{"id":11169,"date":"2016-11-23T08:08:26","date_gmt":"2016-11-23T07:08:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/?p=11169"},"modified":"2016-11-23T08:27:05","modified_gmt":"2016-11-23T07:27:05","slug":"vermutungen-ueber-musikkritik-qualitaet-quote-und-die-psychologie-des-musiklebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2016\/11\/vermutungen-ueber-musikkritik-qualitaet-quote-und-die-psychologie-des-musiklebens\/","title":{"rendered":"Vermutungen \u00fcber Musikkritik, Qualit\u00e4t, Quote und die Psychologie des Musiklebens"},"content":{"rendered":"<p>Nicht nur in der <a href=\"https:\/\/www.nmz.de\">nmz<\/a> gab es vor kurzem ein interessantes <a href=\"https:\/\/www.nmz.de\/dossiers\/frauenquote-im-musikleben\">Dossier zum Thema Frauenquote<\/a>, auch beim Jazzfest Berlin ging es um Gleichbehandlung von Menschen \u2013 als Menschen. Angeblich gut die H\u00e4lfte der in Berlin vertretenen Gruppen standen unter weiblicher Leitung. Ich habe es nicht nachgez\u00e4hlt, aber an <a href=\"http:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2016\/11\/jazzfest-berlin-2016-2-freejazzfloehe-verzweiflung-und-struktursumpf\/\">Tag 2<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.jazzzeitung.de\/cms\/2016\/11\/jazzfest-berlin-2016-3-unter-groovekillern-spielen-und-kaputtspielen\/\">3<\/a> war die Verteilung bei der Hauptveranstaltung unmissverst\u00e4ndlich und dominant m\u00e4nnlich. Dar\u00fcber soll jetzt gar nichts gesagt werden. Es ist nur ein Anlass \u00fcber den seltsamen Zusammenhang von Quote, Qualit\u00e4t und damit Kriterien der Musikkritik im Allgemeinen nachzudenken. Und zwar nicht als &#8222;Kritik&#8220; der Kritik \u2013 es ist in diesem Zusammenhang schon so viele publiziert worden, ganze Tagungsb\u00e4nde \u2013 sondern, um den ganz normalen Zuh\u00f6rern, die immer auch Kritiker sind, darzulegen, welche Funktion Kritik \u00fcberhaupt haben kann und warum Kritiker auch nur Menschen sind.<\/p>\n<h2>Quote .\/. Qualit\u00e4t<\/h2>\n<p>Aufschlussreich war eher die eigentlich gutgemeinte Idee, man stelle Frauen jetzt nicht besonders in den Vordergrund, der Quote wegen, sondern weil es um die Qualit\u00e4t gehe. Und da seien Frauen und M\u00e4nner nicht zu differenzieren, sondern selbstverst\u00e4ndlich gleich \u201egut\u201c. Man nehme nur das wahr, was z\u00e4hle, die Qualit\u00e4t der Musikerinnen n\u00e4mlich.<\/p>\n<p>An dieser Stelle stellten sich sofort zwei Fragen: Warum waren dann auf der Hauptb\u00fchne in der Tat so wenig Frauen zu vernehmen? Wenn es eine Frage der Qualit\u00e4t gewesen w\u00e4re, m\u00fcsste man im gleichen Atemzug sich eingestehen, dass es dann damit wohl nicht so weit her ist. Kann das wahr sein? Ich hoffe nicht!<\/p>\n<h2>Qualit\u00e4tsmessungen<\/h2>\n<p>Daher ist die zweite Frage ist genauso interessant: Wie misst man denn Qualit\u00e4t im Bereich improvisierter Musik? Liegt dem die Anzahl verkaufter Tontr\u00e4gern, Einladungen zu anderen Veranstaltungen, Airplays, Kritiken und\/oder renommierter Labels oder Honorarh\u00f6hen zugrunde. Manchmal hat es den Anschein, sowohl als auch. Das und das alles zusammen. Ein gro\u00dfer Name als Qualit\u00e4tskriterium nicht zu vergessen und Aussehen, Wohnort, Ausbildung. Alles objektive Kriterien (abgesehen vom Aussehen). Aber sind sie verwertbar als Qualit\u00e4tskriterium? Ich w\u00fcrde sagen: Nein.<\/p>\n<h2>Hindernisse f\u00fcr \u201eOffenohrigkeit\u201c \u2013 musikalische \u201eFehler\u201c<\/h2>\n<p>Aus der psychologischen Forschung wei\u00df man aber, dass all diese Elemente tats\u00e4chlich wirksam sind. Und aus der pers\u00f6nlichen Erfahrung ebenso. Der Chefredakteur der Jazzzeitung, Andreas Kolb, steckte mir einmal, dass sich am Kiosk diejenigen Ausgaben der Jazzzeitung besser verkauften, auf denen ein Mann im Titelfoto abgebildet war als diejenigen mit dem Konterfei einer Frau. Auch das kann kein Zufall sein und sagt so manches \u00fcber manches aus. Die Schriftsteller und Essayist Dieter K\u00fchn hat das mal in seinem Text \u00fcber den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Antonei_Sergejvitch_Tartarov\">Pianisten Tartarov<\/a> dargestellt.<\/p>\n<p>Gewiss, es g\u00e4be auch einfachere handwerkliche Kriterien, die man ziemlich objektiv darstellen kann. So nach Tonsatz und Co. Auch kann man \u201efalsche\u201c T\u00f6ne finden oder wenn jemand sein Instrument nicht beherrscht und besser spielen m\u00f6chte als sie kann. Nur: Ab einer bestimmten Fertigkeit d\u00fcrften die Niveauunterschiede von Musikerinnen im Jazz unbedeutend sein. Insbesondere wenn man den Faktor des musikalischen Risikos in Anschlag bringt. Also die Tatsache, dass man auch mal einen schlechten Tag haben kann, dass die Mischung mit den Mitmusikern \u00e4sthetisch nicht stimmt, \u00dcberm\u00fcdung etc.