{"id":17312,"date":"2018-09-26T14:04:09","date_gmt":"2018-09-26T12:04:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=17312"},"modified":"2018-09-25T13:42:31","modified_gmt":"2018-09-25T11:42:31","slug":"ein-west-oestlicher-jazz-folk-divan-die-debuet-cd-der-band-eurasians-unity","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2018\/09\/ein-west-oestlicher-jazz-folk-divan-die-debuet-cd-der-band-eurasians-unity\/","title":{"rendered":"Ein West-\u00f6stlicher Jazz-Folk-Divan \u2013 Die Deb\u00fct-CD der Band \u201eEurasians Unity\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wer sich die im Juni bei Enja Yellow Bird erschienene CD \u201eEurasians Unity\u201c anh\u00f6ren m\u00f6chte, dem sei angeraten, zuvor auf Google Earth zu surfen oder einen klassischen Weltatlas zur Hand zu nehmen. Denn nicht jeder mag auf Anhieb wissen, wo zumindest einige der sieben Herkunftsl\u00e4nder der acht Musiker mit sieben Sprachen, die in diesem Orchester vereint sind, auf der Landkarte genau zu finden sind. In geographischer Definition liegen Usbekistan, Aserbaidschan, Iran, die Ukraine, Bulgarien, Polen und \u2013 am westlichen Zipfel \u2013 auch Deutschland \u2013 allesamt auf der Eurasischen Kontinentalplatte. Kultur, Volkskunst und Musik der jeweiligen Regionen auf diesem gewaltigen Terrain sind jedoch \u00e4u\u00dferst unterschiedlich. In westlicher Sicht je weiter \u00f6stlich desto fremdartiger.<\/p>\n<p>Diese Unterschiede sind es, die Caroline Thon reizen. Die K\u00f6lner Saxophonistin, Komponistin und Bandleaderin folgte schon immer ihrer k\u00fcnstlerischen Devise, Grenzen zu testen und zu \u00fcberschreiten. Das bewies sie bisher schon mit ihrem Quintett \u201ePatchwork\u201c und mehr noch mit ihrem Thoneline Orchestra, mit dem sie die weithin beachteten Alben \u201ePanta Rhei\u201c (2011) und \u201eBlack &amp; White Swan\u201c (2015) ver\u00f6ffentlicht hatte. Spielte sie mit diesen Formationen fast ausschlie\u00dflich ihre eigenen Kompositionen, so ging sie mit dem von ihr inspirierten und organisierten Projekt \u201eEurasians Unity\u201c einen ganz anderen Weg, der sie auch im w\u00f6rtlichen, im geographischen Sinne \u00fcber Grenzen f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Beeindruckt seit Langem von den komplexen Rhythmen ost- und s\u00fcdosteurop\u00e4ischer Musik trieb sie ihre Neugier weiter in den orientalischen Raum, befasste sich systematischer mit der arabischen, persischen und zentralasiatischen Musiktradition, so zum Beispiel auch mit der Kurzhalslaute Oud. \u00a0Als sie bei einem internationalen Workshop die iranische Oud-Spielerin Negar Bouban h\u00f6rte und auch n\u00e4her kennenlernte, reifte in Caroline die Idee f\u00fcr eine Art West-\u00f6stlichen Jazz-Folk Divan. Sie ging an die konkrete Planung eines Projekts f\u00fcr das Festival \u201eWomen in Jazz\u201c in Halle, dessen Leiter Ulf Herden sich sehr aufgeschlossen zeigte und es an Ermutigung nicht fehlen lie\u00df.