{"id":14211,"date":"2017-11-09T09:36:00","date_gmt":"2017-11-09T08:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=14211"},"modified":"2017-11-09T09:36:00","modified_gmt":"2017-11-09T08:36:00","slug":"istvan-grencso-und-sein-open-collective-veroeffentlichte-die-verdienstvolle-doppel-cd-derenges-dawn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2017\/11\/istvan-grencso-und-sein-open-collective-veroeffentlichte-die-verdienstvolle-doppel-cd-derenges-dawn\/","title":{"rendered":"Istv\u00e1n Grencs\u00f3 und sein Open Collective ver\u00f6ffentlichte die verdienstvolle Doppel-CD \u00bbDereng\u00e9s \/ Dawn\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dieses <a href=\"https:\/\/www.worldpressphoto.org\/collection\/photo\/1965\/general-news\/l%C3%A1szl%C3%B3-fejes\">Foto<\/a> war unvergesslich. Auch f\u00fcr den Freejazz-Pianisten und -Komponisten Gy\u00f6rgy Szabados. Es hei\u00dft \u00bbDie Hochzeit\u00ab (\u00bbAz esk\u00fcv\u0151\u00ab) und zeigt eine nur sechs Personen umfassende Hochzeitsgesellschaft wohl auf dem Weg zur Trauung. Die Menschen, voran die wei\u00df gekleidete Braut, scheinen gerade aus einer Wohnung gekommen zu sein und laufen nun auf dem Gang des Innenhofs entlang einer zerschossenen Fassade dem Treppenhaus zu, das sie einige Etagen weiter unten aus der Mietskaserne hinausf\u00fchren wird. Sie sind \u2013 dem damaligen Zeitgeist der Sechziger-Jahre entsprechend \u2013 modisch angezogen. Eine Dame l\u00e4chelt mild, jeder geht f\u00fcr sich. Aufgenommen hatte das Foto der ungarische Fotograf L\u00e1szl\u00f3 Fejes, der daf\u00fcr den World Press Photo Award 1965 erhielt, \u00fcbrigens als erster Ungar \u00fcberhaupt.<\/strong> (Rezension von Mathias B\u00e4umel)<!--more--><\/p>\n<p>Im Jahre 1972 konnte Fejes sein preisgekr\u00f6ntes Foto in der Kunsthalle am Budapester Heldenplatz ausstellen. Dort sah Szabados das Bild \u2013 und war tief beeindruckt. \u00bbEs war ergreifend, das Foto zu betrachten, seine Augen daran zu weiden, es zu verlassen und es doch weiter anzusehen. Und es immer wieder anzuschauen und sich daran zu erfreuen. Um dann niemals mehr eine Kopie des Bildes in die Hand zu nehmen, denn der Zeugungsfunke war schon \u00fcbergesprungen: Die Musik erklang in mir\u00ab, erinnerte sich der Pianist sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>So komponierte Gy\u00f6rgy Szabados nach diesem Foto das St\u00fcck \u00bbDie Hochzeit\u00ab, zusammen mit weiteren Kompositionen nahm er es im Mai 1974 f\u00fcr seine erste LP auf, die dann ebenfalls \u00bbDie Hochzeit\u00ab (\u00bbAz esk\u00fcv\u0151\u00ab) hie\u00df und die den ungarischen Freejazz-Pionier, der eigentlich schon seit 1962 aktiv war, nun auch dem internationalen Jazzpublikum bekanntmachte. Damals jedoch durfte das \u00bbHochzeits-Foto\u00ab von Fejes nicht auf die Plattenh\u00fclle, zu weit entfernt vom sozialistischen Ideal schien es, wie \u00fcberhaupt die gesamte Arbeit Fejes\u2019, den ungarischen Kultur-Offiziellen zu sein.