<\/p>\n<p>Wo ist also die Qualit\u00e4t, die m\u00e4nnliche Musikerinnen gegen\u00fcber weiblichen Musikerinnen bevorteilt? Eigentlich kann es doch dann h\u00f6chstens die Menge sein. Es gibt demnach mehr m\u00e4nnliche Musikerinnen als weibliche. Also ist die Auswahl auch entsprechend verteilt. Damit w\u00e4re alles also wie es ist und wird daher auch so bleiben wie es ist.<\/p>\n<h2>Kritisch-reflektierte Naivit\u00e4t<\/h2>\n<p>Mir geht es bei diesen kleinen Hinweisen nicht darum, der M\u00f6glichkeit von Kritik ihre Grenzen zuzuweisen, sondern vielmehr darum, zu zeigen, wie beschr\u00e4nkt sie beinahe grunds\u00e4tzlich sein muss. Und zu zeigen, dass sie eben auch nicht als Wissenschaft selbst auftreten kann. Musik in Realzeit wahrzunehmen, geht anders und ist nicht durch Datenerhebungen zu verifizieren. Daf\u00fcr sind schon allein die M\u00f6glichkeiten der ad-hoc-Wahrnehmung zu klein. Da geht vieles eben auch \u00fcber die \u201eStimmung\u201c im Raum, \u00fcber feinste Nerven, die man sp\u00fcren, die man aber nicht \u201efestmachen\u201c kann \u2013 der Raum, die Reaktion des Publikums, die Reaktionen unter den Musikerinnen selbst etc. Diese sind in dem Moment da, sie sind m\u00f6glicherweise verzerrt und von Position zu Position (im Raum) auch verschieden. Das bekannte Gef\u00fchl, dass man den Eindruck habe bekommen, der Kritikerin sei in einem anderen Konzert gewesen, ist nicht einfach abzutun, sondern ist eine Realit\u00e4t.<\/p>\n<h2>Messfehlersuche<\/h2>\n<p>Und man darf nat\u00fcrlich nicht vergessen, dass das Wahrnehmungsfeld der Kritik selbst ein Gewordenes ist, wo Vorlieben sich ausbilden, wo Erfahrungen mit Musik sich je individuell angesammelt haben. Dies m\u00fcssen die Kritiker nat\u00fcrlich mitreflektieren, sonst droht \u00e4sthetischer Dogmatismus \u2013 also wieder Wahrnehmungsverzerrungen, die au\u00dferhalb der Musik selbst liegen. Kritisch-reflektierte Naivit\u00e4t w\u00e4re vielleicht die angemessene H\u00f6rhaltung f\u00fcr Kritiker. Andere nennen das auch \u201eOffenohrigkeit\u201c.<\/p>\n<p>Erhellendes dazu hat auch k\u00fcrzlich der Philosoph Harry Lehmann in seiner \u201eGehalts\u00e4sthetik \u2013 Eine Kunstphilosophie\u201c dargestellt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWer \u00e4sthetisch erfahren ist, wei\u00df, auf welche Details zu achten ist und in welchen Konstellationen diese in Erscheinung treten k\u00f6nnen. Man kennt die kanonischen Vorbilder und sieht die Unzul\u00e4nglichkeiten im Detail. Diese Disposition f\u00fchrt geradewegs zur notorisch n\u00f6rgelnden Einstellung des Kritikers, der fast immer entt\u00e4uscht ist, h\u00f6chstens eine annehmbare Theaterauff\u00fchrung im Jahr sieht und vielleicht zwei Konzerte in der letzten Saison gelten l\u00e4sst. Man k\u00f6nnte meinen, dass nur Misanthropen Kritiker werden, aber ihre N\u00f6rgelei ist eine Berufskrankheit, mit der sie sich infizieren, sobald sie in ihrem \u00e4sthetischen Feld erfahren geworden sind.\u201c Harry Lehmann, Gehalts\u00e4sthetik \u2013 eine Kunstphilosophie, Paderborn 2016, S. 32.<\/p><\/blockquote>\n<p>Haben Sie also auch mal Mitleid mit den Kritikern und spendieren Sie ihnen einfach mal einen Keks.<\/p>\n<p>PS: Nur ein Beispiel f\u00fcr das Problem genannt. Beim H\u00f6ren einer CD-Aufnahme von Musik geschieht es mir regelm\u00e4\u00dfig, dass sich beim ersten H\u00f6ren eine gewisse Unzufriedenheit einstellt und man geneigt ist, so ein Produkt ungn\u00e4dig zu betrachten. Eine Erfahrung, die sich nach mehrfachem H\u00f6ren dann m\u00f6glicherweise relativiert oder gar umkehrt (und umgekehrt geht es auch, d\u00fcrfte aber seltener vorkommen).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur in der nmz gab es vor kurzem ein interessantes Dossier zum Thema Frauenquote, auch beim Jazzfest Berlin ging es um Gleichbehandlung von Menschen \u2013 als Menschen. Angeblich gut die H\u00e4lfte der in Berlin vertretenen Gruppen standen unter weiblicher Leitung. Ich habe es nicht nachgez\u00e4hlt, aber an Tag 2 und 3 war die Verteilung bei der Hauptveranstaltung unmissverst\u00e4ndlich und dominant m\u00e4nnlich. Dar\u00fcber soll jetzt gar nichts gesagt werden. Es ist nur ein Anlass \u00fcber den seltsamen Zusammenhang von Quote, Qualit\u00e4t und damit Kriterien der Musikkritik im Allgemeinen nachzudenken. 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