{"id":2319,"date":"2013-09-27T10:34:19","date_gmt":"2013-09-27T08:34:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=2319"},"modified":"2017-10-10T16:26:51","modified_gmt":"2017-10-10T14:26:51","slug":"die-jutta-hipp-story-nacherzaehlt-von-dietrich-schlegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2013\/09\/die-jutta-hipp-story-nacherzaehlt-von-dietrich-schlegel\/","title":{"rendered":"Die Jutta Hipp-Story, nacherz\u00e4hlt von Dietrich Schlegel"},"content":{"rendered":"<p><em>[Dieser Text ist in der Printausgabe 4-13 erschienen.]<\/em> Am 7. April j\u00e4hrte sich zum zehnten Mal der Todestag der Jazzpianistin Jutta Hipp \u2013 Anlass f\u00fcr die Saxophonistin Ilona Haberkamp, \u201eEurope\u2019s first lady of Jazz\u201c und \u201efirst white European woman on Blue Note\u201c mit einer ungew\u00f6hnlichen CD zu w\u00fcrdigen. \u201eCool is Hipp is Cool\u201c, im Februar aufgenommen, von Laika Records produziert und im Mai ver\u00f6ffentlicht, wurde zu einer gelungenen Hommage an eine singul\u00e4re Musikerin und K\u00fcnstlerin, die in der Geschichte des deutschen und europ\u00e4ischen Jazz der Nachkriegszeit einen wichtigen Platz einnahm, nicht zuletzt als f\u00fcr lange Jahre einzige Instrumentalistin in der M\u00e4nnerwelt des Jazz. Unvergessen sind ihre umjubelten Auftritte auf den Frankfurter Jazz-Festivals von 1953 bis 55. Die junge attraktive Frau, in Leipzig geboren und aufgewachsen, 1946 in den Westen gefl\u00fcchtet, war ein Star.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2354\" aria-describedby=\"caption-attachment-2354\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"2354\" data-permalink=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2013\/09\/die-jutta-hipp-story-nacherzaehlt-von-dietrich-schlegel\/cover\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?fit=1200%2C1200&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1200,1200\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;}\" data-image-title=\"cool is hipp iis cool\" data-image-description=\"&lt;p&gt;cool is hipp iis cool&lt;\/p&gt;\n\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;cool is hipp iis cool&lt;\/p&gt;\n\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?fit=600%2C600&amp;ssl=1\" class=\"size-thumbnail wp-image-2354\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover-150x150.jpg?resize=150%2C150\" alt=\"cool is hipp iis cool\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?resize=150%2C150&amp;ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?resize=300%2C300&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?resize=600%2C600&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?resize=96%2C96&amp;ssl=1 96w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?resize=24%2C24&amp;ssl=1 24w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?resize=36%2C36&amp;ssl=1 36w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?resize=48%2C48&amp;ssl=1 48w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?resize=64%2C64&amp;ssl=1 64w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?resize=32%2C32&amp;ssl=1 32w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?resize=128%2C128&amp;ssl=1 128w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/cover.jpg?w=1200&amp;ssl=1 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2354\" class=\"wp-caption-text\">cool is hipp is