{"id":13908,"date":"2017-10-21T00:00:24","date_gmt":"2017-10-20T22:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=13908"},"modified":"2017-10-17T15:16:33","modified_gmt":"2017-10-17T13:16:33","slug":"dizzy-lives-zum-100-geburtstag-von-dizzy-gillespie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2017\/10\/dizzy-lives-zum-100-geburtstag-von-dizzy-gillespie\/","title":{"rendered":"Dizzy lives! Zum 100. Geburtstag von Dizzy Gillespie"},"content":{"rendered":"<p>Endlich konnte ich Dizzy sehen. Er trat auf die B\u00fchne und sagte: \u201eIch m\u00f6chte die Musiker vorstellen\u201c. Danach stellte er scheinbar ernsthaft, doch aus Lust am Ulk die Musiker einander auf der B\u00fchne vor. Schallendes Gel\u00e4chter des Publikums, das Eis war gebrochen und das Konzert konnte losgehen. Sich an Dizzy Gillespie erinnern, hei\u00dft auch, sich seine unbez\u00e4hmbare, mit Experimentierlust verbundene Spielfreude ins Ged\u00e4chtnis zu rufen, nochmals \u00fcber die Clownerien eines begnadet ironischen Spa\u00dfmachers zu schmunzeln. Bei allem Wissen um den tiefen k\u00fcnstlerischen Ernst, mit dem der geniale Innovator seine Tonsprache und damit einen Grundbaustein des modernen Jazz \u00fcberhaupt formte, ist es seine ansteckende, auf die H\u00f6rer \u00fcberspringende Lebensfreude, die unser Bild von ihm pr\u00e4gt. Einmal \u201eOol-ya-koo\u201c oder \u201eManteca\u201c h\u00f6ren und Kummer wird buchst\u00e4blich weggeblasen von den atemberaubenden, akrobatischen H\u00f6henfl\u00fcgen seiner strahlenden Trompete.<!--more--><\/p>\n<p>Wie absto\u00dfend diese Musik gewirkt hat als sie und Dizzy noch jung waren! Die T\u00e4nzer gaben bei den schwindelerregenden Tempi auf, Kritiker vergossen viel Tinte \u00fcber den Tod des Jazz. Doch Dizzy Gillespie gelang die scheinbar unm\u00f6gliche Quadratur des Kreises: als Mitbegr\u00fcnder einer komplexen, zun\u00e4chst unbeliebten Musikform ohne Verlust der k\u00fcnstlerischen Integrit\u00e4t eine sehr beliebte Gestalt zu werden. Selbst Dizzys Outfit war in den sp\u00e4ten 40ern so volkst\u00fcmlich, dass bald Sonnenbrille, Baskenm\u00fctze und Unterlippenb\u00e4rtchen zu den unentbehrlichen Requisiten jedes Boppers geh\u00f6rten (aber auch von Leuten, die eine \u201eflatted fifth\u201c f\u00fcr ein geheimes Codewort oder einen gehaltvollen Cocktail hielten). War Dizzy versehentlich auf einem Foto mit einem offenen Hosenschlitz abgebildet, so fand sogar dies verwirrte Nachahmer. Dizzys angeborener Sinn f\u00fcr Entertainment lieferte den Bopppern gute Publicity und machte ihn zu einem der wenigen Musiker des modernen Jazz, die fast die Popularit\u00e4t eines Satchmo oder Fats Waller erreichten.<\/p>\n<h3 class=\"news-titel\">Bop-V\u00e4ter<\/h3>\n<p>John Birks Gillespie, 21. Oktober 1917 in Cheraw, South Carolina geboren, war abgesehen von Kenny Clarke der \u00e4lteste der \u201eBop-V\u00e4ter\u201c und hatte bei der Geburt dieser Musik schon eine ansehnliche Karriere vorzuweisen. Als Sohn eines Amateurbandleaders schlich er sich als Kind immer in die Nachbarwohnung. \u201eDer Junge nebenan hatte eine Trompete, und ich h\u00f6rte diesen Sound!\u201c Seine Musiklehrerin, die ausschlie\u00dflich die Tonart B-Dur beherrschte, nahm ihn als Kornettisten in die Schulband und schon 1935 machte er erste Schritte als Profimusiker. \u201eAls ich anfing, wollte ich nur Swing spielen. Eldridge war mein Mann\u2009\u2026 Ich habe immer nur versucht, genauso wie er zu spielen, aber ich habe es nie ganz geschafft, und das hat mich dann jedes Mal scheu\u00dflich irritiert. Also versuchte ich es mal mit etwas anderem. Daraus hat sich dann das entwickelt, was als Bop bekannt geworden ist.