<\/p>\n<p>Bei der Suche nach geeigneten Musikern hatte sie mehrere Kriterien zu beachten: Sie sollten die traditionelle Musik ihrer Ethnien beherrschen und professionell aus\u00fcben. Zugleich sollten sie f\u00fcr neue Konzepte und das gemeinsame Improvisieren offen sein, was f\u00fcr traditionelle Musiker nicht so selbstverst\u00e4ndlich ist wie f\u00fcr Jazzmusiker. Sie sollten in ihren L\u00e4ndern wohnhaft sein, aber Visa f\u00fcr den Schengenraum beantragen k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich sollten sie Englisch k\u00f6nnen, um die Verst\u00e4ndigung in dem multilingualen Projekt zu erm\u00f6glichen. Die M\u00fche lohnte sich: 2013 hatte Caroline Thon sieben Musikerinnen und Musiker beisammen. Viele Proben f\u00fchrten zur B\u00fchnenreife, sodass die Band am 8. Februar 2014 in der Alten Oper von Halle ein vom Publikum umjubeltes und von den Medien einhellig belobigtes Deb\u00fct gab, damals noch unter dem Titel \u201eJazz aus der eurasischen Mitte\u201c. Bald danach war mit \u201eEurasians Unity\u201c ein programmatischer Name f\u00fcr die Band gefunden, die ein Jahr nach dem Auftritt in Halle auf dem TFF Rudolstadt, dem gr\u00f6\u00dften deutschen Festival f\u00fcr Folk, Roots und Weltmusik, den Weltmusikpreis RUTH 2015 \u201ef\u00fcr praktizierte V\u00f6lkerfreundschaft auf hohem k\u00fcnstlerischem Niveau\u201c erhielt.<\/p>\n<p>Und nun kommt als H\u00f6hepunkt der Erfolgsgeschichte des beachtlichen Projekts diese CD bei einem der renommiertesten Labels, aufgenommen beim rbb kulturradio, unterst\u00fctzt von der Initiative Musik gGmbH. Das Faszinosum der \u201eEurasians Unity\u201c speist sich aus mehreren Quellen. Das Klangbild wird erzeugt durch das Aufeinandertreffen traditioneller orientalischer Instrumente auf solche, wie sie integral zum westlichen Jazz geh\u00f6ren, konkret: Zu der bereits erw\u00e4hnten Oud von Negar Bouban treten die zweisaitige Langhalslaute Dutar und die Rahmentrommel Doira, beide gespielt von Feruza Ochilova aus Usbekistan. Das Akkordeon wird zwar auf der ganzen Welt in allen Musikstilen gespielt, aber durch die Bulgarin Veronika Todorova erh\u00e4lt das popul\u00e4re Instrument noch eine zus\u00e4tzliche balkanische Note. Die Jazzelemente bringen Caroline Thon auf Sopran- und Altsaxophon sowie Alex Morsey mit Kontrabass und Tuba ein. Die Br\u00fccke zwischen Jazz und Folk schlagen der Pianist Salman Gambarov aus Aserbaidschan und der mit allen Rhythmen der Welt vertraute, aus Polen stammende Schlagzeuger und Percussionist Bodek Janke. Wesentlich zum Klangbild tragen auch die verbal und vielf\u00e4ltig instrumental eingesetzten Stimmen von Feruza Ochilova und der in der Ukraine geb\u00fcrtigen, in K\u00f6ln lebenden Tamara Lukasheva bei.<\/p>\n<p>Ein weiteres Spezifikum von Eurasians Unity liegt in der st\u00e4ndigen Spannung zwischen den grundverschiedenen rhythmischen Prinzipien in der orientalischen und der europ\u00e4ischen Musik. Caroline Thon versucht das im Gespr\u00e4ch zu erl\u00e4utern: \u201eEs ist der Unterschied zwischen den traditionellen Folkmusiken des Ostens und unserer europ\u00e4ischen Taktgebung. Wir Europ\u00e4er brauchen einen Bezugspunkt, ein Ebenma\u00df, auf das wir uns beziehen, vier Viertel zum Beispiel. Aber in der \u00f6stlichen Tradition geht es st\u00e4ndig zwischen ungeraden Rhythmen hin und her, etwa von f\u00fcnf Achteln zu dreizehn oder f\u00fcnfzehn Achteln und wieder zur\u00fcck und manchmal noch komplizierter. Das ergibt diese unheimliche Dynamik. F\u00fcr uns \u201aWestler\u2018 ist das nicht gerade leicht zu spielen, w\u00e4hrend unsere Kolleginnen Feruza, Negar und Veronika die Taktfolgen gar nicht erst z\u00e4hlen, den Rhythmus nicht \u201adenken\u2018, sondern die jeweilige rhythmische Figur 3-2 oder 2-3, die sogenannte Clave, einfach f\u00fchlen. Das musste ich auch erst \u00fcben, dieses F\u00fchlen, den gewohnten festen Bezugspunkt aufgeben, aber dann wird es wesentlich leichter zu spielen. Diese Art des Dazulernens ist einer der Gr\u00fcnde, weshalb ich dieses Projekt so liebe.