{"id":21643,"date":"2020-01-11T09:53:41","date_gmt":"2020-01-11T08:53:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=21643"},"modified":"2020-01-13T12:01:12","modified_gmt":"2020-01-13T11:01:12","slug":"vom-bergwerk-zum-olymp-zum-tod-des-pianisten-und-komponisten-wolfgang-dauner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2020\/01\/vom-bergwerk-zum-olymp-zum-tod-des-pianisten-und-komponisten-wolfgang-dauner\/","title":{"rendered":"Vom Bergwerk zum Olymp \u2013 Zum Tod des Pianisten und Komponisten Wolfgang Dauner"},"content":{"rendered":"<p>Am 9. April 2020 sollte Wolfgang Dauner (*30.12.1935) beim Osterjazz im Stuttgarter Theaterhaus seinen 85. Geburtstag vorfeiern. Sein Tod am Freitag, den 10. Januar, hat diesen Plan durchkreuzt. Nach l\u00e4ngerer Krankheit ist der Jazzmusiker, Pianist und Komponist Wolfgang Dauner im Alter von 84 Jahren in seiner Heimatstadt Stuttgart gestorben. \u00dcber Jahrzehnte hinweg war Dauner eine der pr\u00e4genden Figuren der deutschen Jazz-Szene<\/p>\n<p>Neben zahlreichen Auszeichnungen f\u00fcr sein Werke \u2013 darunter der Gro\u00dfe Deutsche Schallplattenpreis f\u00fcr sein Soloalbum \u201eChanges\u201c (1979), die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Verdienstorden_des_Landes_Baden-W\u00fcrttemberg\">Verdienstmedaille des Landes Baden-W\u00fcrttemberg<\/a>( 1997), das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Verdienstorden_der_Bundesrepublik_Deutschland\">Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (2005)<\/a>, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/B\u00fcrgermedaille_der_Stadt_Stuttgart\">B\u00fcrgermedaille der Stadt Stuttgart (2006)<\/a>, ein Sonderpreis des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jazzpreis_Baden-W\u00fcrttemberg\">Jazzpreis Baden-W\u00fcrttemberg<\/a> f\u00fcr sein Lebenswerk (2016) sowie im gleichen Jahr die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Staufermedaille\">Staufermedaille<\/a> des Landes Baden-W\u00fcrttemberg \u2013 erhielt Dauner im Jahr 2003 die \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/German_Jazz_Trophy\">German Jazz Trophy<\/a> \u2013 A Life for Jazz\u201c, verliehen von der Stiftung der Sparda Bank Baden-W\u00fcrttemberg und der Jazzzeitung.<\/p>\n<p>Chefredakteur Andreas Kolb hielt damals, am 22. November 2003, die Laudatio auf den Pianisten und Komponisten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_21649\" aria-describedby=\"caption-attachment-21649\" style=\"width: 840px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf-scaled.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"21649\" data-permalink=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2020\/01\/vom-bergwerk-zum-olymp-zum-tod-des-pianisten-und-komponisten-wolfgang-dauner\/gjt-kuehnrolf-cl-daunerwolfgang-p-tv-jo18a-kumpf\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf-scaled.jpg?fit=2560%2C1701&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"2560,1701\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;2.8&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;DSC-RX10&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1531425353&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;15.13&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;800&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.076923076923077&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"GJT-K\u00fchn,Rolf-cl-Dauner,Wolfgang-p-TV-JO18a&amp;#8211;Kumpf\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf-scaled.jpg?fit=840%2C558&amp;ssl=1\" class=\"wp-image-21649 