<\/p>\n<p>Auch wenn Gy\u00f6rgy Szabados bereits fr\u00fchzeitig zu einer lebenden Legende in der modernen (nicht nur ungarischen) Jazz-Geschichte wurde \u2013 er spielte regelm\u00e4\u00dfig Konzerte und brachte mit \u00bbAdyton\u00ab (1983), \u00bbSzabraxtondos\u00ab (1985 \u2013 Duos mit Anthony Braxton) und \u00bbA Szarvass\u00e1 V\u00e1lt Fiak \/ Sons Turned Into Stags\u00ab (1989) bis zur politischen Wende drei regul\u00e4re, auch international verf\u00fcgbare eigene LPs heraus \u2013, ist es heutzutage nicht ganz einfach, an seine Musik \u2013 an LPs und CDs \u2013 zu kommen.<\/p>\n<p>Zwar leistet Rudolf Kraus seit einigen Jahren mit seinem Internet-Portal <a href=\"http:\/\/gy\u00f6rgy-szabados.com\">http:\/\/gy\u00f6rgy-szabados.com<\/a> (\u00bbDie Welt des Gy\u00f6rgy Szabados\u00ab) Herausragendes bei der Dokumentation von Leben und Werk Szabados\u2019, aber dennoch ist es schwierig, im Nachhinein die jeweiligen Platten und CDs zu kaufen, vieles ist vergriffen, nur als LP gebraucht beschaffbar oder von vornherein nur in kleinen Auflagen den Spezialisten vorbehalten (die Gy\u00f6rFREE-Serie).<\/p>\n<p>Da kommt die Doppel-CD \u00bbDereng\u00e9s \/ Dawn (Compositions By Gy\u00f6rgy Szabados)\u00ab des Grencs\u00f3 Open Collectives auf Hunnia Records gerade recht. Einerseits, weil sie sechs der historisch wichtigen Kompositionen Gy\u00f6rgy Szabados\u2019 dem heutigen Publikum vorstellt, andererseits, weil dies von Musikern getan wird, die pers\u00f6nlich und \u00e4sthetisch, also authentisch, eng mit Szabados verbunden sind. Neben Grencs\u00f3 selbst und dem Bassisten R\u00f3bert Benk\u0151, die beide noch gemeinsam mit Szabados in verschiedenen Projekten musiziert hatten, geh\u00f6ren noch der Pianist M\u00e1t\u00e9 Pozs\u00e1r sowie der Drummer Mikl\u00f3s Szilveszter zur Stammbesetzung des \u00bboffenen Kollektivs\u00ab, das f\u00fcr andere Konzert-Projekte und CD-Einspielungen durch Gastmusiker wie Lewis Jordan oder Rudi Mahall erweitert oder personell leicht ver\u00e4ndert wird. Dass f\u00fcr diese Doppel-CD noch Szil\u00e1rd Mezei mit seiner Bratsche den Part der urspr\u00fcnglich bei Szabados eingesetzten Violine \u00fcbernimmt, soll nicht unerw\u00e4hnt bleiben.<\/p>\n<p>In einem von Mih\u00e1ly R\u00e1duly gef\u00fchrten Interview sagt Istv\u00e1n Grencs\u00f3: \u00bbGy\u00f6rgy Szabados\u2019 Musik-Erbe lag uns seit langem am Herzen. Schon vor einigen Jahren haben wir uns entschlossen, diese Musik lebendig zu halten und wir haben sogar schon damit begonnen, einige St\u00fccke zu bearbeiten.\u00ab Im Jahre 2014 dann haben die Musiker um Grencs\u00f3 ihre Szabados-Musik beim Mediawave-Festival gespielt, und bald war klar: das muss aufgenommen und auf CD ver\u00f6ffentlicht werden. Schlie\u00dflich habe der Verlag Hunnia mit R\u00f3bert Hunka an der Spitze das \u00bbProjekt gef\u00f6rdert. \u00bbHunka stand v\u00f6llig hinter uns\u00ab, so Grencs\u00f3. \u00bbEr hat f\u00fcr sich keinerlei Rechte in Anspruch genommen: keinerlei Beschr\u00e4nkung, keinerlei Hineinreden, weder im musikalischen noch im visuellen Bereich. Wir hatten v\u00f6llig freie Hand, ohne zeitliche Einschr\u00e4nkung oder Sonstiges und so ist es uns gelungen, diese sechs St\u00fccke aufzunehmen.