erregt die sich unterbezahlt f\u00fchlten.<\/p>\n<p>Mit einigem Recht fragte er: \u201eWisst ihr eigentlich, was dass hier f\u00fcr uns bedeutet?\u201c Es gab bereits einen Generationenkonflikt im DDR-Jazz, die jungen Leute erinnerten sich nicht an die Probleme der 50er-Jahre.<\/p>\n<p><strong>Jazzzeitung: Die zweiten Jazztage der DDR fanden bereits in der Zeit der DDR-Aufl\u00f6sung statt.<\/strong><\/p>\n<p><b>Drechsel<\/b>: W\u00e4hrend das erste Jazzfestival ausverkauft war, spielte sich das zweite ohne Publikum ab. Die einzigen G\u00e4ste waren im November 1989 eine Woche nach Mauer\u00f6ffnung eine Hand voll Westjournalisten und der RIAS Berlin, der aus dem \u00dc-Wagen sendete. Ich werde diese absurde Situation nie vergessen. Anschlie\u00dfend war es vorbei mit dem Geld und der DDR-Jazzszene. Trotzdem war die Mauer\u00f6ffnung das Beste, was uns beschert h\u00e4tte werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3 class=\"service\">Nach der \u00d6ffnung<\/h3>\n<p><strong>Jazzzeitung: Was f\u00e4llt Ihnen als erste Verbesserung Ihres Lebens nach der Mauer\u00f6ffnung ein?<\/strong><\/p>\n<p><b>Drechsel<\/b>: Dass ich kein Manuskript mehr vor meinen Sendungen zeigen muss. Mein Frau hat gesagt: \u201eEs muss mir jetzt keine Angst mehr machen, dass du dich f\u00fcr Jazz interessierst.\u201c In den 90er-Jahren \u00fcbernahm ich die k\u00fcnstlerische Leitung diverser Festivals in Ost und West und setzte die Moderation des Internationalen Dixieland Festival Dresden fort.<\/p>\n<h3 class=\"service\">Ausgerechnet jetzt<\/h3>\n<p><strong>Jazzzeitung: In Ihrer Ansprache bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes \u00e4u\u00dferten Sie Verwunderung, dar\u00fcber \u201eausgerechnet jetzt\u201c ausgezeichnet zu werden.<\/strong><\/p>\n<p><b>Drechsel<\/b>: Als Nichtmusiker einen Preis zu bekommen, dieser Gedanke w\u00e4re mir nie gekommen.\u00a0 Als ich den Brief \u00f6ffnete, konnte ich es nicht fassen. Wieso eigentlich eine Auszeichnung von Johannes Rau? In der Bundesrepublik habe ich doch viel weniger bewirkt als in der DDR, ich hatte im Westen nie k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Ich verstand nicht bis ich erfuhr, dass die Gesamtleistung des Karlheinz Drechsel \u00fcber die volle Zeitspanne von f\u00fcnfzig Jahren gew\u00fcrdigt wird. Paradoxerweise kam der Vorschlag an das Komitee von einer Dame, die mich nur einmal 1998 auf einer Dresdner B\u00fchne bei einer Festivalansage erlebt und mit Ans\u00e4ssigen \u00fcber mich gesprochen hatte.<\/p>\n<hr \/>\n<ul>\n<li class=\"autor\">Interview: Al Weckert<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Alter von 89 Jahren starb am 5. Oktober der am 14. 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