size-large\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf.jpg?resize=840%2C558&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"558\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf-scaled.jpg?resize=900%2C598&amp;ssl=1 900w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf-scaled.jpg?resize=300%2C199&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf-scaled.jpg?resize=768%2C510&amp;ssl=1 768w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf-scaled.jpg?resize=1536%2C1020&amp;ssl=1 1536w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf-scaled.jpg?resize=2048%2C1360&amp;ssl=1 2048w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf-scaled.jpg?resize=120%2C80&amp;ssl=1 120w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf-scaled.jpg?resize=1320%2C877&amp;ssl=1 1320w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf-scaled.jpg?w=1680&amp;ssl=1 1680w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/GJT-K%C3%BChnRolf-cl-DaunerWolfgang-p-TV-JO18a-Kumpf-scaled.jpg?w=2520&amp;ssl=1 2520w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21649\" class=\"wp-caption-text\">Preistr\u00e4ger im Gespr\u00e4ch: Wolfgang Dauner bei der Verleihung der German Jazz Trophy 2018 an Rolf und Joachim K\u00fchn. Foto: Hans Kumpf<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Laudatio f\u00fcr Wolfgang Dauner \/ Stuttgart, im November 2003<\/h3>\n<hr \/>\n<p>Lieber Wolfgang Dauner, sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>als Chefredakteur der Jazzzeitung begegne ich immer wieder jungen, begabten Musikern, die vor der Frage stehen: \u201eStudiere ich Jazz? Werde ich Jazzmusiker? Oder soll ich nicht doch lieber einen b\u00fcrgerlichen Beruf ergreifen?\u201c<\/p>\n<p>Mit einem Blick auf die Vita des heute hier Ausgezeichneten f\u00e4llt mir eine Antwort da nicht schwer: \u201eMach\u2018 es einfach wie Wolfgang Dauner. Lebe deine Leidenschaft f\u00fcr den Jazz. Ber\u00fchrungs\u00e4ngste darfst du aber keine kennen: als Jazzmusiker musst du unter Umst\u00e4nden dein Geld auch mal mit anderer Musik verdienen. Au\u00dfer du bist Erbe von Beruf.\u201c<\/p>\n<p>Nach dem Krieg, Wolfgang Dauner war 1945 zehn Jahre alt, dachte man in Deutschland weniger in k\u00fcnstlerischen Kategorien, als in pragmatischen. Auf den Wunsch seiner Pflegemutter schloss Wolfgang Dauner eine Lehre als Mechaniker in der Druckmaschinenfabrik Mail\u00e4nder ab &#8211; mit Belobigung. Aber er wusste schon immer, er wollte Musiker werden. Tags\u00fcber arbeitete er, und abends spielte er im Ami-Club, wo auch mal \u201eRosamunde\u201c oder \u201eNight Train\u201c auf dem Programm standen. Die Arbeit im \u201eBergwerk\u201c \u2013 so nannte man damals diese Engagements, bei denen man von abends neun bis morgens vier im Keller, beziehungsweise Club spielte \u2013 erm\u00f6glichte es Wolfgang Dauner jedoch, seinen b\u00fcrgerlichen Beruf an den Nagel zu h\u00e4ngen: Er ging mit Zara Leander und Marikka R\u00f6ck auf Tournee: aber nicht wie Sie vielleicht denken als Pianist, nein als Trompeter.