\u00ab<\/p>\n<p>Die CD wurde also im vollen Bewusstsein einer \u00bbkulturgeschichtlichen Rettungsaktion\u00ab eingespielt und ver\u00f6ffentlicht. \u00bbDie Musik von Gy\u00f6rgy Szabados d\u00e4mmert aus der Vergangenheit auf, weil sein Lebenswerk nach seinem Tod praktisch vergessen war\u00ab, so der Bassist R\u00f3bert Benk\u0151. Niemand habe sie gespielt und die Medien h\u00e4tten sich mit ihr \u00e4u\u00dferst wenig besch\u00e4ftigt. Mit der Ver\u00f6ffentlichung dieses Doppelalbums solle nun ein neuer, hoffnungsgetr\u00e4nkter Anfang f\u00fcr die Szabados-Rezeption gemacht werden \u2013 deswegen hei\u00dft das Werk \u00bbMorgend\u00e4mmerung\u00ab.<\/p>\n<p>Doch nach welchen Kriterien haben alle gemeinsam die Szabados-St\u00fccke schlie\u00dflich aus der gro\u00dfen Menge m\u00f6glicher Szabados-Kompositionen gew\u00e4hlt? \u00bbUnsere Haupt\u00fcberlegung bei der Auswahl war\u00ab, so Istv\u00e1n Grencs\u00f3, \u00bbdass wir solche St\u00fccke spielen, die wir ohne Verst\u00fcmmelung erklingen lassen k\u00f6nnen. Es ist klar, dass wir ein Werk f\u00fcr Gro\u00dforchester nicht zu viert, zu f\u00fcnft, auch nicht mal zu sechst spielen k\u00f6nnen. Ein Gesichtspunkt war deshalb, solche Werke zu bearbeiten, die wir authentisch, den geschriebenen Teilen entsprechend, vortragen k\u00f6nnen.\u00ab Der andere Gesichtspunkt sei gewesen, St\u00fccke aus der relativ fr\u00fchen Anfangszeit, \u00fcberwiegend aus der Zeit der ersten drei LPs, zu interpretieren.<\/p>\n<p>So gelangten schlie\u00dflich Interpretationen der folgenden sechs St\u00fccke auf die Doppel-CD: \u00bbThe wedding\u00ab (Az esk\u00fcv\u0151) von der gleichnamigen LP (1974), \u00bbSupplication\u00ab (Foh\u00e1z) von der 2007er CD \u00bbBells \/ The land of Boldogasszony\u00ab, \u00bbAdyton\u00ab von der gleichnamigen LP aus dem Jahre 1983, \u00bbDedication to our women\u00ab (Aj\u00e1nl\u00e1s asszonyainknak) von der LP \u00bbSzabraxtondos\u00ab (1984), \u00bbDead-Turning\u00ab (Halott-t\u00e1ncoltat\u00e1s) ebenfalls von \u00bbSzabraxtondos\u00ab und \u00bbWinter Folk Ritual\u00ab (Reg\u00f6l\u00e9s) von der CD \u00bbBalt\u00e1s Zsolt\u00e1r\u00ab (2007) aus der sehr seltenen Gy\u0151rFREE Workshop-Reihe.<\/p>\n<p>Die Musik bietet einen ersten, sehr pr\u00e4genden Einstieg in die Vielfalt der Musik von Gy\u00f6rgy Szabados, der zumeist lediglich auf die Floskel \u00bbBart\u00f3k begegnet Freejazz\u00ab reduziert wird, sie macht beim H\u00f6ren sehr viel Spa\u00df \u2013 es erklingt ein Kosmos lebendiger, pulsierender, interessant strukturierter, \u00e4u\u00dferst klangfarbiger musikalischer Ideen, man erlebt \u00dcberraschungen (auch wenn man die St\u00fccke vielleicht von Fr\u00fcher her wenigstens vage noch in Erinnerung hat) und ist vom musikantischen Geschehen begeistert. Es ist das Ganze, was die Einzelheiten aufleuchten l\u00e4sst, und es sind die einzelnen \u00bbPerlen\u00ab, die dem Ganzen das Gepr\u00e4ge geben.