cool<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auch der einflussreiche amerikanische Jazzkritiker Leonard Feather war von ihr beeindruckt, als er sie bei einem Auftritt mit ihrem Quintett in einem Jazzclub in Duisburg ausfindig gemacht hatte. Er lud sie nach New York ein, wo sie Ende 1955 eintraf, monatelang auf ihre Spielerlaubnis warten musste, aber dann ein von Feather vermitteltes sechsmonatiges Engagement im \u201eHickery House\u201c bekam, einem Restaurant mit Bar, in dem Live Jazz geboten wurde und ansonsten Marian McPartland Stammpianistin war. \u201eThe German Jazz Frollein\u201c, als die Hipp angek\u00fcndigt wurde, erhielt mit Peter Ind und Ed Thigpen zwei ausgezeichnete Sidemen. Mit diesem Trio produzierte Blue Note zwei LPs mit Live-Mitschnitten. Eine weitere LP mit Zoot Sims entstand im Studio. Jutta Hipp schien am Beginn einer Karriere im Mutterland des Jazz \u2013 ein Traum.<\/p>\n<h4>Kein Anschluss<\/h4>\n<p>Aber nach diesen anf\u00e4nglichen Erfolgen vergl\u00fchte ihr Stern als Jazzpianistin leider allzu bald. Sie zog sich von der B\u00fchne zur\u00fcck und fristete ihr Leben als N\u00e4herin in einer Kleiderfabrik. Wahre und vermutete Gr\u00fcnde f\u00fcr diesen Entschluss er\u00f6rtert die Jazzhistorikerin Katja von Schuttenbach in ihrer Master Thesis \u00fcber Jutta Hipp (ein Summary der Arbeit findet sich unter www.vonschuttenbach.com; auf die angek\u00fcndigte Ver\u00f6ffentlichung als Buch wartet die Jazzwelt ungeduldig). Es war wohl eine Mischung aus extremem Lampenfieber, unter dem die eher sch\u00fcchterne Hipp litt, dem Erwartungsdruck der Fachwelt, heftigem Missbrauch von Alkohol, mit dem sie beides zu unterdr\u00fccken hoffte, dem Zerw\u00fcrfnis mit ihrem F\u00f6rderer Leonard Feather, dessen Kompositionen zu spielen sie sich geweigert und der sie schlie\u00dflich sogar wegen Vertragbruch verklagt hatte, dazu die Ende der f\u00fcnfziger Jahre einsetzende miese Besch\u00e4ftigungslage f\u00fcr Jazzmusiker allgemein und die ablehnende Haltung einiger Musikerkollegen, wobei sich besonders Art Blakey unr\u00fchmlich hervortat, als er sie auf offener B\u00fchne schm\u00e4hte: \u201eWe don\u2019t want these people from Germany, come over here and take our jobs away\u201c, obwohl es damals au\u00dfer Rolf K\u00fchn so gut wie keine deutschen Musiker in Amerika gab. Nachdem Feather sie fallengelassen hatte, fand sie auch keinen f\u00e4higen Manager mehr. Eintr\u00e4gliche Gigs wurden Mangelware. Sie hatte Schulden, musste ihre Wohnung verlassen. Ein Anwalt riet ihr dringend, sich erst einmal einen festen Job zu suchen, was ihr dann auch gelang. Sie zog in ein kleines Apartment, in dem sie bis zu ihrem Tode wohnen blieb. Raum f\u00fcr ein Klavier gab es dort kaum. Sie hat ohnehin nie mehr eines ber\u00fchrt. Aber warum sie mit ihrer Musikkarriere v\u00f6llig aufgeh\u00f6rt und auch alle Angebote zur R\u00fcckkehr nach Deutschland ausgeschlagen hat, bleibt r\u00e4tselhaft.