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Jazzzeitung

2007/04 ::: seite 3

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Inhalt 2007/04

Inhaltsverzeichnis

STANDARDS

Editorial / break / Nachrichten aus der Jazzszene / kurz, aber wichtig
jazzle gmacht: Entjazzt
no chaser: Ohrenfaulheit
jazzfrauen-abc: Anny Xhofleer


TITEL - Vom Verlassen des Wohnzimmers
Jazzfestivals und Tourismus


DOSSIER - Club Connection & Stargastspiele

Der Jazzclub Regensburg feiert sein 20. Jubiläum mit Festival

… und mehr im Inhaltsverzeichnis

Fire Music

Archie Shepp, Mama Rose und die Revolution

Eine Vorlesung in afroamerikanischer Poesie. Archie Shepp tritt ans Rednerpult: er skandiert, wiederholt, buchstabiert, permutiert „Mama Rose“. Ein Gedicht, das zu seiner individuellen Mythologie gehört. Eine Hommage an die Großmutter, die ihm den Musik-unterricht ermöglichte, die ihn jeden Sonntag mitnahm, wenn sie den Gottesdienst in der Piney Baptist Church in Philadelphia besuchte, und die ihm sein erstes Saxophon kaufte. Das Instrument kostete fünfhundert Dollar, ein Ratenkauf. Shepps Vortrag verknüpft das Leitmotiv „Mama Rose“ mit „Malcolm, Malcolm – Semper Malcolm“, ein Mantra, eine Beschwörungsformel, eine Art Glaubensbekenntnis. Es geht nicht nur um eine Hymne auf den ermordeten Bürgerrechtler, sondern um „Malcolm Forever“, ein schwarzamerikanisches Prinzip Hoffnung. Mama Rose und die Revolution. Archie Shepps Stimme schwingt mit den Vokalen, stößt die Explosivlaute als spitze Schreie aus, zerlegt die Worte, definiert eine neue, seine eigene Grammatik. Der da bekennt „I’m an original thinker“, lässt sich in keinen Kanon zwängen, bleibt widerspenstig, auch als Inhaber eines Lehrstuhls.

Archie Shepp. Ein Essay zum siebzigsten Geburtstag. Foto: Archiv

Bild vergrößernArchie Shepp. Ein Essay zum siebzigsten Geburtstag. Foto: Archiv

Mit der Hoffnung auf Arbeit als Theaterautor und Schauspieler war er Anfang der 60er-Jahre nach New York gekommen. Als Mitglied der Gruppe von Cecil Taylor lernte er, dass die Tradition der Erneuerung bedarf, wenn sie lebendig bleiben will. Der Vorauseilende muss wissen, wo er herkommt, sonst wird sein Rennen ziellos, und es droht ihm Gefahr, sich im Kreis zu verlaufen. Das war das Wichtigste, was Shepp damals begriffen hat. Und er spielte mit John Coltrane, war Teil dieses kollektiven musikalischen Himmelfahrtskommandos, das unter dem Titel „Ascension“ in die Annalen der Jazzgeschichte eingegangen ist. Es wurde berichtet, dass diejenigen, die hinter der Kontrollscheibe im Studio saßen, schreien mussten, um ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Coltrane setzte sich für den jüngeren Saxophonisten ein, empfahl ihn Bob Thiele, den Boss des Labels „Impulse!“. Mit eigenen Gruppen nahm Shepp Alben wie „Four For Trane“ und „Fire Music“ auf. Es war die Zeit, in der James Baldwin „Hundert Jahre Freiheit ohne Gleichberechtigung“ schrieb. Der Originaltitel lautet: „The Fire Next Time“. Klänge als brennende Leitlinien. Musik als Flächenbrand und als magisches Ritual. Sie waren die zornigen jungen Männer, Archie Shepp, Bill Dixon, John Tchicai, Roswell Rudd, Don Cherry, Sunny Murray… Und die neue Tonsprache hatten sie nicht an einer Akademie für Klangkunst gelernt, sondern aus ihrer Erfahrungswelt entwickelt. Plattentitel wie „The Cry Of My People“ oder „Attica Blues“, Bezug nehmend auf die Revolte im New Yorker Attica-Gefängnis, sprechen Bände. Abstrakter Expressionismus und Agitprop gingen eine surrealistische Ehe ein.

1969 trat Archie Shepp beim Panafrikanischen Festival in Algier auf. Von Marokko kommend, spielte er in Paris in einem noch immer heißen Sommer nach dem Pariser Mai von 1968. In wilden Ses sions mit den gleichfalls vorübergehend in der Seine-Metropole gestrandeten Mitgliedern des Art Ensemble of Chicago entstand die Platte „Blasé“. Zwei unbekannte Bluesharp-Spieler mischen sich, verstimmt, in das Geschehen ein, und Jeanne Lee singt mit einer Mischung aus Leidenschaft, Anklage, Wut und Verzweiflung, die an Billie Holiday erinnert. Musik als Anithese zum Status quo.

