{"id":14017,"date":"2017-10-28T14:36:14","date_gmt":"2017-10-28T12:36:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=14017"},"modified":"2017-10-28T20:35:17","modified_gmt":"2017-10-28T18:35:17","slug":"konzertierte-verantwortungslosigkeit-der-ndr-und-der-echo-jazz-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2017\/10\/konzertierte-verantwortungslosigkeit-der-ndr-und-der-echo-jazz-2017\/","title":{"rendered":"Konzertierte Verantwortungslosigkeit: Der NDR und der ECHO Jazz 2017"},"content":{"rendered":"<p>Die Kontroverse um die Titelauswahl f\u00fcr den Auftritt Anna-Lena Schnabels bei Echo Jazz 2017 nimmt immer mehr Z\u00fcge der Absurdit\u00e4t an. Dabei sind die Dinge, die man wei\u00df und die Dinge, die man nicht wei\u00df mehr oder weniger bekannt. Im Konflikt sind Aussagen von Anna-Lena Schnabel, dem NDR, dem Bundesverband Musikindustrie, dem Medienmagazin ZAPP des NDR, den Labelchefs von ENJA, der Produktionsfirma Kimmig und denen des ZEIT-Autoren Ulrich Stock. Und alles nur, weil Anna-Lena Schnabel bei der Preisverleihung zum ECHO Jazz 2017 kein eigenes St\u00fcck spielen sollte.<\/p>\n<p>Vor einer Woche k\u00fcndigte in bei Zeit-Online der Autor <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2017-10\/der-preis-der-anna-lena-schnabel-jan-baeumer-film\">Ulrich Stock einen Film von Jan B\u00e4umer \u00fcber Anna-Lena Schnabel und die Echo Jazz-Preisverleihung an<\/a>. Darin zitiert er aus dem Film, dass die Musikerin ungl\u00fccklich dar\u00fcber sei, kein eigenes St\u00fcck zu spielen, sondern eines von Horace Silver mit dem Titel \u201ePeace\u201c. Die Musikerin sprach w\u00f6rtlich von \u201eWirtschaftszensur\u201c.<\/p>\n<p>Der NDR wollte das nicht auf sich sitzen lassen und schrieb: \u201eImmerhin kam der Vorschlag f\u00fcr den in der Gala aufgef\u00fchrten Titel \u201aPeace\u2018 aus der pr\u00e4mierten Schnabel-CD von ihrer Seite; Frau Schnabel hat schriftlich ihr OK gegeben.\u201c [Quelle: <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/der_ndr\/presse\/Stellungnahme-des-NDR-zu-Echo-Jazz,echojaz100.html\">NDR<\/a>] Pr\u00e4ziser hei\u00dft es sp\u00e4ter, dass man (die NDR-Redaktion, aber welche?) mit ihrem ersten Vorschlag nicht gl\u00fccklich war. \u201eDer Vorschlag f\u00fcr diesen und <strong>zwei<\/strong> alternative Titel war vom Tour-Management von Frau Schnabel gekommen.\u201c [Quelle: <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/der_ndr\/presse\/Stellungnahme-des-NDR-zu-Echo-Jazz,echojaz100.html\">NDR<\/a>]<\/p>\n<p>Das Medienmagazin ZAPP (der NDR) hat zuf\u00e4lligerweise dann eigene Recherchen unternommen und beim NDR Unterhaltungschef Thomas Schreiber nachgefragt. Das Interviewvideo kann man dort nachh\u00f6ren. Dort allerdings stellt sich die Sache <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/zapp\/ECHO-Jazz-Hat-der-NDR-zensiert,echojazz296.html\">etwas anders dar:\u00a0<\/a>Thomas Schreiber sagt im Interview: \u201eAnna-Lena Schnabel hatte ein erstes St\u00fcck von ihrer CD, die pr\u00e4miert wurde, vorgestellt oder vorgeschlagen. Das St\u00fcck hei\u00dft \u201aPlop\u2018. Das hat die Redaktion geh\u00f6rt und daraufhin die Frage gestellt: \u201aGibt es vielleicht Alternativen\u2018? Daraufhin wurde <strong>drei<\/strong> weitere Vorschl\u00e4ge gemacht und die Redaktion hat sich, nach Absprache mit dem Bundesverband Musikindustrie, der den Preis veranstaltet, und der Produktionsfirma Kimmich, die das umsetzen sollte, f\u00fcr ein St\u00fcck entschieden. Und Frau Schnabel hat sich bedankt, dass sie auftreten kann und hat gesagt: \u201aDas machen wir gerne, wir freuen uns, dass wir beim ECHO Jazz spielen d\u00fcrfen.