\u201c Im Orchester von Frankie Fairfax erhielt er vom Trompeter Fats Palmer den Spitznamen \u201eDizzy\u201c. Tats\u00e4chlich hielten ihn auch Kollegen in den Orchestern von Teddy Hill, Lucky Millinder, Charlie Barnet, Fletcher Henderson und Cab Calloway f\u00fcr \u201edizzy\u201c, leicht verr\u00fcckt, nicht nur weil er z.B. schlafenden Musikern Zigaretten in den Mund steckte bis sie zu husten anfingen, sondern auch, weil er schon fr\u00fchzeitig mit neuartigen Harmonien und Rhythmen experimentierte. Als Dizzy wieder einmal bei Calloway das Arrangement umgemodelt hatte, schimpfte der \u201eHi-De-Ho-Mann\u201c: \u201eIch will nicht, dass du in meiner Band diese Chinesenmusik spielst.\u201c Als Calloway von Jonah Jones mit Papierkugeln beworfen wurde, hielt er Dizzy f\u00fcr den b\u00f6sen Buben und feuerte ihn.<\/p>\n<p>Dizzy war an vordester Front dabei, als Gr\u00f6\u00dfen wie Kenny Clarke, Thelonious Monk, Charlie \u201eBird\u201c Parker den Bebop aus der Taufe hoben: \u201eEin paar von uns fingen zu Beginn der 40er-Jahre an, in Minton\u2018s Playhouse in Harlem zu jammen. Doch immer wieder kreuzten irgendwelche Typen auf, die \u00fcberhaupt nichts konnten, aber f\u00fcnf oder sechs Chorusse mitspielten, um zu beweisen, dass sie doch was konnten. So fingen Thelonious Monk und ich am Nachmittag vor einer Session an, uns schwierige und komplizierte Ausweich-Harmonien und lauter so Sachen auszudenken, und die benutzten wir dann am Abend, um die talentlosen Knaben zu verjagen. Nach einiger Zeit interessierte uns die Sache mehr und mehr als Musik, und als wir in die Tiefe drangen und weiterforschten, entwickelte sich unsere Musik und machte Fortschritte.\u201c Dizzy lieferte mit dem 1941 komponierten, doch erst 1944 auf Platte gebannten \u201eA Night in Tunesia\u201c, dem 1942 entstandenen, aber von ihm erst 1945 mit Don Byas aufgenommenen \u201eSalt Peanuts\u201c und dem von ihm 1944 als Sideman von Coleman Hawkins eingespielten \u201eWoody\u2018n You\u201c erste Bebop-Kompositionen, die aber vergleichsweise sp\u00e4t \u00f6ffentlich bekannt wurden. Sp\u00e4tere, zu Beginn der eigentlichen Bebop-\u00c4ra bekannt gewordene St\u00fccke aus Gillespies Feder, setzten sich gleich und entstanden zum Teil, wie die meisten St\u00fccke Charlie \u201eBird\u201c Parkers auf den Harmonieger\u00fcsten altehrw\u00fcrdiger Standards, etwa das 1945 mit Dexter Gordon (eingespielte \u201eGroovin\u2019 High\u201c auf der Basis von \u201eWhispering\u201c.<\/p>\n<h3 class=\"news-titel\">Unterwegs mit Bird<\/h3>\n<p>Mit \u201eBird\u201c, der eher intuitiv neue Wege beschritt, verband Dizzy, der analytische Modernist, eine der bedeutsamsten Partnerschaften der Musikgeschichte. Ihre ersten gemeinsamen Aufnahmen von 1945 (darunter \u201eDizzy Atmosphere\u201c und \u201eShaw Nuff\u201c) wirkten wie eine schockierende Revolution. Da 1942\/43 wegen eines Aufnahmestreiks nur vereinzelt Jazzplatten entstanden, konnten nur Insider, die z.B. das Earl Hines Orchester mit Dizzy und Bird aufmerksam geh\u00f6rt hatten, die organische Entwicklung des Bebop aus dem Swing nachvollziehen.