{"id":14324,"date":"2017-11-20T11:11:39","date_gmt":"2017-11-20T10:11:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=14324"},"modified":"2017-11-20T11:59:49","modified_gmt":"2017-11-20T10:59:49","slug":"lorenz-kellhuber-solo-im-berliner-zigzag-club","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2017\/11\/lorenz-kellhuber-solo-im-berliner-zigzag-club\/","title":{"rendered":"Lorenz Kellhuber solo im Berliner Zig Zag Jazz Club"},"content":{"rendered":"<p>In Berliner Bezirk Friedenau steht ein kleiner Jazzclub. Man kann durch die gro\u00dfen Fenster zur Stra\u00dfenseite hinein- und hinausschauen. Er gilt als \u201eangesagt\u201c \u2013 er ist gleichwohl klein und bietet gesch\u00e4tzt vielleicht maximal 100 Personen Platz. Demn\u00e4chst tauchen im <a href=\"https:\/\/www.zigzag-jazzclub.berlin\/\">Zig Zag Jazz Club<\/a> auch \u201eThe Bad Plus\u201c (2.12.) hier auf oder Carla Bley (22.11.). Das alles in einer Gegend, die nicht bekannt ist f\u00fcr ihre Hipsterstyler und man daf\u00fcr sonst wie in Charlottenburg beispielsweise den Begriff des gutb\u00fcrgerlichen Bezirks findet. So wie das Schnitzel mit Kartoffelsalat mit einem Bierchen abgel\u00f6scht wird \u2013 auch wenn nat\u00fcrlich n\u00f6rdlich des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bierpinsel\">Steglitzer Bierpinsels<\/a> l\u00e4ngst und sowieso Lokale aus aller Welt ihren Platz gefunden haben. Aber es riecht hier weder nach New York noch nach einem eigenartig nicht nur vegan umwolkten Prenzlauer-Berg-Kinderwagen. Die B\u00fcrgersteige wirken abends eher hochgeklappt.<\/p>\n<p>Darin also der Jazzclub. Der sich da ganz gut einf\u00fcgt, aber nicht verschmilzt mit der Gegend. Friedenau eben. Hier am Donnerstag war der Ort eines Release-Konzerts des Pianisten Lorenz Kellhuber, 2014 Preistr\u00e4ger der Parmigiani Montreux Jazz Piano Solo Competition. Im Jahr darauf spielte er ein Solokonzert im Jazzclub von Montreux ein. Zwei Jahre sp\u00e4ter konnte diese Aufnahme ver\u00f6ffentlicht (20.10.) werden (<a href=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2017\/10\/lorenz-kellhuber-live-at-the-montreux-jazz-festival\/\">Besprechung in der JazzZeitung von Thomas J. Krebs<\/a>).<\/p>\n<p>Der Bericht dieses Solo-Konzerts in Friedenau ist m\u00f6glicherweise nicht ganz einfach zu lesen: Additiv nacherz\u00e4hlend das, was der Rezensent wahrgenommen und \u201eheraus\u201cgeh\u00f6rt hat. Doch mit einem einfachen wohlklingenden St\u00fcck sich stapelnder Adjektive der Wertung ist es nicht getan. Ein bisschen soll zumindest der Versuch gemacht werden, dem Musiker mit w\u00fcrdiger Aufmerksamkeit gegen\u00fcber zu treten; nat\u00fcrlich gefiltert durch die h\u00f6rende, historisch-subjektive Blase des Autors. Daf\u00fcr bitte ich die Leserinnen um Entschuldigung und den Musiker um Nachsicht.<\/p>\n<h3>Das Konzert<\/h3>\n<p>Das <strong>erste St\u00fcck<\/strong> beginnt mit zwei leisen Akkorden, respektiven deren variierenden Wiederholungen mit dem Charakter von Seufzern \u2013 fallend. Langsam f\u00fcllt sich der Klang \u00fcber den Zeitraum von ein paar Minuten bis sich ein Solo der rechten Hand langsam in den groovenden Ketten explosiv widerfindet. Darunter bleiben die changierenden Akkorde. Es klingt wie aus dem Klavier herausgek\u00e4mpft. \u00dcbrig bleiben wieder die Akkorde in den tiefen Registern. Statt Tonketten geht die rechte Hand in eine Ton-Repetition \u00fcber, die ihrerseits in sich changiert. Eine Abwechslungsvarianz \u2013 diese Phase und die restlichen ca. 30 Minuten werden diese Repetitionen st\u00e4ndige Begleiter bleiben. Sie ver\u00e4ndern ihre Lage im Register, aber nicht oft, vielleicht drei Mal, steigen und sinken. Zwischen den Registern entstehen neue kleiner Motive. Aus der Eintonrepetition wird eine im Quartabstand \u2013 darunter gleitet es ins D\u00fcstere (eine tieflagige Mollterz-Repetition) und die Repetition selbst wird rhythmisch umgedacht. Drunter und dr\u00fcber legt Kellhuber diese harmonisch reichhalten Kl\u00e4nge. Es wirkt gerade so, als ob jetzt noch ein imagin\u00e4res Solo eines Instrumentalisten hinzuzuf\u00fcgen w\u00e4re. Grandios und herb.