Tyshawn Sorey mit Ensemble. Foto: Petra Basche

Musikalische Hermeneutik, praktisch – Jazzfest Berlin 2017 (Sonntag)

Wenn dem aktuellen Jazzfest Berlin eines zu eigen war, dann: Kontraste, Dimensionen, Vielfalt – alles allerdings keine normativen Begriffe; sie garantieren von sich aus nämlich gar nichts. Daher ist auch dieser Abend mit allem Wohl und Wehe zu betrachten.


Tyshawn Sorey – Instant Composition

Er hat uns einiges zugemutet, der Tyshawn Sorey. Im Guten wie im Schlechten. Eher aber im Guten – gesehen über das gesamte Festival. Als Artist in Residence wurde geführt, eine Novität beim Jazzfest Berlin. Man könnte auch sagen, als Artist for rent. Wobei sich das insbesondere außerhalb seiner eigenen Formation tatsächlich rentiert hat.

So auch an diesem Abend. Was da passiert ist, ist ebenso schwierig wie einfach zu beschreiben. Man nennt das wohl Instant-Composition. Was passiert da? Ein Ensembleleiter („Conductor“), eben Tyshawn Sorey, ordnet mit mehr oder minder vorgestalteten kleinen Aktionsvorgaben eine neue Komposition in Echtzeit. Das wird über Handzeichen und Zettel mit Spielanweisungen zwischen Conductor und Musikerinnen kommuniziert. Material für den Conductor sind also musikalische Ideen (1) und die Musikerinnen (hier sind es 20! – siehe Liste unten). (2) mit ihren Instrumenten (3), ihre Reaktionen auch untereinander (4) und der „Spirit“ des Conductors selbst (5).

Eine kompositorische Gleichung mit mindestens fünf sowohl Bekannten und eben aber auch fünf Unbekannten. Die Anweisungen des Conductors sind dabei relativ grob und abstrakt (wie „fast“ – also „schnell“ – siehe auch die Bildergalerie hierzu). Das erinnert an Gesetze, die schließlich auch der Auslegung bedürfen: So wird Komposition zur praktische Hermeneutik mit Interaktion. Die einzelnen Spielmodule der Musikerinnen gehen dann bestenfalls prima zusammen. Es hängt an den Musikerinnen und ihren Spielkulturen. Die sind hier vielfältig, denn die Musikerinnen kommen aus verschiedenen Kulturen und auch Spielkulturen. Ein andauerndes Feedback ist also auch vom Conductor gefordert, der reagiert und neu sortiert, zusammenstellt, naja, eben: komponiert.

(Alle Fotos von © Petra Basche / HuPe-kollektiv)

Das ist Tyshawn Sorey unglaublich gut gelungen. Da hat man Geräuschfelder, die in Punktfelder umgeschlagen werden. Da hat man Musikerinnengruppen, die neben- und ineinanderwirken. Die Einwirkungsmöglichkeiten des Conductors sind dabei einerseits teilweise massiv und grob, andererseits an die Fähigkeiten der Musikerinnen gebunden. Die muss er erahnen, vielleicht voraussehen etc. pp.

Das hat aber alles wunderbar geklappt. Eine einstündige Kollektivkomposition wurde erzeugt. Alle waren wach, alle durften sich (an)treiben lassen.

Ein bisschen schließt sich damit der Kreis der Programmierung des Jazzfests durch Richard Williams: 2015 eröffnete er mit einem ähnlichen Projekt (mit George Lewis als Conductor und dem Spitterorchester) das Berliner Jazzfest. Das war damals mutig und funktionierte als Duftmarke, heute ist es schon fast normal. (Letztes Jahr dann übrigens ganz anders Globe Unity aber dem Gedanken der Spontankomposition auf andere Art folgend.)

Ingrid & Christine Jensen with Ben Monder: Infinitude – Solide

Musikalische Hermeneutik anderer Art. Musik in der Art, wie „man“ sich Jazz vorstellt. Solistinnen mit Rhythmusgruppe auf einzelne komponierte Stücke. So „Modern Jazz“ eben. Gut gemacht, nicht weltbewegend. Dazu ein bisschen an Effektgeräten den Klang der Solotrompete geändert. Ein etwas unterforderter Gitarrist (Ben Monder). Eingeübt, einstudiert, virtuos. Traditionell und bequem – Jazz, nach Art von Billy-Regalen eines schwedischen Selbstbaumöbelhauses. Funktionell, passt, stört nicht, erfüllt seinen Zweck. Punkt!

Ingrid & Christine Jensen with Ben Monder: Infinitude - Foto: Hufner
Ingrid & Christine Jensen with Ben Monder: Infinitude – Foto: Hufner

John Beasley’s MONK’estra – Brizzelnd

Schließlich eine Monk-Hermeneutik. John Beasley’s MONK’estra wartet auf in Bigband-Besetzung und interpretiert Monk-Stücke. Heutig! Welch ein Unterschied zur NDR-Bigband. Die Musiker (!), zusammengestellt aus dem Original-MONK’estra und Musikern aus der Berliner Jazzszene hatten knifflige Arrangements zu interpretieren.

Ein früher Höhepunkt war dabei ein Tripelsolo von zwei Posaunisten und einem Saxophonisten (alle drei aus Berlin – Sören Fischer, Johannes Lauer und Florian Leuschner): Mutig und gewinnend. Oder später im Stück „Evidence“ Till Brönner mit einem Solo an seiner Trompete auf einem elastischen Puls (wunderbar: Ben Shepherd (b) und Terreon Gully (dm)).