<\/p>\n<p>Eine pers\u00f6nliche und k\u00fcnstlerische Ann\u00e4herung an Jutta Hipp versucht nun Ilona Haberkamp mit ihrer CD. Sie war 1986 mit der Trompeterin Iris Kramer \u2013 beide Mitglieder der ersten deutschen Frauen-Bigband \u201eReichlich weiblich\u201c \u2013 nach New York aufgebrochen, um die hierzulande fast als verschollen geltende und Musikern der j\u00fcngeren Generation v\u00f6llig unbekannte Pianistin aufzusuchen. Iris Kramer wollte ihre Diplomarbeit \u00fcber Frauen im Jazz durch ein Interview mit Jutta Hipp anreichern, hatte aber selbst keine Ahnung von ihr. Der Besuch gelang durch Vermittlung deutscher Freunde, zu denen Hipp nach wie vor engen brieflichen Kontakt pflegte. Die zur\u00fcckgezogen in bescheidenen Verh\u00e4ltnissen lebende einstige Starpianistin erwies sich als \u00fcberaus offenherzig und zug\u00e4nglich, gew\u00e4hrte den Besucherinnen ein langes Interview, zeigte ihnen stundenlang New York, besuchte mit ihnen die ber\u00fchmten Jazzclubs und schien mit ihrem Leben zufrieden. Die beiden Musikerinnen kehrten beeindruckt und bereichert heim. Ilona Haberkamp r\u00fcckblickend: \u201eWir haben viel mehr erfahren als nur \u00fcber die Musik, vieles \u00fcber ihr ganzes Leben. Aber oft mussten wir das Band ausschalten, wenn es zu privat wurde.\u201c<\/p>\n<h4>Sp\u00e4te W\u00fcrdigung<\/h4>\n<p>Damals schon entstand die Idee, mehr aus dieser Begegnung zu machen, verlor sich aber im Alltag, kam nach der Todesnachricht wieder hoch und wurde in den Monaten vor dem 10. Todestag dann doch konkret. Haberkamp: \u201eAber ich musste mir \u00fcberlegen, wie kann ich mit den nur vier oder f\u00fcnf Kompositionen von Jutta eine CD gestalten, mit der die vielseitige K\u00fcnstlerin musikalisch gew\u00fcrdigt wird. Erst als ich mich mit Laia Genc zusammensetzte, kam uns die Idee, dass wir auch einige von Juttas Gedichten vertonen k\u00f6nnten.\u201c F\u00fcr Haberkamp stand von vornherein fest, dass sie eine Frau am Piano haben wollte. Schnell war ihre Wahl auf Laia Genc gefallen, die sich l\u00e4ngst auch als Komponistin etabliert hatte. Und die f\u00fchlte sich geehrt, gewisserma\u00dfen als Vertreterin der Enkelgeneration der Jazzpianistinnen, mit diesem Projekt das Spiel der Pionierin f\u00fcr die Gleichberechtigung der Frauen im Jazz auch in Europa erforschen und aus heutiger Auffassung interpretieren zu k\u00f6nnen. Hipps kontrapunktische Spielweise, ihre linearen Phrasierungen bestimmten seinerzeit den Cool Jazz der \u201eFrankfurter Schule\u201c weitgehend mit. Die Aufnahmen ihres Quintetts mit Emil Mangelsdorff, Joki Freund, Hans Kresse und Karl Sanner sind heute noch mit Gewinn anzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>In den drei Blue Note-Platten dringt anfangs der \u201eFrankfurter Stil\u201c noch weitgehend durch, wird erst sp\u00e4ter durch den Einfluss von Horace Silver verdr\u00e4ngt. Laia Genc empfindet es \u201eschon schwierig, was Jutta mit ihrer linken Hand gegen die Solol\u00e4ufe der rechten setzt. Die Linien gehen in den allermeisten F\u00e4llen auf. Das ist alles sehr feinsinnig und auch sehr virtuos. Wir haben Juttas Spielweise sorgf\u00e4ltig durchgecheckt, und das Transponieren und Transkribieren bestimmter Passagen, die wir in unsere Arrangements \u00fcbernehmen wollten, war nicht immer leicht.\u201c Es entsprach aber Haberkamps Absicht, sowohl von Hipps Kompositionen als auch ihrem Pianospiel eine Art Identit\u00e4tsmarken in St\u00fccke der CD zu implantieren. So spielt Genc in \u201eWhat\u2019s New\u201c das originale Piano-Intro aus Hipps Interpretation, eine ihrer besten Improvisationen, ehe Haberkamp mit ihrem vibratolos und sehr cool gespielten Altsaxophon im Duett mit dem gegens\u00e4tzlich warmen Ton des Fl\u00fcgelhorns von Ack van Rooyen \u00fcberleitet zu einem romantisch-seelenvollen Klangbild der so nie geh\u00f6rten Bob-Haggert-Komposition.