<\/p>\n<p>Nach seiner Zeit im Orchester von Billy Eckstine, leitete Dizzy Gillespie von 1946 bis 1949, also mitten in der Zeit des Big Band-Sterbens, ein eigenes Orchester. Es besa\u00df zwar nicht viele Solisten von Rang (darunter immerhin Milt Jackson und John Lewis vom sp\u00e4teren Modern Jazz Quartet), musizierte aber mit ekstatischer Besessenheit und lieferte mit packenden Titeln wie \u201eThings To Come\u201c (1946) die bislang modernste Orchestermusik des Jazz. Allein Gillespies Beitrag zur Entstehung des Bebop und des orchestralen Bop sowie seine Genialit\u00e4t als Komponist und hochvirtuoser Solist h\u00e4tten f\u00fcr Dizzys Unsterblichkeit gen\u00fcgt. Seine musikalische Offenheit trieb ihn aber weiter. Er besch\u00e4ftigte sich intensiv mit lateinamerikanischen Rhythmen und lieferte schon 1947 \u00fcberzeugende Verbindungen von Jazz und kubanischer Musik (z.B. \u201eManteca\u201c mit dem legend\u00e4rem Conga-Spieler Chano Pozo). Bald \u00fcberst\u00fcrzten sich die anderen Bandleader, lateinamerikanische Elemente in ihre Musik aufzunehmen (so Stan Kenton, der einmal betrunken Dizzy ank\u00fcndigte: \u201eIch werde deine Musik bald besser spielen als du selbst.\u201c) Mit dem sogenannten \u201eCubop\u201c wurde Dizzy zum Urahn des Salsa; ein Jahrzehnt sp\u00e4ter sollte er auch noch vor Stan Getz den brasilianischen Bossa Nova f\u00fcr den Jazz entdecken, was aber zu sp\u00e4t in die \u00d6ffentlichkeit drang.<\/p>\n<figure id=\"attachment_13913\" aria-describedby=\"caption-attachment-13913\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Dizzygillespie88.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"13913\" data-permalink=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2017\/10\/dizzy-lives-zum-100-geburtstag-von-dizzy-gillespie\/dizzygillespie88\/\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Dizzygillespie88.jpg?fit=600%2C600&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"600,600\" data-comments-opened=\"1\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Dizzy Gillespie in a concert in 1988\" data-image-description=\"&lt;p&gt;Dizzy Gillespie in a concert in 1988&lt;\/p&gt;\n\" data-image-caption=\"&lt;p&gt;Dizzy Gillespie in a concert in 1988&lt;\/p&gt;\n\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Dizzygillespie88.jpg?fit=600%2C600&amp;ssl=1\" class=\"size-medium wp-image-13913\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Dizzygillespie88.jpg?resize=300%2C300&#038;ssl=1\" alt=\"Dizzy Gillespie in a concert in 1988\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Dizzygillespie88.jpg?resize=300%2C300&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Dizzygillespie88.jpg?resize=150%2C150&amp;ssl=1 150w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Dizzygillespie88.jpg?w=600&amp;ssl=1 600w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Dizzygillespie88.jpg?resize=32%2C32&amp;ssl=1 32w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Dizzygillespie88.jpg?resize=50%2C50&amp;ssl=1 50w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Dizzygillespie88.jpg?resize=64%2C64&amp;ssl=1 64w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Dizzygillespie88.jpg?resize=96%2C96&amp;ssl=1 96w, https:\/\/i0.wp.com\/www.jazzzeitung.de\/cms\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Dizzygillespie88.jpg?resize=128%2C128&amp;ssl=1 128w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-13913\" class=\"wp-caption-text\">Dizzy Gillespie in a concert in 1988<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dizzy Gillespie war auch einer der ersten Jazzmusiker, der eine eigene Plattenfirma (\u201eD.G. Records\u201c) leitete, um sich nicht von den Vorgaben der Industrie bevormunden zu lassen. Doch gerade diese Aufnahmen der Jahre 1951 bis 1953 zeigen, dass er musikalische Kompromisse eingehen musste, um mit seinen Produktionen ein breiteres Publikum zu erreichen, das damals auf R &amp; B flog. \u201eIch habe nun vorerst genug davon Jazzgeschichte zu machen, ich will mir jeden Tag ein warmes Mittagessen leisten.