<\/p>\n<p>Auf der Stuttgarter Musikhochschule hatte er Trompete als Hauptfach und Klavier nur als Nebenfach studiert. Obwohl er eigentlich schon immer besser Klavier spielte. Doch als er zweiundzwanzigj\u00e4hrig Professor Uhde an der Stuttgarter Hochschule vorspielte, sagte dieser: \u201eSie sind zu alt\u201c. Und verkannte dabei die Tatsache, dass Dauner nicht als Klassikinterpret aufs Podium wollte, sondern als Improvisator. Von Jazzstudieng\u00e4ngen war in den F\u00fcnfzigern nat\u00fcrlich noch keine Rede.<\/p>\n<p>Keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste zu haben vor Genresgrenzen, das empfahl Wolfgang Dauner auch stets seinem Sohn Florian, der ihn heute Abend am Schlagzeug zusammen dem Bassisten \u201eMini\u201c Schulz begleiten wird. Beide jungen Musiker kennen diese Scheu nicht: Florian, der mit den Fantastischen 4 seinen Einstieg ins Musikgesch\u00e4ft fand und jetzt mit Sara Brightman tourt, genauso wenig wie Mini Schulz, der hauptberuflich beim Stuttgarter Kammerorchester t\u00e4tig ist.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter entdeckte Wolfgang Dauner die Filmmusik, das H\u00f6rspiel und das Musiktheater. Er arbeitete mit Eug\u00e9ne Ionesco an einer Filmmusik zu \u201eLa Vase\u201c, vertonte Diedrich Murnaus \u201eFaust\u201c neu und blieb dem Genre Filmmusik bis zum heutigen Tage treu. Erst vor kurzem hat Wolfgang Dauner die Musik f\u00fcr eine Fernseh-K\u00f6modie von Felix Hungerb\u00fchler unter dem Titel \u201eEin Gauner Gottes\u201c fertiggestellt. Die Ursendung wird am 29. Dezember in der ARD zu sehen sein.<\/p>\n<p>Alles wunderbar, aber wo bleibt denn da der Jazz, m\u00f6gen Sie sich jetzt fragen? Sie haben recht: Die German Jazz Trophy bekommt Wolfgang Dauner nicht f\u00fcr die Jobs mit Marikka R\u00f6ck, und auch nicht f\u00fcr sein Filmmusikschaffen. Diesen Preis, der 2001 an Erwin Lehn und 2002 an Paul Kuhn ging, bekommt Wolfgang Dauner f\u00fcr sein Lebenswerk, seinen einzigartigen Beitrag zum Jazz.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re m\u00fchselig, heute abend alle Formationen und Ensembles aufzuz\u00e4hlen, die Wolfgang Dauner gr\u00fcndete, oder an denen er mitwirkte. Aus der Fr\u00fchzeit seien hier das Wolfgang Dauner Trio genannt, mit Eberhard Weber am Bass und Fred Braceful am Schlagzeug, dann die German Allstars, die Radio Jazz Group Stuttgart, die Dauner von 1968 an leitete, und schlie\u00dflich das United Jazz and Rock Ensemble, das er mitbegr\u00fcndete.<\/p>\n<p>Das war Mitte der Siebziger, zu dieser Zeit etwa begegnete ich erstmals als H\u00f6rer der Musik des heute Abend hier geehrten Pianisten und Komponisten. Sein moderner Rockjazz wurde f\u00fcr mich eine der wichtigsten T\u00fcren in die weite, faszinierende Welt des Jazz.