\u2018\u201c [Quelle: <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/zapp\/ECHO-Jazz-Hat-der-NDR-zensiert,echojazz296.html\">Video-Interview<\/a>]<\/p>\n<h2>Peace f\u00fcr Plop<\/h2>\n<p>In der NDR-Aussage oben kommen wir auf drei Vorschl\u00e4ge, hier sind es vier, die Anna-Lena-Schnabel gemacht haben so. Und entschieden haben das jetzt BVMI, NDR und Kimmich zusammen. Wie man sich das vorstellen soll? Telefonkonferenz, gemeinsames Abh\u00f6ren vor den Boxen oder per Mailvoting? F\u00fcr den einen ist die Differenz zwischen drei oder vier vorgeschlagenen St\u00fccken marginal, vielleicht Erbsenz\u00e4hlerei. Mag sein. Aber es zeigt an, dass auch im NDR die Sache offenbar l\u00e4ngst nicht so eindeutig und klar ist wie man sie jetzt nach au\u00dfen tr\u00e4gt. Auch das geh\u00f6rt zur Transparenz?<\/p>\n<p>Schaut man sich mal die St\u00fccke genauer an, kann einen der Verdacht beschleichen, dass \u00fcberhaupt niemand irgendetwas wirklich geh\u00f6rt hat: Au\u00dfer zu Beginn einmal \u201ePlop\u201c. \u201ePlop\u201c ist auf der CD sogar eher rockig-groovy. Trotzdem kann man es nicht m\u00f6gen wollen. Aber \u201ePeace\u201c von Horace Silver in der Version von Anna-Lena Schnabel und ihren Mitstreitern ist nur wirklich eher eine abt\u00f6rnende Nummer: eine Klangstudie, in der die T\u00f6ne modelliert und durchgeknetet werden. Nicht so das \u201eOriginal\u201c oder die \u201eOriginale\u201c von alten Silver-Aufnahmen. Ich f\u00fcrchte aber, die k\u00f6nnten die Beteiligten im Ohr gehabt haben. Beweisen kann man es nicht. Jedenfalls ist \u201ePeace\u201c von Anna-Lena Schnabel mit ihrem Quartett gespielt alles andere als brav, einschaltquotensteigernd.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/user\/huflaikhan\/playlist\/25I0D7c9Izo5Pua8y2LMoB\" width=\"300\" height=\"380\" frameborder=\"0\" allowtransparency=\"true\"><\/iframe><\/p>\n<p>Warum dann aber die Aufregung. Thomas Schreiber sagt, Schnabel h\u00e4tte w\u00e4hrend der Probe doch noch umdisponieren k\u00f6nnen, das w\u00e4re vollkommen normal. Das machen alles so. Tats\u00e4chlich?\u00a0 Sagt es der alte Fuchs, der Fernsehen seit einigen Jahren macht? Ob das tats\u00e4chlich gegangen w\u00e4re, das behauptet wieder der NDR f\u00fcr sich. H\u00e4tten dann nicht wieder BVMI und Produktionsfirma mitreden m\u00fcssen. H\u00e4tte man also jeden eigenen Ton zugelassen? Das zumindest suggeriert der BVMI in seiner Stellungnahme vom 23.10.2017 <em>nicht<\/em> &#8211; es geht ja um den richtigen Mix!<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn der Regel gibt es im <em>Vorfeld<\/em> Vorschl\u00e4ge von verschiedenen Seiten, aus denen ausgew\u00e4hlt wird, auch von Seiten der Labels, Managements und K\u00fcnstler\/innen. Hier den richtigen Mix zusammen zu stellen, ist immer eine besondere Herausforderung; es gilt, die verschiedenen Tempi und Stimmungen der jeweiligen Live-St\u00fccke zusammenzubringen, die K\u00fcnstler\/innen vorzustellen und dem Zuschauer das Genre Jazz nahezubringen. Die K\u00fcnstler sind in diesen Vorgang jedoch stets einbezogen.