\u201c<\/p>\n<p>Doch er sollte auch in den 50er-Jahren Geschichte machen: als anatomisches Wunder, als \u201eInstrumentenerfinder\u201c und als Kulturbotschafter. Im Laufe der Jahre nahmen seine Backen, die er beim Spielen wie ein Frosch aufbl\u00e4hte, wahrhaft gigantische Ausma\u00dfe an. Meines Wissens wurde nie recht gekl\u00e4rt, wie dies m\u00f6glich ist, noch dazu ohne Schmerz. Sein zweites Wahrzeichen, die nach oben gebogene Trompete, entstand als bei Komiker bei einer Party sein Instrument unabsichtlich besch\u00e4digte. Erstaunlicherweise sagte ihm der Klang der Trompete mit der geknickten St\u00fcrze nun so zu, dass er sich seine \u201eErfindung\u201c patentieren lassen wollte; doch da war ihm schon jemand im 19. Jahrhundert zuvorgekommen. Als er wieder eine eigene Big Band leitete, lie\u00df er den ganzen Trompetensatz mit solchen Trompeten spielen und bis in unsere Tage verwenden Trompeter wie zum Beispiel der 2006 verstorbene Bumi Fian dieses Modell.<\/p>\n<p>Gillespie war sein Leben lang auf Reisen. 1956 schickte das State Departement Dizzys neue Big Band als Kulturbotschafter durch Asien, Afrika und Osteuropa. Diese Tournee, die den Jazz in L\u00e4nder brachte, die kaum je zuvor n\u00e4here Bekanntschaft mit Jazz, geschweige denn mit Bop gemachte hatten, wurde ein so gro\u00dfer Erfolg, dass bald darauf Kollegen wie Brubeck, Ellington, Rich, Armstrong und Goodman mit \u00e4hnlichen Aufgaben betreut wurden. Da Dizzys gro\u00dfe Popularit\u00e4t ohnehin schon vom Staat politisch eingesetzt worden war, bewarb er sich 1964 um die Pr\u00e4sidentschaft der Vereinigten Staaten. Als Au\u00dfenminister hatte er Duke Ellington vorgesehen; weitere Posten sollten unter anderem Max Roach (Verteidigung), Louis Armstrong (Landwirtschaft), Peggy Lee (Arbeit), Mary Lou Williams (Botschafterin im Vatikan) erhalten. Teils kandidierte Dizzy im Scherz, teils um auf die Diskriminierung der schwarzen Bev\u00f6lkerung aufmerksam zu machen. Trotz seines Slogans \u201eIch kandidiere als Pr\u00e4sident, weil wir einen brauchen\u201c, wurde er nicht gew\u00e4hlt.<\/p>\n<h3 class=\"news-titel\">Neue Religion<\/h3>\n<p>Schon in den 40er-Jahren waren viele Bopper zum Islam \u00fcbergetreten, der als eine Religion ohne Rassismus erschien. Aus \u00e4hnlichen Erw\u00e4gungen wandte sich Dizzy Gillespie 1968 der Bah\u00e1\u2019\u00ed &#8211; Religion zu. Dieser Glaube, so Dizzy in seiner 1979 erschienen Autobiographie \u201eTo Be Or Not To Bop\u201c, besagt, \u201edass eine organische Ver\u00e4nderung der Gesellschaftsstruktur kommen muss &#8230; Alle Arten von Vorurteilen, rassische und politische, werden automatisch verschwinden.\u201c Der Saxophonist und Fl\u00f6tist James Moody, sein langj\u00e4hriger Weggef\u00e4hrte, wandte sich auch dieser Religion zu. Auch andere Jazzer, darunter z B,. die S\u00e4ngerinnen Flora Purim und Tierney Sutton, haben sich diesen Glauben zugewandt.