<\/p>\n<p>Da war zun\u00e4chst die TV-Serie \u201eGlotzmusik\u201c im SDR, konzipiert von Wolfgang Dauner und Melchior Schedler: Eigentlich f\u00fcr 9- bis 14-j\u00e4hrige gedacht, wurde sie schnell auch unter uns (etwas) \u00e4lteren Kult. Den Initiatoren und ihrer Redakteurin Frau Schwartz (die meines Wissens heute auch im Publikum sitzt), ging es damals um Musikvermittlung, ein Thema das heute in den Lehrpl\u00e4nen der Musikhochschulen sehr aktuell ist, denn man f\u00fcrchtet ein Aussterben der klassischen Konzertkultur, der so genannten Hochkultur. Dauner, der im Musikunterricht seiner Jugend immer nur eine vier im Zeugnis stehen hatte \u2013 damals bekam man seine Note noch f\u00fcrs Vorsingen, ein Klavier ber\u00fchrte der Hochbegabte in der Schule kein einziges Mal \u2013, damals entpuppte sich der Glotzmusiker Dauner als begnadeter Musikvermittler und erntete von Publikum und Fachwelt viel Lob f\u00fcr das Unternehmen. \u201eGlotzmusik\u201c trug ihm gar den Titel des \u201eMozarts der Kindermusik\u201c ein.<\/p>\n<p>Allein die Tatsache, dass heute der Musikunterricht an s\u00e4mtlichen Schularten, die gymnasialen Leistungskurse einmal ausgenommen sofern sie noch stattfinden, wieder ein trauriges Schattendasein f\u00fchrt, w\u00e4re ein Grund an eine Wiederaufnahme einer solchen \u201eMusikvermittlungssendung\u201c &#8211; vielleicht unter dem Titel \u201eGlotzmusik 2004 \u2013 Dauner &amp; Son\u201c &#8211; zu denken.<\/p>\n<p>Mit so einer Sendung meine ich weder die Heavy Rotation von VIVA noch MTV. Gefordert w\u00e4ren im Gegenteil die \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender, die als Gegenleistung f\u00fcr Geb\u00fchren einen Bildungsauftrag erf\u00fcllen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Entschuldigen Sie die Abschweifung: 1975 entstand das Ensemble Elfeinhalb und wieder war das Fernsehen Geburtshelfer. Regisseur Werner Schretzmeier plante, die ARD-Jugendsendung \u201eElfeinhalb\u201c musikalisch abzurunden. Er gewann seinen Freund Wolfgang Dauner, dessen Avantgarde-Gruppe \u201eEt cetera\u201c er bis 1972 gemanagt hatte, f\u00fcr diese Idee. Eine Band entstand, zun\u00e4chst in einer Art Stammbesetzung mit Albert Mangelsdorff, Barbara Thompson und Jon Hiseman, als Aushilfskr\u00e4fte wurden u.a. Howard Johnson, Klaus Doldinger und der junge Gary Moore besch\u00e4ftigt. Aus dieser losen Gruppierung um Wolfgang Dauner bildete sich die Keimzelle zu einem der wichtigsten deutschen Jazzorchester, dem United Jazz &amp; Rock Ensemble, das bis zu seinem Abschiedskonzert am 3. Dezember 2001, 25 Jahre in beinahe unver\u00e4nderter Besetzung auftrat. Alle, die jetzt vielleicht noch einmal Wehmut erfasst \u00fcber diesen Abschied, mag vielleicht eine \u00c4u\u00dferung Wolfgang Dauners einen Hoffnungsschimmer geben: vergangene Woche r\u00e4sonierte er im Gespr\u00e4ch mit mir unter anderem dar\u00fcber, dass Tina Turner immerhin zehn Abschiedstourneen gegeben h\u00e4tte. Die Lust am Weitermachen steht ihm zumindest ins Gesicht geschrieben.<\/p>\n<p>Barbara Thompson und die neun Herren des UJRE ((Albert Mangelsdorff, Kenny Wheeler, John Hiseman, Charlie Mariano, Eberhard Weber, Ack van Royen, Volker Kriegel, Ian Carr)) \u2013 ich brauche sie vor diesem Kennerpublikum nicht aufzuz\u00e4hlen &#8211; waren schon zu Gr\u00fcndung des Orchesters lebende Legenden, die sich \u2013 so unterschiedlich ihre Personalstile im Einzelnen auch waren \u2013 hier f\u00fcr eine neue Big Band Musik zusammenfand, die Mitte der 70er den Ton der Zeit traf. Das UJRE war auch die Keimzelle f\u00fcr die Plattenfirma Mood Records, einer Art \u201eVerlag der Autoren\u201c f\u00fcr Musiker. Die erste V\u00d6 hie\u00df \u201eUJRE \u2013 Live im Sch\u00fctzenhaus\u201c. Sie