<\/p>\n<p>Haberkamp hatte ihren alten Freund und Wegbegleiter Ack van Rooyen nicht \u00fcberreden m\u00fcssen, an dem Projekt teilzunehmen. Dazu kamen der vielseitige Bassist Paul G. Ulrich, dem viel Raum f\u00fcr &#8211; auch gestrichene &#8211; Soli geboten wird, sowie Thomas Alkier, der sich auffallend zur\u00fcck h\u00e4lt, viel mit Besen im Stil der Drummer der Frankfurter Cool Jazz Combos arbeitet und sich so dem im ganzen eher verhaltenen, eben coolen Klangbild der CD anpasst. Als Special Guest tr\u00e4gt Silvia Droste ganz wesentlich zur Realisierung des Projekts bei, in dem sie das von Genc vertonte Hipp-Gedicht \u201ePlink, Plank, Plonk \u2013 Monk\u201c als eine Art dadaistischen Bebop heraus st\u00f6\u00dft, ein zweites Gedicht auf Charlie Parker und ein weiteres auf Lester Young rezitiert und schlie\u00dflich das von Haberkamp vertonte, Dinah Washington gewidmete Gedicht \u201eDon\u2019t ask why\u201c der gro\u00dfen Diva angemessen interpretiert.<\/p>\n<p>Dass Jutta Hipp, die in jungen Jahren in Leipzig Kunst studiert hatte, auch sehr gut gemalt und gezeichnet hat, war manchem bekannt, aber wenigen, dass sie auch Gedichte schrieb, die meisten in Deutsch, einige auf Englisch, \u00fcberwiegend auf ihre Musikerkollegen, von denen sie \u00fcberdies viele cartoonartig portraitierte. Abbildungen von mehr als 60 Aquarellen sowie an die zwanzig Gedichte finden sich in dem Buch \u201eJutta Hipp \u2013 Ihr Leben &amp; Wirken\u201c von Gerhard Evertz (www.jazzbuch-hannover.de). Auf diesen Fundus konnte Haberkamp zur\u00fcckgreifen, als sie das Booklet f\u00fcr die CD entwarf. Und so ist ihr nicht nur ein einf\u00fchlsamer Text \u00fcber Jutta Hipps Leben und Karriere, nicht zuletzt \u00fcber die New Yorker Zeit, gelungen. Durch die Abbildung der Portraits von Horace Silver und Lester Young sowie den Abdruck von f\u00fcnf Gedichten wird auch ein Eindruck von der kreativen Vielseitigkeit Jutta Hipps vermittelt.<\/p>\n<h4>Forschungsprojekt<\/h4>\n<p>So ist diese CD das Ergebnis einer Art Forschungsprojekt. Vor dem H\u00f6ren empfiehlt sich unbedingt die Lekt\u00fcre des Booklet. Darin werden auch die ausgew\u00e4hlten St\u00fccke musikalisch und mit ihren biographischen Bez\u00fcgen erl\u00e4utert. Der Ablauf der Musik wird durchbrochen von einer dramaturgisch geschickten Auswahl kurzer Ausschnitte aus dem Interview von 1986 mit Erinnerungen Jutta Hipps, die direkt zu einigen der St\u00fccke hinf\u00fchren. So beginnt die CD \u2013 und das mag manchen H\u00f6rer erst einmal irritieren \u2013 unmittelbar mit einer Schilderung der ersten Begegnung Hipps mit Horace Silver, von dem sie sofort fasziniert war und dessen Spiel das ihre nun beeinflusste. Die Interviewpassage geht \u00fcber in Hipps Komposition \u201eHoracio\u201c, sowohl ein Tribut an ihren \u201egreat hero\u201c als auch an die Horatio Street 47-49 in West Village, wo sie damals wohnte und im Basement st\u00e4ndig Jam Sessions stattfanden, bei denen sie den Hausbewohnern Jay Cameron, einem Baritonisten, Paul und Carla Bley sowie vielen wechselnden Besuchern wie Zoot Sims, Bill Evans, Paul Motion und vielen anderen Stars der New Yorker Szene begegnete.