<\/p>\n<p>Die Saxofon-Improvisationen des Altmeisters (Entschuldigung!) Grencs\u00f3 sind brillant, Drummer Szilveszter webt einen herausfordernden, jedoch stets differenzierten Puls-Teppich. M\u00e1t\u00e9 Pozs\u00e1r ist ein noch relativ junger Pianist mit einer brillanten Technik, einem Sinn f\u00fcr free play und melodische Skurrilit\u00e4t, gleicherma\u00dfen jedoch ausger\u00fcstet mit einem Gesp\u00fcr f\u00fcr straight-ahead-Spiel und Thelonius-Monk-Tradition. Er \u00fcbernimmt auf \u00bbDereng\u00e9s \/ Dawn\u00ab den Part von Szabados. Dass er kein \u00bbErsatz\u00ab ist, zeigt er an vielen Stellen \u2013 besonders ausdrucksstark empfinde ich die wuchtigen, signalartigen, glockigen Melodiefiguren am Beginn von \u00bbAz Esk\u00fcv\u0151\u00ab nach dem markanten Bass-Solo Benk\u0151s sowie das daran anschlie\u00dfende Solo bis zum Einm\u00fcnden in das Hauptthema. Auch Pozs\u00e1rs kristallin wirkenden Motiv-Splitter als Begleitung des wilden Bratschen-Solos Mezeis in \u00bbAz esk\u00fcv\u0151\u00ab begeistern \u2013 ebenso wie das Bratschen-Solo selbst, das, wie viele andere seiner Soli auch, Mezei als f\u00fchrenden europ\u00e4ischen Bratschen-Improvisator ausweist.<\/p>\n<p>Wenn der ber\u00fchmte Komponist Gy\u00f6rgy Ligeti einst \u00fcber die Musik von Gy\u00f6rgy Szabados bewundernd gesagt hat, dass er sie \u00bbals Free Jazz gleichwertig mit der von Ornette Coleman und Cecil Taylor\u00ab halte, und dass er \u00bbnoch nie so einen authentischen ungarischen Tonfall, durch Jazz vermittelt\u00ab, geh\u00f6rt habe, so ist das Doppelalbum \u00bbDereng\u00e9s \/ Dawn\u00ab daf\u00fcr eine beeindruckende Best\u00e4tigung. Musik, die nicht nur konserviert, sondern f\u00fcr das Heute vital und f\u00fcr die Zukunft offen gehalten wurde. \u2013 Wunderbar: Was alles von einem \u00bbHochzeits-Foto\u00ab angesto\u00dfen wurde &#8230;<\/p>\n<p><em>Mathias B\u00e4umel<\/em><\/p>\n<p>(Der Autor bedankt sich bei den Musikern, bei R\u00f3bert Hunka und bei Rudolf Kraus.)<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Grencs\u00f3 Open Collective: \u00bbDereng\u00e9s \/ Dawn\u00ab,<\/strong><br \/>\nHunnia Records HRCD 1508<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"border-radius: 2px; text-indent: 20px; width: auto; padding: 0px 4px 0px 0px; text-align: center; font: bold 11px\/20px 'Helvetica Neue',Helvetica,sans-serif; color: #ffffff; background: #bd081c no-repeat scroll 3px 50% \/ 14px 14px; position: absolute; opacity: 1; z-index: 8675309; display: none; cursor: pointer;\">Merken<\/span><\/p>\n<p><span style=\"border-radius: 2px; text-indent: 20px; width: auto; padding: 0px 4px 0px 0px; text-align: center; font: bold 11px\/20px 'Helvetica Neue',Helvetica,sans-serif; color: #ffffff; background: #bd081c  no-repeat scroll 3px 50% \/ 14px 14px; position: absolute; opacity: 1; z-index: 8675309; display: none; cursor: pointer;\">Merken<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Foto war unvergesslich. 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