\u201c [Quelle: <a href=\"http:\/\/www.musikindustrie.de\/news-detail\/controller\/News\/action\/detail\/news\/stellungnahme-des-bvmi-zur-3sat-dokumentation\/\">BVMI<\/a>]<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch das kann man kommentieren. Denn so eindeutig ist die Aussage gar nicht wie sie scheint. \u201eIn der Regel\u201c hei\u00dft l\u00e4ngst nicht &#8222;immer&#8220;. \u201eIn der Regel\u201c hei\u00dft auch: &#8222;Im konkreten Fall wissen wir es leider nichts Genaues, sonst h\u00e4tten wir es gesagt.&#8220;<\/p>\n<h2>Verantwortungspflicht der NDR<\/h2>\n<p>W\u00e4re es nicht vielmehr Aufgabe des NDR und der anderen Beteiligten gewesen, sich auch ein bisschen um die K\u00fcnstlerin zu k\u00fcmmern, sie zu betreuen? Als Rundfunkregisseur jedenfalls habe ich das immer gemacht. Man hat zusammen mit den K\u00fcnstlern gearbeitet, Kommunikation betrieben. Man will ja das beste und sch\u00f6nste Ergebnis. Das ist Arbeit, das erledigt sich nicht von selbst.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt auch in die Betrachtung miteinzubeziehen, dass zum Beispiel mit dem Spielen eines eigenen St\u00fccks weitere finanzielle Folgen verbunden sind. GEMA-Abgaben zum Beispiel, die entweder den Erben von Horace Silver zuflie\u00dfen oder Anna-Lena Schnabel. Schon aus diesem Grund h\u00e4tte vieles f\u00fcr den Einsatz eines St\u00fcckes von ihr sprechen k\u00f6nnen. <em>Nutzungsrechte<\/em> gehen \u00fcber den NDR, <em>Gagen<\/em> \u00fcber den BVMI (Phono-Akademie), <em>Dramaturgie<\/em> \u00fcber ein Konglomerat von NDR, Produktionsfirma, BVMI (Phono-Akademie), <em>Hotel- und Reisekosten<\/em> \u00fcber das Label, <em>Eintrittskarten<\/em> \u00fcber BVMI (Phono-Akademie).<\/p>\n<h2>Schwarzer Peter wird weitergereicht<\/h2>\n<p>Ansonsten schiebt er die Vorw\u00fcrfe gerne an den BVMI weiter. Die seien f\u00fcr Gagen zust\u00e4ndig \u2026 Mal entscheidet der eine, mal der andere, mal beide, dann wieder mal die K\u00fcnstler. Schwierig die Sache. Auch wie man dann Winkelmann und Aldinger als Labelchefs von enja aufeinander losgehen l\u00e4sst, nur um sich selbst im besten Licht stehen zu lassen \u2013 Verantwortung zu zeigen, das w\u00e4re es mal gewesen. Der eine bei enja wei\u00df, was der andere nicht wahrhaben m\u00f6chte. Der aber ist sogar in der Jury des ECHO Jazz, genauso wie ein Rundfunkredakteur des NDR, der aber hier wieder gar nicht zu Wort kommt. Ein Geflecht aus Unsicherheiten, Blindheiten, Taubheiten, wo dann alles und gar nichts zusammenzuh\u00e4ngen scheint. Ein wirklich trauriges Bild und ZAPP gibt eins drauf mit dem Zwischentitel \u201eK\u00fcnstlerin geht auf Tauchstation\u201c. Prima. Dann hat sie bestimmt was zu verbergen, oder? Der schwarze Peter wird herumgereicht auch wenn man keine Information hat. Und \u00fcbrigens: Niemand hat die Pflicht, ZAPP zur Verf\u00fcgung zu stehen. Es gibt gen\u00fcgend Gr\u00fcnde, dies nicht zu tun.<\/p>\n<p>Oder die NDR-Aussage: \u201eDass man &#8211; auch als Preistr\u00e4gerin &#8211; lediglich eine Begleitkarte bekommt, ist <em>nicht un\u00fcblich<\/em>.\u201c \u201eNicht un\u00fcblich\u201c hei\u00dft aber nicht \u201eist \u00fcblich\u201c \u2013 wo bleibt da jenseits formaler \u201enicht un\u00fcblicher\u201c Regelungen ein bisschen ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die Sache selbst. Auch wenn dies der NDR nicht zu entscheiden hatte, h\u00e4tte man sich dazu verhalten k\u00f6nnen \u2013 und sei es h\u00f6chstpers\u00f6nlich. Keine Gage, kein eigenes St\u00fcck \u2013 auch das ist eben \u201enicht un\u00fcblich\u201c, oder? Nein, das ist tieftraurig, zumal wenn ein \u00f6ffentlich-rechtlicher Rundfunk mit von der Partie ist! Fehlt nur die Aussage, man mache das alles gar nicht freiwillig, sondern nur aus Mitleid mit dem ECHO Jazz.