John Beasley’s MONK’estra. Foto: Hufner
John Beasley’s MONK’estra. Foto: Hufner

Ein Monksches Liebeslied vom Bandleader und Pianisten John Beasley an der Melodica, ungewöhnlich. Das ganze Set habe ich leider nicht bis zum Schluss hören können. Aber es soll noch richtig „gekocht“ haben.

Conclusio

Die Gestaltung eines Festivals ist immer nicht ganz einfach. Die Zusammenstellung und die Funktionsfähigkeit der diversen Gruppen ist von zu vielen Unwägbarkeiten abhängig. Auch „Stars“ garantieren keine musikalischen Sternstunden. Die Tagesform ist auch bei Profis nie gesichert. Dieses Jahr hat Williams nicht auf „aktuelle“ Moden (Mette Henriette, Redman/Mehldau …) gesetzt. Von den Altstars aus den späten 60ern und frühen 70ern sowie den 90ern waren keine Zugpferde angereist wie die Scofields, Moholos, Loyds oder DeJohnettes der letzten zwei Jahre. Der Fokus von Williams war schon eher empirelastig – was aber natürlich zu seiner Jazzwelt logischerweise passt. Das ist auch okay. Der Blick nach Osten war demgegenüber deutlich schwächer ausgeprägt. Aber wo fehlte mal nicht etwas. Es ist natürlich unvermeidlich. Ansonsten müsste man ins virtuelle Telefonbuch des Jazz schauen und ein Meinungsforschungsinstitut mit der Programmierung beauftragen.

Nachdem im letzten Jahr mindestens pro forma etwas mehr Musik von Frauen zu hören war, sind sie in diesem Jahr doch arg wenig vertreten gewesen. Das ist schade, dürfte sich aber ab dem nächsten Jahr, wenn Nadin Deventer die künstlerische Leitung für drei Jahre übernimmt, aller Wahrscheinlichkeit deutlich ändern. Wir wünschen ihr dazu ein glückliches Händchen.

Tyshawn Sorey – Instant Composition. Foto: Hufner
Tyshawn Sorey – Instant Composition. Foto: Hufner

Jetzt danke ich Richard Williams für diese drei Programme von 2015 bis 2017. Er hat eine neue Farbe, deutlich vom eigenen Geschmack geprägt, nach Berlin gebracht. Wenn man bedenkt, wie sehr doch anfangs die Berliner Presse-Öffentlichkeit „kühl-distanziert“ war gegenüber dem auch als Sportreporter aktiven Festivalleiter, so hat sich dies doch deutlich geändert. Danken muss man aber vor allem den Musikerinnen, die schließlich die wirklichen musikalische Durchformer sind.

Links und Dank

Unsere Berichterstattung bezieht sich aus verschiedenen Gründen allein auf die Veranstaltungen auf der Festspielhausbühne. Auf besondere Ereignisse weisen Kolleginnen hin.

Dank gilt ganz besonders der fotografischen Begleiterin Petra Basche für ihre eigene – immer auf die erklingende Musik rücksichtnehmend und praktisch wie faktisch – lautlose Sicht auf die Musik(erinnen). Man darf ja nie vergessen, dass auch im Bereich der Jazzfotografie alles von dem eigensinnigen Blick abhängt. Petra Basche und ich sehen das als gegenseitig belebendes Zusammenspiel. Und da sie die beiden letzten Sets des heutigen Abends nicht mitnehmen konnte, fehlt mir und dem Text wirklich etwas Unersetzbares!

Persönlich habe ich mich gefreut, endlich mit Martin Laurentius vom Jazzthing ein Bierchen getrunken zu haben (welches er mir spendierte) und erstmals persönlich den Kontakt aufgenommen zu haben. Ermutigt zur Berichterstattung haben mich Reaktionen von Benjamin Schaefer und Gerwin Eisenhauer sowie aus der Redaktion der JazzZeitung und der nmz. Danke auch für die kontroverse Diskussion mit Marc Doffey zum ersten Auftritt von Tyshawn Sorey mit seinem Trio.

Die Musikerinnen und Sets

Tyshawn Sorey

  • Tyshawn Sorey conductor
  • Uli Kempendorff saxophone, clarinet
  • Nikolaus Neuser trumpet
  • Anke Lucks trombone
  • Orlando de Boeykens tuba
  • Julia Reidy guitars
  • Anaïs Tuerlinckx piano
  • Kathrin Pechlof harp
  • Hannes Lingens accordion
  • Colin Hacklander drums, percussion
  • Els Vandeweyer vibraphone, percussion
  • Ravi Srinivasan tabla, ghatam, percussion
  • Biliana Voutchkova violin
  • Grégoire Simon viola
  • Ulrike Brand cello
  • Adam Pultz Melbye double bass
  • Korhan Erel electronics
  • Farahnaz Hatam electronics
  • Alex Nowitz voice
  • Alireza Mehdizadeh kamancheh
  • Niko Meinhold guzheng

Ingrid & Christine Jensen with Ben Monder: Infinitude

  • Ingrid Jensen trumpet
  • Christine Jensen saxophones
  • Ben Monder guitar
  • Fraser Hollins double bass
  • Jon Wikan drums

John Beasley’s MONK’estra

  • John Beasley conductor, arranger, piano
  • Rashawn Ross trumpet
  • Till Brönner trumpet
  • Lars Lindgren trumpet
  • Christian Grabandt trumpet
  • Francisco Torres trombone
  • Sören Fischer trombone
  • Johannes Lauer trombone
  • Bob Sheppard saxophone
  • Greg Tardy saxophone
  • Joris Roelofs saxophone
  • Magnus Lindgren saxophone
  • Florian Leuschner saxophone
  • Ben Shepherd double bass
  • Terreon Gully drums

Advertisements

Was dazu sagen