\u201c<\/p>\n<p>Gleich im Eingangsst\u00fcck \u201eDevoiko Mari\u201c, einem bulgarischen Volkslied, arrangiert von Bodek Janke, zeigt sich die f\u00fcr die gesamte CD charakteristische rhythmische Komplexit\u00e4t. Es beginnt im Vierviertel, geht mit Carolines Altsolo \u00fcber in einen Elfachtel, wechselt mit Gambarovs jazzigem Pianosolo zu F\u00fcnfachtel und F\u00fcnfviertel, ehe Veronika Todorova mit einem wunderbaren, tieft\u00f6nig orchestral gespielten Akkordeonsolo den typischen Balkansound aufstrahlen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>\u201eG\u00f6ygol\u201c ist die Vertonung eines Gedichts des aserbaidschanischen Dichters Teymur Elchin durch den Pianisten Gambarov, der stimmungsvoll ein- und \u00fcberleitet zur Stimme von Feruza Ochilova, die als Usbekin auch die benachbarte Turksprache Azeri kennt und \u00fcber deren Text passagenweise Tamara Lukasheva scattet. Ein reizvolles Duett, das auch in anderen St\u00fccken angewandt wird, so in der auf die Oud hin geschriebenen Komposition \u201eSimple One-Theme Negar Bouban\u201c, arrangiert von Tamara, in der die Komponistin als Interpretin gl\u00e4nzt. Der lyrische, fast melancholische Klang dieses zauberhaften, f\u00fcr westliche Ohren so sehr exotisch anmutenden Instruments l\u00f6st sich jedoch auf in Soli von Bodek im Duett mit Feruza an der Doira und Caroline und steigert sich zu einem rauschhaften Finale, das dann aber wie ersch\u00f6pft absinkt und ausklingt. Stark!<\/p>\n<p>Diese Dramaturgie findet sich in vielen der Arrangements \u2013 verhaltener, fast elegischer Beginn, bei dem eines der leiseren Saiteninstrumente zur Geltung kommt, Groove im Mittelteil mit viel Improvisation, m\u00fcndend in regelrechte Klanggewitter bis zum Chaos, leiser Ausklang und Verschwinden im All. So auch in \u201eShadowprint\u201c, einer von Alex Morsey arrangierten Komposition der K\u00f6lner Vokalistin Simin Tander, mit stimmungsvollen Intros, sogenannten \u201eTaksims\u201c, die von Alex auf der Tuba in Form eines Borduns unterlegt werden als Feature f\u00fcr jeweils Oud, usbekischen Gesang und Akkordeon.<\/p>\n<p>\u201eEy, Sarviravon\u201c ist ein usbekisches Liebesgedicht, vertont von Feruza Ochilova und Simin Tander, anr\u00fchrend zart und melancholisch. Caroline hat ihre Komposition \u201eCycles\u201c (von der \u201ePatchwork\u201c-CD \u201eSay it\u201c ) von Veronika in osteurop\u00e4ischer Rhythmik arrangieren lassen. Damit hatte sie sich selbst \u201eein hartes St\u00fcck Arbeit aufgehalst\u201c f\u00fcr die Interpretation ihrer eigenen Komposition auf dem Sopran, das Feruza auf der Dutar durchgehend im f\u00fcnfzehn Achtel-Rhythmus begleitet, \u201eals w\u00e4re es nichts\u201c. Hier bereichert Alex sein Bass-Solo \u00e0 la Slam Stewart oder Major Holley mit Oberton-Gesang.