<\/p>\n<h2>Der \u201egute\u201c NDR!<\/h2>\n<p>Nein, der NDR macht keine gute Figur beim Entwertungsversuch der gegen ihn erhobenen Vorw\u00fcrfe. Er zerbricht noch mehr Porzellan als n\u00f6tig. Darin hat man ja auch Erfahrung. Vor \u00fcber zehn Jahren beim Umgang mit Kritik gegen die Entwertung des Musikprogramms oder 2009, als die <em>Programmleiterin von <\/em>NDR<em>\u00a0<\/em><em>Kultur,<\/em> <a href=\"https:\/\/www.nmz.de\/artikel\/zum-kennenlernen-eingeladen\">Barbara Mirow, meckerte<\/a>, \u201eNDR Kultur vergibt keine Praktika\u201c. Das hatte ich ja auch gar nicht gesagt, nur, dass dort Praktikanten eingesetzt werden. Unvorstellbar, <a href=\"http:\/\/www.ndr.de\/der_ndr\/karriere\/praktikum\/Studentisches-Praktikum-Praxissemester-in-der-Produktion-Technik,praktikum113.html\">dass der NDR keine Praktika vergibt<\/a>. Da k\u00f6nnte ZAPP auch mal nachforschen. Die gro\u00dfen Aufkl\u00e4rer!<\/p>\n<h2>Opfer NDR?<\/h2>\n<p>Statt in die Sache zu gehen, stellt man die Vorw\u00fcrfe von Stock in eine Reihe mit gerade massiven Angriffen bestimmter Zeitungsverleger auf den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk. Nein wirklich? Kritik darf nur noch ZAPP machen? Jetzt ist der NDR auch total Opfer. Hat mit gar nichts was zu tun. Nein, er bei\u00dft sich nur selbst in die Waden. Beispiel: 2004 sagte der H\u00f6rfunkdirektor des NDR, Gernot Romann: \u201eUnd wenn Herr Clostermann [der Initiator der Initiative \u201eDas GANZE Werk\u201c] drei Millionen Unterschriften sammelt, werden wir auf unsere Programmautonomie nicht verzichten.\u201c Und im gleichen Zuge vor der Enquete-Kommission \u201eKultur in Deutschland\u201c: \u201ebei uns werden die Entscheidungen, welche Musik wo l\u00e4uft, nicht vom Musikchef, nicht vom Redakteur, nicht einmal vom Intendanten getroffen, sondern wir orientieren uns an den H\u00f6rern.\u201c [Quelle: <a href=\"http:\/\/www.dasganzewerk.de\/presse\/20041213-kritische-masse.shtml\">Das GANZE Werk<\/a>] Es wird argumentiert, so wie es einem gerade zu passen scheint. Come on!<\/p>\n<p>NDR! Gebt eurem Herzen einen Sto\u00df. Zeigt wahre Gr\u00f6\u00dfe, nutzt Eure Machtgr\u00f6\u00dfe nicht aus gegen\u00fcber einer im Vergleich zu Euch vollkommen unterlegenen K\u00fcnstlerin. Au\u00dferdem wissen wird nicht alles und alles, was wir wissen, macht die Causa nicht einmal \u00fcbersichtlicher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kontroverse um die Titelauswahl f\u00fcr den Auftritt Anna-Lena Schnabels bei Echo Jazz 2017 nimmt immer mehr Z\u00fcge der Absurdit\u00e4t an. Dabei sind die Dinge, die man wei\u00df und die Dinge, die man nicht wei\u00df mehr oder weniger bekannt. Im Konflikt sind Aussagen von Anna-Lena Schnabel, dem NDR, dem Bundesverband Musikindustrie, dem Medienmagazin ZAPP des NDR, den Labelchefs von ENJA, der Produktionsfirma Kimmig und denen des ZEIT-Autoren Ulrich Stock. Und alles nur, weil Anna-Lena Schnabel bei der Preisverleihung zum ECHO Jazz 2017 kein eigenes St\u00fcck spielen sollte. Vor einer Woche k\u00fcndigte in bei Zeit-Online der Autor Ulrich Stock einen Film von Jan B\u00e4umer \u00fcber Anna-Lena Schnabel und die Echo Jazz-Preisverleihung an. 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