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Jazzzeitung
2006/09 ::: seite 16
jazz heute
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Der Nachname Wein ist mir Verpflichtung. In der Genießer-Zeitschrift
„Savoir Vivre“ las ich vor einiger Zeit: „Wein erzieht
zur Musik, Musik führt zum Wein.“ Da fühlte ich mich gleich
angesprochen. Doch nicht ich war gemeint, sondern mein flüssiger
Namensvetter. In Italien sollen sie jetzt schon die reifenden Traubenbeeren
mit Vivaldi beschallen, damit die sich an organisierten Lärm früh
gewöhnen und dann als gegorener Rebensaft besser mit der Musik harmonieren.
Außerdem soll Musik auch die Reifung des Rebstocks beschleunigen
und ihn gegen Krankheiten schützen – ganz wie beim Menschen.
Mir scheint nur, dass die Kombinationsgenießer von Wein und Musik
in beiden Sphären über einen gewissen kulinarischen Instinkt
nie recht hinausgekommen sind. Das Komplexeste, was der Autor in „Savoir
Vivre“ kennt, ist Gewürztraminer-Schostakowitsch und Sherry-Ravel.
„Zeitgenössische Neutöner“ sind für ihn dagegen
nur „Dampfhammer“-Komponisten und allenfalls mit einem schnöden
Schnaps auszuhalten. Da fragt sich dann doch, wovon der gute Mann weniger
versteht: von Wein oder von Musik. Immerhin hört er auch Jazz, aber
das ist für ihn bloß eine Art Champagner-Operette. Und was
über Fats Waller und Erroll Garner hinausgeht, kommt schon gar nicht
in seinen Weinkeller. Was sagt uns das? Ist die musikalische Entwicklung
der vinologischen Deutung um Jahrzehnte voraus? Oder ist das vermittelnde
Sensorium des Genießers einfach verstimmt? Brauchen wir eine kombinierte
musikalisch-gaumentechnische Vorschulerziehung? Ich denke mir: Vielleicht
fehlt nur den jungen Trauben der richtige Einstieg. Die sollten mal in
Italien bei der Rebstockbeschallung auf Scelsi und Nono, Trovesi und Rava
umsteigen. Damit der Wein frühzeitig moderne Qualitäten entwickelt.
Rainer Wein
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