<\/p>\n<p>Sehr getragen kommen \u201eLonesome Heroes\u201c einher, in einer Komposition der libanesischen S\u00e4ngerin Cynthia Zaven, die anfangs dabei war, aber aus beruflichen Gr\u00fcnden aus dem Ensemble ausgeschieden ist und von Tamara Lukasheva ersetzt wurde, die das St\u00fcck mit textlosem Vocalizing pr\u00e4gt. Ausf\u00fchrlich kommen auch Oud und Altsaxophon zur Geltung. \u201eKolysanka\u201c ist ein von Alex vertontes polnisches Wiegenlied, das Caroline v\u00f6llig gegen den Strich arrangiert hat, aber mit einer vers\u00f6hnlich zum Schlafen einladenden Coda, die eng an die Originalkomposition angelegt ist.<\/p>\n<p>In dem Schlussst\u00fcck \u201eTopmadim\u201c, einem usbekischen Volkslied, das von allen Bandmitgliedern komponiert und arrangiert wurde, k\u00f6nnen sich alle nochmal solistisch \u201eaustoben\u201c.\u00a0 Ein fulminantes Finale einer in vielen Schattierungen aufscheinenden Klangsymbiose von westlichem Jazz und eurasisch-orientalischer Folkmusik. Dargeboten von einem in doppeltem Sinne vielstimmigen Ensemble als nachahmenswertes Beispiel gegenseitiger Achtung und k\u00fcnstlerischen Austauschs \u00fcber nationale, ethnische und geographische Grenzen hinweg. Durchaus im Sinne der Maxime Goethes aus dem \u201eWest-\u00f6stlichen Divan\u201c: \u201eWer sich selbst und andre kennt \/ Wird auch hier erkennen: \/ Orient und Okzident \/ sind nicht mehr zu trennen.\u201c<\/p>\n<p>Von Dietrich Schlegel<\/p>\n<p>CD \u201eEurasians Unity\u201c, enja records yellow bird 2018, kulturradio rbb, Initiative Musik eGmbH; <a href=\"http:\/\/www.eurasians-unity.com\">www.eurasians-unity.com<\/a>, facebook: Eurasians Unity<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich die im Juni bei Enja Yellow Bird erschienene CD \u201eEurasians Unity\u201c anh\u00f6ren m\u00f6chte, dem sei angeraten, zuvor auf Google Earth zu surfen oder einen klassischen Weltatlas zur Hand zu nehmen. Denn nicht jeder mag auf Anhieb wissen, wo zumindest einige der sieben Herkunftsl\u00e4nder der acht Musiker mit sieben Sprachen, die in diesem Orchester vereint sind, auf der Landkarte genau zu finden sind. In geographischer Definition liegen Usbekistan, Aserbaidschan, Iran, die Ukraine, Bulgarien, Polen und \u2013 am westlichen Zipfel \u2013 auch Deutschland \u2013 allesamt auf der Eurasischen Kontinentalplatte. Kultur, Volkskunst und Musik der jeweiligen Regionen auf diesem gewaltigen Terrain sind jedoch \u00e4u\u00dferst unterschiedlich. In westlicher Sicht je weiter \u00f6stlich desto fremdartiger. Diese Unterschiede sind es, die Caroline Thon reizen. Die K\u00f6lner Saxophonistin, Komponistin und Bandleaderin folgte schon immer ihrer k\u00fcnstlerischen Devise, Grenzen zu testen und zu \u00fcberschreiten. Das bewies sie bisher schon mit ihrem Quintett \u201ePatchwork\u201c und mehr noch mit ihrem Thoneline Orchestra, mit dem sie die weithin beachteten Alben \u201ePanta Rhei\u201c (2011) und \u201eBlack &amp; White Swan\u201c (2015) ver\u00f6ffentlicht hatte. 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September 2015","format":false,"excerpt":"Von Dietrich Schlegel - Die k\u00fcnstlerischen M\u00f6glichkeiten der Gro\u00dfformationen im Jazz scheinen noch lange nicht ausgesch\u00f6pft. \u00dcberzeugende Beispiele liefern etwa Lars Seniuks New German Art Orchestra oder die Monika Roscher Big Band. 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