<\/p>\n<p>Seit den 70er Jahren h\u00e4uften sich Dizzys Ehrungen: Medaillen, Ehrendoktorh\u00fcte, Auftritte im wei\u00dfen Haus, wo er etwa Jimmy Carter sinnigerweise sein \u201eSalt Peanuts\u201c vorsang. Zur Ruhe gesetzt hat sich Dizzy trotz entsprechender Ank\u00fcndigungen nie. Die letzten Jahre sahen ihn unter anderem mit seinem United Nations Orchestra; da war er weise genug, um J\u00fcngere wie Arturo Sandoval oder Claudio Roditi zu featuren, ohne Neid, nicht mehr genauso so treffsicher rasante L\u00e4ufe in h\u00f6chsten Lagen hinlegen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eDer Erfinder der Trompete wusste, dass es Dinge gibt, die man auf diesem Instrument nicht realisieren konnte. Aber er verga\u00df, Dizzy dar\u00fcber zu informieren. Dieser legte einfach los und machte sie.\u201c Das sagte Benny Carter, der, vergessen wir dies nicht, nebenbei ein sehr guter Trompeter war. Als Virtuose war Gillespie bis etwa 1953 unerreicht. Es sind die Jahre, in denen er den von ihm miterschaffenen neuen Dialekt in der Sprache des Jazz, Bebop, so musterg\u00fcltig und gestochen scharf formulierte, dass jeder Trompeter, der diese Sprache lernt, erst einmal hier ansetzt. Und nicht nur Trompeter. Das von ihm so stark gepr\u00e4gte Idiom ist ja die Grammatikgrundlage des modernen Jazz. Als Dizzy alterte, dr\u00fcckten sich viele seiner musikalischen Kinder und Kindeskinder in dieser Sprache inzwischen klarer und deutlicher aus als der Meister pers\u00f6nlich. Das hat nur zum Teil etwas mit dem in den 80er-Jahren tr\u00fcber und schw\u00e4cher gewordenen Sound zu tun, bei der sich vielleicht die Art des Blasens mit voll aufgebl\u00e4hten Backen r\u00e4chte, bei der rein theoretisch ohnehin kein anderer einen Sound herausbekommen d\u00fcrfte. Dizzys Sp\u00e4twerk besitzt trotzdem einen eigent\u00fcmlichen Reiz, selbst dort wo wir auf die alten Nummern mit den zu Klischees gewordenen Standardphrasen treffen. Nicht, wie bei Armstrong das routinierte, brillante Herausstellen der einmal gefundenen Licks. Nicht, wie bei Miles Davis, das \u2013 bei aller Neuerung \u2013 Sichverlassenk\u00f6nnen auf die altbekannte Trademark seines einsamen Sounds. Der alternde Dizzy klang wie ein Experimentator, der mit seinen fr\u00fcheren Errungenschaften spielerisch umging. So manche typische Dizzyphrase klang nun seltsam verzerrt und verschoben. Er gab dem H\u00f6rer, was dieser erwartete und wiederum nicht. Manches klang so, als h\u00e4tte er in den gewohnten Bebops\u00e4tzen die Reihenfolge der W\u00f6rter vertauscht, dies und jenes nuschelnd aussprechend, Aussagen in Fragen verwandelnd. Und daher blieb Gillespie bis zuletzt noch auf eine unspektakul\u00e4re Art spannend. Da fand er im Blues (und nicht nur dort) zu blue notes, die blauer waren als das Meer, schr\u00e4ger als der Turm von Pisa. Im Alter mischte sich in seine meist sein sonniges Gem\u00fct widerspiegelnde Musik auch zunehmend ein schwerm\u00fctiger Unterton. Aber es war nicht die coole Melancholie, die Miles Davis und Chet Baker im Jazz popularisierten \u2013 Trompeter, die ebenso auf Dizzys Errungenschaften aufbauten wie seine Sch\u00fcler Fats Navarro und Clifford Brown. Diese hatten in den 40er- und fr\u00fchen 50er-Jahren die lyrischen M\u00f6glichkeiten des Bop akzentuiert, den Dizzy Gillespie, der Mitsch\u00f6pfer dieses Stils, zun\u00e4chst als \u00fcberwiegend vital, hitzig, dramatisch konzipiert hatte. Dizzy Gillespie hat all diese genialen Nachfolger und Weiterentwickler seiner Kunst \u00fcberlebt, auch Lee Morgan, der als 18-j\u00e4hriger in seiner Big Band gespielt hatte. Im Gegensatz zu so vielen Giganten der Jazztrompete schien er auch unsterblich.<\/p>\n<p>Zahlreiche Gl\u00fcckw\u00fcnsche zu seinem 75. Geburtstag im Oktober in Form von Artikeln, Sendungen, Tribute-Konzerte und Widmungs-CDs wandelten sich am 6. Januar 2003 unversehens zu Nachrufen. Als Bird starb, prangte an vielen Mauern die Losung \u201eBird Lives!