verkaufte sich innerhalb k\u00fcrzester Zeit 30.000 mal. Bescheiden m\u00f6chte ich anmerken: An diesem Erfolg habe auch ich mein 30.000-stel-Anteil gehabt \u2013 die LP ist heute noch gesch\u00e4tzter Bestandteil meiner Plattensammlung. Ab und an ziehe ich sie aus dem Regal, schalte den alten Telefunken-Plattenspieler an und reise per Zeitreise in die Siebziger zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher, so erz\u00e4hlte mir Wolfgang Dauner, bat er die Plattenverk\u00e4ufer von Radio Barth in Stuttgart, ihn anzurufen, wenn eine neue Platte aus Amerika k\u00e4me. Die riefen dann ein oder auch zweimal im Monat an und sagten: \u201eWir haben gerade drei Platten gekriegt\u201c. Heute ist die Ver\u00f6ffentlichungsflut kaum noch \u00fcberschaubar. Man sieht den Wald vor lauter B\u00e4umen nicht mehr.<\/p>\n<p>Die Funktion der Platte, der CD in der Karriere eines Musiker hat sich ver\u00e4ndert, doch Dauners Laufbahn ist ohne seine Schallplattenproduktionen undenkbar. Hier muss der Name MPS, Musikproduktion Schwarzwald, fallen. Der Inhaber der in Villingen-Schwenningen beheimateten Saba Werke, Hans Georg Brunner-Schwer, war Jazzfan und gr\u00fcndete zun\u00e4chst das Label Saba, sp\u00e4ter dann MPS. Oscar Peterson, Friedrich Gulda, Chick Corea, Joachim K\u00fchn, Lee Konitz, Albert Mangelsdorff, George Gruntz, George Shearing, George Duke, Monty Alexander, Martial Solal, Cecil Taylor, SunRa und viele, viele mehr kamen in den Schwarzwald und trafen sich im Aufnahmestudio von Brunner-Schwer. Seit den Sechzigern tauchten zahlreiche Platten von Wolfgang Dauner beim Label MPS auf. Wichtige V\u00d6s wie \u201eFree Action\u201c (1967), \u201ePsalmus Spei\/Requiem f\u00fcr Che Guevara\u201c (1969), \u201eThe Oimels\u201c (1969), \u201eMusic Sounds\u201c (1970), \u201eEt Cetera\u201c (1973), \u201eKunstkopfindianer\u201c (1974) oder \u201eFree Sound and Super Brass\u201c (1976) w\u00e4ren hier zu nennen, um den Standort von Dauner innerhalb der Str\u00f6mungen dieser Zeit zu bestimmen. Dabei kann man zwei gro\u00dfe \u00e4sthetische Linien verfolgen. Mit seiner Band \u201eEt cetera\u201c machte er Pionierarbeit in Sachen Jazzrock und sprach ein breites Publikum an. Mit Experimenten dagegen provozierte er \u2013 und machte auf sich als einen der jungen Wilden des deutschen Jazz aufmerksam: etwa 1968 beim Jazzfest in Frankfurt mit dem Happening \u201eVision 68\u201c oder 1970, wo er aus dem Festival f\u00fcr Neue Musik in Donaueschingen ein \u201eDaunereschingen\u201c machte. Die Jazzoper \u201eUrschrei\u201c (1976 Berliner Jazzfest) \u2013 \u00fcbrigens erst k\u00fcrzlich 2002 in Hamburg wieder einmal konzertant aufgef\u00fchrt &#8211; befasste sich kritisch mit dem Musikbetrieb.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Drau\u00dfen ist es bitter kalt \/ der Produzent wird langsam alt.\/<br \/>\nEr hat\u2019s die l\u00e4ngste Zeit gemacht \/ und dabei uns noch ausgelacht. \/<br \/>\nEene mene shit \/ wir sind jetzt quitt.\/<br \/>\nEene mene shit \/ da ziehn wir nicht mehr mit. \/<br \/>\nWir haben den l\u00e4ngeren Hebel, \/ wir machen die Musik.\/<br \/>\nSich informieren, \/selbst produzieren.