Shepp ging durch das Fegefeuer des Free Jazz. Als das ihm Wertvollste, hat er den Blues gerettet. Blues, Gospels, Spiritu-als, Work Songs. Black Music. Was soll einer sagen, der „Fire Music“ gespielt hat und im Fahrstuhl „Smooth Jazz“ hört. Das Wort Jazz ist für ihn zur Leerformel geworden. Ist seine Sehnsucht nach
den afroamerikanischen Gemeinschaften, nach den Führerpersönlichkeiten, nach den klar definierbaren Losungen so etwas wie Art Nostalgie eines Altvaters der Avantgarde? Heute koste ein Saxophon das Zehnfache, beklagt Shepp. Fünftausend Dollar. Das könnten sich die Jungs in den schwarzen Ghettos nicht mehr leisten. Er hegt Sympathien für die Rapper, die – ohne je etwas über Metren und Versmaße gelernt zu haben – die Kreativität der Strasse vitalisieren. Black Music als orale Tradition. Für Shepp waren Dichtung und Jazz immer enge Verwandte. Seine „spoken poetry“ begreift er als Fortsetzung der Musik mit anderen Mitteln und vice versa – Konzerte mit Shepp sind Klang-Ton-Gedichte. In die Jahre gekommen, begann er, mehr und mehr zu singen. Schwarze Musik als Kontinuum. Archie Shepp bekennt sich zum Blues als Matrix und Metapher.

Neun Monate vor dem Tod von Mal Waldron, im Januar 2002, trafen sich Shepp und Waldron, einst der letzte Klavierbegleiter von Billie Holiday, in einem Pariser Studio, um gemeinsam Songs aus dem Repertoire der unvergleichlichen Lady Day zu spielen. „Left Alone Revisited“. Das Album mutet an wie das Tondokument zweier Veteranen, die noch einmal Zeugnis ablegen wollen. Zum Schluss rezitiert Shepp „Left Alone“. Die letzten Indianer eines Stammes zelebrieren die Melancholie. Doch Shepp zieht weiter, spielt Balladenalben und eine Platte mit dem Titel „I Know About Life“ ein. Und er trifft sich mit den „Gnawas de Tanger“, den Seelenverwandten aus Marokko. Shepp, der intellektuelle Wortführer, der Straßenprediger, der Ritualmeister, spielt sich und nichts als sich selbst in unterschiedlichen Stücken, Masken und Verkleidungen.

Stellen wir uns vor: er entwickelt mit seinen Studenten ein Stegreifspiel. Shepp im Großraumwagen eines Zuges mit Geschäftsreisenden, die auf ihr Laptop fixiert sind und jungen Menschen mit weißen iPod-Stöpseln im Ohr. Die einen schreiben fast lautlos, die anderen hören laut, aber nach außen dringen nur stereotype Bassfiguren. Shepp, im abgewetzten Wintermantel, greift zum Tenorsaxophon, um sie aufzurütteln, und spielt schreiend eine bittersüße Ballade, „Georgia On My Mind“. Die meisten fühlen sich belästigt, einer ruft nach dem Zugbegleiter. Dieser mahnt den Mann mit dem metallenen Instrument zur Ordnung. Doch Shepp ist nicht mehr zu bremsen, probt den Aufstand im ICE. Wen kann er mit diesen Klängen noch für einen Umsturz (der Gewohnheiten) gewinnen? Wird die Szene zum Tribunal, der Alte am Ende in Handschellen gelegt und abgeführt? Oder beginnen die Insassen miteinander zu reden und worüber? Und überhaupt, wohin fährt der Zug…

Eine andere Szene, diesmal in einem Zug in Westafrika. Die Abteile sind überfüllt, Männer trinken, spielen Karten, Frauen singen in der Nacht. Shepp, im Maßanzug, mit Hut und Köfferchen, Fremder unter Wahlverwandten, wird verdächtigt, ein Agent oder ein Schwarzhändler zu sein. Er solle sich ausweisen, doch er hat keine Papiere bei sich. Panisch vor Angst versucht er, mit Worten um Vertrauen zu betteln. Als er das Tenor aus dem Kasten geholt hat, beginnt er ruhiger zu werden und den Anklagenden arglos in die Augen zu sehen. Er holt tief Luft, lässt seine Finger über die Klappen des Instrumentes gleiten und intoniert „Mama Rose“.

Bert Noglik

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