\u201c H\u00f6ren wir heutige Trompeter, k\u00f6nnen wir immer noch feststellen, wie lebendig Gillespies Einfluss, ob es den Trompetern nun bewusst ist oder nicht, geblieben ist. Dizzy lives!<\/p>\n<ul>\n<li class=\"autor-neu\"><em>Marcus A. Woelfle [aus der JazzZeitung 2012\/05]<\/em><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich konnte ich Dizzy sehen. Er trat auf die B\u00fchne und sagte: \u201eIch m\u00f6chte die Musiker vorstellen\u201c. Danach stellte er scheinbar ernsthaft, doch aus Lust am Ulk die Musiker einander auf der B\u00fchne vor. Schallendes Gel\u00e4chter des Publikums, das Eis war gebrochen und das Konzert konnte losgehen. Sich an Dizzy Gillespie erinnern, hei\u00dft auch, sich seine unbez\u00e4hmbare, mit Experimentierlust verbundene Spielfreude ins Ged\u00e4chtnis zu rufen, nochmals \u00fcber die Clownerien eines begnadet ironischen Spa\u00dfmachers zu schmunzeln. Bei allem Wissen um den tiefen k\u00fcnstlerischen Ernst, mit dem der geniale Innovator seine Tonsprache und damit einen Grundbaustein des modernen Jazz \u00fcberhaupt formte, ist es seine ansteckende, auf die H\u00f6rer \u00fcberspringende Lebensfreude, die unser Bild von ihm pr\u00e4gt. Einmal \u201eOol-ya-koo\u201c oder \u201eManteca\u201c h\u00f6ren und Kummer wird buchst\u00e4blich weggeblasen von den atemberaubenden, akrobatischen H\u00f6henfl\u00fcgen seiner strahlenden Trompete.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":13913,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2}},"categories":[1063],"tags":[953,1554,790,198,218,1058,281,951,390,1491,518,535,542],"coauthors":[1019],"class_list":["post-13908","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-portrait","tag-chet-baker","tag-dizzy-gillespie","tag-geburtstag","tag-geschichte","tag-harlem","tag-jazzgeschichte","tag-jazzmusiker","tag-marcus-a-woelfle","tag-miles-davis","tag-musikgeschichte","tag-stan-getz","tag-swing","tag-thelonious-monk"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.6 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Dizzy lives! Zum 100. Geburtstag von Dizzy Gillespie - JazzZeitung<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2017\/10\/dizzy-lives-zum-100-geburtstag-von-dizzy-gillespie\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Dizzy lives! Zum 100. Geburtstag von Dizzy Gillespie - JazzZeitung\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Endlich konnte ich Dizzy sehen. Er trat auf die B\u00fchne und sagte: \u201eIch m\u00f6chte die Musiker vorstellen\u201c. Danach stellte er scheinbar ernsthaft, doch aus Lust am Ulk die Musiker einander auf der B\u00fchne vor. Schallendes Gel\u00e4chter des Publikums, das Eis war gebrochen und das Konzert konnte losgehen. 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Sich an Dizzy Gillespie erinnern, hei\u00dft auch, sich seine unbez\u00e4hmbare, mit Experimentierlust verbundene Spielfreude ins Ged\u00e4chtnis zu rufen, nochmals \u00fcber die Clownerien eines begnadet ironischen Spa\u00dfmachers zu schmunzeln. Bei allem Wissen um den tiefen k\u00fcnstlerischen Ernst, mit dem der geniale Innovator seine Tonsprache und damit einen Grundbaustein des modernen Jazz \u00fcberhaupt formte, ist es seine ansteckende, auf die H\u00f6rer \u00fcberspringende Lebensfreude, die unser Bild von ihm pr\u00e4gt. 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