\/<br \/>\nWir haben den l\u00e4ngeren Hebel, \/ wir machen die Musik<\/p>\n<p>Verlassen wir die Siebziger: Wolfgang Dauners Kreativkraft hat sich seither nicht verringert, im Gegenteil. Bis heute liegen \u00fcber 70 CD-Ver\u00f6ffentlichungen unter seinem Namen vor, zahlreiche Filmmusiken, Theater und H\u00f6rspielproduktionen erg\u00e4nzen sein Werk, das zwischen Jazz und Musiktheater keine Grenzen kennt.<\/p>\n<p>Erst diesen Mai f\u00fchrte das Stuttgarter Kammerorchester unter Dennis Russell Davies \u201eHaydn 14 heute\u201c auf, eine Bearbeitung der Haydn Sonate HOB. XVI Nr. 45 f\u00fcr Kammerorchester, Jazzbass und Klavier. Im Fr\u00fchjahr 2004 wird WD mit den German Jazz Masters &#8211; das sind Klaus Doldinger, Manfred Schoof, Eberhard Weber und Wolfgang Haffner &#8211; zu einer neuen Tour aufbrechen. Auf der etwa dreiw\u00f6chigen Konzertreise wird der Anschlussfilm des Road-Movie \u201eVon New York zum Mississippi\u201c gedreht. F\u00fcr diesen Film waren die Old Friends bereits vor drei Jahren gemeinsam mit Max Schauzer f\u00fcr die ARD durch Amerika gereist. Albert Mangelsdorff kann auf die zweite Reise leider nicht mitkommen, da er sich den rechten Ellenbogen gebrochen hat. Den Zugarm \u00e4rgerlicherweise.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche hier an dieser Stelle Albert Mangelsdorff gute Besserung, und dass er mit seiner Posaune bald beim frischgek\u00fcrten German Jazz Trophy Preistr\u00e4ger WD in Stuttgart auftaucht und die schon lange geplante n\u00e4chste Duo-CD mit ihm aufnehmen kann.<\/p>\n<p>Stichwort Albert Mangelsdorff. Sein Duo mit Wolfgang Dauner bzw. umgekehrt ist Jazz-Mythos. Darauf n\u00e4her einzugehen sprengte den Rahmen dieser Laudatio.<\/p>\n<p>Zum Abschluss noch etwas Anekdotisches, das uns wieder auf das Thema vom Beginn zur\u00fcckf\u00fchrt: \u201eDer Jazz und sein k\u00fcnstlerischer Stellenwert in Deutschland\u201c. Vor einigen Tagen erhielt Wolfgang Dauner ein Schreiben vom Lincoln Center New York \u2013 k\u00fcnstlerischer Leiter ist Wynton Marsalis. Es wird f\u00fcr 128 Millionen Dollar 2004 in New York am Columbus Circle ein neues Jazz Centrum, die Frederick P. Rose Hall, entstehen, mit zwei gro\u00dfen Konzerts\u00e4len inklusive Produktionsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Oper und Ballett, au\u00dferdem Unterrichtsr\u00e4ume und Prober\u00e4ume als Produktionsst\u00e4tte f\u00fcr die besten internationalen Jazzmusiker. In die internationale Jury, die diese Jazzmusiker aussuchen wird, wurde Wolfgang Dauner nominiert. Herzlichen Gl\u00fcckwunsch! Hier in Stuttgart \u2013 das ist allerdings einige Jahre her \u2013 war Wolfgang Dauner einmal zum Termin beim Kulturb\u00fcrgermeister, und der wusste noch nicht einmal, dass er Klavier spielt. Das ist eben der Unterschied.<\/p>\n<p>Wolfgang Dauner, ich w\u00fcnsche Ihnen viel Erfolg dabei, herauszufinden, wer genug Begabung und auch genug Willen hat, um aus seiner Leidenschaft f\u00fcr Jazz, eine Karriere zu machen.<\/p>\n<p>Herzliche Gratulation zur German Jazz Trophy 2003!<\/p>\n<ul>\n<li>Beitragsbild: Wolfgang Dauner am Synthesizer. Foto: Hans Kumpf<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach l\u00e4ngerer Krankheit ist der Jazzmusiker, Pianist und Komponist Wolfgang Dauner im Alter von 84 Jahren in seiner Heimatstadt Stuttgart gestorben. 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