<\/p>\n<p>Von diesen Sessions gibt es keine Aufnahmen. Es w\u00e4re interessant zu h\u00f6ren, wie sich Hipp dabei eingebracht hat, ob sie ihrer Vorliebe f\u00fcr auch mehr swingenden Jazz fr\u00f6nen konnte, denn angeblich, so erz\u00e4hlte sie es auch in dem Interview, habe sie gar nicht so furchtbar gern cool gespielt, Hans Koller habe sie dazu veranlasst, und dann eben die Frankfurter Freunde, die sich an Lennie Tristano und seinem Quintett mit Lee Konitz und Warne Marsh orientierten. Wahrscheinlich war sie auch deshalb von Horace Silver begeistert, weil er modern und doch swingender, zupackender, percussiver spielte. Eine S\u00fcdstaaten-Tournee mit einer R&amp;B Band, ihr wohl letzter Gig als Pianistin, bezeichnete sie sp\u00e4ter als einen H\u00f6hepunkt ihres Musikerlebens.<\/p>\n<p>Eine zweite, in der CD verwendete Komposition hat einen direkten biographischen Bezug: \u201eMon Petit\u201c, noch in Deutschland entstanden, hat Jutta Hipp wahrscheinlich, das ist auch Haberkamps Vermutung, ihrem 1948 in M\u00fcnchen geborenen Sohn Lionel gewidmet. Der Vater war ein schwarzer GI, der den damaligen Regularien der US Army entsprechend, die Vaterschaft nicht anerkennen durfte. Im Booklet wie im Gespr\u00e4ch zeigt Ilona Haberkamp, selbst Mutter von zwei Kindern, gro\u00dfes Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass Jutta Hipp, damals 23, allein stehend und ohne ausreichende finanzielle Basis, st\u00e4ndig unterwegs zu den Gigs in den US Army Clubs, das Baby zur Adaption freigab. Die seinerzeit vorherrschenden Vorurteile gegen \u201ebrown babies\u201c und ihre M\u00fctter haben wohl zu dieser schwierigen Entscheidung beigetragen haben. \u201eMon Petit \u2013 I never knew\u201c geh\u00f6rte fortan zu ihrem Repertoire, auch in New York. Nicht nur musikalische Gr\u00fcnde, sondern auch Empathie m\u00f6gen Haberkamp dazu bewogen haben, \u201eMon Petit\u201c mit zwei selbst komponierten S\u00e4tzen zu einer kleinen Suite zu erweitern: Hipps Original in heiterer Grundstimmung, folgt eine melancholisch gef\u00e4rbte Fughuette, mit einem free gespielten Basssolo, das ausklingt in einem vers\u00f6hnlichen \u201eWaltz for Lionel\u201c.<\/p>\n<p>Das letzte St\u00fcck, der von Haberkamp komponierte \u201eBlues for \u201aJU\u2019 and \u201aMI\u2019\u201c, bezieht sich auf eine Episode, die Jutta Hipp mit Charlie Mingus erlebte und die irgendwie typisch Hipp ist. Mingus war ein Pianist abgesprungen, und als er Hipp anrief, erwiderte sie, die zunehmend von Selbstzweifeln geplagt war: \u201eWhy you call me? I\u2019m not good enough for you.\u201c Aber er akzeptierte, und sie war begeistert von seiner Arbeitsweise, spontan zu Komponieren und den Musikern gro\u00dfen Freiraum zu gew\u00e4hren. Mit ihm, versicherte sie im Interview, h\u00e4tte sie gern weiter gespielt, das w\u00e4re ein Schritt gewesen, sich weiter zu entwickeln \u201eund mit der Szene mitzugehen\u201c. Von diesen vier N\u00e4chten gibt es leider keine Aufnahmen. Hipp-\u201eEnkelin\u201c Laia Genc seufzt: \u201eImmer, wenn ich mir ihre Aufnahmen anh\u00f6re, denke ich, mein Gott, was h\u00e4tte sie noch bringen k\u00f6nnen, wie h\u00e4tte sie sich noch entwickeln k\u00f6nnen. Und es bleibt immer noch die Frage, warum hat sie nicht den R\u00fcckweg nach Deutschland gew\u00e4hlt, um dort ihre pianistische Karriere fortzusetzen. Es w\u00e4re doch keine Schande gewesen, sich in New York nicht durchgesetzt zu haben, das schaffen eh nur die wenigsten, und l\u00e4ngst auch nicht alle Amerikaner.