<\/p>\n<p>Sein <strong>zweites St\u00fcck<\/strong> dagegen klingt nach einem lyrischen Countryside-St\u00fcck, wie eine Art Vorspiel zu einem Standard. Und immer diese von Kellhuber bewundernswert konstruierten reichhaltigen Akkordklangkonstrukte in die dann der Melos eingeflochten wird. Ab und zu gibt Passagen, die nach alten kirchenmusikalischen Klauseln klingen. Und kleine Pole von Klarheit reiner Dur-Akkorde, die aber hier in dem Akkordarsenal wie schwarze Perlen freistehen \u2013 und sofort harmonisch umgef\u00e4rbt werden. Es ist immer wieder dort ein Impuls, der das Gebilde l\u00f6st und irgendwie schwimmt die Musik schlie\u00dflich wie in einem Nocturne von Chopin. Das erste Set mit zwei St\u00fccken geht \u00fcber insgesamt ca. 50 Minuten. Pause.<\/p>\n<p>Das zweite Set besteht ebenfalls aus zwei Einzelimprovisationen. Die <strong>erste<\/strong> hier transformiert lineare Ideen in fallende Akkordbrechungen und erinnert darin an etwas wie das erste Brahms\u2018sche Intermezzo aus op. 119. Die Akkorde werden schlie\u00dflich aufgebrochen, jetzt mehr in Richtung Vertigo-Thema von Bernard Herman. Und immer wieder im Innern der \u201es\u00fc\u00dfe Tod\u201c eines reinen Dur-Akkordes. Zum Ende l\u00f6st es sich verlierend \u2013 aber nicht: \u201eauf\u201c. Das <strong>zweite St\u00fcck<\/strong> startet in einer Art musikalischen Rauschens in den tieferen Registern, bevor es sich zu einer Art Choral findet. Die harmonischen Felder werden dabei in ihrer Grundtonart verschoben. Die homophonen \u201eGestalten\u201c gehen in ein Ostinato \u00fcber. \u00dcber dem sich nun reichlich wilde Melosexzesse ausbreiten k\u00f6nnen. Dabei sind die Ostinati nie ganz pr\u00e4zise in ihrer Dauer, sondern mit unterschiedlichen L\u00e4ngen ausgestattet (f\u00fcnfer\/vierer). Das Ende dann offen.<\/p>\n<p>Eine <strong>Zugabe mit Jimi Hendrix\u2018 \u201eLittle Wing\u201c<\/strong>. Der Ton jetzt weniger pedalisiert sondern trocken. Kellhuber beherrscht das St\u00fcck, hat es vollst\u00e4ndig im Griff und erfasst es. Da steht er eben dr\u00fcber. Es flie\u00dft, es ist leicht, es ist \u201eemotional wesentlich rasanter\u201c. Da sind alle improvisatorischen und spontankompositorischen Mittel voll entfaltet, dicht gewebt und doch zugleich locker gef\u00fcgt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_14331\" aria-describedby=\"caption-attachment-14331\" style=\"width: 802px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/kellhuber-verwaschen.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"14331\" data-permalink=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2017\/11\/lorenz-kellhuber-solo-im-berliner-zigzag-club\/kellhuber-verwaschen\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/kellhuber-verwaschen.jpg?fit=1024%2C766&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1024,766\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Lorenz Kellhuber am Klavier. 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Foto: Hufner<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das ist hier so ausf\u00fchrlich dargestellt ohne dass man sich als Leserin wohl wirklich etwas darunter vorstellen wird k\u00f6nnen. Der Klang des Augenblicks eines starken Musikers bleibt am Ende eben auch endlich und mit der Musik verschwindet die Begleitung der H\u00f6renden durch das Gespielte. Und naturgem\u00e4\u00df konnte sich der Rezensent auch nicht dem Flow \u00fcberlassen \u2013 im Protokollieren ist man einfach gehemmt. Und zugleich kann das Protokoll selbstverst\u00e4ndlich nicht ann\u00e4hernd all das zur Sprache bringen, was und wie (es genau) passiert.