\u201c<\/p>\n<p>Auch Haberkamp findet keine schl\u00fcssige Antwort auf die Frage, warum sie zwar brieflich Kontakt zu ihren deutschen Freunden gehalten hat, aber alle ausgestreckten H\u00e4nde, so von Rolf K\u00fchn, Albert Mangelsdorff und ihrem zeitweiligen Verlobten Attila Zoller, zur\u00fcckgewiesen hat. Immerhin war ja trotz des Rock\u2019n Roll-Einbruchs die deutsche Jazzszene, insbesondere in Frankfurt, wo der Hessische Rundfunk die Jazzer nicht verk\u00fcmmern lie\u00df, noch immer lebendig. Sie gab im Interview auch zu, dass es ihr Leid tue, manchen Freund vor den Kopf gesto\u00dfen zu haben. Aber das R\u00e4tsel l\u00f6st sie nicht auf. Als Erkl\u00e4rung bleibt au\u00dfer ihrer beschr\u00e4nkten finanziellen Lage, dass ihr Entschluss, als Jazzpianistin aufzugeben, unumkehrbar war, denn damit h\u00f6rte auch der oft unertr\u00e4glich auf ihr lastende Druck auf, sie brauchte den Alkohol nicht mehr, blieb bis an ihr Lebensende clean. Sie hatte ihre Ruhe gefunden und konnte auf der Grundlage eines bescheidenen, aber sicheren Einkommens ihren anderen Begabungen leben: der Malerei, dem Schreiben, dem Fotografieren \u2013 und dem Jazz blieb sie dennoch zeitlebens treu, nur eben nicht als aktive Musikerin, als die sie ein St\u00fcck Jazz-Geschichte geschrieben hat, gerade auch, wie Ilona Haberkamp beteuert, \u201ef\u00fcr die Rolle der Frauen im Jazz\u201c. Daran mit dieser CD zu erinnern, ist ihr und ihren Kolleginnen und Kollegen vollauf gelungen.<\/p>\n<p><em>Dietrich Schlegel<\/em><\/p>\n<p><strong>CD-Tipp<\/strong><br \/>\nIlona Haberkamp Quartet: Cool Is Hipp Is Cool: A Tribute To Jutta Hipp<br \/>\nLaika 1001716<\/p>\n<p>\u2022 Live zu erleben am 31.10. und 1.11. auf den Berliner Jazztagen (A-Trane)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Dieser Text ist in der Printausgabe 4-13 erschienen.] Am 7. 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Auch der einflussreiche amerikanische Jazzkritiker Leonard Feather war von ihr beeindruckt, als er sie bei einem Auftritt mit ihrem Quintett in einem Jazzclub in Duisburg ausfindig gemacht hatte. 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Der Jazzverband Sachsen e.\u00a0V. zeichnet damit etablierte Jazzmusiker*innen aus, die im Leben und Wirken mit dem Freistaat verbunden sind.\u2026","rel":"","context":"In &quot;News&quot;","block_context":{"text":"News","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/thema\/nachrichten\/"},"img":{"alt_text":"","src":"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Ausschnitt-Hipp.png?fit=1058%2C790&ssl=1&resize=350%2C200","width":350,"height":200,"srcset":"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Ausschnitt-Hipp.png?fit=1058%2C790&ssl=1&resize=350%2C200 1x, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Ausschnitt-Hipp.png?fit=1058%2C790&ssl=1&resize=525%2C300 1.5x, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Ausschnitt-Hipp.png?fit=1058%2C790&ssl=1&resize=700%2C400 2x, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Ausschnitt-Hipp.png?fit=1058%2C790&ssl=1&resize=1050%2C600 3x"},"classes":[]},{"id":28211,"url":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2022\/08\/clarinet-bird-zum-tode-von-rolf-kuehn\/","url_meta":{"origin":2319,"position":4},"title":"\u201eClarinet Bird\u201c \u2013 Zum Tode von Rolf K\u00fchn","author":"Dietrich Schlegel","date":"22. 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