<\/p>\n<p>Kellhuber, solo am Klavier, ist eine Herausforderung auch gegen sich selbst. Die reichhaltige Harmonik, die Kellhuber produziert ist in sich so komplex, dass ein Fehlgriff fatal wirkt. Aber sicherlich auch unvermeidlich sein wird. Er geh\u00f6rt zum Risiko des Spiels dazu. Das Risiko des Moments ist doch auch der Grund, warum man daran sich h\u00f6rend beteiligt. Den gro\u00dfen Moment erhoffen. Der Moment, der einen Riss am Rand des musikalischen Universums erzeugt. Dazu ist es meines Erachtens nicht gekommen. Diese Risse hat er aber durchaus in seiner Solo-CD, deren Release-Konzert es schlie\u00dflich sein sollte, angetastet.<\/p>\n<p>Im Vergleich zur Solo-Aufnahme in Montreux spielen gewiss auch Raum und das Klavier selbst eine wahrscheinlich nicht zu untersch\u00e4tzende Rolle. In Montreux war das alles durchsichtiger musikalisch konstruiert und gleichwohl reichlich komplex genug, hier und heute im Zig Zag Jazz Club eben ziemlich harmonisch zugedeckt. Nun, wenn man eben mindestens drei musikalische Gedanken zur gleichen Zeit auf dem improvisatorischen Schirm hat, sind Gehirn und Motorik mehrfach gefordert. Lorenz Kellhuber kann sich nicht einfach ausruhen. Das geht \u201enoch\u201c nicht. Aber das kommt. Dazu m\u00fcssen dann Teile des Gehirns in die H\u00e4nde selbst ausgelagert werden, w\u00e4hrend oben der musikalische Schiedsrichter und Regisseur seine musikalischen Akteure f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Gro\u00dfer Abend. Er ist einfach eine Ausnahmeerscheinung. Seine Entwicklung, beeindruckend, wie sie sich in den bislang ver\u00f6ffentlichten Aufnahmen pr\u00e4sentiert \u2013 sei es im Trio mit Arne Huber (b) und Gabriel Hahn (dm) oder mit Orlando le Fleming (b) und Obed Calvaire (dm). Jetzt nicht aufh\u00f6ren!<\/p>\n<p>Und dank geht auch an das <a href=\"http:\/\/www.blackbird-music.de\/\">Label Blackbird<\/a>, das ihm seit Jahren die treue h\u00e4lt und ihn f\u00f6rdert. M\u00f6ge die Kooperation noch lange Zeit anhalten.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Lorenz Kellhuber: Live at the Montreux Jazz Festival<\/strong>, <a href=\"http:\/\/www.blackbird-music.de\/de\/kuenstler\/lorenz-kellhuber\/\">Blackbird<\/a>, BR 201730<\/li>\n<\/ul>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/album\/3TCagoe099aFufJ8x9KtBc\" width=\"300\" height=\"380\" frameborder=\"0\" allowtransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berliner Bezirk Friedenau steht ein kleiner Jazzclub. Man kann durch die gro\u00dfen Fenster zur Stra\u00dfenseite hinein- und hinausschauen. Er gilt als \u201eangesagt\u201c \u2013 er ist gleichwohl klein und bietet gesch\u00e4tzt vielleicht maximal 100 Personen Platz. Demn\u00e4chst tauchen im Zig Zag Jazz Club auch \u201eThe Bad Plus\u201c (2.12.) hier auf oder Carla Bley (22.11.). Das alles in einer Gegend, die nicht bekannt ist f\u00fcr ihre Hipsterstyler und man daf\u00fcr sonst wie in Charlottenburg beispielsweise den Begriff des gutb\u00fcrgerlichen Bezirks findet. So wie das Schnitzel mit Kartoffelsalat mit einem Bierchen abgel\u00f6scht wird \u2013 auch wenn nat\u00fcrlich n\u00f6rdlich des Steglitzer Bierpinsels l\u00e4ngst und sowieso Lokale aus aller Welt ihren Platz gefunden haben. Aber es riecht hier weder nach New York noch nach einem eigenartig nicht nur vegan umwolkten Prenzlauer-Berg-Kinderwagen. Die B\u00fcrgersteige wirken abends eher hochgeklappt. Darin also der Jazzclub. Der sich da ganz gut einf\u00fcgt, aber nicht verschmilzt mit der Gegend. Friedenau eben. Hier am Donnerstag war der Ort eines Release-Konzerts des Pianisten Lorenz Kellhuber, 2014 Preistr\u00e4ger der Parmigiani Montreux Jazz Piano Solo Competition. Im Jahr darauf spielte er ein Solokonzert im Jazzclub von Montreux ein. 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